Keine Erlösung, keine Erschöpfung

von Wolfgang Behrens

Berlin, 3. März 2017. Frank Castorf ist wohl wirklich das, was man eine coole Sau nennt. Als es bei den Bayreuther Festspielen vor vier Jahren galt, dem geballten Unmut des Publikums zu trotzen, verharrte er volle 10 Minuten im Buh-Orkan. Allein. Nun aber, da das Publikum ihn am Ende seiner letzten großen Inszenierung nach einem Vierteljahrhundert Intendanz an der Berliner Volksbühne feiern will, betritt er, weit nach Mitternacht, um 1:09 Uhr im Schutze seines Ausnahme-Ensembles die Bühne. Und um 1:10 Uhr verlässt er sie wieder – nach einigen linkischen Verbeugungen –, um nicht wiederzukommen. I am a poor lonesome cowboy ... Die freudig erschöpften Zuschauer*innen müssen sich so in ihrem Jubelbedürfnis an den Schauspieler*innen schadlos halten. Was sie ausgiebig tun. Denn immerhin liegen sieben Stunden Spieldauer hinter ihnen, und da ist der Schlussapplaus auch immer eine Erlösung.

Mit Algerien-Fähnchen dem Ende entgegen

Man hat den "Faust" gegeben, und auf der Bühne ist uns die große Erlösung gerade vorenthalten worden. Zwar hat Valery Tscheplanowa, die als "heilige Hure" Margarete an diesem Abend von bezwingender, ja, von leuchtender Klarheit ist, eben noch die berühmten Worte gesprochen: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Doch Faust fährt nur dümmlich auf einem Kinder-Dreirad im Kreis, um vom Kasperle-Mephisto Marc Hosemanns ab und an einen mit einem Algerien-Fähnchen übergebraten zu bekommen. Erlösung sieht gemeinhin anders aus.

Faust3 560 Thomas Aurin uMein schönes Fräulein, darf ich's wagen: Valery Tscheplanowa als Gretchen und Martin Wuttke als Lustgreis Faust in der Kolonial-Kneipe © Thomas Aurin

Aber für den Faust, wie Martin Wuttke ihn spielt, stimmt eben auch der bedingende Vorsatz nicht: "Wer immer strebend sich bemüht ..." Wuttkes Faust ist in Frank Castorfs Inszenierung vieles, jedoch bestimmt keiner, der strebsam einer großen Vision folgt. Mal ist er – mit hinreißender Gummiknautsch-Maske bewehrt – ein böser Lustgreis, der die Worte wie weiland Bernhard Minetti mümmelt, mal ist er ein latent mafiöser Checker-Typ, mal auch ein Intellektueller mit schneidend-herrischer Diktion. Mit diesem Faust geht es in keinen bildungsbürgerlichen Himmel, sondern schnurstracks ins Gruselkabinett der humanistischen Seele. Frantz Fanon, der in Castorfs Inszenierung ausgiebig zitiert wird, hat einmal gesagt: "Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt." Es ist der metzelnde, der koloniale europäische Mensch, den Castorf aus Goethes "Faust" hervorwachsen lässt.

Ein Faust-Fiebertraum

Aleksandar Denić hat für diesen Castorf'schen Abgesang wieder eine seiner tollen, architektonisch verschachtelten Drehbühnen gebaut. Zu Beginn zeigt die Vorderseite den Eingang zu einer Art Geisterbahn, die rote Lettern als "L'Enfer", die Hölle, ausweisen. Die Geisterbahn auf der Rückseite dieser Front ist dann ein Zitatenmosaik, das vor allem auf die Kolonialmacht Frankreich anspielt. Es gibt mit Horrorfilmplakaten aus den 1940er- und 1950er-Jahren gepflasterte Innenräume, die französische Militärstationen in Algerien vorstellen können oder Bordelle in Indochina. Und es gibt die Pariser Métro-Station namens Stalingrad.

Was sich in diesem Setting entspinnt, mutet wie ein psychedelischer "Faust"-Fiebertraum an. Die Castorf'schen Assoziationen wuchern wild, und oft scheint die Verknüpfung der Szenen – die meist in der mittlerweile vertrauten Live-Film-Manier auf ins Bühnenbild integrierten Videowänden zu sehen sind – nur lose. Castorf hat im "Faust" verschiedene Herrschaftsdiskurse entdeckt, die nun mit Fremdtexten beschossen werden. Das Motiv der Landnahme, von dem Faust sich im zweiten Teil der Tragödie berauschen lässt, spannt Castorf kurzerhand mit dem Imperialismus des 19. Jahrhunderts zusammen, konkret mit Frankreichs Algerien-Annexion und dem 100 Jahre später daraus resultierenden Algerien-Krieg (weswegen, wie erwähnt, Frantz Fanons "Aspekte der algerischen Revolution" von 1959 eine wichtige Rolle spielen). Und weil Fausts Beziehung zum Gretchen auch nicht gerade auf Gleichberechtigung fußt, zoomt Castorf gefühlt mehrere Stunden ins Prostituiertenmilieu aus Émile Zolas "Nana" (es sind dies die mühsamsten und kürzungsbereitesten Szenen des Abends).

Faust1 560 Thomas Aurin uIhr naht euch wieder, schwankende Gestalten: Marc Hosemann als Mephisto und Martin Wuttke als Faust am Höllentor © Thomas Aurin

So wenig das alles inhaltlich zwingend ist, so sehr tun dem "Faust" diese neuen Kontexte gut: Es findet hier ein regelrechter Exorzismus des deutschen Gelehrtendramas statt, anstelle dessen welthistorische Perspektiven treten. Der faustisch-europäische Tatmensch hat ausgedient, so sagen es Martin Wuttke und Castorf einmal mit Sartre: "Bisher waren wir die Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir ihre Objekte." Ein heute nur noch schwer von der Hand zu weisender Befund. Und auch das "Faust"-Drama selbst wird so gewissermaßen zum Objekt in einem noch größeren Spiel degradiert. Allerdings zu einem mitunter rasend komischen.

Glanzlichter noch und nöcher

Denn wenn Frankreich, Algerien und Zola mal in den Hintergrund rücken, dann wird Castorfs "Faust" zur tollen Komödie. Wie Lars Rudolph als irrer Wagner an seinem Homunculus forscht, wie Sophie Rois mit ironischer Grandezza die Hexe der Hexenküche gibt, wie sie danach mit heiserer Verve in die Rollen des Erdgeists und des Famulus schlüpft, wie Martin Wuttke als Folge des Hexenküchentranks nicht etwa Helenen in jedem Weibe sieht, sondern seinen Eingangsmonolog mit ständig wegbrechenden Beinen durchtaumelt (mehr Objekt als Subjekt) – das sind schauspielerische Glanzlichter, für die auch sieben Stunden nicht zu lang sind. Und da sind so tolle Spieler*innen wie Lilith Stangenberg, Thelma Buabeng, Alexander Scheer (der – warum auch immer – u.a. einen großartigen, an seinen "Großinquisitor"-Auftritt in den "Karamasows" anknüpfenden Monolog als Lord Byrons lebensmüder Manfred hinlegt), Abdoul Kader Traoré oder Daniel Zillmann noch gar nicht genannt.

Castorfs Theater erschöpft. Das ist altbekannt. Doch wie sich in der Erschöpfung neue Kräfte sammeln – ob bei den Darsteller*innen oder im Publikum –, das ist derzeit wohl nirgendwo so grandios zu erleben wie hier. Die in den letzten Jahren aus aktuellem Anlass häufiger gestellte Frage, ob sich Castorfs Theater selbst erschöpft hat, ist mit diesem "Faust" jedenfalls beantwortet: Auch in ihrem letzten Jahr strotzt die Castorf'sche Volksbühne nur so vor Energie.

 

Faust
nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga, Licht: Lothar Baumgarte, Kamera: Andreas Deinert, Mathias Klütz, Videoschnitt: Jens Crull, Maryvonne Riedelsheimer, Musik/Ton: Tobias Gringel, Christopher von Nathusius, Tonangel: Dario Brinkmann, Lorenz Fischer, William Minke, Cemile Sahin, Dramaturgie: Sebastian Kaiser.
Mit: Martin Wuttke, Marc Hosemann, Valery Tscheplanowa, Alexander Scheer, Sophie Rois, Lars Rudolph, Lilith Stangenberg, Hanna Hilsdorf, Daniel Zillmann, Thelma Buabeng, Frank Büttner, Angela Guerreiro, Abdoul Kader Traré, Sir Henry.
Dauer: 7 Stunden, eine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 

 An der Stuttgarter Staatsoper inszenierte Frank Castorf im Oktober 2016 bereits Charles Gounods Adaption des Faust-Stoffs mit diversen Motiven und Bühnenbild-Elementen, die im Berliner "Faust" aufgenommen werden.

 

Der letzte Song: Frank Castorf und sein Ensemble beim Schlussapplaus © sle

 

Vor der Premiere gab's einen guerillamäßig auftretenden Chor am Volksbühnen-Portal, der mit Goethe-Versen den Berliner Theaterstreit anvisierte. Chorleiter: der Schleef- und Schlingensief-Spieler Stefan Kolosko. © sle

 

Kritikenrundschau

Wie die Atmosphäre war bei dieser letzten großen Castorf-Premiere in der Volksbühne beschreibt Matthias Dell im Freitag (10.03.2017): "Das Premierenpublikum ist gewohnt unterglamourös. Zu den Verdiensten von Castorfs Volksbühne gehört, dass man hier ins Theater geht wie an den Tresen einer Stammkneipe. Beim superduper Faust-Projekt zur Expo 2000 von Peter Stein (er hatte den Längeren: 22 Stunden) war bestimmt mehr von dem Personal anwesend, das als, wie man in den 1950er Jahren noch gesagt hätte, bessere Gesellschaft gilt. Die Prominenz bleibt überschaubar: 1 Ex-Kulturstaatsministerin (Christina Weiss), 1 Ex-Kultursenator (Thomas Flierl), kein amtierender Kultursenator (Klaus Lederer), Tom Tykwer und Henry Hübchen, wobei Letzterer nicht zählt, weil für den der Volksbühnen-Besuch wie ein Klassentreffen ist (bis kurz nach der Jahrtausendwende Ensemble-Mitglied als best Castorf-Alter-Ego ever)."

Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (Online-Zugriff 5.3.2016) war dieser "Faust" ein "rauschhafter, reinigender, hirnerhellender und weltverdunkelnder Gedankenritt, bei dem das Faustische als männliches, strebendes, egomanisches, zerstörerisches und hybrisches Prinzip entlarvt wird und so tragisch wie lächerlich scheitert." In "Licht- und Nebelführung, beim Soundtrack sowie bei der Video- und Tontechnik" mache "der Volksbühne keiner was vor", und für die Spieler müssten – und zwar für jede*n einzelne*n – "Ausrufezeichen her! (...) Was für ein Ensemble! Wie sie dieses Haus anbeten, anschreien, es durchjagen, sich ihm hingeben. Und wie dieses Haus sie gewähren, zappeln und glänzen lässt. Zerstörung und Liebe, hier löst sich dieser Widerspruch auf. Für ein Weilchen."

"Überwältigend, überbordend, überfordernd, imposant" sei es zugegangen, meint Christine Dössel in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (Zugriff 5.3.2017). "So anstrengend wie faszinierend. Die Inszenierung kommt ungeheuer frei und sexy daher, aber auch politisch-nachdenklich, poetisch und ernst. Es gibt glänzende Bravour- und Kabinettstückchen, wahnsinnige Extempores, wunderschöne Liednummern und kreischende Frauen mit wenig an. Es gibt aber auch etliche Längen und quälenden Leerlauf." Martin Wuttke sei "einfach nur großartig: zum Niederknien. Die Rolle gibt ihm noch einmal die Gelegenheit zum ganz großen Schauspieler-Parcours. (...) Wuttke, die coole Socke, macht aus dem berühmten 'Habe nun, ach'-Monolog des Studierzimmer-Fausts eine Riesen-Epileptiker-Nummer: krümmt sich, wälzt sich, taumelt, lallt – er erbricht förmlich den Faust." Der beste Auftritt aber sei Sophie Rois vorbehalten: Wenn sie den Schubert'schen "Leiermann" singe, sei das "ein Wahnsinns-Moment".

Für die Süddeutsche Zeitung (20.3.2017) hat Rudolf Neumaier eine der Vorstellungen gesehen, die um 23 Uhr beginnt. Im Wachbleib-Wettkampf mit seiner 80-jährigen Sitznachbarin unterliegt er. "Die wachsten Momente hat das Publikum bei den Szenen, in denen Frank Castorf Originalpassagen aus Goethes Faust spielen lässt", etwa ab 1.50 Uhr. Tscheplanowa trete mit dicker Kniemanschette auf "– sie hatte sich in der vorletzten Vorstellung das Kreuzband gerissen. Sie "spielt mit Schmerzen, aber sie spielt. Und wie! Am gesunden Bein trägt sie High Heel, mit dem verletzten humpelt sie barfuß. Sieben Stunden, eine ganze Theaternacht lang. Auch eine Grenzerfahrung." Um 5.57 Uhr ist die Vorstellung vorbei. Es brande ein Getöse auf, wie wenn Schulklassen das erste Mal ein Theater besuchen bejubeln. "In die Kantine kommen die Künstler danach frisch wie aus dem Ei gepellt. Sie trinken keinen Kaffee, sondern Bier. Verrückt. Draußen ist es hell. Sir Henry klimpert Ragtimes."

Der Abend sei "ein starker Abgang", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (5.3.2017). "Kein Selbstmitleid, keine billigen Witze. Noch einmal packt Castorf die große Form aus. Genialisch, schluffig, aggressiv, assoziationswütig, so wie man ihn kennt und liebt und oft nicht aushalten kann." Dieser "Faust" gehöre jetzt zu Castorfs besten Inszenierungen. Wenn Abdoul Kader Traoré auf französisch "im knallroten Voodoo-Kostüm des Baron Samedi Paul Celans 'Todesfuge'" spreche, sei das "ein großer Moment. Einmal bleibt bei Castorf ein Text stehen, wird nicht sogleich durch den nächsten Einfall dementiert." Es sei, "so oder so, kein leichter Abend. Wir sind 25 Jahre älter. Einige tranken dann ab halb zwei auf der Premierenfeier gegen das Vergängliche, das angeblich nur ein Gleichnis ist. Andere erhoben still daheim ein Glas auf das Schauspiel der Zeit."

"Neben den üblichen Brüll-Duellen, die man als sportliche Übungen würdigen muss, denn auch die körperliche Verausgabung der Schauspieler gehört zwingend zur Volksbühnen-Ästhetik, neben viel Gebrüll also gibt es auch stille, anrührende Momente", schreibt Eckhard Fuhr in der Welt (Online-Zugriff 5.3.2017). Sophie Rois beschere uns "einen solchen Moment zusammen mit Sir Henry, dem Akkordeonspieler". Obwohl sie "nur wenige Auftritte hat, ist sie neben Wuttke der Star des Abends. Das muss auch so sein, denn diese beiden gehören zum Markenprofil der castorfschen Volksbühne. (...) Wie also sollten sie nicht im Zentrum des Beifallsturmes am Ende einer Premiere stehen, mit der eine Theaterära sich selbst feierte?" Fuhr wünscht "Chris Dercon alles Gute. Aber er soll nicht meinen, er müsste uns in der Volksbühne endlich etwas über Europa und die große weite Welt erzählen. Darüber haben wir dort schon viel gelernt."

"Es war ein monumentaler Assoziationsschrotthaufen, eine Bildermüllhalde und ein Wunschkonzert, und es war gut so", meint Wolfgang Höbel auf Spiegel online (Zugriff 5.3.2017), "einerseits blühender Klamauk, andererseits aber eine penibel durchdachte Machtdemonstration und ein Abschiedsgruß des Intendanten Frank Castorf". Immer wieder dürfe "man hier über Glanzauftritte staunen, die manchmal wie eine Best-of-Show jenes Bilderrauschs und jener Spaß- und Diskurskunst wirken, die hier ein Vierteljahrhundert betrieben wurden". Jedenfalls sei es "in mindestens einer von sieben Stunden wirklich herzzerreißend toll" gewesen.

Auf Deutschlandradio Kultur (4.3.2017) stellt Peter Claus grundsätzliche Fragen: "Möchte ich ein Theater haben, das mir konkrete Fragen stellt und mich dadurch zum Nachdenken über die Welt anregen kann? Oder reicht es mir, doch mehr oder weniger l'art pour l'art zu sehen? Wunderbare Kabinettsstückchen von tollen Schauspielerinnen und Schauspielern, großartiges Bühnenbild, toller Musikeinsatz, herrliche Videoeinspielungen." Claus empfindet Castorfs Inszenierung jedenfalls als "zu unkonkret", sie wirke "manchmal so, als sei ihm hier etwas eingefallen und dort etwas eingefallen. Man könnte auch sagen: Er übertüncht es, und er scheut die wirkliche Auseinandersetzung mit Goethe."

"So freiheitsliebend, vielschichtig, assoziativ und über alle Grenzen hinweg der eine denkt, liebt, träumt, handelt, so versucht's der andere im Theater, wo seine oft mehrstündigen Inszenierungen gern Schauspieler wie Publikum an den Rand des Zusammenbruchs bringen, Säle leeren, Preise einheimsen, bei Gastspielen gefeiert werden", vergleicht Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.3.2017) Goethes Faust und Frank Castorf. Der "tolle, gefährliche, autonome 'Panzerkreuzer Volksbühne'" zeige noch einmal alles, was in ihm steckt, so Bazinger: "Die Stücke dienen vorwiegend als inspirierendes Material für freie Gedankenexperimente, visuelle Extravaganzen und eindrucksvolle darstellerische Einlagen. Sequenzen aus den zwei 'Faust'-Dramen werden locker und klug ineinander verschachtelt, die Schauspieler schlüpfen elegant in mehrere Rollen und glänzen dabei in raffiniertem Manierismus."

"Nirgends passte Michel Foucault so hervorragend an die Berliner Currywurstbude, fügte sich der letzte Philosophen-Schrei so organisch-unorganisch in den Berliner Eckkneipen-Absturzjargon ein und waren Diskurs und Diskursanalyse so sexy wie in der Berliner Volksbühne (und sahen im Übrigen auch immer so aus)", schreibt Christine Wahl in der Neuen Zürcher Zeitung (6.3.2017). "Wer das alles noch einmal sehen will, bevor im Juni, zum Spielzeitende, Schluss ist mit der Volksbühne Castorfscher Prägung, schaue sich jetzt dieses finale Meisterwerk an, das tatsächlich noch einmal sämtliche Castorf-typischen Ingredienzien versammelt." Castorf erzähle das deutsche Intellektuellendrama als europäische Kolonialismus-Tragödie, so Wahl. Aber "nicht nur um breite, epochenübergreifend in die Gegenwart hinüber wuchernde Historie" gehe es ihm, sondern auch um "einen Punkt, mit dem die Volksbühne ihren 'Faust' höchstselbst untertitelt hat: 'Das Männliche ist das Vergängliche' (...). Ja; dieser 'Faust' ist auch ein Abend über den Untergang des (heterosexuellen weissen) Mannes, dem frau – sei es noch als mehr oder weniger Dienstfertige oder schon als Freiheitskämpferin – ziemlich ungerührt zusieht."

"Castorf als Anwalt der Frauen? Dass er auch auf den letzten grandiosen Metern seiner Ära in dieser Rolle nicht ganz glaubwürdig ist, weiß er natürlich genau", schreibt Eva Behrendt in der taz (6.3.2017). Und so sei Martin Wuttkes Charakterisierung des Faust "wenig schmeichelhaft": "Meist trägt er eine Greisengummimaske, unter der jeder Vers zahnlos gemümmelt klingt. Und wenn er sie doch mal abzieht, kommt schneidende white supremacy oder weinerliches Selbstmitleid zum Vorschein." "Die ganze Welt zu erzählen, wer traut sich das noch?", fragt Behrendt außerdem: "Die konstruktive Seite von Fausts Projekteschmiederei oder auch des Kapitalismus westlicher Prägung, an dessen Ende Goethe die Realo-Utopie vom 'freien Grund mit freiem Volke' sieht, das sich seine Freiheit täglich verdienen muss – sie kommt bei Castorf kaum vor." Und doch realisierten der "furchtlose Ideen-Regisseur und sein nicht minder geistesgegenwärtiges Ensemble" genau diese Utopie "im Spiel, in der Kunst, mit allen Reichtümern, Widersprüchen, Verschuldungen." Und so vergingen die sieben Stunden "diesmal erstaunlich schnell".

Der "Großmeister der szenischen Assoziationskunst" Castorf habe "alles ausgespart, was auch nur von ferne an faustisches Ringen erinnern könnte", schreibt Ronald Pohl in Der Standard (6.3.2017). In seiner "famosen Abarbeitung aller Besonderheiten, die die Volksbühne (bis heute) ausmachen" schleiche sich häufig genug der "gar nicht verneinende Geist der Nummernrevue" ein. Und insgesamt gelte das "Prinzip Castorf: Der verstockten Menge hilft er mit zärtlichen Kopfnüssen beim Denken. Das ist grandios."

"Castorfs letzte Premiere an der Volksbühne ist in keinem Moment tränenselig oder larmoyant. Im Gegenteil: Mit Blick auf künftige Arbeiten lässt der Regisseur, der über ein Vierteljahrhundert lang stilprägend war wie keiner sonst im deutschen Theater, noch einmal als Hausherr die Muskeln spielen", gibt Michael Laages im Deutschlandfunk (4.3.2017) zu Protokoll. "Und als das Haus nach ein Uhr in der Nacht noch eine Weile Beifall lärmt, stellt ein sonderbares Gefühl sich ein: vom Glück, 25 Volksbühnenjahre mitgegangen zu sein, auf verschiedenste Weise. Das ist dann doch zum Melancholischwerden ... denn das gab's – bis auf weiteres – nur einmal, das kommt so schnell und so nicht wieder."

In der Zeit (9.3.2017) verabschiedet sich Peter Kümmel von Frank Castorfs Volksbühne mit gemischten Beobachtungen und Reflexionen: Wäh­rend ei­ner Cas­torf-Insze­nie­rung, schreibt Kümmel, er­lei­de der Kör­per ähn­li­che Kri­sen wie auf ei­nem Lang­stre­cken­flug. "Die Fü­ße quil­len im en­gen Schuh, man darf nicht im Mit­tel­gang auf und ab ge­hen. Tur­bu­len­zen pa­cken das Flug­zeug und las­sen es nicht mehr los. Man lässt al­le Hoff­nung fah­ren. ... bis zum Früh­stück und den hei­ßen Ge­sichts­tü­chern dau­ert’s Stun­den – denn man ist erst über Grön­land. Und nun schla­gen auch noch Blit­ze in den Trag­flä­chen ein." Er, Kümmel, ha­be in Cas­torfs Flug­ma­schi­ne "vie­le Landschaf­ten über­flo­gen": "gif­ti­ge Pri­vat­sümp­fe, oa­sen­lo­se Wüs­ten, Städ­te, die schon als Rui­nen er­baut wur­den, In­dus­trie­area­le, de­ren Raf­fi­ne­ri­en sich beim Tieferfliegen als mal­men­de Dreh­büh­nen her­aus­stell­ten." Die­se Land­schaf­ten hätten "vor Häss­lich­keit" gebebt, und über­all herrsch­te "das dro­hen­de Assoziationsgewitterwetter des Re­gis­seurs". Wunderbarerweise ende jede Castorf-Inszenierung bevor man vor Verzweiflung sterbe, dann entsteige man "er­staun­lich glück­lich dem Höl­len­flug­zeug". Weil man etwas "Sel­te­nes" er­lebt habe: "dau­er­haf­te »Öf­fent­lich­keit un­ter An­we­sen­den« (Alex­an­der Klu­ge), be­harr­li­chen Zu­sam­men­hang." Wel­che "spie­le­ri­sche Bril­lanz", welch "un­fass­ba­re Kör­per­be­herr­schung" besäßen die Leu­te auf der Büh­ne, "wel­chen Über­blick im Cha­os! Und wie ge­nau ist das Zu­sam­men­spiel mit der Tech­nik: Kaum ein Ef­fekt geht da­ne­ben, je­des Ben­zin­fass wirft den Schat­ten, den es wer­fen muss!" An­sons­ten gelte für die­sen Faust, wie stets in Cas­torfs Welt: "Es ist von Be­ginn an weit nach Mit­ter­nacht, und es ist nicht ge­nug Lie­be da für al­le." Und noch viel mehr, was wir hier nicht wiedergeben können.

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