Die Übriggebliebenen

von Eva Biringer

Wien, 17. März 2017. Verzeihung, aber die Party ist bereits zu Ende. Die Gläser sind ausgetrunken, das ist Tischfeuerwerk abgebrannt. Konfetti klebt an den Sohlen. Kein Geld mehr für die Jukebox. Noch bevor das Stück richtig begonnen hat, ist es vorbei. Erzählt wurde die Geschichte eines Liebespaars, das an der finanziellen Not zerbricht. Karoline verlässt Kasimir, weil sie Achterbahn fahren will, auch seine Kündigung ist schuld. Um sie herum lauter gescheiterte Existenzen, die den letzten Rest Anstand im Schnapsglas versenken: Erst kommt das Saufen, dann die Moral.

Einmal ein Glanz sein

Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" ist eine Ballade der kleinen Leute. Demzufolge wird in Philipp Preuss' Inszenierung viel Musik gespielt, zum Beispiel von Lana del Ray. Deren Trailerpark-Weltschmerz passt gut zu den abgerutschten Horváth-Menschen. Gesehen werden wollen alle, leider brennt ihre Existenz schneller ab als eine Wunderkerze. Trotzdem sollte man versuchen, ihr ein wenig Glanz abzugewinnen. An diesem Abend kommt der Glanz vor allem von Ramallah Aubrechts traumartiger Drehbühne, bestehend aus einem doppelten Kreis aus LED-Lamettafäden. So wie diese ständig ihre Farbe ändern, von zuckerwattepink zu marzipanapfelrot, können sie alles sein, Karussell, Stundenhotel oder Spiegelkabinett. Spielt sich etwas hinter den Fäden ab, wird die Szene gefilmt und auf eine Leinwand übertragen.

KasimirundKaroline2 560 Lupi Spuma Volkstheater Stefanie Reinsperger, Sebastian Klein, Rainer Galke, Kaspar Locher  © Lupi Spuma Drehbühne, Videoaufzeichnung entgleister Gesichtszüge, Zoom auf halbzerkauten Bananenmatsch: Das kennt man doch irgendwoher! Würde es mit Castorfs Volksbühnenregiment nicht gerade zu Ende gehen, dieses Ensemble wäre dort bestens aufgehoben. Allen voran Stefanie Reinsperger, die jede Figur so spielt, dass man als Zuschauer denkt "Jetzt also endlich die Paraderolle" – bis zur nächsten Premiere. Anmutig kann sie schon auch, aber derb eben am besten. Als Karoline lässt sie das Randbezirkmäßige wieder richtig rotzig laufen, so wie jemand nach dem siebten Bier in seinen peinlichen Heimatdialekt verfällt.

Wurschtigkeit und Theorie

Am liebsten in das Loch zurückprügeln, aus dem er gekommen ist, würde man den Merkl Franz (der knackende Halswirbel in persona: Kaspar Locher), Kasimirs proletenhaften Kleinstadtcowboykumpel, der während des Stücks die Zuschauergarderobe plündert und alle schauen zu (Life-Video macht's möglich). Rainer Galke in der Titelrolle hingegen wirkt wie der Inbegriff des "Kleiner-Mann-was-nun?" Auffallend oft schaut dieser Kasimir von der Rampe aus mit einem Pfannkuchengesicht ins Publikum, als sei dem Nestroypreisträger gerade der Lolli weggenommen worden. Kaum mehr Elan zeigt dem Merkl Franz seine Erna, der Birgit Stöger eine Trantütigkeit verleiht, die in jedem Zuschauer den Bürokrat weckt, nach dem Motto: Verdienen Sie sich erst mal Ihre staatliche Förderung! Das ist konsequent, schließlich geht es im Stück nicht nur um eine scheiternde Liebe, sondern auch um das liebe Geld und die Wurschtigkeit des Systems.

Preuss, seines Zeichens Hausregisseur am Schauspiel Leipzig, hat seine Eva Illouz ("Gefühle in Zeiten des Kapitalismus") gelesen, auch seinen Guy Debord, dessen "Gesellschaft des Spektakels" von Dramaturg Roland Koberg auf recht plumpe Art in Horvaths Text gepresst wurde: leider nicht so geil. Nachgeplappert wird er von Seyneb Saleh und Nadine Quittner, die als Elli und Maria ihren Twerking-Fähigkeiten nach zu urteilen gut in einem Snoop-Dog-Video aufgehoben wären. Vor allem an der Seite des Obergangsters: Thomas Frank als urwienerisch nölender Direktor ist die Kirmessensation schlechthin. Dabei – solche Querverweise wären nicht nötig gewesen, schließlich funkeln Horváth-Sätze wie "Vielleicht sind wir zu schwer füreinander" noch immer wie Funkenmariechen.

Erloschenes Lametta 

Aber Missverständnisse gab es auch früher schon. Weder in Leipzig, wo sein "Volksstück" 1932 uraufgeführt wurde, noch in Berlin fühlte sich Horváth verstanden. Ähnlich mag es, dem zaghaften Schlussapplaus nach zu urteilen, den Besuchern des Wiener Volkstheaters ergangen sein. Der Rülpsdialog zwischen Rauch und Speer (Michael Abendroth und Lukas Holzhausen als leibhaftiger Altherrenwitz) ruft im Publikum jedenfalls gemischte Gefühle hervor. Wer schon mal auf dem Oktoberfest war, wo "Kasimir und Karoline" spielt, wird hingegen wissen, was gemeint ist.

Solche derben Momente sind selten in dieser bittersüßen Inszenierung, deren Hingetupftheit an die Regiesprache von Jette Steckel erinnert. "Heut sauf ich mich an", heißt es an einer Stelle, "und dann häng ich mich auf – und morgen werden die Leut sagen: Es hat einmal einen armen Kasimir gegeben." Wahrscheinlicher allerdings ist, dass vom Kasimir einfach gar nichts bleiben wird. So wenig wie von den verloschenen Lamettafäden am Ende des Stücks. Es qualmt und die Drehbühne gleicht einem gigantischen Aschenbecher. Karoline ist mit einem der Herrenwitze durchgebrannt. Wie es dazu kam, wissen sie selbst nicht so genau, aber irgendwie sind Kasimir und Erna übriggeblieben, sozusagen der Rest vom Fest. Zwei Verlorene, die nicht allein nach Hause gehen wollen und mit dem Vorlieb nehmen, was da ist. "Du, Erna", brummt Kasimir. – "Ja?" – "Nichts." Und damit ist alles gesagt.

 

Kasimir und Karoline
von Ödön von Horváth
Fassung von Roland Koberg und Philipp Preuss
Reige: Philipp Preuss, Bühne: Ramallah Aubrecht, Kostüme: Eva Karobath, Musik: Richard Eigner, Video: Konny Keller, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Michael Abendroth, Thomas Frank, Rainer Galke, Lukas Holzhausen, Sebastian Klein, Kaspar Locher, Nadine Quittner, Stefanie Reinsperger, Seyneb Saleh, Birgit Stöger, Luka Vlatkovic.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

Eine Änderung des Titels wäre passend gewesen, auf "Karoline, die Schönheit von Haidhausen" oder "Die Wiesenbraut", findet Margarete Affenzeller in Der Standard (19.3.2017). Preuss interessiere sich "mehr für die falschen, auf erotischer Währung fußenden Hoffnungen der aufstiegswilligen Karoline, die Reinsperger hingebungsvoll bis zuletzt verteidigt". Dadurch fehle dem Abend "das Kasimirische Kraftfeld". Ablenkung verschafften Figuren wie Erna, "deren deformierte Existenz sich in völliger körperlicher Erstarrung zeigt, so weit, dass auch ihr Zigarettenrauch seltsame Wege einschlägt. Ihre einzige Ausdrucksweise ist leises Singen, und wenn sie völlig unvermittelt Lana del Reys Liebesballade 'Video Games' aufschnappt, dann ist das, als würde sie eine Lichterkette streifen, die der selig driftende Soundtrack Richard Eigners umschmiegt hält." Aus solchen Details ziehe der Abend immer wieder Kraft.

Der Abend biete Regiegrotesken à la René Pollesch oder an Frank Castorf erinnernde Einsprengsel, aber immer wieder auch berührende, stimmige Szenen. "Hätte der Herr Spielleiter das Ensemble doch nur wirklich den Horvath spielen lassen, es hätte eine tolle Aufführung werden können. So aber währten die knapp zwei Stunden ohne Pause recht lang, und nur wenig ward gut", schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (21.3.2017).

"Preuss kostet die Extreme aus, die man aus diesem Text tatsächlich herauslesen kann. Das Lustige, das Lächerliche und das Unerträgliche lösen sich spielerisch ab", lobt Norbert Mayer in Die Presse (19.3.2017). "Diese Inszenierung ist tatsächlich mutig, bizarr, erfindungsreich." Gelegentlich werde übertrieben, "dann spürt man Verkrampfung." Angeführt von Galke, Reinsperger, Stöger, Locher und Klein biete das Ensemble aber Beachtliches. "Der zweistündige Abend ist gewöhnungsbedürftig, die Mühe lohnt sich dann doch."

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