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Schauspiel Hannover

Not Born in the USA

von Jan Fischer

Hannover, 19. Januar 2017. Es ist guter Brauch, eine Theaterkritik mit einer Szene zu beginnen. Einer, die im Idealfall über sich hinausweist, komprimiert etwas über die ganze Inszenierung erzählt. Das ist im Fall von Kafkas "Amerika", inszeniert von Claudia Bauer am Staatsschauspiel Hannover, schwierig: Man könnte jede Szene erzählen, die zum Beispiel, in der der Einwanderer Karl Roßmann anfangs verloren zwischen Bodennebel und roten Vorhängen steht, chorisch seine eigene Geschichte erzählt bekommt und dann seinen Schirm suchen geht. Oder die, in der sein gerade gefundener Weggefährte Robinson die versammelte Belegschaft eines Hotels vollkotzt, in dem Roßmann Arbeit als Liftboy gefunden hat, was wiederum zu seiner Kündigung führt. Oder die, in der Karls Onkel und seine Freunde Mr. Pollunder und Mr. Green – allesamt in hohen gesellschaftlichen Stellungen – Karl mit kieferorthopädischen Lippenspreizern im Mund anlächeln. Oder. Oder. Aber in Claudia Bauers Inszenierung gehört alles – auf eine assoziative, nicht ganz greifbare Art – zusammen, formt sich erst in der Masse zu einem Klumpen Hyperrealität, der sich kaum aufbrechen lässt.


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Die Wahrheit ist eine wankelmütige Geliebte

von Jan Fischer

Hannover, 15. Dezember 2016. "Macht und Widerstand", inszeniert am Staatsschauspiel Hannover von Dušan David Pařízek, hätte eine Lobpreisung im Affekt verdient. Eine, die emotional geschrieben wurde wie ein guter Verriss. Nichts Wohlüberlegtes also, kein differenziertes Lob, das nicht zu groß nicht zu kitschig ist und nur spärlich gesprenkelt mit Adjektiven und Superlativen. Diese Inszenierung hätte ein richtig schmieriges Lob verdient. Eines, das von unkritischen Superlativen überquillt.


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Roadtrip im Regen

von Jan Fischer

Hannover, 12. August 2016. Es ist schwer zu sagen, wann genau die Inszenierung beginnt, vermutlich aber an dem Stand, an dem es Köttbullar gibt. Viele Hände tragen Teller mit den Fleischbällchen durch den Innenhof des Staatstheater Hannover, andere Hände tragen Prosecco mit Holundersirup. Im Hof sind Buden im schwedisch-romantischen Bullerbü-Stil aufgebaut, erst sind es Verkaufsstände, später Bühnenbild. Eine Leuchtschrift informiert die Besitzer der Hände: "Noch 30 Minuten", aber eigentlich ist es das hier schon der Beginn der Inszenierung von "Der 100jährige der aus dem Fenster stieg und verschwand" unter der Regie von Malte C. Lachmann. Als die Leuchtschrift "Noch 15 Minuten" anzeigt, stehen leere Fleischbällchenteller auf den Tischen, und eine Band betritt eine seitliche Bühne. Sie spielt leichten, nach vorne treibenden Jazz, in denen sich immer mal Harmonien aus ABBA-Stücken verstecken. Es beginnt zu regnen. Plastikponchos werden verteilt. Und 15 Minuten später steigt der Hundertjährige, gespielt von Dieter Hufschmidt, aus dem Fenster.


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Unterm Neon-Heiligenschein

von Alexander Kohlmann

Hannover, 16. April 2016. Dunkles, hölzernes Kirchengestühl ragt am linken Rand bis weit in den Zuschauerraum des Schauspielhauses Hannover hinein. Rechts steht ein riesiges, schwarzes Kreuz mit einer Jesus-Figur, an dessen Sockel schon ein lachender Totenkopf lauert. Rote Kirchenkerzen brennen. Ein Gaze-Vorhang mit opulentem Heiligenbild versperrt den Blick auf die Bühne, dahinter flackert es verführerisch.


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Unter Spinnern

von Michael Laages

Hannover, 23. Februar 2016. Die Geschichte ist ja wahr. Und zwar eigentlich gleich doppelt – erstens: der in Hannover aufgewachsene Karl Koch, geboren 1965, hatte Mitte der 80er Jahre sehr früh schon intensive Kenntnisse in der computerbasierten Kunst des Hackens erworben, gehörte zu den Adepten vom legendären Chaos Computer Club und geriet in eine dramatische Geschichte um Geheimnisverrat an den sowjetischen Auslandsgeheimdienst KGB hinein, die ihn schlussendlich das Leben kostete. Karl Koch hat sich selbst verbrannt, Ende Mai 1989, 23 Jahre alt. Die Zahl "23" war Kochs Obsession – und wahr ist eben auch diese zweite Geschichte, die des Wahns in den Phantasien eines Jungen, der unter extrem schwierigen familiären Umständen heran wächst. Er taucht tief hinab in die Numerologie; die "23" gilt in allerlei Verschwörungs- und sonstigen Theorien als eine Art Todes- und Katastrophen-Zahl.


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Wer ist eigentlich Fritz Haarmann?

von Jan Fischer

Hannover, 17. Februar 2016. Ein siebenundfünzigprozentiges, achselzuckendes "Ja, warum denn nicht" ergab eine Umfrage der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" zur Frage, ob Fritz Haarmann Theaterstoff sei. Fritz Haarmann, der Serienmörder von Hannover, der 1924 wegen Mordes an 24 Jungen und jungen Männern zum Tode verurteilt wurde. In der Stadt ein sensibles Thema, dachte man. Das Theater kündigte ein Haarmann-Musical von Nis-Momme Stockmann an – doch der Skandal blieb aus. Allerdings auch das berühmte "Haarmann-Lied".


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Du sollst dich globalisieren

von Jan Fischer

Hannover, 7. Februar 2016. Sie stellen Kästen her. Kästen die, so sagt es der "Head of Quality" aus Lyon zur Fertigungskraft in Shanghai, "Sie an der digitalen Revolution teilhaben lassen". Der Fertigungskraft ist das herzlich egal, sie pinselt auf ihrem einen Quadratmeter großen Arbeitsplatz mit immergleichen Bewegungen je acht Sekunden lang eine Platine mit einer Schutzflüssigkeit ein. Von Revolution, digital oder sonstwie, keine Spur.


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Die Bühne bröckelt

von Jan Fischer

Hannover, 16. Januar 2015. Es ist Wintereinbruch in Hannover. Dicke Flocken fallen vom Himmel, man ist geneigt, das sofort metaphorisch zu assoziieren, in diesen Zeiten, in denen man einen Temperaturfühler ans gesellschaftliche Klima anlegen könnte und ihm beim freien Fall zuschauen. Vor allem nach dem letzten Bild in "Wolf unter Wölfen", in dem die Protagonisten sich mit den Worten "Gute Nacht" ins neonhell erleuchtete, hohle Hakenkreuz hinten auf der Bühne zurückziehen.


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Nachtmahrs Kappenfest

von Michael Laages

Hannover, 21. November 2015. Und im Schlussbeifall der Premiere lauert der allerletzte Gag: Hannovers Schauspiel-Intendant Lars-Ole Walburg, an diesem Abend Regisseur der Wiederbegegnung mit Marius von Mayenburgs verwirrender Komödie "Perplex" (uraufgeführt vor exakt fünf Jahren und zwei Tagen vom Autor selbst an der Berliner Schaubühne) und Bühnenbildner Andreas Alexander Straßer tragen je eine jener superblonden Bert-Neumann-Gedenk-Perücken auf dem Haupt, die in den goldenen Zeiten der Volksbühne praktisch jede Frau in Frank Castorfs Inszenierungen zierte. Überraschung! Oder auch nicht – denn um Überraschungen ging es ja ohnehin reichlich in den 100 Minuten zuvor.


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Im Zirkus der Revolution

von Sascha Westphal

Marl, 9. Juni 2015. Als sich der klassische rote Samtvorhang öffnet, gibt er den Blick auf einen weiteren Vorhang frei. Auch der ist rot, aber dunkler und zudem von im Licht glitzernden Fäden durchzogen: ein schillerndes Versprechen, wie die Vorhänge, durch die man in der Kindheit ein Zirkuszelt betrat. Nur ist das keine gewöhnliche Menagerie. Davon künden schon die drei Worte, die oben über dem Eingang hängen: Liberté, Égalité, Fraternité. Mehr ist gut 225 Jahre später vom Wahlspruch der französischen Revolution nicht geblieben. Was einmal alle Menschen vereinen sollte, verspricht nun zirzensische Attraktionen. Die Revolution, eine Clowneske. Der Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nur noch ein ferner Nachgeschmack, längst schal geworden.


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Aus dem Wal geschnitten

von Alexander Kohlmann

Hannover, 16. Mai 2015. Ist das die erst jüngst beschworene Rückkehr des Realismus auf deutschen Bühnen? Eine große Wohnküche ist auf die Bühne des Hannoveraner Schauspielhauses gebaut. Hinter den Küchenfenstern hängen Blumentöpfe. Draußen regnet es Bindfäden. Das Wasser plätschert gegen die Fensterscheiben. Leider regnet es nicht gleichmäßig vom Bühnenhimmel, sondern aus unterschiedlichen Richtungen. Es ist eben immer noch gar nicht so leicht, einen filmischen Realismus auf der Bühne nachzubauen.


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Angriff der Samen-Räuber

von Alexander Kohlmann

Hannover, 12. April 2015. Beim ersten Kuss brennen die Synapsen durch. Das Licht flackert rötlich und droht ganz zu erlöschen, als die Alien-Braut im Bikini den zarten David küsst. Der lässt den Übergriff mit weit von sich gespreizten Armen geschehen, tritt nur einmal einen Schritt zurück und stellt fest, "ich küsse ein Mädchen". Währenddessen küsst Zelda (Sophie Krauß) einfach weiter, züngelt wie eine Schlange konzentriert ins Leere, bevor David (Jonas Steglich) wieder zurück in die Szene tritt.


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613 Traurigkeiten

von Michael Laages

Hannover, 15. März 2015. Jede Generation beginnt ganz von vorn. Was soll sie bloß anfangen mit dem Wissen um das unsagbare Grauen, das "der Holocaust" heißt? Wie können die Nach- und Nach- und Nach-Geborenen verstehen, was nicht zu verstehen ist: dass ein Volk, das doch so stolz war auf die eigene Kultur, alle Zivilisiertheit über Bord warf und ein anderes auslöschen wollte von der Karte der Welt? Jonathan Safran Foer ist so ein Nachgeborener, die Großeltern des amerikanischen Autors überlebten den Völkermord. Für sein literarisches Debüt machte sich der Mittzwanziger aus Washington kurz vor der Jahrtausendwende auf die Suche nach Opas Spuren. Der so entstandene Roman "Alles ist erleuchtet" erzählt von dieser Suche auf mehreren Ebenen, vor zehn Jahren wurde er verfilmt und bietet auch viel Stoff fürs Theater; nach Adaptionen in Heidelberg und Weimar ist er jetzt am hannoverschen Schauspielhaus zu sehen, ab Mitte April dann auch in Essen.


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Pubertät im Nazi-Internat

von Julia Frese

Hannover, 15. Februar 2015. Robert Musils 1906 erschienenes Werk "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" hat seinerzeit die politischen Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte vorweggenommen. Im Mikrokosmos eines Elite-Internats für Söhne aus gutem Hause führte Musil unbeabsichtigt jene Charaktere vor, die rund drei Jahrzehnte später zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts beitrugen: Ideologen, Militaristen, Mitläufer. Oder auch: Urheber von Herrenmenschen-Ideologien, folternde SS-Offiziere und jene, die dem nationalsozialistischen System dienten, indem sie es widerstandslos akzeptierten.


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Elisabeth kotzt aufs Kiefernparkett

von Jan Fischer

Hannover, 7. Februar 2015. Als Kritiker ist man ja oft nicht in der Position, solche Weisheiten anzuwenden, aber trotzdem gilt: Wer kostenlosen Alkohol an sein Publikum verteilt, der macht sich beliebt. In Dušan David Pařízeks "Maria Stuart" passiert das nach etwa zwei Stunden. Der frisch ermordete Mortimer (Henning Hartmann) klettert aus dem ordentlich zusammen gehämmerten Kiefernholzbühnenbild ins Publikum, das Kunstblut noch frisch am Hemd, und verteilt Bier. Maria Stuart (Sarah Franke) hält derweil ihren Todesmonolog, durchsetzt mit Aufforderungen ans Publikum ihr zuzuprosten, es sei ja schließlich nicht zum Tode der Königin gekommen, sondern zu ihrem größten Triumph. Das Publikum prostet.


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Kommt, wir spielen Patriarchat

von Jan Fischer

Hannover, 10. Januar 2015. Manche Ideen klingen gut. Diese, zum Beispiel: In Shakespeares moralisch ambivalentem, heldenlosem Stück über Macht und Machtmissbrauch "Maß für Maß" werden alle Rollen mit Frauen besetzt. Um zu sehen, was passiert. Was dabei herauskommt, wenn Frauen die Fäden im patriarchalen Intrigenspiel ziehen. Wie sich die Summe ändert, wenn man mit vertauschten Vorzeichen rechnet.


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Besuch der jungen Dame

von Tim Schomacker

Hannover, 7. Dezember 2014.Im Grunde ist diese wortgewaltige Politnummer ein kriminalistisches Kammerspiel. Denn am Ende ist es ein toter Opa, der das Figuren-Quintett zusammenbringt, deren Geschichten zuvor parallel  abliefen. Warum er starb – weil sein Magen den Dosenfisch nicht mehr vertrug oder sein Kreislauf den Anblick der neuen jungen Putzfrau, die wie bestellt in engem Mieder lasziv vor seinem Sessel ans Werk ging, oder schlicht wegen seines hohen Alters – Reue wegen seiner persönlichen Beteiligung an historischen Verbrechen war es gewiss nicht. Und just darum kann keine der fünf Figuren um ihn trauern.


Schauspiel Hannover

Bebildert mit Talent fürs Schrille

von Jens Fischer

Hannover, 5. Dezember 2014. Hau den "Tasso". Eine Performance-Parodie. Staatssekretär Antonio haut also den Künstler Tasso, der haut zurück. Und umgekehrt. "Es bildet ein Talent sich in der Stille", betont der eine immer und immer wieder, "sich ein Charakter in dem Strom der Welt", entgegnet der andere. Beide verballhornen den Goethe-Text mit Micky-Maus-Stimme, schlagen sich die Positionen wie auch Thermoskannen zunehmend slapstickreifer um die Segelohren.


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Mehr Demokratie wagen? Mehr Volkswagen!

von Alexander Kohlmann

Hannover, 10. Oktober 2014. Ein Kinderchor. Hannoveraner Jungen und Mädchen, unterschiedlich gekleidet, unkoordiniert und durcheinander – die kleinen Individualisten stehen ausgerechnet in einer Szene zum Schulunterricht als chinesische Schüler an der Rampe und versuchen nachzusprechen, was der Lehrer auf dem Monitor ihnen vorsagt.


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Es schmilzt das Eis im Treppenhaus

von Jan Fischer

Hannover, 21. September 2014. Aus dem Nebel tauchen sie auf, die ersten leisen Geigenklänge, da kommen sie, von oben, die Treppe runter: die Verirrten, die Verlorenen, die Gestrandeten, sie sind bleich, sie haben Augenringe, und wenn sie lächeln, sieht man auch die schlechten Zähne. Und dann gehen sie wieder.


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Chaos Computer Comedy

von Jan Fischer

Hannover, 29. Juni 2014. Von einer "Revolution" spricht Rainald Grebe, als er auf die Bühne kommt, mit lustig buntem Hemd und schief sitzender Krawatte. Gemeint ist die digitale Revolution. Hinter ihm auf einer Leinwand füllt sich dazu langsam, aber stetig eine Twitterwall. 


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Vollautomatisch in die Dystopie

von Jan Fischer

Hannover, 17. Mai 2014. Was bisher geschah: Die Menschen trennten sich in einem großen Abschiedsfest von der Welt, mit der sie sich solche Mühe gegeben hatten. Die Pflanzen vermehrten sich unkontrolliert. Die Ökosysteme veränderten sich. Die Natur eroberte die letzten Reste der Städte zurück. Die Menschen waren nur noch eine Erinnerung, die unter der Erde vergraben liegt. Unsere Kunst, unsere Kultur gammelte vor sich hin. Nur der Plastikmüll blieb. Und das Leben? Das Leben fand einen Weg.


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Konservation im Séparée

von Tim Schomacker

Hannover, 5. April 2014. Wenn der Zeitungsverkäufer in der Hotellobby in der Anfangsviertelstunde zum x-ten Mal von seinem Barhocker gleitet, schwant einem Böses: Zu klamaukig wird hier ein Stoff angegangen, der dermaßen durchhistorisiert ist, dass er heute keinem mehr weh tut. Was kümmern uns polizeiliche Ermittlungspannen und politische Vertuschungen der späten 1950er Jahre in einem gewiss delikaten und prominenten, aber eben auch sehr lange vergangenen Todesfall? Doch so wie der quirlige Oscar Olivo in schauspielerisch gekonnten Varianten immer wieder unverletzt zurücklandet auf dem Barhockerleder, gelingt es auch Regisseur Milan Peschel, diesen Dreistundenabend über die Frühgeschichte der Bundesrepublik immer wieder geschickt – und manchmal überraschend – in die Spur zu setzen. Etwa indem er Olivos Dienstleistungsrandfigur den anwesenden, meist schwerindustriellen Hotelgästen immer wieder mit freundlich-bestimmt dahingelächelten Kurzzusammenfassungen die SPD-Parteizeitung "Vorwärts" feilbieten lässt. Oder indem er in komisch-knappen, aber souveränen Schritten die Dienstleistungs-Hauptfigur unternehmerisch erwachsen werden lässt.


Schauspiel Hannover

Die Zukunft ist so richtig schwarz

von Jan Fischer

Hannover, 15. März 2014. Alle die, die vor dem Theater einen Weißwein oder Rotwein oder Sekt trinken, die Raucher auch, die bis zum zweiten Gong "nochmal kurz vor der Tür" die frische Tabakluft genießen: In Juli Zehs Dystopie "Corpus Delicti" stünden sie sofort vor Gericht. In der schönen, neuen Welt des Jahres 2057, die Zeh beschreibt, ist Gesundheit, der perfekte Körper in einem perfekten Geist oberste Bürgerpflicht. Alkohol und Tabak sind streng verboten. Körperwerte werden regelmäßig staatlich überwacht, Sport ist verordnet, Partner werden nach "immubiologischen" Kriterien ausgewählt. Zehs Stück verfolgt den Prozess von Mia Holl, die an dem System zweifelt und verzweifelt, das ihren Bruder unrechtmäßig verurteilt und in den Selbstmord getrieben hat – und ihr nun nicht einmal Trauer erlaubt. In der perfekten, gesunden Welt ist kein Platz für solche geistigen Unregelmäßigkeiten. Für ihre Trauer wird Mia vor Gericht gestellt und schlussendlich zur Märtyrerin. Rebecca Klingenberg spielt sie in Hannover mitreißend von der grauen  systemkonformen Maus bis zum heldenhaften, elektroschockinduzierten Schreikrampf.


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Die reinste Drecksarbeit

von Jan Fischer

Hannover, 16. Januar 2014. Menschen, das weiß man ja, entwickeln sich irgendwann immer zum Problem. Das Problem, das weiß man vielleicht nicht so, ist allerdings, dass man selbst selbstverständlich nie das Problem ist. Sofort, als in "Kaspar Häuser Meer" drei Jugendamtsmitarbeiterinnen in ihrer Teeküche auf die Bühne gerollt werden, ist klar, dass das irgendwie der Grundkonflikt ist, um den es gehen wird: Wer oder was hier eigentlich das Problem ist.


Schauspiel Hannover

Scheiße, warum darf der das?

von Jan Fischer

Hannover, 30. Dezember 2013. So, vorsicht jetzt, heißes Eisen! Malte C. Lachmann hat sich in "Süd Park" mit der Political Correctness beschäftigt, die für ihn unter anderem in der Reglementierung der Frage besteht, wer eigentlich wann was sagen darf, ohne jemanden zu diskriminieren.


Schauspiel Hannover

Aus dem Fernseher kommt heiße Luft!

von Jan Fischer

Hannover, 17. November 2013. Dass der Wind der Veränderung weht, hauptsächlich aus den Modems und den Routern und den kleinen Gadgets dieser Welt, das ist nicht schwer zu riechen. Dass sich einiges an nicht so einfach abzuleitender Unzufriedenheit zusammengebraut hat, das zeigen die Ergebnisse der letzten Wahl. Dass die herrschenden Zustände (und der Zustand der Herrschenden) für viele gerne auch anders sein sollen, zeigen die zehntausend sinnlosen Petitionen jeden Tag im Facebookstream. Der Punkt ist: Unter der Oberfläche brodelt es.


Schauspiel Hannover

Männergespräche

von Jan Fischer

Hannover, 8. September 2013. Sechs Schauspieler, fünf Glaskästen, wenig Bewegung und ein zweistündiges Textbrett voller Tod und Krieg. Nein, Thomas Dannemanns Inszenierung des von dem Historiker Sönke Neitzel und dem Sozialpsychologen Harald Welzer herausgegebenen Buches "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" ist keine einfache Kost. 150.000 Seiten Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener aus amerikanischen und britischen Gefangenenlagern haben die beiden für ihr 500 Seiten starkes Buch ausgewertet, verdichtet und kontextualisiert. Dannenmann hat den Text nun fürs Theater noch einmal inszenatorisch abgeklopft.


Schauspiel Hannover

Auf Plateaus durch den Wald

von Stephanie Drees

Hannover, 7. September 2013. Man muss dem Regisseur Lars-Ole Walburg eines lassen: Er besitzt eine sehr eigene Form von Unerschrockenheit. Findet er Gefallen an einer Idee, dann wird sie durchgezogen. Sie ebnet sich auf der Bühne quasi ihren Weg - oder stapft hindurch, wie jüngst in Hannover geschehen: Der Waldgeist-Riese "Holländer Michel" hat groß zu sein. Also trägt Holländer Michel Monsterplateaus aus Eiche massiv - optisch passend zur Maserung des Baumstamms, der mitten auf der Bühne steht. Das ist der Humor von Lars-Ole Walburg.


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Der verkommene Aufstand

von Tim Schomacker

Hannover, 3. Mai 2013. Und dann steht plötzlich Marie Antoinette da, mit türmchenhoch gepuderter Frisur und weitem Kleid. Sie spricht einen Text des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek. Als würde sie den ganzen Tag nichts anderes machen. Dabei konnten wir sie bis zur Pause beobachten, wie sie ihrem königlichen Gatten, Louis XVI., nach Kräften solche Flausen aus dem Kopf zu schmeicheln versuchte wie Verständnis für das brotlose Volk. Der Žižek-Text handelt davon, wie sich an den Interpretationen der französischen Revolution stets eine Menge Gegenwart ablesen lässt. Und von der Scham der bürgerlichen Gesellschaft, weil sie des jakobinischen terreur bedurfte, um die Menschenrechtserklärung zu bekommen. Kurz: dass "1789" tatsächlich bis 1793 dauerte, mindestens. Irgendwie unangenehm.


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Perlen aus Pickeln

von Stephanie Drees

Hannover, 19. April 2013. In der Riege berühmter letzter Worte bestechen manche mit mit Pragmatismus. "Du kannst die Sirupringe haben!", presst Louisa noch über ihre Lippen, bevor sie das Zeitliche segnet. An den Beinen wird sie flugs von der Bühne geschleift, derweil greift sie sich noch schnell die Picknickdecke mit dem festgeklebten Outdoor-Geschirr. Was für ein patentes Mädchen. Mag der rosa-rote Fatsuit auch alles andere als vorteilhaft wirken, ihr Verlobter Edgar ist untröstlich. So untröstlich, dass er ihr gar in den Tod folgen will. Bis er in einer opiumvernebelten Spelunke einen Tipp bekommt, wie sich die Erinnerung an die Geliebte buchstäblich aus dem Schädel saugen lässt.


Schauspiel Hannover

Das Leben der Aussortierten

von Jens Fischer

Hannover, 23. Februar 2013. Mit vollendetem Schweigen antwortet er auf jede Art von Romantik-trunkenem Anhimmeln. Aber nicht nur der Himmel ist leer. Auch die Bühne sieht aus, als wären dort längst alle ausgezogen – und als sollte das die innere Leere der Protagonisten spiegeln. Nur Spuren ihres Daseins sind noch wahrnehmbar, einige Fotos an den Wänden, Müll und ein paar Bücher auf dem Boden. Schlagermusik aus den guten alten Zeiten weht durch die Luft.


Schauspiel Hannover

Von unten wie von oben

von Simone Kaempf

Hannover, 9. Februar 2013. Der Gutsbesitzer Graf Lew, der ein ganz normaler Mensch sein möchte, nimmt die Axt irgendwann selbst in die Hand. Mit jedem Schlag in den Holzstamm fliegen Splitter über die Bühne. Jedesmal hebt sein Knecht zum Schutz die Arme, und bald ist der Teppich im guten Wohnsalon berieselt, in dem sich Frau und Schwägerin schon kräftig mit Worten gewehrt haben gegen das Familienoberhaupt, das nicht nur anpackt – ungeschickt, aber umso entschlossener –, sondern auch sonst Ernst damit macht, die bestehende Ordnung anzutasten: Seinen Reichtum mag er nicht mehr, Ausbeutung gehört abschafft, kirchlichen Segen verwehrt er, und seine Ländereien würde er zum Entsetzen der Familie am liebsten den armen Bauern verschenken.


Schauspiel Hannover

Schwimmst du noch, oder dümpelst du schon?

von Stephanie Drees

Hannover, 7. Dezember 2012. Die Trophäe dieser Reise ist eine Unterhose im getupften Rentner-Hallenbaddesign. Ira hat sie vom Kopfe ihres Vaters erbeutet, sie ist quasi der Beweis des Zusammentreffens und auch der Nulpigkeit des Erzeugers. Am Jungen Schauspiel Hannover ist der Bademeister besiegt. Doch was nützt das? Ira, die Heldin in Martin Heckmanns' Stück "Hier kommen wir nicht lebendig raus", ist auch gegen Ende noch das "elektrische Mädchen" – da hilft auch keine Direktkonfrontation der Nachwuchs-Elektra mit dem Herrscher über das Nichtschwimmerbecken.


Schauspiel Hannover

Gekapertes Krippenspiel

von Jan Fischer

Hannover, 1. Dezember 2012. Draußen riecht es nach Glögg. Und gegrilltem Lachs. Das finnische Weihnachtsdorf, ein Teil des Hannoveraner Weihnachtsmarktes, ist ganz dicht herangekrochen an den Eingang des Ballhof Eins, dort, wo das Junge Schauspiel Hannover residiert. Die Premiere von "Hilfe, die Herdmanns kommen" erreicht nur, wer es durch das Gewimmel von Menschen und den Nebel aus Gewürzgerüchen schafft. "Hilfe, die Herdmanns kommen" ist eine Weihnachtsgeschichte, und genau, wie diejenigen, die zuviel Glögg getrunken haben mit ihrer Lautstärke nicht zur besinnlichen Stimmung zwischen Gewürzduft und Lichterglanz passen wollen, hat auch "Hilfe, die Herdmanns kommen" eine eingebaute Kitschbremse.


Schauspiel Hannover

And the ass saw the angel

von Nikolaus Stenitzer

Hannover, 13. Oktober 2012. Man kennt sie, ob man will oder nicht. Die unvergesslichen Klassiker des Genres, das irgendwann zum "Classic Rock" gealtert ist, und seine Legenden: Canned Heat. Led Zeppelin. Creedence Clearwater Revival. Deren Hymnen hört man unweigerlich in Oldies-but-Goldies-Radiosendern, nächtlichen Fernsehwerbungen für CD-Box-Sets, aus Lautsprechern in den Einkaufszentren. Und von Musikerinnen und Musikern in den Fußgängerzonen der Innenstädte, die wissen: Wenn etwas geht, dann gehen die Siebziger.


Schauspiel Hannover

"übersatt, unzufrieden, gehetzt, also: frei"

von Jens Fischer

Hannover, 15. September 2012. "Geld bedeutet Wohlstand. Wohlstand ist Freiheit. Der moderne Mensch bestimmt seine Identität über den Grad an Freiheit, über den er verfügt. Genau genommen sind sie also ... ihr Geld", charmiert der Conferencier ins Publikum. Er preist diesen Wert, die Verführungskunst des Kapitalismus. Den zwar keiner mehr mag, an den auch kaum einer noch glaubt, der aber trotzdem funktioniert. "Alles, was nicht neoliberal ist, ist naiv." Und nun? Was tun gegen "diese grenzenlose Beschissenheit, über die zu klagen nicht verboten ist – über die jeder klagt. Über die zu klagen ... aber eben einfach nichts bringt. Nichts bringen kann. Man kann sich ja nur vermieten oder wegschmeißen. Oder sich einen Knoten in die Aufrichtigkeit machen."


Schauspiel Hannover

altLächeln bitte

von André Mumot

Hannover, 31. Mai 2012. Eigentlich ist er gar nicht so wichtig. Eine Nebenfigur. Sebastian Schindegger spielt einen altgewordenen Teppichhändler, dem nur noch einige ungepflegte Haarsträhnen auf dem Kopf wachsen und der eine sehr große Brille trägt. Linkisch ist er, und er lebt für seine Arbeit. Er hat gerade 500.000 Euro Lösegeld in Hamburg abgegeben, die über dunkle Kanäle in den Irak weiterwandern sollen, und sitzt jetzt im Bordbistro des ICE.


Schauspiel Hannover

altAm Beduinenstammtisch

von André Mumot

Hannover, 19. Mai 2012. Manchmal fragt man sich, was das Ganze eigentlich soll. Und bekommt man dann eine eindeutige Antwort, denkt man: Hätte ich bloß nicht gefragt. So ist das an diesem Abend im Schauspiel Hannover leider auch. Denn am Ende steht Mira Partecke als Abendkleidsmoderateuse im nachgeahmten heißen Wüstensand und erklärt uns mit einem Brustton der Überzeugung, dass der Fernseher an allem schuld ist. Oder nein, noch schlimmer: Wir selber sind schuld, weil wir den Fernseher anschalten.


Schauspiel Hannover

alt

Auf Engelsflügelchen verflattert

von Michael Laages

Hannover, 21. April 2012. Womöglich braucht es ja wirklich keinen besonders triftigen Grund, um im Theater mal wieder die Geschichte von Nora zu erzählen, wie Henrik Ibsen sie vor gut 130 Jahren erfunden hat – die Geschichte der Bankdirektorsgattin, deren sichere Welt über den Haufen geworfen wird in jenem Augenblick, da es sich nicht mehr vermeiden lässt, ihr allersüßestes Geheimnis zu lüften.

Schauspiel Hannover

altIch kotze, also bin ich?

von André Mumot

Hannover, 14. April 2012. Ist es wirklich schon fast zwanzig Jahre alt, das deutsche Popliteratur-Phänomen mit seiner fluffig verzweifelten Musik- und Marken- und Party- und Pubertätsprosa? Christian Krachts "Faserland"-Roman von 1995, das kann man dem Programmheft entnehmen, wird jedenfalls ab dem nächstem Schuljahr zum Abiturstoff erhoben. Verwundert auch nicht, schließlich ist das Buch im Grunde streng moralisch und warnt vor der existentiellen Leere des ewigen Feierns. Es ekelt sich.


Schauspiel Hannover

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Es lebe der Sport

von André Mumot

Hannover, 21 Januar 2012. Es scheint eine Gemeinsamkeit zu geben zwischen dem Theater und den Reden, die Trainer vor Spielbeginn für ihre Mannschaften halten. Für beides braucht man manchmal sehr viel Geduld. An diesem Abend jedenfalls spricht Agamemnon, Feldherr der Griechen, über die Moral der Truppe und trägt nur ein Handtuch um den Bauch. Es zieht sich, dieses Tasten nach dem motivierenden Ton, und Christoph Müller, der den mythologischen Giganten (ganz wunderbar) mit angeschlagener Vereinswürde und grimmiger Hilflosigkeit gibt, hängt an die meisten Sätze noch ein strammes, zustimmungsbedürftiges: "Ne?"


Schauspiel Hannover

altDer Zauberberg der dicken Kinder

von André Mumot

Hannover, 8. Januar 2012. Hoch oben in den Bergen, jenseits der Baumgrenze, befindet sich das Kurhaus, in dem der Nachwuchs abspecken soll. Und hoch aufgebockt ist auch die kahle Bühne. Der Neue, Leo, muss sie, samt schwerem Koffer, mühevoll erklimmen. Philippe Goos trägt, wie seine Kollegen, einen gewaltigen Fat-Suit, künstlich pralle Haut voller Falten und Dehnungsstreifen, eingezwängt in zu enge Hosen, dazu plumpe Knie- und Ellbogenschoner. Er hat also zu kämpfen.


Schauspiel Hannover

altBei uns auf dem Vulkan

von Georg Kasch

Hannover, 7. Januar 2012. Es hat schon was Surreales, wenn man irgendwo hin verreist und dort alles dem ähnelt, was man von zu Hause her kennt. Wie am Staatsschauspiel Hannover: Viereinhalb Stunden (inklusive Pause) dauert Milan Peschels Inszenierung "Aus dem bürgerlichen Heldenleben", neben den Ausmaßen sind auch die meisten Gags original Frank Castorf, mit Hendrik Arnst steht obendrein ein waschechter Volksbühnenschauspieler auf der Bühne. Dazu der Dreiklang aus Klappern, Trampeln, Brüllen – fertig ist die Hauptstadtkopie. Oder doch nicht?


Schauspiel Hannover
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Jede Zelle meines Körpers ist glücklich

von André Mumot

Hannover, 11. Dezember 2011. Ob einem das nun gefällt oder nicht: Es ist jetzt Weihnachtsmärchen-Zeit. Idealerweise können deshalb endlich wieder Geschichten erzählt werden, wie wir sie seit Dickens kennen, Geschichten, in denen das Herz über die Raffgier siegt. Nun würde man vielleicht nicht ausgerechnet im Werk des Filmkünstlers Lars von Trier nach solchen Fabeln suchen – das Schauspiel Hannover aber ist genau dort fündig geworden.


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Niemand hat Fatima gezwungen

von Alexander Kohlmann

Hannover, 6. November 2011. "It must have been love", Roxette-Musik, ein Wohnzimmer mit Gartenterrasse und Kunstpflanzen, eine Treppe ins Obergeschoss, dessen Räume man in tausend Episoden niemals zu sehen bekommt, ein Klassenzimmer und eine Essküche mit Spaghetti Plakat. Dazu ein Schminktisch und Techniker mit pinken "Fatima-Crew" Shirts. Mittendrin, schwatzend und rangelnd die Young Actors, an ihren schrägen Pseudo-Jugendoutfits unschwer zu erkennen.


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Zombies im Dschungel

von Alexander Kohlmann

Hannover, 16. September 2011. Grillen zirpen, exotische Tiere schreien, ein feucht-schwüler Luftzug umstreicht die Haut, wir schauen auf die verfallene Terrasse einer hölzernen Kolonialvilla. Eine perfekt gebaute Illusion (Bühne und Kostüm: Márton Ágh), wie sie Tennessee Williams nicht realistischer hätte beschreiben können, empfängt den Zuschauer auf der Cumberlandschen Bühne. In diesem dichten tropischen Dschungel sind auch auch die Schminkplätze des Ensembles aufgebaut. Und wenn sich nicht vorne links Aljoscha Stadelmann mit viel Schminke in einen bedrohlichen Nachfahren der schwarzen Sklaven verwandeln würde, könnte man glatt vergessen, dass man sich in einem deutschen Theater befindet.


Schauspiel Hannover
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Auf den Rücken der Pferde

Von André Mumot

Hannover, 15. September 2011. Ums Recht geht es. Und ums Prinzip! Jedenfalls nicht um diese beiden Kreaturen. Die Pferde, die der Rosshändler Kohlhaas als Pfand auf der Tronkenburg zurücklässt und die ihm dort zerschunden werden, setzen nur alles weitere in Gang: Endlosen Rechtsstreit und brennende ostdeutsche Städte sowie die fixe Idee, dass Gerechtigkeit nur etwas wert ist, wenn sie jederzeit und mit allen Mitteln durchgesetzt werden kann. An diesem Abend aber bleiben sie nicht stumm, die beiden Gäule, sondern schwatzen. Und singen. Der Hengst (Sebastian Schindegger) und die Stute (Katja Gaudard) nehmen das Publikum in Empfang, charmant bis aufdringlich, und sie beginnen damit, Kleists ungemütliche Novelle aus ihrer Perspektive zu erzählen. Es ist vielleicht die beste, die wir bekommen können.


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Gyges zwischen Slip und Burka

von Alexander Kohlmann

Hannover, 14. Mai 2011. Gyges (Janko Kahle) vögelt gerne. Mit besonderer Vorliebe vernascht er die Praktikantinnen der mit Freund Kandaules (Rainer Frank) gemeinsam geführten Werbeagentur. Ausgerechnet eine Image-Kampagne für ein positives Islambild sollen die beiden hippen Kreativen jetzt entwickeln. Erste Slogans gibt es bereits – Kostprobe: "Islam kann auch sexy sein" oder "Entdecke den Islam". Vorerst hat Gyges allerdings erst mal die ziemlich westliche Sexbombe Sarah (Carolin Eichhorst) entdeckt, und gleich im ersten Drittel des Abends wird der Zuschauer Zeuge, wie die beiden so ziemlich jede Stellung des Kamasutras durchprobieren.


Schauspiel Hannover
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Stumm ruht der See

von Ulrich Fischer

Hannover, 19. März 2011: "Der Silbersee" wird selten gespielt. Jetzt unternahm das Niedersächsische Staatsschauspiel in Hannover das Experiment, die Schauspieloper von Georg Kaiser mit Musik von Kurt Weill aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Offenbar wollte Intendant Lars-Ole Walburg, der selbst Regie führte, Bühnengold heben, das er am Grunde des "Silbersees" vermutete.


Schauspiel Hannover
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Fakten, Fakten, Fakten und irgendwann rauscht es nur noch

von Alexander Kohlmann

Hannover, 17. März 2011. Diese Versuchsanordnung könnte spannend werden. In der Konzernzentrale des "Unternehmen Hunger" stehen vor einem schicken Milchglas-Rundhorizont verschiebbare Tischplatten in Form der Kontinente zum Experiment bereit. Wie ein gigantisches Risikobrett sieht das aus. Auf dieser Welt im Kleinen verteilen die fünf Schauspieler Schalen mit Mais, kleine und große, volle und leere. Und "We are the world, we are the children" singt Michael Jackson im Fernseher am Bühnenrand.


Schauspiel Hannover
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Studie einer politischen Radikalisierung

von André Mumot

Hannover, 12. Februar 2011. Recht sympathisch ist immerhin die Kuh. Man hat auch den Eindruck, sie sei ein wenig verdutzt, wie sie da so auf der Bühne steht und ein bisschen speichelt. Auf ihre rundlich angenehme Weise ist sie niedlich anzusehen, außerdem sorgt sie für das, was man von einem Fallada-Abend erwartet: Das Herz wird einem warm. Das ist ganz gut so, denn auf das Kleine-Leute-Ehepaar, das hin und wieder beieinander im Bett sitzt, sollte man an diesem Abend besser nicht hoffen.


Schauspiel Hannover

Entertainer der Verantwortungslosigkeit

von André Mumot

Hannover, 8. Januar 2011. Er weiß, wo er hingehört. Schließlich kommt dieser Lederjacken- und Schlabberhosen-Don Juan schon bei seinem ersten Auftritt unter erheblicher Qualmentwicklung aus der Bühnentiefe hinaufgefahren. Lässig hockt er auf einem Campingstuhl, raucht und schert sich scheinbar nicht um andere. Am Schluss wird er dann aber vergeblich den Boden abklopfen und "Feuer! Rauch! Bombastische Musik!" einfordern.


Schauspiel Hannover

Die Ausgenüchterten

von André Mumot

Hannover, 5. Dezember 2010. Wie leicht ist es zu feixen, wenn die Sittenstrengen von der Lust bezwungen werden. Denn, das ist ja bekannt, das Dionysische lässt sich nicht unter Verschluss halten. Eben noch steht Florian Hertwecks Pentheus als selbstgewisser Karrierepolitiker auf dem weiß lackierten Holzpodest, das im Foyer des Schauspiels Hannover als einzige Bühnenmarkierung dient, und macht Politik der guten Worte. Hier spricht er von Werten und von seinem Feldzug gegen die wilden Feste der Bakchen. "Ich habe alles, denke ich, im Griff", sagt er, als wisse er nicht, dass man niemals ungestraft solche Sätze formulieren darf.


Schauspiel Hannover

Die Abschaffung des Gartens

von André Mumot

Hannover, 4. November 2010. Ein Paradies könnten wir haben, bestimmt. Hätte der Mensch, wie es an diesem Abend heißt, nur nicht begonnen, "Ähren zu zupfen und Körner zu zählen". Da führt, wie Weltgeschichte und Klimaforscher wissen, rasch eins zum anderen, und lange geht das nicht mehr gut. Das heißt? Schluss machen mit den Genmaiserfindern und Rohstoffeausbeutern und Erderwärmern. "Die Welt ohne uns" ist ein Projekt, in dem sich das Schauspiel Hannover zusammen mit dem Berliner Produktionskollektiv "lunatiks produktion" ausmalt, wie es wohl wäre, wenn die Menschheit geschlossen, aber ohne apokalyptischen Verseuchungsknall, abtreten würde vom Angesicht der Erde – und damit auch von der Theaterbühne.


Schauspiel Hannover

Aus Birkenzweigen werden Ruten

von André Mumot

Hannover, 17. September 2010. Auf dem Holzschuppen, in dem die Juden eingesperrt sind, steht ein Hahn. Der ist nur ausgestopft, sieht aber echt aus. Genau wie die Katze, die in der Fensternische des Bauernhauses hockt und ins Publikum stiert. Will man etwas sagen über diesen Theaterabend, muss man wohl über diese Katze sprechen und über die drei Kerzen, die hinter der fleckigen Scheibe brennen. Man muss von Maiskolben erzählen und von Reusen, von Tonkrügen, Kopftüchern und Bärten, von Kartoffeln auf dem Boden, von nächtlichem Wolfsgeheul und unheilvoll aufziehendem Donnern. Auch vom Regen, dessen Perlen bald schon schwer an den Birkenästen hängen, und der die schwarze Erde immer schlammiger macht.


Schauspiel Hannover

Unter Gefühlsreptilien

von André Mumot

Hannover, 11. September 2010. Was braucht man, damit die Sache mit der Großen Liebe klappt? Einen Balkon schon mal nicht, das hat die Theaterpraxis längst gezeigt. An diesem Abend ist Julia, die keine "Capulette" mehr sein will, sowieso zu hip für solch altmodische Architektur-Schranken. In schwindelnder Höhe sitzt sie festgegurtet in einer Halbkugel aus Plexiglas, die vom Schnürboden herabbaumelt, und steigt hernieder, wenn es romantisch werden soll. Da gibt es einiges zu flüstern, zu bekennen, zu schmachten: Zweiter Akt, zweite Szene - mehr Liebe geht nicht.


Schauspiel Hannover

Wunder und Zeichen? Gibt es immer wieder

von André Mumot

Hannover, 27. Mai 2010. Wie müsste er sein, so ein Hiob von heute, der seinem Gott dabei hilft, eine Wette mit dem Satan zu gewinnen? Wer an seinem Glauben festhält, obwohl er mit allem Übel dieser Welt konfrontiert wird, muss wohl vor allem gut verdrängen können. Wie Pastor Ivan, der die Wahrheit schlicht nicht wahrhaben will. Ein Mann, der vom eigenen Vater missbraucht wurde, dessen Frau sich umgebracht hat, dem ein Gehirntumor im Kopf sitzt und der das alles ableugnet und standhaft sagt: "Gott ist auf meiner Seite."


Schauspiel Hannover

Wenn wir sichtbar werden

von André Mumot

Hannover, 30. April 2010. Normalerweise wird hinter vorgehaltener Hand über sie gesprochen - oft auch mit der verklemmten Vorsicht der Political Correctness. Auf dieser Bühne sprechen die Sinti selbst. Marcelino zum Beispiel: "Da haben sie neulich diese Urkunde gefunden, in Hildesheim. Die belegt, dass wir schon seit 600 Jahren hier leben", sagt er, schaut ins Publikum und fügt grinsend hinzu: "Auch wenn ihnen das bisher noch nicht aufgefallen ist."


Schauspiel Hannover

Der Tod kommt aus dem Kleiderschrank

von André Mumot

Hannover, 17. April 2010. Also, eigentlich ist der Tod das Thema. Unschön. Mal sehen: Vielleicht kommt man irgendwie dran vorbei. Der Chor singt jedenfalls mit stolzgeschwellter Feierlichkeit: "Hurra, wir leben noch!" Ein trotzig-tapferer Widerstand, schließlich steht hier die Seniorenkantorei einer hannoverschen Kirchengemeinde auf der Bühne. Die pheräischen Greise, die Euripides als Kommentatoren seiner "Alkestis" vorgesehen hat, sind also in diesem Fall tatsächlich, was sie sein sollen: betagt, wenn auch sehr rüstig. Und gut drauf. "Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse" tönt es aus dem Off, und die fröhlichen Rentner tanzen unverfroren die Wendehals-Polonaise, während die Jugend an der Rampe untröstlich trauert.


Schauspiel Hannover

Das perfekte Multi-Kulti-Dinner

von André Mumot

Hannover, 27. März 2010. Na, da ist aber jemand großzügig gewesen mit dem Knoblauch. Das Publikum betritt den Saal und taucht unversehens ein in die dichte Duftwolke eines marokkanischen Dinners, das bereits munter vor sich hinbrutzelt. Eine voll funktionstüchtige, gut aussehende Edelstahlküche bildet die Schranke, hinter der fünf ebenso gut aussehende junge Menschen, vier Damen und ein Herr, in guter Laune Paprika schneiden, Wein trinken und ungezwungen mit einander plaudern. Das ist ein bisschen wie im Maggi-Kochstudio, aber sehr hip und weltoffen und bestimmt auch irgendwie ironisch. Bis alle plötzlich erstarren und im Chor verkünden: "Allah ist mein Herrscher." Und: "Ich will errettet werden, will mich unterwerfen."


Schauspiel Hannover

Konsequent kühl

von Michael Laages

Hannover, 13. März 2010. Neulich, in der Fremde: Der argentinische Regisseur Osvaldo Gabrieli, Bühnenbilder im "Teatro Oficina" in São Paulo, lässt der hingebungsvollen Verehrung für das Werk des spanischen Schriftstellers Federico García Lorca freien Lauf und montiert aus ungezählten Fundstücken im Werk des Dramatikers und Lyrikers eine Art "Readers Digest"-Lorca. Plötzlich, unendlich weit weg von allen Inszenierungs- und Deutungsversuchen hierzulande, von bedeutenden zeitgenössischen Regisseuren wie Konstanze Lauterbach, Peter Zadek oder Roberto Ciulli, Jürgen Kruse oder Thomas Bischoff, zeigt Gabrieli, wie es eben auch (aber hierzulande eben fast nie!) geht.


Schauspiel Hannover

Selig sind die geistig Armen

von André Mumot

Hannover, 16. Januar 2010. Nun wundert sie sich aber, die Hüller. Also eigentlich hat sie sich schon fast zwei Stunden lang gewundert, denn sie spielt Parzival, den reinen Toren, der partout die Welt nicht versteht. Jetzt, kurz vor Schluss, wundert sie sich aber noch mal so richtig: Die Hände gehen unwirsch durchs Haar und übers Gesicht, sie kratzt sich und schnieft, die Stirn zeigt bedenkliche Faltentiefe, und sie stöhnt, als würde ihr der Kopf zerplatzen. Mann kann es gut verstehen.


Schauspiel Hannover

Der ewige Soldat

von André Mumot

Hannover, 4. Oktober 2009. Man sollte meinen, wenn Wolfgang Petry gesungen wird, sei endgültig nichts mehr zu retten. Da stakst nun einer der Soldaten, die eigentlich brandschatzend durch den Dreißigjährigen Krieg ziehen sollen, in Stöckelschuhen über die Bühne und grölt zur "Wahnsinn! Warum schickst du mich in die Hölle?"-Melodie: "Fressen, saufen, huren – huren! huren! huren! Das ist unser Werk auf Erden!" Und wie er so am kahlen hinteren Bühnenrand steht, die Hände beim Singen über den Kopf schlägt und eine imaginäre Meute anfeuert, die ihm nicht antwortet, schleicht sich jenes Gefühl ein, das diesen bitteren Theaterabend von Anfang bis Ende durchdringt: abgrundtiefe Traurigkeit.

Schauspiel Hannover

Wir alle werden Kinder

von Dirk Pilz

Hannover, 1. Oktober 2009. Heiner Müller ist wieder da. Gebrechlichen Schrittes tritt er durch die Tür, langsam geht die Zigarre zum Mund. Er schaut ins Publikum. Schweigen. Kühles, scharfes Licht. Und Sachiko Hara nimmt die Maske vorsichtig ab. Sie singt von der kleinen, weißen Friedenstaube, lautlos geht sie wieder hinaus. Was will uns dieser Müller sagen?

Schauspiel Hannover

Viel Jetzt. Viel Stadt.

von André Mumot

Hannover, 23. April 2009. Also an Motivation mangelt's schon mal nicht. "Wir sind ein starkes Team, in dem sich jeder hochgradig mit der Stadt identifizieren soll und will." So spricht der neue Intendant und meint Hannover. "Dies hier soll zu einem wirklich unverwechselbaren Theaterort werden."


Schauspiel Hannover

Ratten auf dem sinkenden Schiff Theben

von André Mumot

Hannover, 28. Februar 2009. Nein, die Familienähnlichkeit lässt sich nicht leugnen. Ödipus ist hier ganz das Kind seiner Mutter und Ehefrau. Das liegt nicht nur an der offenbar vererbten kräftigen Statur und den identisch roten Haaren. Besonders ähnlich sind sich die beiden, weil sie demselben Geschlecht angehören. Iokaste wird an diesem Abend mit wuscheliger Milva-Perücke von Sascha Nathan gespielt. Das mag im ersten Augenblick etwas irritierend wirken, passt dafür aber prima zum effeminierten Onkel Kreon, den Torsten Ranft als zickige Bilderbuch-Tucke gibt. Man kichert im Rang. Und manch einer, womöglich auch der Regisseur, nickt vielleicht mit dem Kopf und denkt: geschlechtliche Hemmungslosigkeit und Patchwork-Familien – das ist die Großstadt.


Schauspiel Hannover

Unsterblichkeit? Nein danke

von André Mumot

Hannover, 26. Februar 2009. Die Sachlichkeit, diese furchtbare, Furcht erregende Beschreibungsakribie: Sie wird wohl der ewige Skandal von Dantes "Divina Commedia" bleiben. Arno Schmidt, der den Zweiten Weltkrieg noch sehr dicht im Nacken hatte, ist über den so peinigend genau geführten Katalog jenseitiger Strafen sehr empört gewesen. Deshalb hat er 1948 einen Brief an den 1321 verstorbenen Giganten geschrieben und in einem Tonfall beißender Höflichkeit dessen "Inferno" als äußerst lehrreiches "Handbuch für KZ-Gestaltung" gebrandmarkt. Der Brief wird an diesem Abend im hannoverschen Ballhof vorgelesen und bildet den beklemmend klaren Lichtpunkt einer Inszenierung, die doch vor allem in einer tiefen Finsternis aus Schmerzen und verstreuten Sätzen herumstochert.


Schauspiel Hannover

Drei Spieler im Wind

von Michael Laages

Hannover, 25. Januar 2009. Ob es das schon einmal gab: dass die erste, gemeinhin für ungemein wichtig erachtete Premiere der neuen Intendanz, womöglich gar der "neuen Ära" eines herausragenden Theaters über ein halbes Jahr vorher an einem anderen Theater stattfindet? Das Schauspiel Hannover des scheidenden Intendanten Wilfried Schulz jedenfalls zeigt bereits jetzt die erste "eigene" Produktion der künftigen Direktion am Thalia Theater Hamburg. "Nach der Probe", die deutschsprachige Erstaufführung eines Textes von Ingmar Bergman, der im Theater spielt und den der Regisseur 1983 fürs schwedische Fernsehen produzierte, gibt’s bis zum Sommer nur in Hannover – und erst in der nächsten Saison beim neuen Hamburger Thalia-Chef Joachim Lux.


Schauspiel Hannover

Drei Lulus für eine Baustelle

von Michael Laages

Hannover, 17. Januar 2009. So viel Baustelle ist selten. Aus den entlegenen Ecken eines abgetakelten, zum Abbruch fast schon frei gegebenen Varietés scheinen die Mitarbeiter für diesen Abend ihre ganz speziellen Handwerkszeuge hervor gekramt zu haben, um mal auszuprobieren, ob das noch geht: Saxophon spielen zum Beispiel.


Schauspiel Hannover

Die Monade kennt nur sich selbst

von Michael Laages

Hannover, 7. November 2008. Vier Stück Mensch, in kleinen Kisten abgepackt; vier Fluchten, vier Mal Alptraum pur. Das jüngste Stück des mittlerweile vielfach ausgezeichneten Dramatikers Thomas Freyer erzählt mit unerbittlich finsterer Phantasie Geschichten vom Eingesperrtsein im Ich wie im Wir, und der letzte Ausweg scheint stets nur der Schritt ins Nichts zu sein.


Schauspiel Hannover

Alles nur Phantomschmerz

von Hartmut Krug

Hannover, 21. September 2008. Lutz Hübner ist ein ungemein produktiver Autor. Kein Problem ist vor ihm sicher, seien es das Alter mit Lebensmut oder mit Lebensmüdigkeit, der Tod oder der Terrorismus, die schwierige Beziehung zwischen jungen und alten Menschen oder, wie in seinem neuen Stück, die "Lebensmittekrise". Deren Problem ist nicht nur, dass es sie wohl tatsächlich gibt, sondern dass über sie viele Klischees im Umlauf sind, die in Fernsehspielen und Unterhaltungsromanen schon oftmals ausgebreitet wurden.


Schauspiel Hannover

Schillernde Vögel

von Daniela Barth

Hannover, 23. April 2008. Ab und an "Brehms Tierleben" zu studieren, kann sich als nützlich erweisen. Die Rezeption von Molières Komödie "Der Menschenfeind" im Schauspiel Hannover regt hierzu jedenfalls an. Denn wenn man nicht gerade Aquarianer ist und zudem ein Mindestmaß ornithologischen Interesses mitbringt, kann es sein (muss aber nicht), dass man im Theater sitzt und hirnt und schwitzt und im hintersten Gedächtnis kramt, um sich solche plötzlich bedeutungsvollen Fragen zu beantworten: Das sind doch Yuppies, oder Dings – äh - Guppies?


Schauspiel Hannover

Der Spiegel nur, auf dem Narziss sich küsst

von Daniela Barth 

Hannover, 29. Februar 2008. Er ist ein Klotz, sie eine Elfe. Spätestens wenn Christoph Frankens "Fuck"-fluchender Ferdinand im 1. Akt grobschlächtig skandiert: "Liebt mich meine Luise noch?" und dabei seine Pranken um den zarten Nacken der nymphengleichen Picco von Groote schlingt, die jene Liebesattacke indes würdevoll heiter – weil eben auch liebestoll – hinnimmt, spätestens dann wird Nuran David Calis' Regieansatz in der jüngsten Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" im Schauspiel Hannover transparent.


Schauspiel Hannover

Faust, eine Lektion

von Hartmut Krug

Hannover, 19. Oktober 2007. Keine Pfosten, keine Bretter sind aufgeschlagen. Leer ist die Bühnenwelt, offen für alle Theorie. Eine Videowand droht bühnenbreit, und neben dem Klavier am Bühnenrand steht das Verlautbahrungsmikrophon. An dem Mephista, nachdem sie Franz Liszts Teufelswalzer gespielt hat, Sätze von Giorgio Agamben über den Kapitalismus als "immense Akkumulation von Bildern" verliest, "in der alles unmittelbare Erleben in eine Repräsentation verschoben" wird.


Schauspiel Hannover

In Katastrophen so nah

von Simone Kaempf

Hannover, 12. Oktober 2007. Wenn das der deutsche Wald sein soll, dann hat er auch keine besseren Ausflügler verdient. Die Waldlichtung ist ein Bühnenalptraum aus einer dunkelgrünen Plastiklandschaft im soft-edge-Design. Auf zwei riesigen Flatscreens wechseln bunte Bilder von Blättern, Blumen, Sonnenuntergang, bis dann der Mond optisch aufgemotzt aufgeht. Loungeartiges Wummern klingt aus den Lautsprechern. Da kommen die Sonntagsausflügler auch schon: aufgebrezelt wie für den Discogang, die Frauen stelzen auf High-heels. Einer hat die Kopfhörer um den Hals, als wolle er auflegen im Wald, den man tatsächlich für einen Club halten könnte, würde nicht angelegentlich ein verwüstender Waldbrand ausbrechen.


Schauspiel Hannover

Dunkelseherische Kräfte

von Simone Kaempf

Hannover, 7. Oktober 2007. Wir Deutschen werden ja nicht nur immer älter. Von den Älteren gibt es bald auch immer mehr, haben Demoskopen berechnet. Demnächst sei jeder Dritte über sechzig Jahre alt. Da ist es natürlich unfair, die, die sowieso gerade alt werden, an das Alter zu erinnern. Designer haben das bereits erkannt und erklärt, man müsse Produkte entwickeln, denen man möglichst nicht ansieht, für welche Zielgruppe sie gemacht sind.


Schauspiel Hannover

Die Zuneigung zum Leben

von Simone Kaempf

Hannover, 18. Juni 2007. Ist er es? Er muss es sein. Jewgenij Grischkowez hat noch gar nichts getan. Nur den ersten Satz gesagt. Aber das Publikum, und es sind viele Russen darunter, lacht schallend! Es ist für Jewgenij Grischkowez, den Performer, Stand-up-Komödianten und Geschichtenerzähler, sofort ein Heimspiel beim Festival Theaterformen.


Schauspiel Hannover

Natur degradiert Vernunft

von Simone Kaempf

Hannover, 29. April 2007. Dass Jürgen Gosch ein Regisseur ist, der bei den Schauspielern das Spielerische herauskitzelt, ist keine besonders originelle Feststellung mehr. In der Rangliste der Platitüden über ihn rangiert gleich dahinter, dass sich "Schauspieler bei ihm Schlachten liefern" und "entfesselt alle Grenzen zu sprengen" bereit sind. Und doch muss man in seiner Inszenierung von "Wie es euch gefällt" am Schauspiel Hannover immer wieder daran denken und gleichzeitig bestaunen, wozu er Schauspieler bringen kann.


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