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archiv » Theaterhaus Jena (35)
Theaterhaus Jena

Die Welt und die Wahrheit, die Kunst und die Wahrheit

von Matthias Schmidt

Jena, 13. Januar 2017. Ein Projekt war angezeigt. Mit hohen Ambitionen. Von gesellschaftlicher Relevanz. Philosophisch tiefgehend. Auf der Suche nach der Utopie, der wahren Alternative, der linken, selbstredend. Ein intellektuelles Aufbäumen gegen die, die plump vorgeben, eine zu sein.


Theaterhaus Jena

Die Philosophie der Küche

von Henryk Goldberg

Jena, 13. Oktober 2016. Es ist düster, sehr, sehr düster. Bäume, dunkle Streifen im Raum, Lichtre-flexe, die, das Dunkel so recht ins Licht zu setzen, den Raum durchflirren. Kann gut sein, dies ist der Ort eines sehr, sehr unfröhlichen Sommernachtstraumes, in dem niemand nichts weiß oder kann oder darf. Es ist aber, so stellt die Frau fest, die das Dunkel nun mit einer Lampe erkundet, nur die Küche. Kann sein, dass sie deshalb den Mann, der ihr seine Liebe erklärt, Hundescheiße schenkt, mit Schleife und Geschenkpapier. Kann aber auch sein, dass Martin Crimp den Tag davor in einen Haufen getreten war.


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Gestorben wird hässlich

von Tobias Krone

Jena, 5. Mai 2016. Was Sterben ist, was Krieg unmittelbar mit der menschlichen Physis anstellt, in seinen Detonationen – diese Frage ist unserer Gegenwart post Afghanistan wieder nah. Und so fesselt schon der Botenbericht in der ersten Szene dieses Dramas: Das ganze Trauma der Gefechtssituation durchzuckt den Körper von Klara Pfeiffer, wenn sie vom siegreichen Helden Macbeth Kunde bringt. Und am Ende ihrer Schlachtenerzählung stirbt die Botin (Pfeiffer wird noch mehrfach an diesem Abend auch in anderen Nebenrollen Sterbeszenen haben, die sie stets in vortrefflicher Authentizität meistert).


Theaterhaus Jena

Ich will einen großen Knall!

von Michael Isenberg

Jena, 28. Januar 2016. Und schon wieder ein Theaterstück über Pegida! Steckt mehr dahinter als platter Willen zur Aktualität (FAZ über "Maß für Maß" von Tilmann Köhler), fahrlässiger Analogiebildung (nachtkritik.de über "Der schwarze Obelisk" von Marco Štorman) und vor Ratlosigkeit ausbleibender Analyse (nachtkritik.de über "Fear" von Falk Richter)? Geht es hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema oder doch nur um ein Anreichern eines hinlänglich bekannten Stoffes mit ein bisschen montäglicher "Grusel-Peepshow" (DIE ZEIT)?


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Der eindimensionale Prinz

von Frauke Adrians

Jena, 5. Februar 2015. Ohne Hamlet wird der "Hamlet" nichts. Anders gesagt: Eine Fehlbesetzung in der Titelrolle, und der Theaterabend ist fast schon gelaufen. Diese Erkenntnis hat bereits viele Regisseure ereilt, und auch den Gebrüdern Schönecker bleibt sie am Theaterhaus Jena nicht erspart. Ihr Hauptdarsteller füllt die Rolle nicht aus; und Moritz Schöneckers Inszenierung rappelt recht tönern in der übergroßen Hamlet-Hülle.


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Tango zu dritt

von Frauke Adrians

Jena, 12. November 2014. Sie sind zwei von denen, die auszogen, ihr Glück zu machen: die Brüder Ivan, 30, und Oleg, 25. Jetzt kampieren sie auf einer aufgegebenen Baustelle im reichen Westen, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Aussicht auf einen Job. Bis die Ärztin Petra, 40, sie aufstöbert. Was folgt, ist ein ungutes Dreiecksverhältnis, zusammengehalten von Abhängigkeit, Berechnung, Lügen, Schuldgefühlen, Missgunst und Gier. Zu besichtigen auf der Unterbühne des Theaterhauses Jena.


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Schoiße nochmal!

von Christian Baron

Jena, 10. Juli 2014. So durchgeknallt, wie Benjamin Mährlein die Titelfigur darbietet, hätte sich wohl auch der Autor seinen Protagonisten vorgestellt: Vater Ubu, 1896 von Alfred Jarry entworfen als zutiefst vulgärer Fettsack, der alle negativen Eigenschaften in sich vereint, die einem Menschen nur zugeschrieben werden können. Benjamin Mährlein ist kaum zu erkennen in einem überdimensionierten Fatsuit, mit langen, fettigen Haaren. Sein begeistertes Spiel trägt Moritz Schöneckers Inszenierung von der ersten Minute an, in der er sich, noch Hauptmann der Dragoner und militärischer Berater von König Wenzeslas, mit irrem Blick von Mutter Ubu (Johanna Berger) überreden lässt, den amtierenden König zu massakrieren, um sich selbst auf den Thron zu putschen.


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Der Kampf um die Kreditkarte

von Christian Baron

Jena, 24. Januar 2014. Dieses verdammte phallokratische System. Bringt eine Macho-Welt hervor, die den Frauen im Weg steht. Soviel ist klar in Moritz Schöneckers Inszenierung des auf Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" basierenden "Nora (Dollhouse)". Rebecca Gilman verlegt die Handlung in das Chicago des Jahres 2004. Nora (Lena Vogt) und Terry Helmer (Matthias Zera) sind ein junges Ehepaar, das in dem wohlhabenden Stadtteil Lincoln Park lebt. Sie ist dreifache Mutter und shoppingsüchtiges Heimchen am Herd ohne Karrieredrang, er erfolgreicher Bankangestellter mit winkender Beförderung und ostentativem Drang zur paternalistischen Gängelung seiner Gattin.


Theaterhaus Jena

Die Ironie-Terroristen

von Christian Baron

Jena, 24. Oktober 2013. Drollig sieht er aus, der im urbayerischen Kostüm steckende Yves (Yves Wüthrich), wie er betont unbeholfen einen Unbekannten homoerotisch antanzt. Derweil vergnügen sich seine Kolleginnen auf der Fete wahlweise in ausgeleierter Disney-Mütze oder glitzerbuntem Top und schreien und zappeln und feiern ihren Alltagsfrust wochenendlich heraus. Man grölt Schlager-Songs mit einer ironischen Distanz, die zeigen soll, dass man zwar, wie etwa Mathias (Mathias Znidarec), in einem Shirt mit "Bauer sucht Frau"-Aufdruck auf der hippen Bad-Taste-Party erscheint, aber zu Hause stets Adorno statt Lustigem Taschenbuch liest.


Theaterhaus Jena

Russisch mit Akzent

von Hartmut Krug

Jena, 11. Juli 2013. Der Kampfplatz zwischen Gut und Böse, auf dem in Bulgakows Roman um den Sinn der moralischen Existenz des Menschen gerungen wird, ist auf der breiten Spielfläche vor dem Theaterhaus Jena von Verkaufsstellen begrenzt. Zwar prangt von einer Projektionswand ein Zwiebelturm-Kirchenensemble, doch die Verkaufswerbungen, Öffnungszeiten auf Deutsch, aber auch kyrillische Buchstaben und das internationale "Sale"-Schild zeigen, dass es in der Bulgakow-Version des jungen Regieduos Moritz Schönecker/Johanna Wehner nicht mehr nur um das alte stalinistische Russland geht. Sondern um die Vorstellungen und Bilder, die wir uns von ihm machen.


Theaterhaus Jena

Varieté mit Verflixtheiten

von Christian Baron

Jena, 30. Mai 2013. Eva Braun spricht diesen bösen Satz mit der engelsreinen Virginität eines Chormädchens: "Das ist mein Freund Alfred. Der kann Black Face, da liegt ihr am Boden!" Theaterpolizist Schott setzt ein moralinsaures Claudia-Roth-Gesicht auf und zeigt sich ganz und gar nicht begeistert: "Black Face … Das ist irgendwie rassistisch". "Wir werden Schwierigkeiten mit der politischen Verflixtheit bekommen", pflichtet ihm Varieté-Betreiber Meyer energisch bei, wobei er jedoch flugs wieder zu seinem Geschäftssinn zurückfindet: "Andererseits brauchen wir Geld". Eine Szene, exemplarisch für diesen bizarren Abend; der Blick in die Zuschauerreihen nämlich offenbart, dass einige herzhaft lachen, während andere die Pointen mit steinerner Miene hinnehmen.


Theaterhaus Jena

Time to say Goodbye

von Christian Baron

Jena, 18. April 2013. Auf die naheliegenden Ideen kommt man selten. Da fristen zwei prominente Texte jahrzehntelang nebeneinander ein Dasein, ohne dass jemand ihre Verbindungen offenlegt; der eine – Shakespeares "Titus Andronicus" – als unreifes Splatterspektakel abgetan, der andere – Kafkas "Brief an den Vater" – als tiefenpsychologischer Schlüssel zum Werk des Prager Dichters gefeiert. Beide literarische Zeugnisse ihrer Epoche, in ihrer Behandlung (Shakespeare explizit-blutig und Kafka reflektiert-neurotisch) unterschiedlich, in ihrer Thematisierung des Vater-Sohn-Konfliktes aber vereint. Ein reichlich diffiziles Verhältnis, weshalb allein schon Christopher Rüpings Versuch, daraus eine stimmige Inszenierung zu kreieren, Anerkennung verdient.


Theaterhaus Jena

Hysterie in Formvollendung

von Ralph Gambihler

Jena, 1. November 2012. Wenn es die Mutter gar nicht mehr aushält, wenn sie emotional überkocht in ihrem Elend, was an diesem Abend am Theaterhaus Jena mehr als einmal passiert, flieht sie an den Wort-Enden in Belcanto. Die Stimme flattert dann opernhaft auf. Kurz und scharf ist dieses Vibrato der Verzweiflung, das aber sogleich wieder gefriert, weil der nächste unerfreuliche Satz ansteht und mit hysterischer Mütterlichkeit herausgeschleudert werden will.


Theaterhaus Jena

Im Leichensack ins Paradies

von Christian Baron

Jena, 26. Oktober 2012. Von zahlreichen Inszenierungen der Stücke Samuel Becketts ist überliefert, dass weite Teile des Publikums bereits zur Pause das Theater schon wieder verließen. Wie gut, dass es in der neunzigminütigen Uraufführung von Prem Kavis und Alexej Schipenkos "Ich bedanke mich für alles" keine Pause gibt, denn das in Jena dargebotene Spektakel ist eine besonders abstruse Demonstration des absurden Theaters. Das wiederum vermag kaum zu überraschen, hat das Theaterhaus doch seine gerade eröffnete Spielzeit mit dem Motto "Die Zeit wird kommen" überschrieben – eine Anlehnung an den Maya-Kalender, der den diesmal wirklich absolut endgültigen Weltuntergang auf den 21. Dezember 2012 datiert.


Theaterhaus Jena

altDer Mensch und sein Monster

von Christian Baron

Jena, 12. Juli 2012. Es ist vorbei. Zunächst verhaltener Applaus schwillt an und kulminiert schließlich in stehenden Ovationen für die Akteure, denen der Kraftakt einer mehr als zweistündigen Freiluft-Aufführung von Mary Shelleys Klassiker "Frankenstein" gelungen ist. Das gesamte Ensemble des Theaterhauses Jena und gut sechzig Statisten haben den Theatervorplatz dafür in eine bunte Freakshow verwandelt.


Theaterhaus Jena

altEs ist Deutschland hier

von Christian Baron

Jena, 29. März 2012. Viele Theater in Deutschland scheuen die direkte Verbindung der Hochkultur mit der Soziokultur. Zu Unrecht, denn was dabei im besten Sinne Produktives herauskommen kann, zeigt nun das Theaterhaus Jena in dem von Claudia Grehn federführend entwickelten Rechercheprojekt "My heart will go on", das in Kooperation mit der Flüchtlingshilfeorganisation "The Voice" amüsant und fesselnd zugleich die Schicksale einzelner in Thüringen (noch) geduldeter Flüchtlinge zu einer stimmigen Story zusammenführt.


Theaterhaus Jena

Donald Duck im atomaren Endlager

von Christian Baron

Jena, 14. März 2012. Kann Komik ernsthafte Inhalte vermitteln? Wer das turbulente Treiben auf der Großen Bühne des Theaterhauses Jena in Niklaus Helblings als "radioaktive Roadshow" apostrophierter Inszenierung mit dem Titel "Fall Out Girl" erlebt, kann gar nicht anders, als diese Frage heftig zu bejahen. Mit allerlei Songs, diversen Videos und reichlich verqueren Stories im Gepäck zieht die titelgebende Heldin (Antonia Labs) hier durchs Thüringer Land. In Ihrem Schlepptau befindet sich stets der abgehalfterte Comichändler Bartleby (Johannes Geißer).


Theaterhaus Jena

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Im Rausch der Verzweiflung

von Christian Baron

Jena, 8. Februar 2012. Wer sich ohne Vorwissen über Leben und Werk Thomas Braschs auf dieses Experiment einlässt, wird wohl stellenweise ein anderes Stück sehen. "Ich komme aus meiner Haut. Sieben Tage Doppelmord" erschließt sich dem uninformierten Zuschauer wahrscheinlich schwer – oder zumindest anders. Jungregisseur Roman Schmitz unternimmt an der Unterbühne des Theaterhauses Jena zusammen mit Hannah Speicher (Textauswahl) und Jonas Zipf (Dramaturgie) gar nicht erst den Versuch, dieser Aneinanderreihung von Texten aus der Feder und dem Archiv des 2001 verstorbenen Literaten und Filmemachers Thomas Brasch einen Spannungsbogen oder eine selbsterklärende Verständlichkeit zu verleihen. Was man durchaus kritisch sehen kann. Einerseits.


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Teufel aus der Tonne

von Ralph Gambihler

Jena, 24. November 2011. Das Theaterhaus Jena liegt, wie könnte es anders sein, im Schillergässchen 1, nur wenige Meter von Schillers Gartenhaus entfernt. Den Kotau in diese Richtung spart sich die neue Mannschaft am Theaterhaus Jena aber - und kommt gleich mit Goethes "Faust" zur Sache, so dass es ein wenig so aussieht, als habe die frisch angetretene, im Durchschnitt 28 Jahre junge Mannschaft unter dem neuen künstlerischen Leiter Moritz Schönecker die Weimarer Klassik schon mit der ersten Premiere abgehakt. Andererseits hatte das in Nachwendezeiten vor 20 Jahren gegründete Theaterhaus, das mit unkonventionellen Konzepten zu einem der interessantesten und kreativsten Häuser in Ostdeutschland wurde, bislang ein durchaus entspanntes Verhältnis zur Weimarer Klassik. Warum sollte sich das nun ändern?


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Die Komik des Verschwindens

von Tobias Prüwer

Jena, 3. März 2011. Hotels sind Transitorte. Wenn sie auch nicht ganz so zugig und ungemütlich wie Bahnhofshallen oder Flughäfenterminals anmuten, so bleiben sie Durchgangsstationen, in denen man sich nicht heimelig einrichten mag. Einen passenden Ort also stellt das Hotel dar, um nach dem Zuhausesein zu fragen in einer Zeit, der nachgesagt wird, man müsse permanent räumlich wie charakterlich unterwegs sein, um zu bestehen.


Theaterhaus Jena

Zerfressene Seelen

von Ralph Gambihler

Jena, 14. Oktober 2010. Comic-Fans sind gleich im Bilde, wenn sie den Stücktitel lesen. Gotham City? Na klar! Das ist doch der finstere Hochhaus-Moloch, in dem das Verbrechen regiert und der Held bei Dunkelheit durch Straßenschluchten fliegt. Dieser Held heißt Batman und wurde vor rund 70 Jahren von Bill Finger - kennt man den eigentlich noch? - erfunden. In Rebekka Kricheldorfs neuem Stück "Gotham City I - eine Stadt sucht ihren Helden" geistert die heroische Fledermaus als Lieblings-Comicfigur von Sheriff Gordon Biff durch die Szenen. Biff identifiziert sich mit Batman, weil auch er in dem 10-Millionen-Moloch Gotham City lebt. Er träumt davon, wie sein Held auf Verbrecherjagd zu gehen. Allerdings hat er schon Schwierigkeiten, mit einem Kleindealer fertig zu werden, und seine exzessiven Rauch- und Trinkgewohnheiten hat er auch nicht im Griff.


Theaterhaus Jena

Die Garten-WG sind wir!

von Ralph Gambihler

Jena, 28. April 2010. Im Englischen gibt es das praktische Wort backyard, das den Hinterhof bezeichnet, aber auch den kleinen Garten hinter dem Reihenhaus. In so einem backyard - in diesem Fall ist es der kleine Garten - spielt Tomas Schweigens neues Stück "MyState". Die Kulisse ist mit Bedacht gewählt. Sie setzt dem Geschehen gewissermaßen die Krone der Kleinbürgerlichkeit auf, verlacht es mit Zutaten aus der Welt der Gardena Gartenschläuche. Aber vielleicht ist es ja grundverkehrt, wenn man sich eine Staatsgründung als ein großes, reihenhausübergreifendes Ereignis vorstellt.


Theaterhaus Jena

Mut zum Absprung

von Jördis Bachmann

Jena, 25. Februar 2010. Was vom Gelächter des Abends übrig bleibt, ist ein wehmütiger Schmerz. Es kränkt, wie Autor Thomas Melle dem Publikum mit seinem Stück einen Spiegel vorhält. Wer bist du? Wer willst du sein?


Theaterhaus Jena

Feier des Selbstzweifels

von Michael Laages

Jena, 3. Dezember 2009. Ein Text mehr, und eine Uraufführung, bei der Gebrauchsanweisungen durchaus willkommen sind – denn wir wollen ja gern glauben (und im ziemlich amüsanten Textbuch der Uraufführung auch gern nachlesen), dass hier "der Präsident der Vereinigten Staaten auf Wahlkampftour" ist und gerade eine Pressekonferenz vorbereitet, in der er einen ziemlich verstörten Bericht zur Lage der Nation geben und all die offenen oder latenten Veränderungen beim Namen nennen will, auf Grund derer selbst er sich fast schon fremd fühlt im eigenen Land.

 


Theaterhaus Jena

Zum Widerstand überrumpelt

von Ralph Gambihler

Jena, 28. Oktober 2009. Falls es erhellend ist, die Geschichte des Herbstes 1989 als Geschichte der Städte zu erzählen, könnte der Blick nach Jena lohnen. Auch dort haben sich vor 20 Jahren die Oppositionellen unter dem Dach der Kirche gefunden, bevor die Massen kamen und mit ihnen auf die Straßen gingen. Auch dort verschwanden ihre Hoffnungen auf einen eigenen, dritten Weg irgendwann hinter emblemfreien Deutschlandfahnen – wie in Leipzig und Berlin und andernorts.


Theaterhaus Jena

Das Heldending im Vollidyll

von Ralph Gambihler

Jena, 9. Juli 2009. Die Frage ist, wie man sich Helden von heute vorzustellen hat. Falls die Hamburger Reisegruppe, die beim Rütli-Schwur hereinplatzt und alles ein bisschen durcheinander bringt, bevor sie sich mit freundlichem Gruß Richtung Matterhorn verabschiedet – falls also diese Reisegruppe der Maßstab sein sollte, muss man sich Bürgerbewegte im vorgerückten Alter vorstellen, bekleidet mit Blue Jeans und Schifferhemd oder einem T-Shirt, das schön über dem Bauch spannt. Den Kopf haben diese Leute in einer besseren Welt, die Hände sind immer noch bereit zum Pappschildermalen für die nächste Demo.


Theaterhaus Jena

Ohne Tod und Vergessen

von Ralph Gambihler

Jena, 18. Dezember 2008. Ein Theaterabend am Puls der Zeit, gemacht für alle Ewigkeit – das wär’s! Einer muss der Welt ja mal zeigen, wo Gott die Musen küsst. Vor dem großen Wurf allerdings kommt die große Krise, im Kollektiv durchlitten, entwickelt sie sich sogar sehr zuverlässig. Und so dauert es nicht lange, bis Regisseur, Bühnenbildner und Autorin über Kreuz liegen. Der Götterblick kommt ihnen abhanden, die Frisuren lassen erkennen, dass darunter scharf nachgedacht wird. Und wenn gar nichts mehr geht, hilft immer noch die Flucht in die Kantine.


Theaterhaus Jena

Kaugummi fürs Kaugeräusch

von Ralph Gambihler

Jena, 6. November 2008. Als Beitrag zum Thema schöner Sterben wird man Marco Ferreris Skandalfilm von 1973 kaum missverstehen können. Seine Schlemmerparabel läuft ja nicht nur auf die Pointe hinaus, dass die fortwährende Steigerung des Genusses eine Form der Todessehnsucht ist. Es ist auch eine Geschichte über die Qual der Lustmaximierung. Wer will schon so schmerzhaft aufgebläht und dauerfurzend verenden wie Michel Piccoli in der Rolle des TV-Regisseurs Michel?


Theaterhaus Jena

Mama will mehr Busen!

von Michael Laages

Jena, 16. Oktober 2008. Ein letztes großes Bild gelingt in diesem Theater immer: der Blick auf die Hinterwand der Bühne. Denn das ist in Jena der Eiserne Vorhang, der ehedem den Zuschauerraum vom Bühnenhaus trennte – nach halbem Abriss des Theaters vor bald drei Jahrzehnten blieb nur der Bühnenturm stehen; das Publikum sitzt deshalb immer auf der Hinterbühne und das Ensemble spielt "nach hinten". Und wenn nun der "Eiserne" hochfährt, schaut die Kundschaft in die Stadt hinein, auf die eigene Heimat, die eigene Realität: Häuserzeilen und Uni-Turm, dazwischen Omnibusse mit richtigen Menschen drin. In diesen Momenten ist Jena immer einzigartig. Auch die Jena-erfahrene Regisseurin Alice Buddeberg nutzt dieses große Bild am Ende der Inszenierung zur Saisoneröffnung.


Theaterhaus Jena

Von äußeren und inneren Wetterlagen

von Ralph Gambihler

Jena, 10. Juli 2008. Der Schritt ins Freie, in die sommerliche Open-air-Vergnügung, ist am Theaterhaus Jena immer auch ein Schritt in die eigene Geschichte. Gespielt wird ja nicht irgendwo, sondern direkt vor der Tür in einer "Kulturarena", die genau da steht, wo früher das Publikum behaglich in Sesseln saß.


Theaterhaus Jena

Das ist hier nicht raus, das ist drinnen!

von Ralph Gambihler

Jena, 27. März 2008. Die Wonnen des Mitteleuropäers unter südlichen Himmeln sind getrübt. Sie sind sogar reines Wunschdenken in diesem Drei-Personen-Stück, das von Angleichung und Abschottung handelt. Exemplarischer Schauplatz ist die Ferieninsel Gran Canaria. Dort, am schönen Rand von Europa, in dieser Enklave des urlaubenden Wohlstands, besichtigt die Nachwuchsautorin Charlotte Roos eine Welt zwischen Obstsalat und Stacheldraht. Oder auch: Trugbilder des schönen Scheins; man kennt das.


Theaterhaus Jena

Das Gewissen schlägt mit Gummiflügeln

von Lena Schneider 

Jena, 13. Dezember 2007. Ein altes Lied. Die dramatischsten Geschichten schreibt oft die Geschichte selbst. Diese etwa: Im Dezember 1996, kurz vor Weihnachten, versank vor der sizilianischen Südküste ein Schiff. 283 illegale Flüchtlinge ertranken, nur sieben erreichten Griechenland. Reste von Kleidung und Körpern gingen später sizilianischen Fischern in die Netze, die alles aber zurück ins Wasser warfen.


Theaterhaus Jena

Die Sinnlichkeit der Sinnlosigkeit

von Hartmut Krug

Jena, 1. November 2007. Der Himmel ist offen und leer über den grauweißen Grobputzwänden einer Zelle, deren sandiger Boden mit Herbstblättern übersät ist. Die Figuren und Schraffuren der Filmbilder, die auf die Rückwand geworfen werden, wirken grau und düster dumpf. Die Szene der Uraufführung von Katharina Schmitts "Knock Out" am Theaterhaus Jena (Bühne: Marsha Ginsberg, Video: Heiko Kalmbach) verstrahlt die gleiche trostlose Hoffnungslosigkeit wie die auf Vorlagen von Polizei- und Medienfotos beruhenden fünfzehn Bilder von Gerhard Richters Zyklus "18. Oktober 1977".


Theaterhaus Jena

Götter im Netz

von Ralph Gambihler

Jena, 11. Oktober 2007. Dass am Theaterhaus Jena die "schöne neue Welt" (Spielzeitmotto) mit dramaturgisch verwertbaren Rissen dargestellt würde, war absehbar – schon weil sie im Singular kaum existieren kann. Jetzt weiß man mehr. Die Uraufführung von "Second Life" macht den Riss zur vorherrschenden Denkrichtung. Denn irgendwie wird alles rissig in diesem Drama unter Frommen: die Wirklichkeit, die Fiktion, der Glaube, die Wissenschaft, das Theater sowieso. Beinahe will einem das ewige Schicksal der Damenstrumpfhose in den Sinn kommen: erst die Laufmasche, dann die Auflösung.


Theaterhaus Jena

Hallo Mami!

von Ralph Gambihler

Jena, 5. Juli 2007.  In Jena sieht die Freilicht-Saison ungefähr so aus: Mit Bier und Pommes sitzt man in einer überraschend ausladenden "Kulturarena", die sich das Theaterhaus seit nunmehr zwölf Jahren – budgetverträglich – von einem eigentlich in Kassel ansässigen Konzertveranstalter vor die Tür setzen lässt. Darin wird allabendlich spektakelt. Außer Sprechtheater gibt es Musik, Film und manches Angebot für Kinder. Das Ganze dauert sieben Wochen und soll 70.000 Besucher anlocken. Die Kontakte zum Wetterdienst werden sich in diesem Jahr wohl festigen.


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