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archiv » Salzburger Festspiele (67)
Salzburger Festspiele

Menschen und Geschöpfe sind zweierlei

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 14. August 2016. Gleißend. Das Wort greift noch viel zu kurz für die überrumpelnde "Lichtüberflutung an der zapfendustersten Stelle in Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige". Gerade dort, wo der Arzt befindet: "Das Licht ist ein Unglück". Diese Stelle – ein paar Sätze lang nur – hat bei den Salzburger Festspielen 1972, bei der Uraufführung des Stücks, einen Skandal sondergleichen entfacht. An der lapidaren Anweisung "die Bühne ist vollkommen finster" und am Nein der Feuerpolizei dazu (sie beharrte auf dem Nicht-Ausschalten des Notlichts), scheiterte damals die Aufführungsserie. Claus Peymann, der das Lichtabdrehen zur Regie-Chefsache erklärt hatte, stand in der Premiere vor versperrtem Elektro-Kasten. Es gab dann aus Protest keine weiteren Aufführungen mehr (nur mehr eine halböffentliche Fernsehaufzeichnung).


Salzburger Festspiele

Allerlei Schauspieler-Strandgut

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 2. August 2016. Den kleinen Handspiegel, mit dessen Hilfe er Ariel auf die Beine, Pardon, in die Lüfte gebracht hat, zerbricht Prospero und vergräbt sein Gesicht danach in den Händen. Machtverzicht fällt schwer, auch am Ende eines Lebens, das philanthrope Einsicht gebracht hat. Da setzt auch schon der Beifall ein. Wie sollte ein Festspielpublikum auch ahnen, dass der alte Insel-Zauberer noch einen – gar nicht so belanglosen – Schlussmonolog hat?


Salzburger Festspiele

Die Dreigroschenoper, die aus dem Popup-Buch kam

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 11. August 2015. Drei Groschen. Darüber wären sie froh, die armen Teufel aus Rumänien, die jeden Tag im Salzburger Festspielbezirk auftauchen. Gut organisiert sind sie, und so kniet vor wirklich jedem Eingang einer oder eine von ihnen. Dass von den Reichen und Schönen einer schon die Geldbörse gezückt hätte, war in den vergangenen drei Wochen nicht zu beobachten. Smoking und Abendkleid schützen wohl vor Versuchung zur Wohltätigkeit.


Salzburger Festspiele

Der Stoff, aus dem das Theater ist

von Thomas Rothschild

Salzburg, 1. August 2015. Die Motive sind aus zahlreichen Stücken bekannt: Zwei Zwillingsbrüder ähneln einander so sehr, ja sie tragen sogar den gleichen Namen, dass sie mit einander verwechselt werden. Was sich mit ihnen zuträgt, wird auf der Diener-Ebene plebejisch verdoppelt. Politische, geschäftliche und erotische Beziehungen werden auf Grund dieser Verwechslungen durcheinander gewirbelt. Daraus ergeben sich komische und zugleich, wenn man sie genau bedenkt, tragische Konstellationen.


Salzburger Festspiele

Frau Clavigo verlässt Herrn Marie

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 27. Juli 2015. Trauerspiel? Ja, das schon noch, auch wenn am Beginn (und am Ende!) alle mit roten Clownsnasen daherkommen und die meisten Szenen vor einem Vorhang im Zirkusdesign spielen. Wenn dieser Vorhang angeblasen wird, wölbt er sich nach vorne. Es sieht so aus, als ob in diesem Theater viel Luft ist.


Salzburger Festspiele

Krieg spuckt Krieg aus

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 26. Juli 2015. Eine propere Dame im luftigen Sommerkleid – Montezuma – erwartet Herrenbesuch. Sichtlich nervös ist sie, rückt im blütenweiß eingerichteten Wohnzimmer noch schnell jedes Buch an die rechte Stelle, kreist immer noch einmal prüfend um Tisch und Sitzgarnitur. Draußen nähert sich Cortez mit einem Strauß Rosen. Eine Eroberung ist angesagt. Er klettert über Autowracks. Verlegene Schritte macht auch er, vor und zurück. Noch wäre Zeit, umzukehren ...


Salzburger Festspiele

Meister Proper dreht durch

von Elisabeth Maier

Salzburg, 22. August 2014. Der Golem des 21. Jahrhunderts putzt die Wohnung und macht Frühstück. In Suzanne Andrades moderner Lesart der jüdischen Legende von der Lehmkreatur des Rabbi Löw, die den Menschen am Ende völlig beherrscht, ist die Fantasiegestalt ein Comic-Held. Die Performerin aus London, die mit ihrem Ensemble 1927 Schnittstellen zwischen Schauspiel und Computeranimation auslotet, entrollt bei den Salzburger Festspielen den atemberaubenden Bilderbogen einer Großstadt im 21. Jahrhundert. Alles in dieser Welt ist automatisiert. Selbst geheiratet wird auf Knopfdruck.


Salzburger Festspiele

Hurra, wir lieben noch

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 17. August 2014. Laut Mozart/Da Ponte waren es allein in Spanien eintausendunddrei Frauen. In Inflationszeiten muss es sparsamer hergehen: Bei Ödön von Horváth sind fünfundzwanzig Frauen hinter jenem Don Juan her, der dem Ersten Weltkrieg entronnen ist. Andreas Kriegenburg, der Ödön von Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg" auf der Halleiner Pernerinsel inszeniert hat – seine erste Regiearbeit für die Salzburger Festspiele – schickt deren neun ins Rennen.


Salzburger Festspiele

Stumme Schreie

von Hartmut Krug

Salzburg, 15. August 2014. Menschenleer die von einem mächtigen schwarzen Kubus beherrschte Bühne. Das Gebilde steht wie eine Bockwindmühle auf einer beweglichen Spitze und schwankt hin und her. Dieser Raum scheint voller Eigenleben und Erfahrungen. Man hört Krach, vielleicht Kriegslärm. Und dann bahnt sich ein in diesem Bewusstseinsraum eingesperrter Mann mit einem Beil den Weg ins Freie. Es ist der Schauspieler Paul Herwig als Georg Trakl, der während des ersten Weltkriegs in einer Nervenklinik in Krakau festgehalten wird. Man untersucht ihn wegen eines Selbstmordversuches im Felde nach schlimmen Kriegserlebnissen im ostgalizischen Grodek.


Salzburger Festspiele

Hand aufs Herz

von Thomas Rothschild

Salzburg, 14. August 2014. Das ist selten geworden: Die Ouvertüre wird bei geschlossenem Vorhang gespielt. Es gibt nichts zu sehen, kein stummes Spiel, keine Aktion. Das Publikum wird ausschließlich der Musik überlassen. Die ist immerhin von Schubert. Da braucht man keine Ablenkung. Nicht einmal in der Oper.


Salzburger Festspiele

Wenn Hades zum Sopransaxophon greift

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 11. August 2014. "Talkie" hat man zu dem sich in den dreißiger Jahren allmählich den Weg bahnenden Tonfilm auch gesagt. Das Little Bulb Theatre hat den Orpheus-Stoff in eine teils grelle, teils verspielte Revue im Paris der Zwischenkriegszeit verwandelt. Optisch reitet man die Stummfilm-Ästhetik zu Tode, aber es ist ein netter "Soundie".


Salzburger Festspiele

Aus dem Museum, im Museum, fürs Museum

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, am 10. August. "Ich möchte der altmodischste Regisseur des 21. Jahrhunderts werden." Den überraschenden Satz hat Alvis Hermanis vorab in einem Zeitungsinterview von sich gegeben. "Gelungen", muss man ihm jetzt, nach der Premiere von Verdis "Il trovatore" bei den Salzburger Festspielen zurufen.


Salzburger Festspiele

Acht halbe Stunden Krieg

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 8. August 2014. 36566 Tage – so viele sind vergangen seit dem verhängnisvollen Attentat auf den Kronprinzen in Sarajewo bis zum Tag der Uraufführung des Stationenstücks mit eben diesem Titel beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele. Dauer: rund 14400 Sekunden, also 2,5 Sekunden pro verflossenem Tag – eigentlich mehr: Was eine kleine Armee von Studierenden des Thomas Bernhard Instituts an der Universität Mozarteum aus dem Thema gemacht hat, täte für sieben Stunden reichen. Das Publikum wird in zehn Grüppchen geteilt, die ziehen herum in zwei Häusern, dem Theater im Kunstquartier und dem nahen k&k-Gebäude, einer ehemaligen Kaserne, wo jetzt die großzügigen Unterrichtsräume des Thomas Bernhard Instituts sind. In den vorgesehenen vier Stunden schaffte der Schreiber dieser Zeilen 8 von 17 Stationen.


Salzburger Festspiele

Krüppel im Karussell

von Michael Laages

Salzburg, 31. Juli 2014. Nicht nur dem zweiten weltumspannenden Krieg des vorigen Jahrhunderts folgte in Deutschland der Epilog auf der Theaterbühne – mit Wolfgang Borcherts bis heute wirkungsstarkem Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür". Dem Beckmann des Uraufführungsjahres 1947 war ein Vierteljahrhundert zuvor, nach dem Ersten Weltkrieg, aber schon "Hinkemann" voran gegangen – im Drama des kriegsfreiwilligen Frontkämpfers Ernst Toller, aus großbürgerlich-jüdischer Familie stammend, kommt der Krieger mit dem sprechenden Namen nicht nur mit der Gasmaskenbrille zurück aus dem Schlachten. Ihn hat es körperlich schlimmer getroffen. Der Mann ist "kein Mann mehr", ihm sind die Genitalien weggeschossen. Überlebt immerhin hat er, und Toller macht kenntlich, warum das Leben kein Leben mehr sein kann.


Salzburger Festspiele

Selbstmörderisch protestieren

von Hartmut Krug

Salzburg, 30. Juli 2014. Ein Soldat wird fotografiert, untersucht und dem Publikum auf einer Leinwand präsentiert. Während der Mann mit unsicherem Charme auf die Krankenschwester reagiert, werden aus dem Off von einer Erzählerstimme authentische Texte eingesprochen. Der Soldat, so heißt es, solle lernen, was Krieg und seine Funktion dabei sind. Und er solle sich bewusst sein, dass er sterben werde.


Salzburger Festspiele

Im Puppenstübchen

von Michael Laages

Salzburg, 29. Juli 2014. "Heiliger Helmut Qualtinger, schau obi!" – der wortgewaltigste Interpret des monströsen Theatertextes aus der Werkstatt des Fackel-Trägers Karl Kraus möge doch bitte herunter schauen auf das Desaster, das da gerade angerichtet werde, trompetete ein besonders empörter Kraus-Verehrer in "Die letzten Tage der Menschheit" hinein; gerade ging das Licht zur Pause an nach zweieinhalb Stunden, und klar war schon da, dass dieser Versuch mit dem grandiosen Anti-Kriegs-Panorama nicht mehr zu retten sein würde. Der Protestrufer mag geahnt haben, dass es in weiteren eineinhalb Stunden kein bisschen besser werden würde – er ist gegangen.


Salzburger Festspiele

Das doppelte Charlottchen

von Thomas Rothschild

Salzburg, 28. Juli 2014. Man muss den Weggang Alexander Pereiras aus Salzburg nicht bedauern, um anzuerkennen, dass die Vergabe von Kompositionsaufträgen zu seinen Verdiensten zählt. Derlei versteht sich ja leider nicht von selbst. In Bregenz hat David Pountney eine ähnliche Strategie der Arbeitsaufträge und Wiederentdeckungen verfolgt. Seine Nachfolgerin Elisabeth Sobotka will in Zukunft darauf verzichten.


Salzburger Festspiele

Indiskrete Rüpel-Bürger

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 20. August 2013. "Entleinwandisierung", was für ein schönes Wort! Ob wir es den Deutsch-Übertitlern verdanken oder ob es sich auf Tschechisch auch so geschraubt anhört? Eine junge Dame sagt es, gleich in einer der ersten Szenen. Sie nörgelt kurz darüber, dass sich viele Theatergruppen heutzutage nicht an ihnen gemäßen Theaterstücken abarbeiten, sondern Filmstoffe auf die Bühne übertragen.


Salzburger Festspiele

Mit Philipp geht die Sonne auf

von Thomas Rothschild

Salzburg, 13. August 2013. Ein "Don Carlo" mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle, Anja Harteros als Elisabeth, Ekaterina Semenchuk als Eboli, Matti Salminen als Philipp und mit Thomas Hampson, der den Posa bereits 2001 in der mit wechselnder Besetzung vier Spielzeiten im Programm aufbewahrten Salzburger Inszenierung von Herbert Wernicke gesungen hat, wie zuvor in der legendären Pariser Inszenierung von Luc Bondy, die übrigens wie die aktuelle Inszenierung von Antonio Pappano dirigiert wurde, wäre überall auf der Welt ein Publikumsmagnet. Aber eine Oper ist, anders als ein Oratorium oder eine Kantate, nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein theatrales Ereignis. Dass in der Oper oft interessantere Regiearbeiten zu finden sind als im Sprechtheater, ist nicht mehr ganz neu. Es hat begonnen, als Gerard Mortier auf die Idee kam, einige der besten Schauspielregisseure in sein Théâtre Royal de la Monnaie nach Brüssel einzuladen.


Salzburger Festspiele

Großvater entert das Matrazenlager

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 11. August 2013. Da hat einer stolze 31 werden müssen, um etwas wirklich Essentielles zu entdecken: Die Liebe zwischen zwei Menschen funktioniert immer und immer wieder! Egal, ob jung oder alt, ob im Orient oder Okzident, ob im Krieg oder im Frieden. Die Rahmenbedingungen scheinen piepegal zu sein. Hauptsache, die Chemie zwischen den beiden stimmt (wenns denn Chemie ist). Und: Sollten die einschlägig zuständigen Verbindungen und Moleküle mal ernsthaft durcheinander geraten, renkt sich die Sache trotzdem oft wieder ein. Auf die Wirkkraft des Sehnsuchts-Bonus kann sich die Liebe nämlich verlassen.


Salzburger Festspiele

Die Sanduhr läuft auch digital

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 6. August 2013. Es wird zunehmend eng für Jedermann, auch wenn alle Nebenrollen beiseite geräumt sind und Philipp Hochmair im Wortsinn schalten und walten kann: Er hat einen Fußtaster. Wenn er den betätigt, leuchtet in roter Schrift auf, wessen Rolle er gerade spricht: Armer Nachbar, Guter Gesell, Schuldknecht, und so fort. Kein Problem also, beim Young Director's Project der Salzburger Festspiele dem von Bastian Kraft zum Einpersonenstück abgespeckten "Jedermann" zu folgen.


Salzburger Festspiele

Trubel in Allegro vivace

von Thomas Rothschild

Salzburg, 3. August 2013. Der beste Moment kommt kurz vor dem Ende. Hippolyta, die nach einer Konvention von derselben Schauspielerin – Karoline Eichhorn – verkörpert wird wie Titania, sieht bei der Bergamesca Zettel, der in Regisseurs Henry Masons eigener, über lange Strecken gereimter Blankvers-Übersetzung in heutigem Deutsch ein Bodenleger ist, an, als wollte sie sagen: "Woher kenne ich den?"


Salzburger Festspiele

Glücksfee Angela Merkel und das EU-Theater

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 1. August 2013. Trau bloß keiner Glücksfee, die aussieht wie Angela Merkel! In deren Outfit stöckelt Maria Happel als Fortuna daher und legt abwartend die Finger zum Karo. Sie plädiert dafür, die größten Lumpen mit ausreichend Geld zu versorgen, auf dass doch noch gute Menschen würden aus ihnen.


Salzburger Festspiele

Anderweltlich

von Martin Pesl

Salzburg, 30. Juli 2013. "Otherworldly", das ist so ein unübersetzbares Wort. "Jenseitig" schlägt das Wörterbuch vor, aber das ist so negativ besetzt wie diese Produktion es bestimmt nicht gerne hätte. Irgendwie aus einer anderen Welt, surreal, so präsentiert sich das scheinbar brüchige, in Wirklichkeit perfekt durchdesignte Live-Bilderbuch des Londoner Ensembles um Regisseurin, Lyrikerin und Storytellerin Suzanne Andrade, das mit seinen Erfolgsshows "Between the Devil and the Deep Blue Sea" und eben "The Animals and Children Took to the Streets" durch Festivals tourt. "So etwas haben Sie noch nie gesehen", verspricht die Homepage. Bescheidenheit wäre auch fehl am Platz bei einer Gruppe, die sich 1927 nennt, weil in diesem Jahr der Film eine Stimme bekam und kein Stein auf dem anderen blieb. Umschalten ist angesagt: Wir sind im angelsächsischen Produktionssystem, es wird perfekt umgesetzt, produziert und beworben, die Show verkauft.


Salzburger Festspiele

Wie ein versteinerter Traum

von Otto Paul Burkhardt

Salzburg, 28. Juli 2013. Fast den ganzen Abend – macht also nahezu 2 ¼ Stunden nonstop – steht sie äußerlich reglos an der Rampe. Ganz in weiß gewandet, aber mit Schwert, später mit schwarzer Kriegsbemalung im Gesicht, noch später voll mit Blut bespritzt. Kathleen Morgeneyer ist Johanna, die "Jungfrau von Orleans". Sie rührt sich nicht vom Fleck, schaut fast durchweg nach vorne, in die Weite, in die göttliche Verheißung. Ist das Theater? Zumindest wirkt es "radikal", wie es ein Reporter noch live beim Schlussbeifall berichtete, in den sich auch ein mittlerer Buhsturm mischte.


Salzburger Festspiele

Joseph Beuys am Hof von König Artus

von Thomas Rothschild

Salzburg, 26. Juli 2013. Ein Bild wie aus Tarkowskis "Stalker". Moos legt sich über aufeinander getürmte Autowracks und, auf der rechten Bühnenhälfte, über Möbel und zwei Frauen. Links ein schäbiger Raum – ist es ein Gefängnis? eine Irrenanstalt? – mit einem Personal wie aus Gorkis "Nachtasyl". Aber wir befinden uns am Hof von König Artus, wie ihn der englische Komponist Harrison Birtwistle in seiner Oper "Gawain" zu einem Libretto von David Harsent in der Inszenierung von Alvis Hermanis imaginiert. Das Opernprogramm der Salzburger Festspiele 2013 ist eröffnet.


Salzburger Festspiele

Kinderbilderbuch-Beerdigung

von Werner Thuswaldner

Salzburg, 20. Juli 2013. Schon Wochen vor der Premiere war in Salzburg und darüber hinaus zu spüren, wie hoch die Erwartungen an die neue Inszenierung von Hofmannsthals "Jedermann" waren. Das hat einerseits mit der großen Tradition zu tun, andrerseits aber auch mit einer Theaterbegeisterung, die kindliche Züge hat. Nach der Premiere heißen die dringenden Fragen: Wie ist er nun, der neue "Jedermann"? Hat er die Kraft, dass er sich über etliche Sommer hinweg im Repertoire der Festspiele wird halten können?


Salzburger Festspiele

Zuviel gedacht

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 27. August 2012. Und nochmal Shakespeare bei den Salzburger Festspielen, nochmal in hübsch-heiterer Verulkung. Da mag man sich auf die Schenkel klopfen – bei "Hamlet", der in ein Straßentheater-Musical verwandelt wird. Gut so, man hat's ja sonst schwer genug im Leben.


Salzburger Festspiele

Spaghetti à la Prospero

von Martin Pesl

Salzburg, 24. August 2012. Guten Morgen in der "brave new world". Fröhliche Musik weckt den Mikrokosmos der sandigen Insel im Paradies. Luftgeist Ariel, der perfekte Kellner, und Sklave Caliban, triebgesteuertes, aber eigentlich wohlmeinendes Monsterchen, verrichten die morgendliche Hausarbeit in der liebevoll chaotisch eingerichteten Strandküche. Miranda stochert missmutig im Sand, weil sie heute dreißig wird und – einsame Insel eben – wieder einmal keine Geburtstagsgäste hat. Vater Prospero, der ja magische Kräfte besitzt, versucht sie mit ein paar Zaubertricks und einem Kuchen aufzuheitern, aber sie scheint halt gerade in einem schwierigen Alter zu sein.


Salzburger Festspiele

Von der Wirklichkeit der Schwärmer

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 24. August 2012. Haben wir es mit einem Parzifal zu tun, mit einem Jung-Siegfried gar? Der reine Tor, der seine Wurzeln nicht kennt, der angehalten ist, nicht zu fragen und der doch aufbrechen muss, um Gewissheit zu bekommen? In seinem neuen Stück führt uns Händl Klaus in archaische Seelengefilde – und ist damit doch mehr als heutig in einer Gesellschaft, in der sich ausblendende (oder ausgeblendete) Väter die normalste Sache der Welt scheinen.


Salzburger Festspiele

Schnörkel- und mitleidlos

von Regine Müller

Salzburg, 20. August 2012. Jakob Michael Reinhold Lenz bezeichnete sein 1776 entstandenes Theaterstück "Die Soldaten" lapidar als "Komödie". Lenz erzählt die Geschichte der unbescholtenen Marie, Tochter eines Galanteriewarenhändlers, die mit dem Tuchhändler Stolzius verlobt ist, aber dann vom Offizier Desportes verführt, fallengelassen und damit dem Untergang preisgegeben wird. Von Soldaten vergewaltigt und vom Vater nicht mehr erkannt endet die Geschändete als Bettlerin.


Salzburger Festspiele

Nullkommanix

von Michael Laages

Salzburg, 18. August 2012. Der Kunst gegenüber hat der Sport ein paar nicht zu unterschätzende Vorteile. Er ist zum Beispiel viel definitiver, was die Urteilskraft betrifft, bis hin zum Foto-Finish, das noch über Hundertstel von Sekunden zu entscheiden vermag. Und beim Eiskunstlauf zum Beispiel zücken Jurorinnen und Juroren nach Pflicht oder Kür unwiderruflich die Tafeln mit der Wertung drauf: Neun-komma-fünf, Neun-komma-acht, in ganz seltenen Fällen auch mal die Zehn. Werden aber richtige Einbrüche, Abstürze oder Nullnummern überhaupt gewertet? Und wenn ja: wie?


Salzburger Festspiele

Je höher die Gipfel, desto tiefer der Sturz

von Michael Laages

Salzburg, 10. August 2012. Auch damals schon hat also Beten eher nicht geholfen. Jedenfalls verlässt der unstet durch die Welt irrende Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz die herzensgute Familie des Pfarrers Fritz Oberlin im elsässischen Steintal nach einiger Zeit wieder, wie sehr sie ihm auch die Ideale der heiligen Familie vorgelebt und wie nachdrücklich ihm der Patriarch in der Landpfarrei auch den rechten Glauben hat einzubimsen versucht. Auf Erden war ihm hier wohl nicht zu helfen, und mit Gott und immer wieder Gott schon gar nicht – Georg Büchner erzählt bekanntlich so vom Aufenthalt des Goethe-Zeitgenossen (und –Widerparts) Lenz in tiefster elsässischer Abgeschiedenheit.


Salzburger Festspiele

Zufriedenheit im Kasperltheater

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 7. August 2012. Im Programmheft bedanken sich die Leute der Nürnberger Puppenspiel-Truppe "Thalias Kompagnons" beim Autor Fitzgerald Kusz "für fränkische Waldbauern-Seufzer". Es sind nicht nur Seufzer, es ist eine beinah komplette Sprachübersiedlung von einem Idiom ins andere. Nur Lorenz, einst Hirte der einen Kuh des armen Bauern Fortunatus Wurzel, scheint dialektmäßig in Wien ein wenig verdorben worden zu sein. Er als einziger weit und breit redet noch so, wie dem Volkstheaterdichter Ferdinand Raimund (1790–1836) – nach in Österreich verbreiteter Ansicht – der Schnabel gewachsen war.


Salzburger Festspiele

In der Freiheitsfalle

von Martin Pesl

Salzburg, 31. Juli 2012. Zuhause in Südafrika inszeniert sie in Garagen, "und jede Menge Leute kommen, uns zuzuschauen". Für das Young Directors Project der Salzburger Festspiele hat Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf der etwa dreißigjährigen Theatermacherin mit dem schmucken Namen Princess Zinzi Mhlongo einen spektakulären Karriereschub verpasst und sie mit Stückauftrag und Budget versehen, ließ sie außerdem ihr gesamtes Team aus jungen Künstlern ihrer Heimat selbst zusammenstellen. "Trapped" – "Gefangen" – so der bei dieser bemerkenswerten Schöpfungsfreiheit ironisch anmutende Titel der dabei entstandenen Uraufführung, mit der das Young Directors Project 2012 im republic nun eröffnet wurde.


Salzburger Festspiele

Independent Boy

von Hartmut Krug

Salzburg, 30. Juli 2012. Der weite Bühnenraum ist aufgerissen bis an die Brandmauer. Vorn liegt ein großer Spielteppich, hinten lehnt eine Gitarre an einem Küchentisch neben dem Herd. Einige Requisiten warten im Hintergrund auf ihren Einsatz, während sich die Spielerschar rund um ein kleines Podest mit Musikinstrumenten schart. Auf dieser Bühne kann es kein Bildertheater wie bei Peter Steins legendärer Inszenierung des "Peer Gynt" aus der Anfangszeit seiner Schaubühne geben, hier wird vor allem demonstrativ erzählt, musiziert und getanzt. Denn auch Irina Brooks Peer sehnt sich heraus aus seiner schäbigen Bauernwelt in den Bergen. Er möchte nicht nur jemand, sondern er selbst werden. Was heute bedeutet: Er will Rockstar werden.


Salzburger Festspiele

Der Traum, kein Leben

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 28. Juli 2012. Der Obrist Kottwitz kommt an der Spitze einer Delegation von Offizieren mit einer Petition zum Kurfürsten. Die Militärs wollen dem Prinzen Friedrich das Leben geschenkt sehen. Der hat zwar gegen den Befehl gehandelt, aber doch eine Schlacht glänzend gewonnen. Der Kurfürst, schlingernd zwischen Menschlichkeit und kriegsrechtlicher Vollzugs-Maschinerie, ist zu dem Zeitpunkt mehr als gesprächsbereit, vielleicht sogar verunsichert, ideologisch angeschlagen gar. Da bricht es aus dem alten Kottwitz heraus, es kommen in ihm urplötzlich die verdrängten Fragen hoch nach persönlichem Engagement, nach Mitverantwortung und Beteiligung. Wahrscheinlich hat Kottwitz sein ganzes Leben nur gebuckelt. Man sieht ihm jetzt die Angst, ja Panik vor der eigenen Courage an, eben das auszusprechen, was er bis dato vielleicht nicht mal zu denken wagte. Hans-Michael Rehberg lässt das in jeder Faser, in jeder Geste spüren und liefert die intensivste Schauspielerszene dieses Abends.


Salzburger Festspiele
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Auf in den Westen, Utopia hinterher!

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 20. August 2011. Von einem "Dunst aus Cocktails, Arbeitslosigkeit und Schulden" ist Joan umgeben – aber unverdrossen glaubt sie trotzdem an ihre Stadt, an ihr Las Vegas. Von diesem Moloch mit beinah zwei Millionen Einwohnern fühlt hingegen Chris sich umzingelt. Sein Haus stand einst irgendwo weit weg vom Stadtrand, in der Wüste. Jetzt, inmitten der Spielcasinos und Hotel-Hochhäuser, fühlt sich der Cowboy-Indianer sehr eigenartig.


Salzburger Festspiele
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Kleine Schwester statt Big Brother

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 18. August 2011. Die junge Schauspielerin, die gegen Ende der Performance kurz in meine Rolle schlüpft und sich einem verdutzten anderen Theatergast als "Reinhard" vorstellt, hat mich eigentlich ganz gut getroffen: ein wenig steif sitzt mein Alter ego (heute sagt man dazu: Avatar) da, ein Einsilbling sondergleichen. Eh wahr: Ich bin einer, der das Herz nicht auf der Zunge trägt, sondern es lieber mit der Schreibfeder aufspießt.


Salzburger Festspiele
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König Kärcher reinigt Wien

von Michael Laages

Salzburg, 17. August 2011. Saubermann macht sauber. Gründlich, mit ganz viel Druck aus dem Wasserschlauch, fetzt er den Dreck aus vielen Jahrzehnten von den Wänden des goldenen Palastes, der ihn umgibt. In Schlieren suppt die dunkle Soße von ganz oben nach ganz unten, Wand für Wand. Auch alles, was menschlicher Müll sein muss in König Kärchers Augen, spült das Wasser weg; hinter all den Typen aus Halb- und Unterwelt jagt Saubermachers Wasserstrahl her, und wer sich nicht eilig rettet, wird weggeduscht.


Salzburger Festspiele
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Und plötzlich allein mit der barbusigen Dame

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 16. August 2011. Denkbar größtes Misstrauen ist angesagt, wenn der Beelzebub mit leuchtend roten Hörndln höchstpersönlich gleich neben dem Gartentor kauert und dem überschaubaren Zuschauergrüppchen einen Drink anbietet. Da werden auch schon die ersten aufgefordert, an der Tür zum "Ehemaligen Haus" zu läuten. Eine Erinnye mit wallend rotbraunem Haar vor dem aschfahl geschminkten Gesicht öffnet, wird für jede der vier Vierergruppen Führerin sein für die nächsten zwei Stunden vierzig.


Salzburger Festspiele
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Ein Traumspiel, was sonst

von Hartmut Krug

Salzburg, 12. August 2011. Leer und düster die Bühne, schwarz die Wände. Ein Mann, den Hocker in der Hand, schafft sich im Erzählen (s)eine erinnerte, gedachte, bedachte Welt. Familiengeschichte und Geschichtsgeschichten fügen sich auf der Bühne zu einer Suchbewegung der Bedeutsamkeit nach einer möglich gewesenen Realität. Doch die Figuren, die sich aus dem Dunkel um den Erzähler, um das Handkesche Ich gruppieren, bebildern sich bis zur Überdeutlichkeit selbst. Sie haben keine Geheimnisse, sind immer nur Erklärungen.


Salzburger Festspiele

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Eine Fahrt im Riesenrad

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 30. Juli 2011. Die einsame Baggerschaufel links im Bühnenhintergrund könnte eine Chiffre sein fürs Leben als Dauerbaustelle. Die ist aber aufgeräumt. Nur noch schwarzbraune Erde ist übrig. Verbrannte Erde? Die vier Menschen, die das Schicksal aus einer Laune heraus aus allen Himmelsrichtungen zusammengeblasen hat, haben "ihre" Story jedenfalls hinter sich. In Satzschnipseln erzählen sie, und bei jeder Wortmeldung, bei jedem stenogrammartigen Dialog  kommt ein kleines Kaleidoskop-Element mehr ins Spiel. Gedanken an Michael Hanekes legendäre "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" schleichen sich ein. Auch bei Schimmelpfennig geschieht ein Überfall. Und ein Mensch stirbt (aber nicht beim Überfall). Den Todesfall sieht die Wahrsagerin schon bald voraus, aber sie ist klug genug, dem Publikum nicht zu verraten, wer es sein wird.


Salzburger Festspiele

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Des Pudels Kern ist ein weißer Fleck 

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 28. Juli 2011. Dieses Ende hätte man nach den acht Stunden nicht erwartet, auch nach d i e s e n acht Stunden nicht: "Alles Vergängliche" des Chorus Mysticus wird zur Musical-Nummer, sanft schunkelnd, während man – unter vielem anderen – Mephistos finales Lamento um die verlorene Seele als rote Leuchtschrift nachlesen kann und die Protagonisten und Statisten ihre Engels- und Phantasie-Puppen im Takt schwenken. Der Faust II endet in den frühen Morgenstunden (bei der Premiere exakt um ein Uhr siebzehn), als ob der Stoff für einen Lloyd-Webber-Bühnenaufguss hätte herhalten müssen.


Salzburger Festspiele

Ein düsterer Klumpen Tod

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 19. August 2010. Zuerst sieht man lange rot. Blutrot. Den Film von einer Geburt, detailreich und Doku-tauglich. Und dann sieht man vor allem schwarz. Irgendwann geht ja doch das Theater los. Von einem toten Raben wird zuerst berichtet, der ein Ei auf der falschen Seite, durch den Schnabel ausscheiden wollte. Und schließlich steht sie - endlich - da, die Hauptfigur dieser so eigenartig verkopften wie verbildlichten Theaterproduktion von den Belgiern Claude Schmitz und Marie-France Collard: "Mary, Mother of Frankenstein".


Salzburger Festspiele

Über Sex spricht man nicht, man hat ihn

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 18. August 2010. Und wenn da der allerhöchste Baum stünde und Hippolytos eilends bis in den Wipfel klettern würde: Es gäbe kein Entrinnen vor Phädra in diesem Moment, da sie dem Stiefsohn ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, nein: aufdrängt, sie ihm entgegenschleudert und ihn beinah zu zermalmen scheint. Mit elementarer Wucht bricht dieses Triebwesen über den fassungslosen jungen Mann herein. Für solche Szenen hat Regisseur Matthias Hartmann auch noch einen Choreographen, Ismael Ivo, beschäftigt. Es ist schon starkes Körper-Theater, wenn Phädra dem Hippolytos das Hemd vom Leib reißt, sich an seiner Hose zu schaffen macht, ihn schlangenartig umschlingt. Kurz: Das ist mehr Vergewaltigung als Liebesgeständnis.


Salzburger Festspiele

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"Tod in Theben" © Arno Declair
Die im Dunkeln sieht man nicht

von Joachim Lange

Salzburg, 11. August 2010. Der Stoff hat es in sich. Immer noch. Auch in Jon Fosses eingedampft nacherzählender Version. Immerhin ermordet Ödipus unwissentlich seinen Vater, heiratet seine Mutter und zeugt mit ihr Kinder, die demzufolge zugleich seine Geschwister sind. Obendrein erzwingt er selbst die Enthüllung dieses Verhängnisses in aller Öffentlichkeit, mit allen Folgen, die das zwangsläufig hat. Das Schicksal des Ödipus und seiner Nachkommen war und ist ein Schocker. Man kann es als Synonym für das Tragische schlechthin nehmen. Dieser Stoff ist, in welcher Version auch immer, per se schon mal großes Theater.


Salzburger Festspiele

Kunstblut zeigen, um Verständnis werben

von Sabine Leucht

Salzburg, 4. August 2010. Schon klar, warum das junge Schauspieler-Kollektiv um den 28-jährigen Sylvain Creuzevault einen Nerv trifft. Oder wer würde derzeit im deutschsprachigen Theater sein Metier mit derselben Elle vermessen wie den Wurzelstock der modernen Demokratie (und umgekehrt) – und dabei mit Verve und im Brustton der Überzeugung streitbare Dinge tun wie übertrieben dramatisch deklamieren oder den "Blutrichter" der Französischen Revolution rehabilitieren wollen? Bei den Salzburger Festspielen hat mit "Notre Terreur" die neue Gemeinschaftsproduktion von D'ores et déjà nach etwa 50 Aufführungen anderswo im Republic Zwischenquartier bezogen.


Salzburger Festspiele

Ein Rechtslüstling und die Seelenlandschaft

von Sabine Leucht

Salzburg, 28. Juli 2010. Die erste Szene ist wunderschön. Ein bodennaher Schlitz in der Rückwand des kleinen weißen Bühnenkastens füllt sich mit Licht. Im Licht sonnen sich nackte Füße, vier an der Zahl. Sie scheinen miteinander vertraut, kosen sich, steigen paarweise aufeinander, dann verschwindet das kleinere Paar in der Luft. Lachen perlt, eine Frau schiebt sich durch den Schlitz und wird vollends sichtbar. Ein Mann kommt ihr auf einem Umweg nach. Die beiden sind hungrig aufeinander, verknoten ihre Körper, brauchen keine Worte. Und dann sagt die Frau - mitten aus der Verknotung heraus: "Als Irene nach dem Rendezvous die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabsteigt, packt sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst..."


Salzburger Festspiele

Der Kasten, das Bett, die Psyche

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 27. Juli 2010. Dem Kasten im Schlafzimmer ist absolut nicht zu trauen. Da kann schon mal ein Mann herauskommen mit Zahnbürste im Mund. In der letzten Szene werden es gleich sieben Zähneputzer sein, die auf diese Weise auftauchen und trotzdem im Kasten auch noch ihre Hemden und Anzüge vorfinden: Schlafzimmerschrank reloaded!


Salzburger Festspiele

Blitzblanke Vitrinenscheiben

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 26. Juli 2010. Da hat Antigone ihren blinden Vater nach jahrzehntelangem Umherirren also nach Kolonos geführt, in den heiligen Hain vor Athen. Darf er sich dort überhaupt niederlassen, der geächtete Alte? In Theben war er ja verstoßen worden, nachdem er, ohne es zu wissen, seinen Vater ermordet, seine Mutter geheiratet und mit ihr Kinder gezeugt hatte. Selbst hat er sich damals geblendet aus Verzweiflung und Selbsthass. Was haben die Götter da bloß angerichtet!


Salzburger Festspiele

Jedermanns Ich-AG auf der Dauerbaustelle der Fun-Gesellschaft

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 25. Juli 2010. Die Buhlschaft. Die Farbe ihres Kleides. Der Ausschnitt. Zwischen den Zeilen wenigstens: die Körbchengröße. Wie laut wird sie beim Abgang schreien? Wenn man den österreichischen Medien jeweils in den Vor-Festspieltagen glauben darf, dann hat die prominenteste Salzburger Nebenrolle etwas Staatstragendes. Nicht mal der "Standard" kommt um eine Doppelseite herum (hatte diesmal mit Marlene Streeruwitz immerhin eine feministische Schriftsteller-Kapazität eingeladen).


Salzburger Festspiele

Hotel mit Schufa-Gefühl

von Michael Laages

Salzburg, 22. August 2009. Was ist das: ein Hotelbesuch? Oder ein Haftantritt? Das Schuhwerk jedenfalls ist an der Garderobe abzugeben. Dafür wird ein Zimmer zugewiesen und der Schlüssel ausgehändigt. Diszipliniert (weil wir ja an der Rezeption immer gehorchen), also auf Socken oder barfuß begeben wir uns ins Kunst- und Erkenntnis-Quartier – gut 30 Stück Publikum in gleich viele Gemächer, von innen nicht abschließbar, sparsam bemessen und noch sparsamer möbliert: ein Bett, eine matte Neonlampe, zum Lesen zu wenig, zum Schlafen zu viel. Wir sollen ja auch weder das eine noch das andere.


Salzburger Festspiele

Hart ins Popcorn gebettet

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 21. August 2009. Kukuruz heißt der Mais auf jenem Feld, mit dem Ilija Trojanow seinen Roman "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" beginnt. Folgerichtig ist die ganze Bühne in Jette Steckels Inszenierung zuerst ein Kukuruz-Feld. Im Mais ist Alexandar geboren, oder – so formuliert es Taufpate Bai Dan, der notorische Spieler, der sich als erster herauswuselt zwischen den mannshohen Halmen - "wie Würfel in die Welt geworfen". Und gleich, ans Publikum gewandt, doziert Bai Dan: "Sie müssen das Beste draus machen."


Salzburger Festspiele

Ein Gespräch im Hause Krapp über ein nicht gelebtes Leben

von Joachim Lange

Salzburg, 9. August 2009. Für so etwas braucht es schon das beruhigende Bewusstsein der eigenen Bedeutung. Mindestens. Peter Handke hat sich auf eine Art von Dialog mit einem Beckett-Klassiker eingelassen. Neben dessen Monolog "Das letzte Band" aus dem Jahre 1958 hat er seinen Text "Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts" gestellt. Es ist auch ein Monolog, der, wenn schon nicht wie eine Antwort, so doch wenigstens wie ein Nachhall daher kommt.


Salzburger Festspiele

Das ständige Da-Sein

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 30. Juli 2009. Es ist eine der großen Schicksals-Szenen in der Antikenliteratur: "Tanzend und singend" ist Agaue (Corinna Harfouch), die Mutter des Theben-Königs Pentheus unterwegs in die Stadt, noch ganz in Trance vom Kult der Bakchen. Einen Löwen glaubt sie zerrissen zu haben. In Wahrheit war es ihr Sohn Pentheus, dessen Haupt sie jetzt stolz vor sich her trägt, zum lähmenden Entsetzen der Bewohner.


Salzburger Festspiele

Das Gift der Entwurzelung

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 28. Juli 2009. Beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele wolle man "Abende schaffen, die durch die Urheberschaft der Regisseure geprägt sind", sagte Theaterchef Thomas Oberender dieser Tage in einem Pressegespräch in Salzburg. Und dem von ihm eingeladenen "Dichter zu Gast" Daniel Kehlmann, der ihm mit seiner Eröffnungs-Festrede ein ideologisch gar schwefelig riechendes Ei gelegt hatte, fuhr er nachträglich recht deutlich übers spießbürgerlich-arglose Plappermaul: "Was könnte Theater heute anderes sein, als Regietheater?"


Salzburger Festspiele

Ein bisschen Hebbel, ein bisschen Holofernes

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 27. Juli 2009. Drei Frauen sind's, die schließlich im Bordell landen: Judith, die Erste, jene Frau, die Hebbels Text im Mund führt (oder wenigstens jene Text-Rudimente, die Hebbel zugestanden werden an diesem Abend). Dann Judith, die Zweite, eine quirlige, reichlich vorlaute Göre, die fürs Heute steht und schon mal hinausschreit: "Ich scheiß drauf … es gibt keinen Gott … ich bin ein Kind des Satellitenfernsehens!" Und dann ist da noch eine dritte, "Juditha triumphans" – die musikalische Hauptrollenträgerin in Antonio Vivaldis Oratorium.


Salzburger Festspiele

Wie ein verwundeter Hund

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 22. August 2008. Warum fühlt es sich für die 41jährige Harper Regan so an, als ob sie wie "ein einziger großer, peinlicher, furchtbarer Klumpen" durchs wenig spektakuläre Leben geht? Mit Mann und Tochter ist die hübsche, elegante Frau nach Uxbridge nahe Heathrow gezogen, in eine Un-Gegend am Rande Londons, wo es sich unauffällig leben lässt. Das scheint notwendig. Denn Ehemann Seth Regan darf nicht arbeiten.


Salzburger Festspiele

Freie Radikale

von Eva Maria Klinger

Salzburg, 15. August 2008. Die Kenntnis des Stückes ist zu empfehlen, ehe man sich der dreistündigen Neufassung von Nicolas Stemann hingibt. Das ungleiche Brüderpaar Karl und Franz Moor ist hier nicht nur eine Person mit zwei Seiten, diese Person ist außerdem noch auf vier Schauspieler aufgeteilt. Schönste Verwirrung! Die vier "FranzKarls" Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp und Alexander Simon sind tolle Kerle in Hemd und Wollpollunder.


Salzburger Festspiele

Wie viele Kondome schützen vor der Weltpolitik?

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 14. August 2008. Fünf Tage – warum nicht sechs oder bloß drei? Es hat mit der Finanzkraft von Minobe und Yukki zu tun. Zweitausend Yen, damit kommt man auf genau diese Zeitspanne im "rabuho", einem Stundenhotel. Sexkontakte in solchen spezialisierten Absteigen sind angeblich ganz normal für junge Japanerinnen und Japaner. Zwei Kondome liegen am Nachtkästchen bereit. "Der nationale Durchschnitt", konstatieren Minobe und Yukki, die deutlich mehr Gummibedarf haben.


Salzburger Festspiele

Vorbereitung auf den Trauerfall

von Heidemarie Klabacher

Salzburg, 11. August 2008. Wenn ich heute beim Spazierengehen nicht auf die Linien zwischen den Pflastersteinen trete, wird morgen mein Flugzeug nicht abstürzen. Wenn ich die Schuhe meines verstorbenen Ehemannes nicht zusammen mit den Hemden und der Wäsche weggebe, wird er wiederkommen: Das ist "magisches Denken". Kinder denken so - oder Verzweifelte.


Salzburger Festspiele

Das fantastische Füllhorn des Lebens

von Eva Maria Klinger

Salzburg, 1. August 2008. Von der Welle der Begeisterung, die die belgische Needcompany auf ihren Tourneen begleitet, wurde auch das Publikum der Salzburger Festspiele mitgerissen. Fast schien Jan Lauwers, der 51jährige Chef der einzigartigen Truppe, vom tobenden Schlussapplaus überrascht, als hätte er solch überbordenden Jubel gerade in Salzburg nicht erwartet. Immerhin hatte das Publikum auf der Perner-Insel sechs Stunden auf Marterstühlen verbracht, in denen man nicht einmal eine Stunde schmerzfrei sitzt. Jedes Glück muss erlitten werden. Und welches Glück bereiten die vielseitigen Künstler mit ihrer Spielfreude und ihrer Intensität!


Salzburger Festspiele

Düster lockender Welten-Abgrund

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 26. Juli 2008. Ein dunkel-düsterer Raum, eine Fußgängerunterführung und am Ende dieses bedrohlichen Tunnels ein Lichtstreifen. Fast unerreichbar fern freilich. Raskolnikow steht erst da mit dem Beil, liegt dann zusammen gekauert, verlottert und vereinsamt auf dem Boden wie ein Sandler. Ein von der Gesellschaft Ausgesonderter. Oder einer, der sich selbst ausgesondert hat? Das wird über fast fünf Stunden lang die philosophische und juridisch-praktische Frage sein.


Salzburger Festspiele

Fit for Fun in Salzburg

von Tomo Mirko Pavlovic

Salzburg, 14. August 2007. Miss Wildcat räkelt sich gegenüber dem dunklen Eingang der altehrwürdigen Katholisch-Theologischen Fakultät. Der Modelkörper auf dem Plakat im Schaufenster ist tadellos glatt und besonders jung. Das Raubtierchendessin auf BH und Höschen umrahmt einen flachen Bauch und verhilft einem bekannten Schweizer Dessouslabel und seiner vielsagend pikanten Lingerie-Linie zum sündigen Auftritt.


Salzburger Festspiele

Feinsinnig kultivierte Selbstzerstörer

von Christoph Lindenbauer

Salzburg, 11. August 2007. Im Grunde ist der Briefroman "Gefährliche Liebschaften" von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782, den Heiner Müller als Vorlage für sein Zwei-Personen-Stück "Quartett" benutzt hat, eine Bankrott-Erklärung der Liebe, der Vernunft und der Zivilisation. Passend zum Jahres-Motto der Salzburger Festspiele 2007 – "Nachtseite der Vernunft" – hat sich Barbara Frey des meistgespielten Müller-Stückes angenommen und diese Text-Kaskade der bestialischen Kultiviertheit inszeniert. Mit Barbara Sukowa und Jeroen Willems in den Rollen.


Salzburger Festspiele

Das kalte Nichts

von Dirk Pilz

Salzburg, 30. Juli 2007. Der alles entscheidende und auch alles erklärende Satz fällt kurz vor Schluss dieses viereinhalbstündigen Abends: "Ich bin", stöhnt ER in sein vor den Mund geschnalltes Mikrofon, "aus Trieb und Glaube gemacht, ein verdammter Mischling." ER ist jener wilde Mix aus Alceste, Don Juan, Tartuffe und Harpagon, den Protagonisten der vier Molière-Stücke "Der Menschenfeind", "Don Juan", "Tartuffe" und "Der Geizige", die hier zu einem Text eingestampft sind: "Molière. Eine Passion", geschrieben von Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Regisseur Luk Perceval.

ER ist dabei der Gravitationspunkt dieser Klassiker-Renovierung. Und ER ist ein Mann: Thomas Thieme, die Gestalt gewordene Nachtseite der männlichen Vernunft. Denn ER ist der Protagonist dieser existenzialistischen Inszenierung, die dort anfängt, wo "Schlachten!", Luk Percevals Shakespeare-Marathon, vor acht Jahren aufhörte. Damals starb Thieme als Dirty Richard, jetzt steht er als Menschenfeind wieder auf.

Vernunft als Leidensgeschichte

Die "Nachtseite der Vernunft" ist auch das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele, das Jürgen Flimm ihnen in seinem ersten Jahr als Intendant verpasst hat. Bei "Molière", dem größten und gewagtesten Projekt der von Thomas Oberender verantworteten Schauspiel-Schiene, wird die Vernunft zur Leidensgeschichte: Ein Mann glaubt an die Liebe ("Menschenfeind") und wird von seinen Trieben heimgesucht ("Don Juan"), worauf er sich in religiöse Fantasien stürzt ("Tartuffe"), um schließlich als Geldgläubiger im Geiz zu ersticken. ER sehnt sich nach Erlösung und findet das "kalte Nichts". Das ist die Essenz dieser Veranstaltung: Jede Sehnsucht bleibt ungestillt, alle ungestillte Sehnsucht stiftet Unheil.

Eine einnehmend schlichte, unwiderlegbare Erkenntnis. Mit Thieme, der nie schauspielert, sondern seine Wut zelebriert. Ein Fleischberg von Mann mit einer Zornesstimme wie aus der Unterwelt. Er spricht nicht, er grunzt und gurrt, er mault, schreit, stammelt. Und manchmal flüstert er. Dann ist sein Seelenschrei am lautesten zu hören.

Der Abend hat drei Teile, die allesamt der strengen Dramaturgie einer Verfallsgeschichte gehorchen: aus einem Welthasser wird ein Zyniker, aus einem Liebessuchenden ein Liebesverächter. ER stirbt als Verlassener, aus irrigem Glauben und heimtückischen Trieben gemacht. So ist das Leben. Am Schluss sitzt Thieme in Windeln gewickelt auf der kahlen Bühne von Katrin Brack. Ein hohler Menschensack, ausgesaugt, leergeredet. Sein letztes Wort ist "Mutter".

Die Zuschauer lächeln

Es gab im Vorfeld der Inszenierung einige Aufregung. Eine Fotoprobe wurde abgesagt, um der Boulevard-Presse kein Futter zu liefern. Thieme schimpfte viel und vernehmbar auf das Theater überhaupt und das bürgerliche in Sonderheit. Man stellte sich im ängstlichen Salzburg auf Publikumsproteste und Sommerskandale ein. Nichts dergleichen geschah. Thieme sitzt onanierend auf der Bühne, die Zuschauer lächeln müde. Er schäumt, die Premierengäste verschränken die Arme. Es wurde zum Schlussapplaus auf der Perner Insel in Hallein, eine halbe Zugstunde von Salzburg entfernt, freundlich geklatscht und ein klein bisschen auch gebuht. Aber zur großen Erregung fehlt es dem Abend an Zündstoff, auch wenn das F-Wort eine hohe Schlagzahl erreicht und das Hardcore-Sprech kein Schimpf-und Schmuddelwort auslässt.

Im Grunde ist die Inszenierung vor allem langatmig und leer. Sie umkreist den immer gleichen Punkt: "Liebe ist Palaver. Liebe ist Papperlapapp. Liebe ist, wenn ich die Liebe verfehle ganz knapp," sagt ER. Dass er seine ungereimten Wahrheiten dabei in leiernden Reimen verkündet, gehört zum Konzept: ER ist der wandelnde Widerspruch. Deshalb liefert der Abend unzählige Liebesdefinitionen, die alle stimmen und nicht stimmen. Und Perceval inszenierte nur dies: das Fehlen einer letztgültigen Antwort auf die Frage, was denn die Liebe sei. Im letzten Teil wird Thieme nur noch das "Liebe ist" rappen. Liebe ist. Aber was ist die Liebe? ER stirbt, Thieme ist erschöpft.

Gegenpol zum Dauerreden

Und die anderen des zehnköpfigen Ensembles? Sind Figurenverschnitte, die sich die Rollen wie Mäntelchen überhängen. Stereotypen, Scherenschnitte aus der Molière-Vorlage. Karin Neuhäuser hat dabei das Zeug zum Anti-Thieme, Thomas Bading darf schön ironisch "Scheiße!" sagen, Patrycia Ziolkowska deutet Melancholie an. Sie alle umlagern den Thieme-Berg wie ehrfürchtige Wanderer den unerreichbaren Gipfel. Es sind Beigestellte, Spiel-Figuren für IHN.

Und über allem fällt immerfort Theaterschnee aus dem Schnürboden. Er bedeckt die großen Boxen und Menschen, hüllt ein, versteckt. Es schneit fast ohne Unterlass. Sieht berückend sentimental aus. Ruft lauter Sehnsüchte hervor. Schnee. Schnee. Schnee. Sein Metier ist das Schweigen, der Gegenpol zum Dauerreden, Singen, Brüllen, Hampeln der Zurschausteller auf der Bühne. "Liebe ist ein Apfelstrudel", sagt Felix Römer einmal. Mehr gibt es zum Thema nicht zu sagen. Der Rest ist Thomas Thieme.

 

Molière. Eine Passion
von Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Luk Perceval
Inszenierung: Luk Perceval, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Ilse Vandenbussche.
Mit Thomas Thieme, Karin Neuhäuser, Thomas Bading, Patrycia Ziolkowska, Stefan Stern, Christina Geiße, Kay Bartholomäus Schulze, Ulrich Hoppe und Felix Römer.

www.salzburgfestival.at

www.schaubuehne.de

 

Offenlegungstatbestand entsprechend den 10 goldenen Grundregeln des Journalismus: Die Schaubühne am Lehniner Platz als Koproduzent der Inszenierung "Molière. Eine Passion" von Luk Perceval hat den Autor für eine Berichterstattung im Vorfeld der Berliner Premiere der Aufführung nach Salzburg eingeladen. Das Theater übernimmt die Kosten für An- und Abreise sowie die Unterbringung. Das Theater nimmt keinen Einfluss auf Art und Weise oder Tendenz der Berichterstattung. Weder der Autor noch nachtkritik.de sind im Gegenzug irgendwelche Verpflichtungen eingegangen.

 

Kritikenrundschau

"Luk Percevals Kompilation der Molièreschen Dramen gelingt das Kunststück, alles, was dort an subtilen Nebendiskursen läuft, zu unterschlagen", beschwert sich Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung (2.8.2007). "Der bei Molière monströse, mit Blut durchpulste Körper der Gesellschaft ist bei Perceval nur noch ein schlapper Schwanz. Mühsam zupft und zerrt Thomas Thieme bei heruntergelassenen Hosen an seinem Glied. Dass dieses kräfteraubende, den schweren Leib zum Wallen bringende Spektakel der Höhepunkt in Percevals Dramaturgie ist, wirft ein bezeichnendes Licht aufs Ganze."

"Das ganze Stück lebt davon, in den Thieme-Schlund ausgiebig hineinzustarren", meldet Peter Kümmel in der Zeit (2.8.2007). "Das ist teilweise hypnotisierend, vor allem aber ist es lähmend." Thieme furzt, er masturbiert, brüllt und trägt am Ende eine Windel. "Liegt da ein Skandal in der Luft? Aber nein! Im Festspielsaal regt sich Heiterkeit.

"Melde gehorsamst und mit Verlaub - Scheiße!" schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (1.8.). "180 Minuten ununterbrochener Plastikschneefall können ganz schön nerven. Diese Klimakatastrophe ist menschenverschuldet." Und über Thomas Thieme: "Er schont weder sich noch uns, verendet erst nach einer rekordverdächtigen Stretta. Da er in der Regel ziemlich entblößt auftritt, erinnert er wegen des am Schweiß haftenden Kunstschnees an einen gut gemästeten, schlecht gerupften Gänserich. Arg werden Thiemes Körperfunktionen strapaziert. Masturbieren auf der Bühne sollte im fortgeschrittenen Mimenalter unbedingt mit Schwerarbeiterzuschlag vergütet werden."

In der FAZ (1.8.) verhängt Gerhard Stadelmaier die Höchstrafe: eine seiner berüchtigten Kurzkritiken nämlich, deren Botschaft lautet, Percevals Molière-Spektakel sei die "Frechheit der Saison".

"Was dieser Aufführung abgeht, sind die Komplexität und der Bogen, um die sie sich doch mit den vier Molière-Stücken so sehr bemüht hat", bedauert Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (1.8.). "Von Charakterzeichnung, Figurenperspektive, Entwicklung oder auch nur überlegtem Aufbau scheinen die Autoren noch nie gehört zu haben. Für zwei Stunden könnte Thieme das vergessen machen. Für viereinhalb sollte Luk Perceval sich nach einem anderen Autor umsehen. So verschleudert Perceval sein szenisches Talent und sein Projekt an Texte, die in ihrem Inneren mehr als hohl sind."

Für Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (1.8.) knüpft Katrin Bracks permanent rieselnder Schnee zwar dort an, wo Percevals "Dirty Richard" in seiner legendären "Schlachten!"-Inszenierung 1999 endete. Doch die Autoren hätten ihrem Protagonisten diesmal jedes Charakterformat und jede Fallhöhe genommen. "Fräulein Bracks Gespür für Schnee erzeugt Eiseskälte, aber schon auch eine gewisse Poesie und eine manchmal fast meditative Stimmung, der man sich dankbar hingibt angesichts dieses heillos leeren Theaterabends, an dem man uns ein großes Nichts als des Kaisers neue Kleider und sabbernde Männerfantasien als Wahrheitssuche verkauft. Und das auch noch mit heiligem Pathos bis an die Grenze zum Kitsch."

Und Margarete Affenzeller schreibt im Wiener Standard (1.8): "Der Text "Molière. Eine Passion" hat mehr mit Xavier Naidoo zu tun als mit Molière. Die Inszenierung dann mehr mit Molière und am allermeisten wohl mit Perceval selbst. Den von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel halsbrecherisch gereimten, tiefen, tiefen Rap lässt der Regisseur in seiner Inszenierung jedenfalls tragödisch verebben, er negiert ihn. Er stellt aber auch nichts an seine Stelle. Wenn Perceval damit die Fallhöhe zwischen Billigreim und Tragödie nutzen wollte, so hat er die Gelegenheit verpasst. Er gelangt mit der mikrofontechnisch jämmerlich unpräzisen Überbringung bei auch noch so viel Schnee nicht an den Gefrierpunkt dieses vertanen Lebens. Alles bleibt, wie bei Sprüchen üblich, an der Oberfläche kleben."


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