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archiv » Theater Vorpommern (5)
Theater Vorpommern

Großes Pfui auf diese sexistische Gesellschaft!

von Annemarie Bierstedt 

Greifswald, 19. November 2016. Markus Voigt ächzt und stöhnt, jammert und klagt. Als Argan, der leidende Kranke von Molière, kriecht er auf der Bühne umher, fingert zittrig wie der Tod mit seinen schwarz behandschuhten Händen durch die Tablettenlöcher. Nach einem "Arzt, Arzt, Arzt!" schreit er. Oh, wie er sich grämt! In seinem schwarzen, mit einem Skelett bedruckten, hautengen Ganzkörperanzug wirkt er ja so schon grotesk. Aber Voigt spielt seine Rolle genial. Zum Glück kann er mit einem der vielen neonfarbenen Klistiere, die er sich in den Enddarm einführt, wenigstens abführen. Und das macht er auf der Bühne, das es nur so qualmt. "Oh!", jammert Voigt und fasst sich an das Hinterteil. Molière hätte seine wahre Freud gehabt mit dieser selbstmitleidigen Kreatur.


Theater Vorpommern

Wie es dem Autor gefällt

von Juliane Voigt

Stralsund, 29. Januar 2015. Es war die "Uraufführung der Autorenfassung", die im Gustav-Adolph-Saal, der kleinen Bühne des Theaters Vorpommern in Stralsund, Premiere hatte. Der Autor Oliver Kluck ließ sich beim Schlussapplaus von den Schauspielern auf die Bühne holen, diesmal gab er also seinen Segen. Die erste Uraufführung des Stücks war im Mai 2013 als "Frankfurter Fassung" ohne den Autor über die Bühne gegangen, nachdem Kluck den Text in der Strichfassung nicht mehr als seinen wiedererkannt und sich von der Inszenierung zurückgezogen hatte.


Theater Vorpommern

Bröckelnder Beton

von Juliane Voigt

Greifswald, 2. Oktober 2014."Schwedt, das ist jetzt nicht das Richtige. Wir schicken Dich in den Urlaub." Die Stimme aus dem Off klingt wie ein netter Onkel. Und dann sagt der auch noch: "Wir sind nämlich gar nicht so." Damit wird der DDR der Stecker gezogen. Ach, die sind gar nicht so. Das war alles gar nicht ernst gemeint? Dass dem Jungen da vorne mit der NVA-Uniform und dem blutenden Gesicht die Seele und vier Jahre Lebenszeit amputiert worden sind?


Theater Vorpommern

Geschichte kennt keine Helden

von Hartmut Krug

Greifswald, 2. Oktober 2008. Ein Schneesturm schließt im Winter 1978/79 das Kernkraftwerk "Bruno Leuschner" in Lubmin bei Greifswald von der Außenwelt ab. Während mehrere Kohlekraftwerke ihre Stromlieferungen einstellen, müssen die Eingeschlossenen der Schicht C alle vier Reaktoren in Betrieb halten. Unbedingt. Weil ihre Schichtablösung in den Schneeverwehungen stecken bleibt, müssen sie die Arbeit mehrere Tage allein schaffen. Die zeitgenössischen Zeitungsausschnitte im Foyer sprechen von Heldentaten. Doch in dem Stück, das nach mehrmonatigen Recherchen und zahlreichen Befragungen von Zeitzeugen als Koproduktion des Theaters Vorpommern mit dem Berliner Produktionskollektiv lunatiks produktion in Greifswald zur Premiere kam, heißt es gleich zu Beginn "Geschichte kennt keine Helden", und eine Figur betont oftmals: "Ich möchte nicht, dass es hinterher heroisiert wird".


Theater Vorpommern
Wenn ein Land kurze Zeit lebt

von Dirk Pilz

Greifswald, 1. Dezember 2007. Es gibt eine Szene, die das Gegenteil dessen beweist, was dieser Abend seinen Zuschauern sonst drei Stunden lang unterstellt. Eine kurze, prägnante, auch berührende Szene. Eva-Maria Blumentrath steht in ihr barfüßig und schulterhängend vorn an der Rampe. Auf ihren Lippen ein stummer Schrei, in ihren Augen kämpft das Entsetzen mit der Fassungslosigkeit. Und ihre Hände erzählen mit einer einzigen Bewegung alles, was geschehen ist und noch kommen mag.


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