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archiv » Theater Osnabrück (39)
Theater Osnabrück

Drei Farben Weiß

von Kai Bremer

Osnabrück, 29. Oktober 2016. Bei der Uraufführung von Stefan Hornbachs "Über meine Leiche" in Osnabrück erinnert man sich schon nach wenigen Momenten unweigerlich an Rimbauds Sentenz "Ich ist ein Anderer". Spätestens nämlich, wenn klar wird, dass Regisseurin Marlene Anna Schäfer dem schlaksigen, in einem weinroten Pullover steckenden Janosch Schulte als krebskranken Friedrich eine Figur als Alter Ego, gespielt von Thomas Halle, zur Seite stellt. Immer wieder spricht auch Halle Passagen von Friedrich, bevorzugt die selbstreflexiven über die Menschen und das Leben an sich. Optisch unterstützt wird das, wenn Halle sein graues Hemd zeitweilig gegen ein T-Shirt in der Farbe von Friedrichs Pulli eintauscht.


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Gogol, Gags und Gulag

von Tim Schomacker

Osnabrück, 20. August 2016. Schöne Theke. Lang und schwarz, mit dunklen Hockern davor. Dahinter Regale mit winzig leuchtendem, mit Transistorradio, Pokal und Fernseher. Daneben ein graues Telefon an der Wand. Mit Wählscheibe. Darüber ein langer schwarz eingefasster Leuchtkörper. Der Wirt ist weg. Verstorben vor drei Wochen, wie sich später herausstellt. Der Schankraum öffnet sich trapezförmig Richtung Publikum. Die Wände in diffus dunklem Grün. Unten gesäumt von dunkelbraunen Paneelen, deren breiter Wandstreifen gelegentlich mit einer Tür von nämlicher Farbe und Maserung nach oben ins Grün hinausgreift. Der Raum ist wichtig, denn dieser Abend hat nur den einen.


Theater Osnabrück

Und es gibt doch ein Happy-End!

von Kai Bremer

Osnabrück, 27. Mai 2016. Die Geschichte der DDR-Kinder von Namibia kennt kein Happy End. Im Dezember 1979 kamen sie auf Betreiben der SWAPO in die DDR. Hier sollten sie zu strammen Pionieren und dann Widerstandskämpfern und politischen Eliten für ihre Heimat herangezogen werden. Als die DDR zusammenbricht, bedeutet das das Ende des Programms und die Kinder werden Hals über Kopf in ihre vermeintliche Heimat gebracht.


Theater Osnabrück

Ein letztes Glas im Sitzen

von Andreas Schnell

Osnabrück, 19. Dezember 2015. Die alten Entertainer sagen, nichts sei so schwer wie leichte Unterhaltung. Noch schwerer ist es, wenn die Bedingungen so ungünstig sind wie bei der Premiere von "Das Abschiedsdinner" in Osnabrück. Weniger, weil die wegen einer Erkrankung des Schauspielers Oliver Meskendahl um eine Woche verschoben wurde, weshalb es nichts mit der deutsprachigen Erstaufführung des neuen Stücks von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière wurde – die fand am vergangenen Sonntag in Karlsruhe statt. Zu allem Überfluss entpuppte sich Meskendahls Unpässlichkeit als so hartnäckig, dass er auch eine Woche später nicht spielen konnte, weshalb Tilman Meyn übernahm, der gerade einmal eine Woche Zeit hatte, sich die Rolle anzueignen. Keine kleine Leistung, zumal er den größten Part übernehmen musste.


Theater Osnabrück

Tapetentragödie

von Kai Bremer

Osnabrück, 8. November 2015. Information ist und macht Politik. Das ist keine neue Erkenntnis, auch wenn sich die Medien der Übermittlung ändern. Friedrich Schiller stand dieser Umstand deutlich vor Augen, als er "Don Carlos" schrieb. In keinem anderen Stück der deutschen Literatur haben Briefe und der Besitz von Briefen, erlauschte Gespräche und der Versuch, Gespräche zu erlauschen, eine größere Bedeutung als in seinem "dramatischen Gedicht".


Theater Osnabrück

Schlaglichter auf die Jetztzeit

von Kai Bremer

Osnabrück, 11. September 2015. Zehn Jahre ist das Osnabrücker Neue-Dramatik-Festival Spieltriebe inzwischen alt. Das wäre durchaus ein Grund gewesen, sich selbst ein wenig zu feiern und ein, zwei Honoratioren für ein paar warme Begrüßungsworte zu gewinnen. Doch auf dem Theatervorplatz wurde gestern Nachmittag zwar eine Rede gehalten, aber nicht vom Bürgermeister, nicht vom Intendanten. Stattdessen sprach ein Vertreter der Globexx Art Foundation darüber, wie gerne sein Unternehmen derartige kulturelle Veranstaltungen unterstütze – Kulturförderungspathos, eine Nuance zu überzogen. So zog man gemächlich weiter, zum Shoppen oder ins Theater, und zuckte kaum zusammen, als es am Ende der Rede noch knallte und ein wenig Lametta in die Luft sauste.


Theater Osnabrück

Im Trümmerfeld

von Michael Laages

Osnabrück, 31. Januar 2015. Der Dichter schaut auf seine Stadt. Tag für Tag und vieldutzendfach – quasi an jeder bedeutenderen Straßenecke in Osnabrück erinnert derzeit das Profil des Schriftstellers Erich Maria Remarque an die bedeutendste literarische Stimme, die von hier aus die Welt eroberte; und wie im Jahr des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren zahlreiche Bühnen Remarques berühmten Roman "Im Westen nichts Neues" neu erarbeiten, so verschrieb sich die Heimatstadt des Autors einem "Stadtprojekt Remarque". In unterschiedlichsten Variationen wird darin vor allem vom Theater seit Beginn der Spielzeit versucht, das Werk des Dichters neu zu erkunden – so mit einem Tanzabend auf der Basis von Remarques berühmten Liebesbriefen an Marlene Dietrich und jetzt mit der Bühnenfassung von Remarques 1956 erschienenem Roman "Der schwarze Obelisk".


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Beleidigung des Glücks

von Jens Fischer

Osnabrück, 24. Januar 2015. Wir befinden uns in den 1970er Jahren. Also flankieren ganz fiesfarbig bekringelte Tapetenmuster den Ort, die Bodenwelle, das Bühnenbild. Kindlich Verspielte und übermütig ineinander Verknallte animiert das zum ganz realen Herunterrutschen – was natürlich auch symbolisch gemeint ist. Denn hinab geht's, eine Beleidigung des Glücks. Wir sollen einer Liebe beim Scheitern zusehen und den Grund dafür in den Traumata eines Flüchtlings erkennen. Nur müsste sie dafür erstmal himmelhoch jauchzen, die Liebe, um dann in einer Lebenssenke losheulen zu können.


Theater Osnabrück

MüllerAssoziationsMaschine

von Kai Bremer

Osnabrück, 14. September 2014. Noch im Schlussapplaus wendet sich die Dame zu meiner Linken zu mir und fragt, ob das Stück bei Heiner Müller auch nur drei Schauspieler habe. Der letzte von ihnen, Stefan Haschke, ist just durch eine Klappe im Bühnenboden entschwunden, das Licht aus einer letzten noch leuchtenden Neonröhre unter der niedrigen Decke wird gerade gedimmt. Die Frage treibt die Dame um. Aber ich muss sie enttäuschen: "So ganz eindeutig hat Müller das nicht geregelt", sage ich knapp.


Theater Osnabrück

Geschichte und kein Ende

von Tim Schomacker

Osnabrück, 17. Mai 2014. Zunächst gibt es für alle weiße Laborkittel. Was die verschiedene Interpretation von Premierengarderobe angenehm einebnet in einem seitlich mit weißen Leinwänden verhängten, im Wesentlichen von Schwarzlicht beleuchteten Bühnenraum. Da steht man dann erst einmal drin. Hat einen Kittel an und darf sich auf die wenigen kleinen weißen Kuben nicht setzen.


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Europäische Doubles

von Kai Bremer

Osnabrück, 14. Dezember 2013. Englische Gegenwartsdramatik ist in der Regel eine Bastion der Kammerspielästhetik: Brav die vierte Wand einziehen, die böse Welt außerhalb durch ein paar Gewaltexzesse und Schimpftiraden ins Haus holen und den Figuren so viele Nuancen gestatten, dass sie ansatzweise als Charakter durchgehen. Autoren wie Simon Stephens, die das gut beherrschen, erlauben sich in ihren Stücken zudem gerne die eine oder andere Spielerei, indem Genrekonventionen durchkreuzt werden und Typen nicht das sind, was sie scheinen. Ein gutes Beispiel dafür ist Stephens' "Three Kingdoms".


Theater Osnabrück

Krieg fordert die Söhne

von Kai Bremer

Osnabrück, 25. Mai 2013. "Mutter" ist das letzte Wort, bevor es dunkel wird. "Mutter" sagt Peter. Die hat ihn verlassen und damit das getan, was eine Mutter auf keinen Fall machen darf. Eben ihr Kind seinem Schicksal überantworten. Erst recht nicht im sowjetisch besetzten Niemandsland nach dem Krieg, in der Hoffnung, dass das Kind irgendwie den Weg zu seinem Onkel findet.


Theater Osnabrück

Verkehrsberuhigte Zone

von Tim Schomacker

Osnabrück, 8. Februar 2013. Verdeckt man Brustwarzen kreuzweise mit Klebeband, liegen Burleske und Protest nah beieinander. Tierrechte, Prostitutionskritik, Krebsvorsorge: Vermehrt taucht der nackte weibliche Körper auch in Protest- oder Kampagnenzusammenhängen auf. Einserseits hat er es als Kritikträger schwer in der durchsexualisierten, kapitalistischen Landschaft, kann sich jedoch andererseits – wie jüngst die so genannten Slut Walks oder ganz aktuell die Berlinale-Berichterstattung zeigen – der Aufmerksamkeit stets sicher sein. Selbst während des konzertiert verweigerten Beischlafs kenianischer Frauen im Bürgerkrieg im Jahr 2009 mochte der Boulevard von "Bild" bis "Spiegel" nicht verzichten auf die auflagemachende Alliteration: "Sex-Streik". Auch bei Rebekka Kricheldorf, die Aristophanes' Lysistrata-Stoff nun beherzt in die Gegenwart zerrt, hat die Macht im Staat nicht nur wer das Bett, sondern auch wer mit Signalreizen die Medienmaschine in Gang zu setzten versteht.


Theater Osnabrück

Die Frage, was Heimat ist

von Kai Bremer

Osnabrück, 7. Dezember 2012. Azar Mortazavi gewann mit ihrem Erstling Todesnachricht immerhin den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis. Auch dessen Uraufführung in Kaiserslautern vermochte insgesamt zu überzeugen. Gestern nun kam ihr zweites Drama "Ich wünsch mir eins" in Osnabrück zur Premiere, seit Jahren ein für seine Lust auf Uraufführungen bekanntes Haus. Erst eine Woche zuvor hatte Pelliers Wir waren hier seine deutsche Erstaufführung. Für den Abend gestern war Annette Pullen verantwortlich, die seit der letzten Spielzeit leitende Schauspielregisseurin ist, und das Theater gerade im Hinblick auf die Qualität der Aufführungen einen deutlichen Schritt voran gebracht hat.


Theater Osnabrück

Rette sich, wer kann (Der Tod)

von Tim Schomacker

Osnabrück, 30. November 2012. Im Grunde geht es um den allerletzten Punkt, der den allerletzten Satz beendet, der eine Lebenserzählung beendet. Wir waren, Punkt. Und sind nun nicht mehr. Wir sind nämlich tot. "wir lassen einen brief im bungalow", berichten der alte Mann und die alte Frau, "denselben gibt's nochmal der liegt in der küche unseres einfamilienhauses / briefe die erklären sollen / unseren akt erklären sollen / damit sie nicht monatelang suchen müssen wenn sie ein auto mit drei leichen im see auffinden / es sind unsere". Punkt.


Theater Osnabrück

Im Wäschegarten der naturalistischen Gespenster

von Tim Schomacker

Osnabrück, 20. Oktober 2012. Kaum merklich bewegen sich die Kleider. In einem Wind, der nirgendwo her kommt. Vier meterlange Kleiderstangen hängen der Höhe nach versetzt hintereinander. Eine Wäschewand. Später offenbart sie ihren Mechanismus. Das Gebilde wird heruntergelassen. Die Klamotten liegen nun fast auf dem Boden, machen Platz für ein Quadrat aus knallweiß lackierten Holzlatten, das sich schauspielend als Wohnung einrichten lässt. Verglichen mit der buntscheckigen Düsternis der Kleiderkammer ändert sich der Gesamteindruck der Spielfläche optisch ums Ganze, wenn Hosen und Hemden heruntergelassen sind.


Theater Osnabrück

altGefühlsmaschinen im Land aus Pappe

von Kai Bremer

Osnabrück, 18. Mai 2012. An sich ist es paradox, aber die zu jung Verstorbenen der deutschen Literatur werden von den Theatern landauf landab gern genutzt, um Bildungsauftrag und den Anspruch, hip und lebendig zu sein, miteinander zu verbinden. Kleist traf das im letzten Jahr, heuer ist Büchner dran. Sein Todestag hat sich Anfang 2012 zum 175. Mal gejährt, sein 200. Geburtstag folgt im nächsten Jahr. Clever also, wer gegen Ende der Spielzeit einen Büchner ins Programm nimmt, mit dem er im Herbst in die neue gehen kann, um dessen fortwährende Aktualität zu behaupten. Auch in Osnabrück verfährt man so.


Theater Osnabrück
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Kammer statt Spiel

von Kai Bremer

Osnabrück, 25. November 2011. Aus den Lautsprechern scheppern, nicht besonders laut, Schlachtlärm und Trommelwirbel. Ein Knall – und ein riesiges schwarzes Tuch wird zur Seite gerissen. Es gibt den Blick frei auf einen Quader, in dem drei Kammern oben, drei unten mit stählernen Wänden und Böden symmetrisch übereinander angeordnet sind. Die Kammern sind just so hoch, dass die größeren der drei Männer oben und der drei Frauen unten sich leicht in diesem metallenen Setzkasten beugen müssen, wenn sie stehen wollen. Selbst beim Schlussapplaus wird Regisseurin Anne Lenk ihren Schauspielern nicht gestatten aus dem Quader herauszutreten.


Theater Osnabrück
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Mehr Roman bitte!

von Kai Bremer

Osnabrück, 15. Oktober 2011. Als 2008 der Roman "Fegefeuer" erschien, war die Resonanz groß. Dass er auf einem zuvor in Helsinki uraufgeführten Stück basiert, wurde in den Rezensionen jedoch nur selten beachtet. Dabei hat Sofi Oksanens "Fegefeuer" im Vergleich zu ihrem konventionell gebauten Drama entschieden weiterentwickelt. Zwar haben beide zwei Handlungsebenen - zum einen die Geschichte der jungen Aliide, die Opfer des Terrors nach dem Einmarsch der Russen in Estland ist und aus Selbstschutz den strammen Stalin-Verehrer Martin heiratet; zum anderen die Geschichte der alten Aliide, die plötzlich vor der Entscheidung steht, ob sie die Prostituierte Zara schützt, die unvermittelt vor der Tür liegt oder sich wieder der männlichen Gewalt ergibt.


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Bikini, Burka, Busengewackel

von Elske Brault

Osnabrück, 2. September 2011. Noch 77 Minuten, dann wird Frau Schirakesch auf dem Marktplatz von Tschundakar gesteinigt. Bis zur Hüfte eingegraben und solange mit Steinen beworfen, bis nur noch Matsch übrig ist, präzisiert Moderatorin Hilda Ludowsky. Sie bereitet mit fünf Gästen eine Schweigeminute für Frau Schirakesch vor – und eine anschließende Gesprächssendung. Denn man müsse "ein Zeichen setzen", "nicht wegschauen". Hinschauen, sprich das Ereignis vor Ort miterleben oder die Fernsehübertragung sehen, darf man aber auch nicht.


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Und noch einmal von vorn

von Heiko Ostendorf

Osnabrück, 3. April 2011. 18 Jahre lang schöpfte niemand Verdacht. Niemand merkte, dass Jean-Claude Romands halbes Leben eine Lüge war, dass er weder Arzt noch bei der Weltgesundheitsbehörde WHO arbeitete und dass er nicht wirklich krebskrank war. Anstatt zur Arbeit nach Genf zu gehen, vertrieb er sich die Zeit mit ziellosen Autofahrten. Sein Leben finanzierte er sich mit von Freunden und Verwandten veruntreutem Geld. Bis hierhin hat diese wahre Geschichte etwas Absurdes und geradezu Komödiencharakter.


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Vom Verwesungsgeruch des Lebens

von Kai Bremer

Osnabrück, den 26. März 2011. Der Rentner Markward (Klaus Fischer) und die alte Schauspielerin Carola (Christel Leuner) stehen vor dem Café Haertel. Hier soll es eine große Kuchenauswahl geben, sagt man. Doch als die beiden Alten die Tür aufstoßen, schlägt ihnen bloß Verwesungsgeruch entgegen. Das Café ist ein Ort, der Hoffnung macht, solange man nur von ihm hört, der aber keine lässt, wenn man ihn betritt.


Theater Osnabrück

Wie das legendäre Atlantis

von Andreas Schnell

Osnabrück, 28. Januar 2011. Am Anfang war die Zunge. Das ist natürlich beinahe biblisch. Aber wenn es um einen Schriftsteller geht, einen großen, einen Nobelpreisträger gar, darf man schon einmal große Worte in Dienst nehmen. Der Schriftsteller ist Elias Canetti, die Zunge, die "gerettete", die seine. Natürlich nicht wirklich: Die Zunge, die da maschinell animiert im Emma-Theater züngelt, würde nie in einen Menschenmund passen.


Theater Osnabrück

Gefangen zwischen Zynismus und Tragödie

von Kai Bremer

Osnabrück, 11. Dezember 2010. Die straff gegelte Blondine bereitet geschäftig ihren Smoothie zu. Ihre schlanken Beine in der Reiterhose ebenso wie das penibel aufgereihte Obst auf dem Tisch vor ihr machen unmissverständlich klar, wie wohlgeordnet ihr Leben ist. Vielleicht hat sie sogar ein wenig Humor: "N' Apfel ist die Mango aus Deutschland!", so scherzt sie, bevor sie unvermittelt eine ungeschälte Kiwi in sich reinschlingt und sich dabei die weiße Bluse einsaut.


Theater Osnabrück

Schaubühne statt Sprechtheater

von Kai Bremer

Osnabrück, 15. Oktober 2010. Auf dem großen Holztisch sortiert das Mündel den Apfel, die beiden Stifte und sein Notizbuch. Dann auch die Zeitung, die der Vormund immer kleiner und kleiner gefaltet hat. Das Mündel sucht seine Ordnung. Der Vormund aber hat genug von dem manischen Verschieben und Neuordnen. Er wirft den aufgerollten Gartenschlauch auf die Anordnung, begräbt sie regelrecht darunter und wie zum Triumph setzt er dem Schlauchhügel seinen Hut auf. Keine Frage, wer der Herr im Haus ist.


Theater Osnabrück

Kastration oder Katerfrühstück

von Andreas Schnell

Osnabrück, 5. September 2010. Nachdem Oliver Bukowski in Hamburg am Rand der Gesellschaft die "Kritische Masse" verortete, sind es in seinem neuesten Stück weniger die Deklassierten als vielmehr vier ganz normale Kleinbürgerinnen, die Existenz zwar mehr oder minder prekär, aber das ist nicht das Entscheidende. Es geht um die Liebe in der zeitgenössischen bürgerlichen Gesellschaft. Wobei Letztere bekanntlich ohne Kapitalismus nicht zu haben ist.


Theater Osnabrück

Last-Minute-Reise zur Känguru-Farm

von Heiko Ostendorf

Osnabrück, 16. Mai 2010. Ein Auftragswerk. Ein Autor. Doch wo ist der Stoff? Dirk Laucke, häufig und gern gesehener Gast am Theater Osnabrück, hat dort zuletzt die Themen für "zu jung zu alt zu deutsch" noch in der niedersächsischen Stadt selbst gesucht und gefunden. Für die neue Uraufführung ist er zurück in seine alte Heimat gegangen. Nur einen Steinwurf von seiner Geburtsstadt Schkeuditz entfernt liegt das Dörfchen Kursdorf, dem der erfolgreiche Jungdramatiker nun mit "Start- und Landebahn" ein Denkmal gesetzt hat, das nun im Osnabrücker emma-Theater von Jens Poth in Szene gesetzt wurde.


Theater Osnabrück

"… weil von niemand nichts Gutes nicht kommt"

von Andreas Schnell

Osnabrück, 21. März 2010. In der Vorstadt herrscht erdrückender Mief. Eine Clique junger Leute vertreibt sich die Zeit mit Biertrinken und gelegentlichem Sex – mal gegen Geld, mal ohne. Die Wundertüten, die sie erwartungsvoll öffnen, enthalten nichts von Reiz. Und nicht einmal das Wochenende bietet nennenswerten Erholungsmehrwert: Die Jugendlichen müssen von einer wöchentlichen Tanzveranstaltung im Dorfkrug träumen.


Theater Osnabrück

Panik, Ekel, Abscheu

von Heiko Ostendorf

Osnabrück, 30. Januar 2010. Diese Stadt ist seit Intendant Holger Schultze das
örtliche Theater übernommen hat, stets für eine Überraschung gut. Festivals, die bundesweite Anerkennung erhalten haben, wurden aus dem Hut gezaubert und talentierte junge Regisseure sowie namhafte ältere Spielleiter konnte das Theater Osnabrück in den letzten Jahren präsentierten. Dass nun kein geringerer als Johann Kresnik in dem Provinzstädtchen die Inszenierung der Uraufführung von Christoph Klimkes Stück "Felix Nussbaum" über den Osnabrücker Maler übernommen hat, überrascht gleichwohl.


Theater Osnabrück

Das falsche Leben der Jugendlichen

von Heiko Ostendorf

Osnabrück, 17. Oktober 2009. Sie agieren im Gleichklang, haben ihre Bewegungen choreografisch genau synchronisiert. Dabei sind sie nur zwei Jungen, Teenager, Möchtegern-Afroamerikaner, die in jeder Bewegung ihren Vorbildern nacheifern. Cool in der Hüfte wippend bei jedem Schritt und lässig bei jedem Wort mit einem Arm die Gangster-Rapper-Geste abspulend. Jannis und Boris sind Kumpels, was ersteren nicht davon abhält sich über den anderen lustig zu machen, der eine Beinprotese trägt.

Theater Osnabrück

Töten, sterben – und feiern mit Dosenbier

von Andreas Schnell

Osnabrück, 24. Mai 2009. 2000 Jahre ist es her, da Arminius, ein Cherusker im Dienste des römischen Kaisers, die Seiten wechselte und dem römischen Heer im heutigen Osnabrücker Land eine vernichtende Niederlage zufügte. Christian Dietrich Grabbe machte daraus das "Nationaldrama" (Grabbe) "Die Hermannsschlacht", ein Werk, das seine Uraufführung 1934 erlebte (weitere tausend Jahre im Sinn). Da war Grabbe schon fast 100 Jahre tot. Die faschistische Rezeption hat sein Werk sogleich nachhaltig desavouiert, weshalb es nach 1945 nicht mehr gespielt wurde. Zum 2000-Jahres-Jubiläum jedoch wird das Stück nun wieder hervorgeholt, das Landestheater Detmold legte im Februar vor, nun zog das Theater Osnabrück nach.


Theater Osnabrück

Germania Anno 2009

von Anne Diekhoff

Osnabrück, 15. Mai 2009. Überall ist Blut. An Gittes Händen, weil sie bei der Arbeit mit Blutkonserven spielt. An Saschas Händen, weil sie sich beim Putzen mit einer benutzten Nadel sticht. Aus Roys Nase läuft es, weil er billigen Koks pfundweise darin hochgezogen hat. Jens hat es im Gesicht, nachdem Roy ihm seine Faust reingedonnert hat, und Lydia zwischen den Beinen, weil sie nun doch nicht mehr schwanger ist.


Theater Osnabrück

Der Angriff des Erfundenen auf das Wirkliche

von Michael Laages

Osnabrück, 23. Januar 2009. Anna Nicole Smith ist schuld. Was für ein Hype um sie im Tode! Um nichts plus Sex plus Drogen. Der Boulevard erschafft sich Mythen ganz von selbst. Oder Paris Hilton. Jeder und jede hat irgendwie-irgendwann-irgendwo diesen Namen schon gehört. Warum? Keine Ahnung. Das ist die eine Seite der Prominenz. Auf der anderen stehen die ungezählten Koryphäen der Wissenschaft, alle wirklich wichtig und mit Nobel- und anderen Preisem geehrt. Trotzdem kennt sie einfach kein Schwein.


Theater Osnabrück

Im Krieg gibt es keine schönen Geschichten

von Dorothea Marcus

Osnabrück, 31. Oktober 2008. Es scheint fast, als würde das Thema in der Luft liegen: gerade erzählt der Film "Anonyma" zum ersten Mal die russischen Vergewaltigungen nach dem Zweiten Weltkrieg im Kino - und nun wird auch noch Erich Maria Remarques einziges zu Lebzeiten aufgeführtes Theaterstück "Die letzte Station" ausgegraben, das die Vergewaltigungen ebenfalls drastisch thematisiert.


Theater Osnabrück

Es geht um das Eine

von Maja Weber

Osnabrück, 14. September 2008. Egomanie und Depression, Frustration und Trägheit sowie deren Kombination sind die Haupmerkmale der fünf Personen in "Die ganzen Wahrheiten". "Das Stück ist dreckiger Boulevard", sagt Sathyan Ramesh selbst. Nichts Menschliches ist den Figuren fremd, das zeigte Ramesh schon bei seiner preisgekrönten Serie "Türkisch für Anfänger". Doch hier geht es um die Existenz – und den Sex, den man dabei hat.


Theater Osnabrück

Der Bengel der Geschichte

von Christian Rakow

Osnabrück, 14. März 2007. "Aber es ist auch kein Wunder, / dass Anni schlecht schläft", sagt Sigrid, eine Frau um die 50, über ihre Mutter. "Sie steht verkehrt herum. / Ich meine, / normalerweise geht man doch rückwärts. / Man hat die Zukunft im Rücken und blickt auf seine Vergangenheit." Ah ja. "Das hab ich in einem Buch gelesen. / Ich weiß aber nicht mehr, / von wem und in welchem Zusammenhang."


Theater Osnabrück
Im Puppenheim der Disziplinarmaßnahmen

von Christian Rakow

Osnabrück, 1. Dezember 2007. Beginnen wir mit dem Erfreulichen. Das Theater Osnabrück wurde, wie bereits vorab verkündet, mit dem Preis der Deutschen Theaterverlage ausgezeichnet für seinen Mut, in beispiellosem Umfang junge, zeitgenössische Dramatik ins Repertoire aufzunehmen. Tatsächlich beweist die Dramaturgie des Hauses noch am Abend der Preisverleihung ihr gutes Händchen. In Joachim Zelters "Schule der Arbeitslosen" treffen wir auf ein Sprachkunstwerk, wie es nicht alle Tage vorkommt, voll rhetorischer Sogwirkung und intellektuell stimulierend.


Theater Osnabrück

In der Konkurrenz von 4000 Jahren  

von Christian Rakow

Osnabrück, 16. September 2007. Sonntag 11.30 Uhr, bei blauem Himmel sind wir zurück in der "Friedensstadt" Osnabrück. Vor dem Theater am Domhof springt eine gelbschwarze Festivalinstallation ins Auge: eine Menschpuppe in einem Gestänge, umschwirrt von Auto, Kaffeemaschine, Faxgerät und anderem zeitgenössischen Hausrat. So sieht er wohl aus, der rasende Malstrom der Jetztzeit. Wohl dem, der Muße hat! 


Theater Osnabrück

Mehr Zeit wagen  

von Christian Rakow

Osnabrück, 14. September 2007. Am Schluss, so gegen 23 Uhr, im Finale "Gegen die Zeit" auf der Hinterbühne des Theaters am Domhof, ist noch einmal alles zu erleben, was diesen ersten Festivaltag in Osnabrück so erfreulich machte: In einer Zeitlupenperformance schälen sich vier Schauspielerpaare aus einer Art verspiegeltem Schildkrötenpanzer, während auf einer Leinwand eine Digitaluhr die Stunden von 17 bis 23 Uhr hochzählt. Die Paare ringen mit- und gegeneinander. Dazwischen vier verspiegelte Matten, in die sich ihr Panzer aufgelöst hat. 


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