zurück zur Übersicht

archiv » Staatstheater Mainz (43)
Staatstheater Mainz

In der Klischee-Falle

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 3. Dezember 2016. Das Performance-Kollektiv She She Pop setzte sich in seiner jüngsten Produktion Fifty Grades of Shame mit Begehren, Scham und Schande auseinander. Kein ganz großer She She Pop-Abend, aber einer, der zumindest mit einigen Humor-Herrlichkeiten und unverfrorenen Unverschämtheiten Lust zu bereiten wusste. Sehr viel reizloser verhandelt jetzt ein kleiner Abend in der Spielstätte U17 am Mainzer Staatstheater das Begehren in seinen heutigen Ausführungen.


Staatstheater Mainz

Panic kills the economy

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 30. Juni 2016. Bei der tödlichen familiären Schlaflosigkeit (FFI), auch letale familiäre Insomnie genannt, folgen auf schlaflose Nächte Schweißausbrüche, Schüttellähmungen und Verrücktheiten aller Art. Bald schon ist an Schlaf gar nicht mehr zu denken. Irgendwann kapituliert der Körper. Die Patienten fallen erst ins Koma, dann sterben sie.


Staatstheater Mainz

The Great Klaviermusik Swindle

von Alexander Jürgs

Mainz, 21. Mai 2016. Der Zuschauerraum bleibt leer. Bei "Traurige Zauberer" sitzt das Publikum auf der Hinterbühne. Der Blickwinkel ist also der, der normalerweise den Darstellern vorbehalten bleibt. Eine einzelne Person taucht zwischen den Stuhlreihen auf, ein Mann in feinem Zwirn, mit Anzug, Fliege und allem Pipapo. Er setzt sich ans Klavier, spielt monoton. Man sieht dazu auf Klappleitern einige alte Tonbandgeräte. Bald hört man, immer mit langen Abständen, ein undefinierbares Klacken, Gelächter, Applaus vom Band. Wie seltsam das alles ist.


Staatstheater Mainz

Die müssen weg hier!

von Marcus Hladek

Mainz, 7. Mai 2016. Auch ’ne Variante für den Showdown: Bei Shakespeare tötet Macduff seit 410 Jahren den Königsmörder Macbeth, und König Duncans Sohn Malcolm tritt das Thronerbe an. Nicht so bei Jan-Christoph Gockel. In seinem "Macbeth" verliert Macduff mittendrin die Lust am Macbeth-Killen, merzt zunächst lieber Duncans Söhne (seine Verbündeten) aus und gibt erst dann Macbeth den Rest. Dann weist er die einladende Geste der Hexen auf den Thron zurück und – erschießt sich.


Staatstheater Mainz

Die ägyptische Stute küsst filmreif

von Alexander Jürgs

Mainz, 23. Juni 2015. Sie flüstern die Sätze, sie zischen es heraus: "How to become a diva?" "How to become a politician?“ Das ist es, worum es Claudia Bauer in ihrer Inszenierung von Shakespeares "Antonius und Cleopatra" geht. Ihre Herrscherin ist vor allem ein Sehnsuchtsobjekt, ein role model, eine Ikone – eine Monroe oder eine Madonna. Die ägyptische Stute wird sie hier genannt. Zu Beginn tragen die sechs frei durch den Stoff tigernden Akteure dieses Abends gediegene Sechziger-Jahre-Klamotten, die auch aus dem Fundus von John Cassavetes "Opening Night" stammen könnten. Ungelenk nehmen sie auf den rotgepolsterten Stühlen Platz und fangen an zu schwärmen. Von der Königin, der wirklich alles gut stehe: Schimpfen, Lachen, Weinen, und sogar der Makel.


Staatstheater Mainz

Nichts ergibt Sinn, schon gar nicht das Leben

von Grete Götze

Mainz, 29. Januar 2015. Kurt Vonnegut, so wagt die Kritikerin in steiler These zu behaupten, kennt heute kein Mensch mehr. Zumindest keiner unter 30. Aber für die, die heute so um die 50 sind, war der amerikanische Autor eine echte Hausnummer. Sein bekanntester Roman, "Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug", in den seine Erfahrungen als amerikanischer Kriegsgefangener während der Luftangriffe auf Dresden einflossen, wurde zum Kultbuch der Vietnamkriegsgegner. Doch Herr Vonnegut ließ sich nicht vereinnahmen. Er schrieb Satirisches, Phantastisches, Eigensinniges, immer vor dem prägenden Hintergrund von Kriegserfahrung.


Staatstheater Mainz

Die erogenen Zonen der Menschlichkeit

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 24. Oktober 2014. Barren, Bock und Bälle, ein Siegerpodest, stapelweise blaue Matten, ein paar Spinde, eine Bank und allerlei Sportzeug mehr: Die Bühne von Nikolaus Frinke versammelt, was vom Turnen übrig bleibt. Das hat sich fürs Sportstück der Französin Lucie Depauw unbedingt angeboten, dient ihr doch das Dopingsystem der DDR als Ausgangspunkt für ihre Geschichte über Transsexualität und Geschlechteridentität. Aus der willigen Sportskanone Lilli wird peu à peu ein Mann, erst unfreiwillig, später mutwillig. Dabei schickt das kurze Stück Mutterliebe und Vaterlandsliebe zusammen in den Kampf.


Staatstheater Mainz

Worte wie Nüsse knacken

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 17. April 2014. Es geht, grob gesagt, um (Ein-)Brüche aller Art: um den Wohnungseinbruch wie den Einbruch eines Virus, das Einbrechen einer Beziehung wie den Bruch mit Konventionen, den Zusammenbruch von Systemen wie den Einbruch in fremde Räume etc. pp. In ihrem Text mit dem schön sperrigen Titel "Die große zoologische Pandemie" umkreist die Mainzer Hausautorin Natascha Gangl ihr Sujet mit spitzfindigem Sprachwitz und jelinekschem Furor. In sechs Kapiteln und einem Abgesang entwickelt Gangl einen ganzen Zoo an Bedeutungen und Verknüpfungen, Referenzen und Assoziationen. Das macht sie pointiert, sprachbewusst und lebensklug. Nicht weniger als der Zustand der kleinen und der großen Welt steht bei ihr auf dem Spiel.


Staatstheater Mainz

Mit Pluderhosen in die ferne Fremde

von Esther Boldt

Mainz, 12. Januar 2013. Nichts entzündet die Fantasie so wie das Fremde: Die Oberflächenerscheinungen anderer Kulturen und Landschaften, unlesbare Chiffren für das Auge des Betrachters, sind dankbare Projektionsflächen für Ängste, Wünsche und Begehren, die mehr vom Eigenen erzählen als vom Fremden. Wie sich Kulturen begegnen und verstehen können, ist im beschleunigt-globalisierten 21. Jahrhundert ein allgegenwärtiges Thema nicht nur für Politiker, Feuilletonisten und Philosophen, sondern auch für die Kunst. Diese durchsuchte in den letzten Jahren beispielsweise mehrfach die koloniale Vergangenheit Europas, um die Erfolgsstory des Westens zu dekonstruieren.


Staatstheater Mainz

Wirbelschleppen bis zur Hysterie

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 23. November 2013. Die Fluglärmdebatte im Rhein-Main-Gebiet bringt ständig neue Worte hervor: Rückenwindkomponente, Wirbelschleppen, Fünf-Knoten-Regelung. Das klingt wie von Loriot ausgedacht, ist aber für die Betroffenen gar nicht lustig. Kathrin Röggla, die in ihren Stücken gern der Wirklichkeit vertraut, war als Mainzer Stadtschreiberin 2012 direkt betroffen, und hat dem Fluglärm ein Auftragsstück gewidmet. Uraufgeführt wurde es im September zur Spielzeiteröffnung in Leipzig.


Staatstheater Mainz

Im Bann der Botoxklone

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 2. Oktober 2013. Diese Julia gibt sich nicht auf und ändert einfach den Text ihres Lebens, indem sie die betreffende Seite aus dem Reclamheft reißt und sich auf und davon macht. Ermöglichten tut das der smarte, wilde Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson. Der entwirft hier wie dort opulente Theaterlandschaften. In Mainz dichtet er Shakespeares trostlosen Liebesklassiker zum überbordenden Emanzipationsstück um, und zwar mit Sinn und Verstand, Chuzpe und Übermut.


Staatstheater Mainz

Gülden quakt das Musterglück

von Marcus Hladek

Mainz, 7. Juni 2013. Kinder und Tiere, hört man von Theaterleuten, sind tendenziell gefürchtet, weil die schönste Schauspielkunst gegen ihren naturwüchsigen Reiz schwer ankommt. In Johannes Hoffmanns "Laichen" auf dem Mainzer Dachtheater-"Deck 3", wo Juliane Kann mitten unter die Zuschauer im Karree einen Swimmingpool aus Leichtmetall mit Schwimmleiter, Startblocks und Riesenschlüssel wie zum Aufziehen einer leblosen Spieluhr stellt, sind die drei Kindstatisten freilich entwaffnet, da sie neben Marcos Eltern Sandra und Herwig (Andrea Quirbach, Tibor Locher) permanent mit auf der Bühne stehen, sitzen, liegen und agieren. Das stumpft denn doch ein Stück weit ab gegen ihre kreatürliche Anmut. Immerhin schlägt sich das kleine Mädchen mit Rouge auf den Wangen, das da im Regenbogenkleid mit monströser Popart-Eiswaffel das "Werden" verkörpert, so gut, dass sie beim Liedersingen und Gedichtrezitieren durchaus verzückt.


Staatstheater Mainz

Ein Depp zum Liebhaben

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 18. April 2013. Das bislang erfolgreichste Stück des 1974 geborenen russischen Dramatikers Alexander Moltschanow heißt schlicht und schön: "Mörder". Uraufgeführt wurde es 2009 beim Moskauer Festival für junge Dramatik, 2011 präsentierte die Berliner Schaubühne es in einer szenischen Lesung, und im vergangenen Jahr war es bei der Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" in Wiesbaden in der Inszenierung des Moskauer Theaters der jungen Generation zu erleben, wo es prompt den Publikumspreis gewann. Und das nicht von ungefähr: Das kurze Stück besticht allein schon mit seiner cleveren Bauweise, die alle Gedanken und Erinnerungen der Figuren sowie die Regieanweisungen zu Dialogen und Monologen formt. Das führt dazu, dass die Figuren ihre Geschichte erzählen, während sie das Drama erleben. Vergangenheit und Gegenwart werden eins, und Imagination und Reflektion treten in Konkurrenz.


Staatstheater Mainz

Allein mit der Tastatur

von Grete Götze

Mainz, 19. Januar 2013. "Wie alt sind wir denn?", fragt Klara Moritz bei ihrem ersten und einzigen Date, bevor sie ihm sagt, dass er ein schrecklich langweiliger, kleinkarierter Mensch sei. "Anfang Mitte dreißig", entgegnet jener. Etwa so alt wie der Protagonist seines Auftragswerks für das Staatstheater Mainz ist auch der neue Mainzer Hausautor Philipp Löhle, seit seinem Erfolgsstück "Genannt Gospodin" (hier die Nachtkritik von der Bochumer Uraufführung) im Jahr 2007 viel beachtet in der Theaterwelt. Der Autor ist bekannt dafür, Figuren mit ihren Haltungen auf komische Weise in Extreme zu treiben. Mit 34 laufe er gerade noch unter dem Label Jungdramatiker, hat er unlängst bei seiner Vorstellung als neuer Mainzer Hausschreiber gesagt. Bald beginnt zwangsläufig die letztmalige Einordnung als Erwachsener, ob man sich nun so fühlt oder nicht.


Staatstheater Mainz

Gier nach Eingemeindung

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 29. November 2012. Die Radikalität und gesellschaftspolitische Schärfe in Fassbinders Stück "Katzelmacher" bringt einen auch heute noch, beinahe 45 Jahre nach seiner Uraufführung, an den Rand der Fassungslosigkeit. Marieluise Fleißer gewidmet und an ihrer Dramatik geschult, entwirft Fassbinder darin eine Welt, in der die Vorstellung den Willen beherrscht. Ein Grieche platzt in einen kleinstädtisch deutschen Kosmos und trifft auf stumpfsinnige Borniertheit mit gemeingefährlichem Potenzial. Der Umgang mit dem Fremden ist dabei auch Ausdruck einer generellen moralischen Verwahrlosung, die sich in Gewalt gegen Frauen wie in der Lieblosigkeit gegenüber der eigenen Person entlädt.


Staatstheater Mainz

Schotengewitter im Höllenschlund

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 12. Oktober 2012. Während die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, muss die Hölle erst noch auf Vordermann gebracht werden: Techniker werkeln an der riesigen Plexiglasscheibe, die wie ein Podest in der Bühnenmitte prangt, ein Helfer marschiert mit Akkuschrauber im Anschlag herein, ein anderer schaut nach dem Rechten, alle wuseln herum, alles wirkt unfertig. Dann stellt sich der Schauspieler Gregor Trakis als Gregor Trakis, Regisseur, Allesspieler und lieber Gott in einer narrenfrei launigen Person an die Rampe und verkündet die Schnapsidee, Dantes Menschheitswerk "Die Göttliche Komödie", immerhin 14.233 Verse, als Theaterabend zu präsentieren.


Staatstheater Mainz

altNach Mexiko und ins All

von Grete Götze

Mainz, 11. Mai 2012. Die Länge der Inszenierung scheint so zufällig wie das Geburtsjahr des Regisseurs Pedro Martins Beja: So wie das Theater Osnabrück 1981 schreibt, die Berliner Schaubühne und das Staatstheater Mainz 1978 und das Schauspiel Frankfurt 1980, so könnte Martins Bejas Inszenierung von Paul Wiersbinskis Text "Autofahrt ins All" wie angekündigt eine halbe Stunde kürzer sein oder noch eine Stunde länger dauern. In diesem wie in jenem Fall kommt rüber: Das ist noch irgendwie jung und ausprobiererisch, mit Kunstnebel und viel Musik.


Staatstheater Mainz

Die Seele hat Insolvenzantrag gestellt

von Shirin Sojitrawalla

alt

Mainz, 30. März 2012. In Lisa Danulats kurzem Stück zum langen Unglück ist das Ich kein Einzelwesen mehr. In dreifacher Gestalt, als junges, altes und eigentliches Ich tritt es in Erscheinung. Auf der Studiobühne des Mainzer Staatstheaters verkörpern die Schauspieler Stefan Graf, Tilman Rose und Mathias Spaan diese Variationen einer gespaltenen Persönlichkeit. In hellen Strumpfhosen mit schwarzen Spitzenleibchen auf der Haut und Lackschuhen an den Füßen demonstrieren sie mit Witz und Verve, was geschieht, wenn der Geist mit einem durchgeht.


Staatstheater Mainz

altDünner Firnis der Zivilisation

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 10. Februar 2012. Womöglich ist ja die weiße Handtasche ein tragbares Symbol für das Scheitern dieser Inszenierung. Offensichtlich aus dem Theaterfundus gekramt, hängt dieses Requisit schlaff an der Schulter der Schauspielerin Lara-Sophie Milagro. Wirft sie ihr Mobiltelefon hinein, antwortet die Tasche bloß mit einem dumpfen Laut, der spricht: Hier ist sonst nichts. Die Tasche ist eine Theatererfindung, wie der ganze Abend.


Staatstheater Mainz
alt

Psychogramm einer zerschundenen Seele

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 9. Dezember 2011. Dass Elfriede Jelinek eine von freiheitsliebenden Regisseuren geschätzte Autorin ist, verwundert nicht, lassen die von ihr verfertigten Textflächen ihnen doch viel Frei- und Spielraum. Dabei entfalten sie ihren ganzen Zauber oftmals erst auf dem Theater. So verhält es sich auch bei ihrer "Winterreise", die im Februar an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt und dieses Jahr auch mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. In Mainz hat der leitende Regisseur des dortigen Schauspiels, Jan Philipp Gloger, aus dem undurchdringlichen Textblock eine zuschauerfreundliche Version destilliert, die dem ungeheuren Sprachwitz und der gern unterschlagenen Selbstironie der Nobelpreisträgerin in eineinhalb Stunden die Bühne bereitet.


Staatstheater Mainz
alt

Der grauenhafte Wille zur Normalität

von Esther Boldt

Mainz, 24. September 2011. Jemand fällt aus der Welt. Hinter ihm knallt die Tür ins Schloss, das fortan kein Schlüssel mehr öffnen will. Das literarische Motiv des aus der Gesellschaft Gestürzten ist vielleicht das häufigste überhaupt, vor dieser Tür saßen schon Antigone, Don Quijote und Werther. Nun sitzt dort Beckmann, pudelnass und hungrig. Strähnig hängt sein Haar ihm ins Gesicht, seine breiten Schultern sind gebeugt, sein Blick ist gebrochen, doch in seiner Stimme liegt ein Trotz, ein großer Einspruch, der sich zur bitteren Weltanklage gegen das Vergessen emporheben wird.


Staatstheater Mainz
alt

"Wetten, dass..." für Boatpeople

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 19. Mai 2011. Hinter dem sonnigen Titel wartet das Elend der Welt. Ein junger Afrikaner vertraut sich einem Schlepper an, der ihn nach Deutschland bringen soll. Der kongolesische Autor Fiston Mwanza schildert Einwanderung als Vabanquespiel. Seit vier Jahren lebt der 1981 geborene Autor in Europa, 2010 war er Stadtschreiber in Graz. Für "Eine Fahrt ans Mittelmeer" erhielt er beim Wettbewerb "Text trifft Regie 2010" des Staatstheaters Mainz und UniT Graz den Preis für das beste Stück.


Staatstheater Mainz

Heute Abend ist das Fräulein komplett verrückt

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 9. Dezember 2010. Unter Robert Borgmanns Händen wird aus August Strindbergs züchtigem Kammerspiel "Fräulein Julie" eine zwei Stunden lang jugendwahnsinnig zugerichtete Zimmerschlacht, in der sich Jean als x-beliebiger Versager und Julie als nicht nur bipolar gestörte Lady Gaga entpuppt. Während Strindberg den Schluss nahe legt, dass sich die Grafentochter Julie nach ihrem Techtelmechtel mit dem Dienstboten Jean mit einem Rasiermesser aus dem Leben befördert, ritzt sich Katharina Knap lustvoll mit dem Messer die nackten Arme rauf und runter.


Staatstheater Mainz

Mit Bespaßungsgarantie

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 19. September 2010. Stell Dir vor, es ist Gegengipfel und kein Schwein schaut zu. So ergeht es den drei leidenschaftlichen Aktivisten im Stück der argentinischen Autorin Laura Fernández. Während in Japan das Gipfeltreffen der G8-Staaten über die Bühne geht, klappen die drei irgendwo im argentinischen Busch, fern von jeglicher Zivilisation, ihre Laptops auf, um aller Welt zu zeigen, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Bloß: Niemand nimmt von ihnen Notiz.


Staatstheater Mainz

Brightons sommerliche Gefühlswelt

von Christopher Scholz

Mainz, 18. Juni 2010. Die Liebe, immer wieder die Liebe. Sie kommt und geht, wie die Gezeiten, wie Sonne und Regen, Tag und Nacht - oder wie Hotelgäste. Letztere bringen sie bestenfalls sogar mit, nehmen sie aber auch wieder mit sich fort. Der Hotelier bietet seinen kurz- oder auch längerfristig Verweilenden einen temporären Hort und ist dabei selbst nicht gefeit vor dem Hin und Her des Herzen, seiner Freuden und seiner Schmerzen - so auch der 35jährige Steve, Besitzer eines Hotels in Brighton, Marine Parade 23.


Staatstheater Mainz

Mäd Mäx oder die dunklen Seiten der Anderen

von Marcus Hladek

Mainz, 11. Juni 2010. "Text trifft Regie" lautet das Arbeitsprinzip der seit 2006 ausgetragenen Autorentag-Reihe des Staatstheaters unter Intendant Matthias Fontheim. Für eine knappe Probenzeit von wenigen Tagen werden junge Regisseure auf Werke junger Dramatiker angesetzt, um deren Stücke an einem einzigen langen, angenehm erschöpfenden Tag der zu Boden flatternden Strichfassungsblätter an allen möglichen und unmöglichen Spielorten im Haus inoffiziell aufzuführen.


Staatstheater Mainz

Mediengenerierte Schauerlandschaften

von Esther Boldt

Mainz, 5. März 2010. Was für ein Mann, dieser Kara Ben Nemsi! Ein vortrefflicher Kerl in Cargohosen und Springerstiefeln, der mit seinem treuen Diener Hadschi Halef Omar durch die Wüste reist. Dort bekommt der Effendi vom Stamme der Nemsi allerhand zu tun, er trifft auf Waffenschmuggler und korrupte Scheichs, Mörder und eine ziemlich abgebrühte Dönerbudenbesitzerin. Als guter Christ gilt ihm Recht vor Rache, und weil Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschuf, glaubt er, dass auch Frauen eine Seele haben.


Staatstheater Mainz

Keine weiße Weste, nirgends

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 3. Februar 2010. Diesem Richard möchte man sich nicht entziehen. Zu wortwitzig ist er, zu unverschämt, zu verführerisch und zu scharfzüngig. Und auch wenn man in einem Moment denkt: was für ein hinterhältiges Aas!, ist man ihm im nächsten schon wieder hoffnungslos ergeben.


Staatstheater Mainz

Wir alle spielen Demokratie

von Marcus Hladek

Mainz, 22. Januar 2010. Dass die Gefängnisse, Spitäler und Polizisten sich ihre Überwachten, Hospitalisierten und Verbrecher erst erschaffen, diesen Gedanken hätte die Generation vor Falk Richter mit postmarxistisch-intellektuellem Entzücken über die Konstruktion der Wirklichkeit und ihrer Ordnungen Michel Foucault zugeschrieben. Solches name dropping kommt Richter zwar nicht in den Sinn. Was er in einem Text zur Uraufführung über die Erfahrungen seiner Generation schreibt, geht aber eindeutig in diese Richtung.


Staatstheater Mainz

Dekubitus im Arschgeweih

von Christopher Scholz

Mainz, 18. Dezember 2009. Mit der Deutschen Bahn kann diese Reise nicht gelingen, so viel steht fest. Gibt man online bei der Reiseauskunft ein zeitlich zurückliegendes Datum ein, erfolgt der Hinweis: Verbindung liegt in der Vergangenheit. So steht es auch auf dem Vorhang geschrieben, der eingangs die Bühne verhüllt. Was er enthüllt, als er gelüftet wird, passt in seinem konfrontativen Wesen durchaus zu dem entschlossenen Ausruf, der dem Stück seinen Namen gibt: "Uns kriegt ihr nicht!" Der scheinbare Garant dafür: Ein Panzer, Typ 2010.


Staatstheater Mainz

Aufgekratzes Beziehungskistchen

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 12. September 2009. Ob es sich anbietet, aus Schnitzlers "Traumnovelle", die sich im Unbewussten suhlt wie in einem ungemachten Bett, ein Stück zu generieren, sei einmal dahingestellt. Fest steht, man muss sich etwas einfallen lassen, auch weil sich vieles in dieser Novelle nur im Kopf der Hauptfigur Fridolin abspielt. Dem jungen Regisseur Jan Philipp Gloger (Jahrgang 1981), der die Theaterfassung gemeinsam mit seiner Dramaturgin Marie Rötzer schrieb, ist eingefallen, seinen Fridolin zu klonen.


Staatstheater Mainz

Wandelndes Warnsystem im Garten

von Esther Boldt

Mainz, 17. Juni 2009. Gefrorene Hummer und Schlüpfer, die durch den Garten schwimmen. Ein entführtes Flugzeug und Kerosin, das aufs Hausdach tropft. Eine Mutter und ihre beiden Töchter nehmen in dieser Nacht Abschied von ihrem Haus unter der Einflugschneise, das verkauft wurde. Und während die Garantie aller elektronischen Geräte auf einen Schlag abläuft und das Wasser im Keller steht, kramen sie in Erinnerungen und stoßen sich hart an der Gegenwart.


Staatstheater Mainz

Schlechtgelaunter Weltekel

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 28. März 2009. Georg Büchner veralbert in seinem Lustspiel "Leonce und Lena" zwei Kinderseelen, die auf ihren Träumen seiltanzen als wären sie das Leben. Zwei träge Schnösel, die mit dem freien Fall kokettieren, den Kopf immerzu anderswo. Sie wollen nichts, und die Langeweile umfängt sie wie ein gemachtes Nest. Alles scheint ihnen entsetzlich sinnlos. Am Ende begeben sie sich dann in ihr Schicksal wie auf ein Kettenkarussel und lassen über ihren übergeschnappten Visionen die Beine baumeln.


Staatstheater Mainz

Wie im Wald ausgesetzt

von Esther Boldt

Mainz, 20. Dezember 2008. Eine Spieluhr klingt und zwirbelt eine Melodie. Sie hat weder Anfang noch Ende, ein süßliches Geklingel für die Ewigkeit. Ähnlich verhält es sich mit den Figuren, die sich im Kreise drehen, sich in schon Bekanntes hineinzwirbeln, ohne dass sich irgendetwas ändert – "Mein Kopf ist Vorführung in Endlosschleife", sagt Marek einmal. In den Stücken der österreichischen Autorin Gerhild Stein verkeilen sich Familienangehörige meist ganz gehörig im Jetztzustand.


Staatstheater Mainz

Das schlechte Gewissen aller

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 19. September 2008. In "Reiz und Schmerz" herrscht Krieg an allen Fronten: Frauen treten gegen Männer an, Demokraten gegen Republikaner, Eltern gegen Kinderlose und Inländer gegen Ausländer. Auf zwei Zeitebenen erzählt Bruce Norris eine Geschichte, die harmlos beginnt: Es ist Thanksgiving und das Ehepaar Clay und Kelly hat die Familie zu Besuch. Die beiden haben es offensichtlich geschafft, sie sind gut situiert. Ihr Wohnzimmer haben sie so eingerichtet, wie solche Leute ihr Wohnzimmer einrichten. Der Fernseher ist groß und flach, das Mobiliar erlesen, die Familienfotos gut gelaunt, und die Sofagarnitur und der Teppichboden sind von dermaßen heller Farbe, dass Fleckenbildung nicht vorgesehen scheint.


Staatstheater Mainz

Weltrettung, weichgespült

von Esther Boldt

Mainz, 18. September 2008. Helden sind durch. Wenn Batman seine Stadt nicht vor einem tollwütigen Clown schützen kann, wie soll dann ein Mann namens Mörchen die Welt retten? Aber Mörchen kann. Und Mörchen wird. Andere denken kleinteilig, kaufen ein paar Quadratmeter Regenwald und gehen in den Biosupermarkt. Bei all der Komplexität heute wissen sie einfach nicht, wo die Revolution stattzufinden hat. Doch Mörchen weiß, was die Stunde geschlagen hat, er hat eine Vision, die er mit pfeilgerader Sturheit verfolgt.

Im TiC, der kleinsten Spielstätte des Mainzer Staatstheaters, ist die Revolution pink und rund. Denn der Mann mit dem niedlichen Namen hat ein Haus gebaut, das schwimmen kann: Bei Hochwasser wird es zur Arche, eine Hydraulik stemmt es über die Wasseroberfläche. Der Beweis, dass der Prototyp funktioniert, steht allerdings noch aus. Ist dieser Mörchen, der auf den großen Regen wartet und damit seine Umgebung ganz kirre macht, nun ein wild herumphilosophierender Spinner oder ein unverstandenes Genie? Peter Lustig oder Daniel Düsentrieb?

Den Klimawandel bei den Hörnern packen!

Wie die Hauptfigur in "Genannt Gospodin", dem vorigen Stück des 1978 geborenen Autors, ist auch Mörchen ein schrulliger, ewig unverstandener Einzelgänger. Gern nimmt Philipp Löhle sich selbsternannte Aussteiger und Systemverweigerer vor. Sie sind tragikomische Figuren, Sympathieträger und Nervensägen mit Niedlichkeits- und Lächerlichkeitstendenz. "Die Kaperer", uraufgeführt von Jette Steckel im März am Schauspielhaus Wien, ist eine boulevardeske Öko-Fabel, deren Heldenidiot den Klimawandel bei den Hörnern packt, während seine Freunde sich in ihrem Alltag sauwohl fühlen.

Mörchen wird sein Meisterwerk nicht überleben. Wenn es sich schließlich aus den Fluten erhebt, ersäuft sein Erfinder im Keller. Löhle dreht achselzuckend Utopielosigkeit, Ökowahn und Gutmenschentum durch die Spaßmühle und guckt, was hinten rauskommt. Das wirkt ungemein aktuell, ist zweifelsohne unterhaltsam und läuft wie am Schnürchen. Einen klaren Standpunkt aber vermeidet das Stück wohlweislich, und diese ironische Offenheit ist Stärke und Schwäche zugleich.

Regisseurin Maria Åberg schafft bei der deutschen Erstaufführung in Mainz zumindest in einer Hinsicht Eindeutigkeit: Mit Mörchen ist alles in Ordnung. Es ist seine Umwelt, die total irre ist. Die einfach keine Ahnung hat, außer vielleicht von Küchenpsychologie. Seine hochschwangere Frau Biene (Katja Hirsch) betrachtet ihren Erfindergatten von Anfang an so, als käme er von einem anderen Stern. Denkt er laut über die tiefere Botschaft des Wassers nach, guckt sie demonstrativ weg und schämt sich. Und spätestens als sie ihn "E-h-e-mann" nennt, das Wort zerdehnt, als sei es fremd und grotesk, ist klar: Das wird nichts.

Das Wasser braucht Respekt

Als die E-h-e-gatten sich dann entzweien und verkündet wird, die Liebe habe einen Sprung erhalten, ist man bass erstaunt: Liebe? War da was? Zwischenmenschliches bleibt abstrakt und fern in dieser Inszenierung, Felix Mühlens Mörchen ist schon immer Einzelkämpfer. In einem weißen Overall, ein Arbeiter im Unschuldskleid, ein blasser Clown mit dunklen Augenringen und Scheuklappen, manisch-froh vorwärts drängend. Er möchte transzendieren, unter die Wasseroberfläche schauen, er hat als einziger verstanden, was das Wasser braucht: Respekt.

Bienes Freundin Nele (Tatjana Kästel) keckert sich minutenlang schief darüber, dass das Haus pink ist – pink! Natürlich ist die Farbe eine thermische Notwendigkeit. Und Freund Arne (Stefan Graf) möchte eigentlich auch nur Normalität – da ist Mörchens Visionärstum mitunter etwas sperrig. Die Kleingeister-Riege Biene, Nele und Arne schmiedet eine Allianz und diagnostiziert fröhlich auf gelben Sitzbällen federnd, wo das Problem ist. Seine Mutter wurde vom Blitz erschlagen, klar will er was gegen Unwetter machen! Und als Biene ihren Gatten mit einem Kabel um den Hals sichtet, wird er umgehend als suizidgefährdet entlarvt.

Lustige Perspektivlosigkeit der 00er Jahre

Wie hysterische Stehaufmännchen springen die Schauspieler durch die Etappen aus Missverständnissen und Kleinrederei, Dialoge werden übereinander geblendet, epische Passagen chorisch gesprochen. Heraus kommt ein schneller, knackiger und ziemlich witziger Theaterabend, an dem Mühlens Mörchen Integrität gewinnt, indem er ein bisschen weniger auf Komödienstadel macht – ein Mann mit einer Mission eben. Am Schluss lässt Åberg es dabei bewenden, dass er bei der einsetzenden Sintflut in den Keller rennt, um die Hydraulik zu lösen und die Tür hinter ihm zuschlägt. Ob die Haus-Arche funktioniert oder nicht, bleibt offen.

Sie ist wirklich spaßig, diese Perspektivlosigkeit der 00er Jahre, in denen alle das Gefühl haben, etwas tun zu müssen, aber ums Verrecken nicht wissen was. Die Zukunft bleibt dunkel, auch in dieser weichgespülten, individualisierten Weltrettung à la Löhle. Wenn gerade schon keine Utopie zu haben ist, kann man wenigstens darüber lachen. Ein Nachgeschmack bleibt.

 

Die Kaperer
von Philipp Löhle (DEA)
Regie: Maria Åberg, Bühne und Kostüme: Marc Thurow. Mit: Felix Mühlen, Katja Hirsch, Stefan Graf, Tatjana Kästel, Daniel Seniuk.

www.staatstheater-mainz.com


Mehr zu Philipp Löhle: Die Kritik zur Uraufführung von Die Kaperer im März in Wien und zu Genannt Gospodin in der Uraufführungsinszenierung in Bochum im Oktober 2007. Und eine Verlagsnotiz zum Autor finden Sie hier.

 

Kritikenrundschau

"Intelligenten Witz, Tempo – und vor allem ein glänzend aufgelegtes Ensemble", bescheinigt Michael Jacobs im Wiesbadener Kurier (20.9.) der Inszenierung, die ihre Komik und ihren sozial-satirischen Impetus seiner Ansicht nach aus der "ständigen Kollision der unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen" bezieht. Zwar hat Philipp Löhles Stück Jacobs zufolge ein paar Schwächen und manches wirkt gar recht konstruiert auf ihn. Doch der "quietschbunten" Inszenierung gelinge es meistens, das wett zu machen.

Weniger gewogen ist Bernhard Doppler der Aufführung im Deutschlandradio (18.9.) Während Löhle für sein Stück zwar sehr gelobt wird, kritisiert Doppler die Inszenierung für die Reduzierung des Personals auf sechs. Auch lote die Regisseurin weder "die Komik, noch die Tragikkomik der Figuren tiefer aus." Daher verdiene das Stück "bald eine weitere Inszenierung – und zwar in größerem Rahmen als im Mainzer Studioformat". Löhles Drama sei aktuell, voll bösem Humor und sehr publikumswirksam. Was wolle man schließlich mehr.

 

 


Staatstheater Mainz

Unaufhaltsamer Paarverfall

von Shirin Sojitrawalla 

Mainz, 11. Juni 2008. Das abgestandene Hotel könnte auch gut und gern ein Bunker sein. Den Fliegeralarm besorgen darin Modellflugzeuge, die hübsch quer über die Bühne schnurren. Wir sind im Hotel "Stefans Hof" in Königswinter – kein Hotel zum großen Glück, sondern eher Gasthof bürgerlichen Elends. Dort hausen drei Paare und Karl, alle waren schon mal irgendwie miteinander verbandelt. Wer aktuell Ehepaar ist und wer nicht, bleibt in dieser Komödie besorgniserregend nebensächlich.

Staatstheater Mainz

100-Millionen-Dollar-Totenschädel

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 17. Mai 2008. Am Ende umschlingt Tasso sein Gegenüber Antonio wie ein Ertrinkender den rettenden Felsen, so dass man den Eindruck haben könnte, er umarme ihn. Der Dichter Torquato Tasso, verkörpert von Florian Hänsel und der Staatssekretär Antonio Montecatino, gespielt von Zlatko Maltar, sind waschechte Antagonisten, äußerlich wie innerlich. Während Tasso sein Hemd aus der Hose hängen lässt und lässig bis nachlässig über die Bühne schlurft, buckelt, kriecht und turnt, trägt Antonio, stets körpergespannt und gerade, sein blütenweißes Hemd ordentlich in der Hose verstaut.

Staatstheater Mainz

Heiter purzeln sie ins Unglück

von Esther Boldt

Mainz, 30. März 2008. Wenn der Intendant die Bühne betritt, bevor es losgeht, kann das nichts Gutes heißen. Matthias Fontheim erklärt, Schauspielerin Verena Bukal habe vor zwei Stunden einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Gespielt werde trotzdem, im Notfall müsse man eben abbrechen. Der Warnschuss hebt die Aufmerksamkeit, doch alles geht gut.


Staatstheater Mainz

Nichts als Gespenster

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 26. Januar 2008. In ihrem neuesten Stück mit dem schönen Titel "Verschwinden oder Die Nacht wird abgeschafft" setzt die junge österreichische Dramatikerin Gerhild Steinbuch fünf mysteriöse Nachtgestalten auf die eigene Umlaufbahn und lässt sie darauf rotieren. In wechselnden Kombinationen bilden sie ohne erkennbaren Zwang Zwangsgemeinschaften, die ihnen helfen, die Schimären der Nacht zu vertreiben. Auf der Suche nach dem längst verlorenen Früher stammeln sie sich durch leergelebte Welten, die ihnen weder Halt noch Absturz gönnen.


Staatstheater Mainz

Die unerträgliche Leichtigkeit des Heilig-Seins

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 7. Dezember 2007. Auf den besten Moment des Abends müssen die Zuschauer drei Stunden lang warten: Dann hält Johanna ihren Schlussmonolog, geht forschen Schrittes in den Bühnenhintergrund und lässt die Tür leise, aber bestimmt ins Schloss fallen. Black. Ein starker Abgang für die Jungfrau von Orleans, die ihr Heil hoffentlich im Jenseits findet.


Staatstheater Mainz
Am Kreuzweg im Pub 

von Esther Boldt

Mainz, 24. November 2007. Dies ist ein Abend der Entscheidungen. Vielleicht. Vielleicht geht aber auch alles weiter wie bisher. Nur der immergleiche Jammer nimmt einen anderen Ton an. In Simon Stephens "Christmas" treffen kurz vor Heilig Abend vier geschundene, einsame Männer in Michaels Pub aufeinander. Generationen übergreifend sind sie aus der Zeit gefallen, ihre Gewohnheiten greifen nicht mehr, aber sie sind nicht imstande, sie zu ändern und sich neue zuzulegen.


Staatstheater Mainz

Die Jungfrau Maria trug keine Hosen

von Esther Boldt

Mainz, 15. September 2007. Inszenierungen nach erfolgreichen Filmen sind en vogue, Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" oder Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon" haben so ihren Weg auf deutsche Bühnen gefunden. Bekannte Filmstoffe sollen, so das Kalkül der Programmpolitik, ein anderes Publikum in die Theater holen. Doch der Transfer glückt nicht immer, und nicht immer macht er Sinn. Mit der Uraufführung von "Requiem" aber ist dem Staatstheater Mainz eine höchst plausible, im besten Sinne schlichte Adaption gelungen.


zurück zur Übersicht