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archiv » Staatstheater Kassel (34)
Staatstheater Kassel

Ein Rätsel, das ein Rätsel spielt

von Andreas Wicke

Kassel, 16. Dezember 2016. Wie spielt man eine Frau, die sich selbst nicht versteht – und die so viele Facetten wie Kleider und Schuhe hat? Die von den Männern vergöttert wird und selbst erstaunt ist, dass sie erst elf Liebhaber hatte. Die kein Geld besitzt, aber von einem Frühstück bei Tiffany träumt. Ein Glamourgirl mit Depressionen, eine "bizarre Romantikerin", die vom "bösen Rot" befallen wird. Holly Golightly gehört sicher zu den Ikonen der Moderne. Und dennoch, wer auf den Kuss im Regen wartet, der am Schluss von Blake Edwards' berühmter Verfilmung das Happy End besiegelt, der wird von der Bühnenfassung Richard Greenbergs enttäuscht.


Staatstheater Kassel

Das Ohne-Worte-Haus

von Michael Laages

Kassel, 10. Dezember 2015. Schwer zu sagen, wer oder was da mehr zu bestaunen war – das Theater in Kassel, nicht immer und notwendigerweise im Zentrum theatralischer Innovation, oder das Publikum, das sich da klaglos einem Experiment ausgesetzt hat, das durchaus auch andere Reaktionen hätte provozieren können ... "Tyrannis" aber, das in allererster Linie wortlose Projekt des noch nicht 30-jährigen Performance-Regisseurs Ersan Mondtag aus Berlin, schafft es immerhin auch jenseits gängiger Theater-Dramaturgien, die Kundschaft über etwas mehr als zwei Stunden hin eng in szenische Vorgänge hinein zu zwingen, deren Sinn und Zweck und Ziel im Nachhinein kaum zu bilanzieren sind.


Staatstheater Kassel

Wahrheit vergiftet Gegenwart

von Michael Laages

Kassel, 8. Oktober 2015. Eine Frau liegt im Koma; sie ist nicht tot, auch im letzten Augenblick des Stückes nicht – aber all die Schuld und Verantwortung, die sich in ihr selbst und um alle in ihrer Nähe gruppiert, hat schon viel Zerstörung gestiftet. Der Mann, der an ihrer Seite war, weiß kaum noch, ob er seine neue Partnerin wirklich liebt; die wiederum, die sich für den Neuen gerade vom vorigen Partner trennt, weiß auch nicht mehr so genau; und dazwischen müssen die schwerst pubertierende Tochter der hin und her gerissenen Frau und eine Angestellte und Vertraute des Mannes mit monströser Schuld auf der Seele weiter leben.


Staatstheater Kassel

Winnetous Erben

von Michael Laages

Kassel, 6. Juni 2015. Gerade trat ja der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer in die Spur seines Landsmanns Peter Handke, der vor drei Jahren (und zum 70. Geburtstag) mit dem renommierten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. Und unübersehbar verbindet sich "die unverheiratete", das Preisträgerstück Palmetshofers gleich in mehrerlei Hinsicht mit "Immer noch Sturm", jenem Handke-Text, der den Dramatiker derzeit heimisch werden lässt wie nie zuvor in den Spielplänen deutscher Bühnen.


Staatstheater Kassel

Das Leben ist woanders

von Petr Manteuffel

Kassel, 10. April 2015. Mit seinem Welterfolg "Verbrennungen", das die schickalshaften Verstrickungen der Beteiligten und Nachgeborenen des libanesischen Bürgerkrieges thematisiert, hat Wajdi Mouawad 2003 ein posttraumatisches Passionsspiel und Reinigungsritual geschaffen, das man am explosivsten in einer nahöstlichen Gemeinde unter Beteiligung der gesamten Anwohnerschaft aufführen müsste. Eine Brücke zum griechischen Drama schlagend, pfropfte er dem Stück freilich im letzten Drittel die Ödipus-Thematik auf, was die Wirkung eher schwächt; der Nahe Osten hat auch ohne Ödipus Probleme genug. Nun hat sich das Kasseler Staatstheater als erstes im deutschsprachigen Raum Mouawads Erstlings "Hochzeit bei Cromagnons" aus dem Jahre 1992 angenommen.


Staatstheater Kassel

Kommune 2015

von Michael Laages

Kassel, 15. Februar 2015.Chancen, Risiken und Nebenwirkungen lauern schon im Untertitel des neuen Stückes von Rebekka Kricheldorf: "Eine Endlichkeits-Clowneske" will die Autorin erzählen. Aha. Also soll es um den Tod gehen, um Sterben und Verschwinden; gleichzeitig aber gehen die Clowns an den Start. Endzeit-Phantasien, aber komisch – damit hat sich die als Autorin unerhört fleißige (und auch schon als Mitglied im Leitungsteam vom Theaterhaus Jena mit allen Bereichen des Bühnenbetriebs erfahrene) Freiburgerin vom Jahrgang 1974 ziemlich viel vorgenommen. Vielleicht ein wenig zu viel.


Staatstheater Kassel

Kein Anschluss unter dieser Handy-Nummer

von Alexander Kohlmann

Kassel, 13. Dezember 2014. Nur kurz fahren die schwarzen Schiebetüren auseinander wie elektrische Türen in einem Krankenhaus. Dahinter ein Gang mit Kacheln und ein Mann mit Krone und grünem Klinik-Leibchen. Dann gehen die Türen wieder zu und der Geist ist verschwunden, als sei er nie dagewesen. Vieles in Gralf-Edzard Habbens Inszenierung deutet darauf hin, dass wir hier drei Stunden lang nur einen Traum von einem Hamlet erleben, der längst in einer geschlossenen Einrichtung sein Dasein fristet.


Staatstheater Kassel

Der erotisierte Wille zur Macht

von Andreas Wicke

Kassel, 23. Mai 2014. Die Partystimmung bei den Krönungsfeierlichkeiten im dritten Akt ist prächtig, Macbeth, der neue König, und seine Frau stehen mit Weingläsern hinter einer Leuchtrampe und feiern ausgelassen mit ihren Gästen. Die Kleiderordnung schreibt Smoking und großes Abendkleid vor. Plötzlich kommt Banquo – besser gesagt der Geist Banquos – als ebenso tänzelnder wie blutverschmierter Tod heiter gestimmt dazu. Er hält sich nicht an die Kleidungsvorschrift, trägt nur ein paar schwarze Shorts und die Schlinge, mit der er ermordet wurde. Spätestens hier schlägt der tyrannische Machtwahn des Titelhelden in existentielle Angst um, auch die finsteren Mächte sind nicht mehr beherrschbar.


Staatstheater Kassel

Endstation Nirgendwo

von Andreas Wicke

Kassel, 7. Februar 2014. Im Mittelpunkt steht das Paar: Er ist Künstler, sie ist lebenshungrig. Er visioniert das absolute Gemälde, sie will Genuss, Gesellschaft, Glamour. Das Thema in Tennessee Williams' 1969 uraufgeführtem Drama "Eine Hotelbar in Tokyo" ist sicher nicht neu, aber die dichte atmosphärische Psychologisierung macht es dennoch zeitlos.


Staatstheater Kassel

Visionen von Johanna

von Andreas Wicke

Kassel, 30. November 2013. "Ich möcht als Reiter fliegen / Wohl in die blutge Schlacht", heißt es in Joseph von Eichendorffs "In einem kühlen Grunde", und mit diesem Gedicht, in wackerem Männerchorsound vom Ensemble gesungen, endet Gustav Ruebs Kasseler Inszenierung der "Jungfrau von Orleans". Blutüberströmt steht Johanna an der Rampe, im Hintergrund wird der Showdown begleitet von all jenen Visionen, die im Laufe des Abends auf Rückwand und Bühnenboden projiziert worden waren.


Staatstheater Kassel

Bänker-Bekenntnisse

von Michael Laages

Kassel, 22. September 2013. Das war dem Stück durchaus nicht anzusehen bei der Uraufführung Anfang des Jahres in Stuttgart – dass es kein Solitär bleiben würde. Der Filmemacher Andres Veiel, im Kino erfolgreich mit "Die Spielwütigen" (über Schauspielstudenten) und "Black Box BRD" (über Leben und Sterben des Bankiers Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams), war ja auch im Theater angekommen seit der Neonazi-Recherche "Der Kick", entstanden einst für Volker Hesses Intendanz am Berliner Maxim-Gorki-Theater in Zusammenarbeit mit Simone Schmidt. Nun hatte er sich unter Führungskräften des Finanzwesens umgehört und aus deren Selbstzeugnissen einen Bühnentext gedrechselt, der im Titel mit einem Zitat von Gudrun Ensslin spielte: "Wer Himbeerreiche anzündet, kann nicht erwarten, deren Früchte zu ernten".


Staatstheater Kassel

Das perfekte Leben

von Leonie Krutzinna

Kassel, 20. September 2013. "Zukunft heißt Glück, heißt zwei Kinder, heißt ein Dach, um die Nacht festzuhalten." Im Staatstheater Kassel steht bürgerliches Familienidyll auf dem Spielplan. Man eröffnet die Saison mit der Uraufführung von Noah Haidles neuestem Stück "Lucky Happiness Golden Express". Doch wo ist das Glück, wenn das Familienoberhaupt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt, die Mutter dement ist und die Töchter zu Neurotikerinnen erzogen wurden?


Staatstheater Kassel

Eineinhalbzimmerwelten

von Michael Laages

Kassel, 11. Mai 2013. Ob wohl die versammelte Dramaturgie am Staatstheater Kassel vor Jahresfrist tatsächlich den Kalender gewälzt und festgestellt hat, dass die letzte Schauspielhaus-Premiere der Spielzeit tatsächlich auf den Abend vor dem Muttertag fallen würde? Denn nichts passt besser zu diesem Feiertag wie "Hase Hase", diese "Mutter ist die Beste"-Farce der französischen Regisseurin und Dramatikerin Coline Serreau. Die war immerhin schon mal für den Oscar nominiert gewesen mit dem Kinofilm "Drei Männer und ein Baby", als sie Mitte der 80er Jahre das Schweizer Theater-Urgestein Benno Besson kennen lernte – und der zauberte die deutsche Fassung von Serreaus Bühnenerstling "Hase Hase" im Mai 1992 im Berliner Schiller Theater derart nachhaltig auf die Bühne, dass das kleine Stück fast vernichtet war: weil kaum jemand sich fortan mehr messen konnte oder mochte mit diesem Meisterstreich.


Staatstheater Kassel

Die Angst der Männer

von Andreas Wicke

Kassel, 10. Mai 2013. Warum im Federschmuck? Die Frage bleibt. Anatol hypnotisiert in der ersten Szene von Schnitzlers Einakterzyklus seine Geliebte Cora, er möchte endlich die Wahrheit erfahren, ob er für sie der einzige Mann ist, ob sie ihn – und sei es nur in Gedanken – je betrogen hat, ob sie ihm wirklich treu ist und ewig treu bleiben wird. Aber er traut sich nicht, immer wieder versucht er, die richtige Formulierung zu finden, doch seine Angst siegt.


Staatstheater Kassel

Auf der Suche nach sich selbst und Europa

von Hartmut Krug

Kassel, 1. Februar 2013. Drei Personen, Vater, Tochter und Enkel, suchen, jeder für sich und alle füreinander, ihren Ort in einer als unbehaust empfundenen Welt. Katja Hensel hat mit "Brüssel brennt, Sorry" ein Familienstück geschrieben, in dem sie die privaten Gefühle ihrer Figuren in politischen Prozessen zu spiegeln sucht. Was ihr mal mehr, mal weniger gut gelingt.


Staatstheater Kassel

Ein Märchen von Männern und Memmen

von Andreas Wicke

Kassel, 23. November 2012. "Wann ist ein Mann ein Mann", möchte man grönemeyern, wenn in Rebekka Kricheldorfs neuem Stück "Testosteron. Eine schwarze Parabel" Männlichkeitsideale hinterfragt werden. Ist er es, wenn er sich als erfolgreicher Arzt mit Freundin und Vater ängstlich in seinem holzgetäfelten Wohnzimmer einigelt und die Sorge um das Böse in der Welt mit bourgeoisem Gutmenschentum übertüncht? Oder ist er es, wenn er furchtlos und gewaltbereit mit testosterongeschwängerter Macho-Attitüde und einem Patronengürtel um den Hals durch die Welt zieht?


Staatstheater Kassel

Abgründiger Traum-Schaum

von Wolfgang Behrens

Kassel, 21. September 2012. Es ist schon ein Kreuz mit diesem Stück! Im "Kaufmann von Venedig" hat Shakespeare die Konflikte gleich klafterweise auf die Rücken seiner beiden Protagonisten geladen: Da ist das Drama des Melancholikers Antonio, der vor lauter Schwermut leichtfertig sein Leben für einen Geliebten aufs Spiel setzt; da ist das Duell zweier Wirtschaftsprinzipien: der realwirtschaftlich agierende Kaufmann Antonio tritt gegen den rein finanzwirtschaftlich ausgerichteten Verleiher Shylock an; und da ist die Tragödie zweier gesellschaftlicher Außenseiter, des Homosexuellen Antonio und des Juden Shylock. Zuletzt ist da aber auch immer dieses vermaledeite Happy End, das nur über die maximale Demütigung Shylocks funktioniert: Der hier offensichtlich wirksame Antisemitismus (der in Shakespeares England seltsam anlass- und anschauungslos war, da Juden dort seit 1290 Ansiedlungsverbot hatten) ist nicht mal eben wegzuleugnen.


Staatstheater Kassel

altGeld oder Liebe, Darlehen oder Darling?

von Andreas Wicke

Kassel, 21. Januar 2012. Was haben eine Liebesbeziehung und der Finanzmarkt gemeinsam? Richtig, beide geraten in Krisen, beide sehnen sich nach Stabilität, aber mehr noch: Wenn sich Menschen über eine Börse kennenlernen, das erste Rendezvous auf einer Bank geplant ist und man sich anschließend in einer Bar trifft, lassen sich Parallelen zur Sprache der Wirtschaft nicht leugnen, zumal man schnell merkt, ob der Angebetete ein falscher Fuffziger ist oder wirklich eine persönliche Note hat.


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Brumm, Kreisel!

von Ulrich Fischer

Kassel, 26. November 2011. Aufgabe des Dramatikers sei es nicht, Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen, schrieb Anton Tschechow in einem Brief, der im Programmheft zu Sebastian Schugs Inszenierung der "Drei Schwestern" in Kassel abgedruckt ist. Ein Kreisel ist bei Schug das bedeutsamste Requisit. Er dreht sich an der Rampe um seine eigene Achse und brummt die Frage in den Mittelpunkt, ob das Immergleiche stets wiederkehrt oder ob es Entwicklungen gibt, vielleicht sogar zum Besseren.


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Systemkritik

von Ulrich Fischer

Kassel, 15. September 2011. Kathrin Rögglas neues Stück "Nicht hier oder die Kunst zurückzukehren" untersucht die zunehmende Unsicherheit unserer Existenz in Deutschland und weltweit. Der Dreiakter beginnt in einem Seminar, das Sandra leitet, "workshopbetreuerin und sozialpädagogin, ehem. Nothilfe und DED, ca. 45". Am Seminar nehmen zwei Frauen und zwei Männer teil, "rückkehrer aus großen internationalen organisationen und unternehmen, die gerade eben nach Deutschland zurückgekommen sind oder kurz davor sind zurückzukehren", wie Röggla in den einleitenden Regieanweisungen erläutert.


Staatstheater Kassel
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Selten sexy

von Alexander Kohlmann

Kassel, 11. März 2011. Sex sells – das gilt offenbar nur eingeschränkt für Justine del Cortes gleichnamiges Stück, das gestern Abend in Kassel doch noch seine deutsche Erstaufführung feiern durfte. Doch noch, weil "Sex" bereits 2008 in Zürich uraufgeführt und dann trotz des werbewirksamen Titels nirgendwo in Deutschland nachgespielt wurde. Und ganz ehrlich: Wer den Text liest, weiß auch warum. Ein bisschen verklemmt und über weite Strecken ziemlich trivial kommen del Cortes zehn Szenen daher, in denen junge und alte Menschen – nun ja – Sex haben und sich davor, dabei und danach auch noch mehr oder weniger kluge Gedanken über das machen, was sie da tun (Kostprobe: "Ich stecke in ihr drin, das gibt es doch nicht").


Staatstheater Kassel

altDie Prekariatspassion

von André Mumot

Kassel, 22. Januar 2011. Kindheit bei Familie Woyzeck? Keine gute Idee. Der kleine Sohn (Lennart Breitenstein) sieht dementsprechend schmal, verhärmt und schmächtig aus in seinem blauen Schlafanzug und lässt eindrucksvoll verstörte Blicke kreisen. Kein Wunder: Bleibt ihm doch bloß ein Vater, der ihn immer wieder mit seinen Weltuntergangsvisionen bedrängt - und, noch viel schlimmer: Mutter Marie. Die will nur rauchen und Techno tanzen und dem Tambourmajor den Kopf unters Unterhemd stecken. Und statt ordentliche Vollwertkost zuzubereiten, stellt sie das Kind mit einer gewaltigen Chipstüte ruhig, die sie ihm zur Bettzeit auch schon mal rüde über den Kopf zieht. Aber wer kann schlafen, wenn die Erwachsenen um einen herum ihre Orgien feiern, sich mit jeder Menge Bier übergießen und ein brünstiges "Fuck The Pain Away" zum Partymotto machen?


Staatstheater Kassel

Ihr seid der neue Kolonialismus!

von André Mumot

Kassel, 3. Oktober 2010. Man muss gleich Entwarnung geben: Rebekka Kricheldorfs neues Stück hat seinen Titel "Robert Redfords Hände selig" nicht, weil jener ewig blonde Beau das Zeitliche gesegnet hätte. Betrauert wird hier nur seine Filmfigur aus "Jenseits von Afrika" – und das romantische Prinzip, für das sie stand.


Staatstheater Kassel

Wie schön das ist: Betroffenheit

von André Mumot

Kassel, 12. Juni 2010. Ach, guck! Da ist es ja schon wieder, das Stück der Stunde. Wir werden es jetzt öfter sehen, landauf, landab, das ist klar. Beweist es doch, dass ein bisschen schwanger nach wie vor nicht geht, ein bisschen unbequem aber durchaus. Schimmelpfennigs "Der Goldene Drache", jüngst mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, schlägt jetzt in Kassel auf und hat sich gar nicht groß verändert, seit es beim Theatertreffen reüssierte und auf 3sat ausgestrahlt wurde. Was sich auf dieser Studiobühne abspielt, sieht der Burgtheater-Inszenierung des Autors in seiner ganz aufs Wesentliche reduzierten Schlichtheit jedenfalls immer wieder zum Verwechseln ähnlich.


Staatstheater Kassel

Ein Himmel ohne Weisheitswolken

von André Mumot

Kassel, 12. März 2010. "Na, was ist denn nun eigentlich Kunst?", fragt der Dichter. Antwort aber gibt Antonio, der Ignorant. Er stellt sich das zum Beispiel so vor: "Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke/ Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen." Gemeint ist damit das Vorbild Ariost, aber es drängt sich der Gedanke auf, Goethe habe in einem Anflug biestiger Selbstironie bei diesen Worten vor allem an sich selbst gedacht und an das eigene Stück: An "Torquato Tasso", jenes streng zeremonielle, fünfaktige Bühnengespräch, das so reich ist an zitierfähigen Einzelsentenzen und so arm an szenischem Leben.


Staatstheater Kassel

Was brauchen wir die Dichtung?

von André Mumot

Kassel, 20. Juni 2009. Dass Elfriede Jelinek in Paula Wessely alles gesehen hat, was an einer Schauspielerin künstlerisch und menschlich verderbt sein kann, weiß man ja. Deshalb tritt sie bei ihr auch als abscheulich eitle Volksverführerin, als "Erlkönigin" auf und macht gleich klar, dass ihr die Theaterautoren gestohlen bleiben können: "Die Dichter müssen immer erst schauen, wie die Menschen sich verhalten. Dann erst können sie über sie schreiben. Da schreibe ich mich gleich selbst!"


Staatstheater Kassel

Zuhause ist's immer am Schlimmsten

von André Mumot

Kassel, 8. Mai 2009. Alles so schön altdeutsch hier und so schön morsch. Die Bühne ist voller Gebälk, schwerer Streben und verstreuter Planken auf dem Boden. In der einen Ecke steht, neben verstaubten katholischen Ikonen, ein mannshohes Kreuz, in der anderen ein abgewetzter Sessel. Hinten gibt es einen Baumstumpf, vorn einen Hackklotz mit einzelnen Scheiten. Und eine liebevoll gedeckte Kaffeetafel steht auch schon bereit.


Staatstheater Kassel

Fallen in der Dunkelheit

von Michael Laages

Kassel, 13. März 2009. Tatsächlich liegt ja zu Füßen des Urban-Krankenhauses mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg ein Schiff vor Anker. Als Restaurant mit gut sortierter Frühstücks-, Mittags- und Abendkarte macht es eine kleine Bucht im Landwehrkanal zum angesagten Ausflugsziel für die nähere Nachbarschaft. Kann sein, dass akkurat hier die Idee entstanden ist zum jüngsten Theaterstück der Freiburger Autorin Rebekka Kricheldorf, geschrieben im Auftrag des Staatstheaters in Kassel – was geschieht, wenn das Restaurant- und Party-Schiff eines Tages mal ablegt, könnte sie sich bei einem langen Sonntagsfrühstück gefragt haben. Und was, wenn das Schiff dabei vom Landwehrkanal direkt aufs weite Meer geriete - womöglich noch in schwere See?


Staatstheater Kassel

Wie im Rausch

von Michael Laages

Kassel, 13. September 2008. Die Gäste verstanden kein Wort. Kein Wunder: Sie kamen frisch aus Brasilien und sahen erstmals eine Aufführung der Volksbühne in Berlin – "Verbrechen und Strafe", wie Fjodor Michailowitsch Dostojewskis ehedem "Schuld und Sühne" betitelter Roman in neuer Übersetzung und kriminologisch korrekter hieß. In Frank Castorfs Fassung kämpfte sich vor gut vier Jahren Martin Wuttke noch einmal durch eines dieser ortsüblichen Monstren aus Text und Exaltation. Und rat- und ahnungslos hätten die BrasilianerInnen wohl auch dann noch vor diesem Exorzismus gesessen, wenn sie besser Deutsch gekonnt hätten.


Staatstheater Kassel

In der Holofernes-Show

von Michael Laages

Kassel, 4. September 2008. Was wohl zuerst da war: der Wunsch nach einem dieser starken Stücke oder der Gedanke an beider Wirkung zu zweit? Wie auch immer – nun liegt zur Eröffnung der neuen Saison auf beiden großen Bühnen des Staatstheaters in Kassel je ein abgeschlagener Männerkopf herum: der des Propheten Jochanaan in der Oper und der des Feldherrn Holofernes im Schauspielhaus.


Staatstheater Kassel

Im Sumpf von Milieu und Mafia

von Rüdiger Oberschür

Kassel, 2. Mai 2008. Wenn das Licht erlischt, liegen die Abgründe noch im Dunkeln. Drei Männer, zwei Frauen treten auf die Bühne, die aussieht wie ein in die Jahre gekommenes Fernsehstudio. Wie die Klischeevorstellungen von illegalen Einwanderern wirken die Fünf nicht. Eher wie ehemalige Abiturienten eines altsprachlichen Gymnasiums oder Mitglieder im Presseclub der 80er. Auch das minutenlange Schweigen fördert noch keinen Eindruck zu Tage. Erst wenn einer der Männer auf das gegenüberliegende Podest tritt und anfängt, von seinen Erfahrungen als Strichjunge zu erzählen, justiert sich die Atmosphäre. Das Quintett spricht "Schattenstimmen" – so haben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ihren Bühnentext aus Meinungen und Berichten illegaler Einwanderer in Deutschland genannt, die auf Recherchen im Milieu von Menschen ohne Papiere basieren.


Staatstheater Kassel

Ist es die Hinfahrt? Ist es die Rückfahrt?

von Hartmut Krug

Kassel, 2. März 2008. In Theresia Walsers für das Staatstheater Kassel geschriebenem Auftragswerk "Morgen in Katar" ist ein rundes, buntes Dutzend von Reisenden unterwegs in bewegt stockender Redeflucht: darunter eine blonde Frau und eine Architektin mit Zahnweh, ein Geschäftsmann mit Headset, der alle an seinen Telefonaten teilnehmen lässt, und ein Araber mit Kopfhörer, der ganz bei sich bleibt, Christian (Anfang 40, heruntergekommene Jünglingshaftigkeit) und das spießige Ehepaar Edith und Arnold (beide Mitte 50). Menschen in einem Zugwaggon, eingesperrt im Stillstand nach einem Unfall mit "Personenschaden", einander und sich selbst unbekannt. "Stille" lautet die häufigste Regieanweisung, aber die Menschen reden unentwegt gegen die innere Leere und äußere Stille an.


Staatstheater Kassel

Scheiden tut weh

von Anne Peter

Kassel, 11. Januar 2008. Nur allzu viele Liebesgeschichten enden wohlweislich mit dem glücklichen Sich-Finden zweier Menschen. Das bewahrt die Romantik bzw. das, was wir landläufig darunter verstehen. Gehen sie über dieses Ende hinaus, sind sie meist nicht mehr romantisch – oder nicht mehr realistisch.


Staatstheater Kassel

Menschen sind wie Staaten 

von Rüdiger Oberschür 

Kassel, 15. September 2007. Es ist noch warm in Kassel. Documenta-Besucher sitzen am Abend auf den Grünflächen vorm Staatstheater, während am Fridericianum eine Schlange weit ins verblühte Mohnfeld reicht. Vom nahenden kunstbetrieblichen Zapfenstreich sind es nur wenige Schritte zum Theater und damit zu politischen Privatgesprächen: Die deutschsprachige Erstaufführung von David Hares "Vertical Hour", von Ingrid Rencher mit "Zeitfenster" übersetzt und vom Kassler Intendanten Thomas Bockelmann, der hier höchst selbst inszeniert, schon im Vorfeld als außerordentlich "unter den politischen Zeitstücken" gelobt. Heiß reden sich darin die Köpfe. Der Bühnenboden im Schauspielhaus ist dabei so grün wie draußen der Rasen, als könne nichts die Hoffnung trüben. 


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