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archiv » Steirischer Herbst (19)
Steirischer Herbst

Auf der nackten Haut der Verzweiflung

von Reinhard Kriechbaum

Bad Gleichenberg, 17. Oktober 2014. Zwei Seelen, wohnen, ach, in seiner Brust. Die zweite, die in seiner ungarischen Heimat ortsansässige, wird gerade arg malträtiert. Der derzeit vor allem als Opernregisseur international nachgefragte Árpád Schilling arbeitet ja immer noch, wie seit zwei Jahrzehnten, mit seinem Ur-Ensemble Krétakör (Kreidekreis). So eine freie Gruppe mit subversivem Gespür für politischen Ungeist hätte im Ungarn Orbáns alle Hände voll zu tun, wenn man sie nur ließe. Aber gerade dieses Ungarn meint es – logischerweise – nicht gut mit Schilling und Krétakör: Man hat ihnen und anderen aufsässigen Theatermachern schlichtweg den Geldhahn zugedreht.


Steirischer Herbst

Entrüstungspop

von Leopold Lippert

Graz, 16. Oktober 2014. Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen – Elektra ist durchaus nicht die erste mythische Frauengestalt, an der sich die amerikanische Choreographin und Performerin Ann Liv Young abarbeitet. Doch das Zauberhafte, das den Märchenheldinnen der Gebrüder Grimm spätestens seit ihrer Disneyfizierung anhaftet, fehlt der antiken Rachefigur: Spitze Spindeln und vergiftete Äpfel mögen grausam erscheinen, aber vorsätzlicher Muttermord ist doch ein ungleich brutaleres Handlungselement.


Steirischer Herbst

"It all comes out on Christmas!"

von Leopold Lippert

Graz, 10. Oktober 2014. Ein Stück "Straight White Men" zu nennen, das klingt nach ironischem Gezwinker. Vor allem wenn man weiß, dass Young Jean Lees letzte Produktion, "Untitled Feminist Show", eine queere Burleske voller nackter, tanzender Frauen war. Und die Bühne, die David Evans Morris ins Grazer Orpheum gestellt hat, sieht auch tatsächlich nach einem schlechten Witz aus: ein in hässlichen Brauntönen gehaltenes amerikanisches Mittelschichtswohnzimmer, mit vollem Bücherregal und beiger Ledercouch, einem klobigen Nussholztisch, leeren Bierflaschen, Fernbedienung, Dartscheibe und Plastikweihnachtsbaum.


Steirischer Herbst

Der volle Raum

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 26. September 2014. Frei im Wienerlied-Slang: Es wird eine Party sein, und wir wer'n nimma sein. Oder werden wir gerade deshalb doch sein, allen Unkenrufen einer "Eventisierung" der Kunst zum Trotz? Ein Eiertanz auf zunehmend flachem Terrain gewiss...
Grace Ellen Barkey, Jan Lauwers und die Needcompany waren eingeladen, genau darüber zu meditieren. Was für die Truppe in dem Fall bedeutete: aufdrehen und nach handfester, griffiger Gestalt für was auch immer suchen – und dann Winkelzüge einbauen ins Performative, die einem das eben so befreiende Lachen eigentlich im Hals stecken bleiben lassen sollten. Aber eben nur kurz, mit Ironie, und dann weiter im Getriebe! Für das war genug Raum in der Grazer Helmut List Halle: Eine Spielfläche von gut zwanzig mal zehn Metern mitten im Raum, die Zuseher drum herum stehend oder gehend. Aber Fortbewegung musste gar nicht sein, es zogen alle mit allem mal vorbei.


Steirischer Herbst

Dornröschen küsst man nicht

von Friederike Felbeck

Graz, 12. Oktober 2013. Künstliche Miniweihnachtsbäume, Glitzer in Dosen und Talmi im Haar: die heilige Familie hockt in Pink gekleidet auf Häkelkissen. Im Lilifee-Reich ist alles auf Rosa getuned: Haarige Männerbeine lugen unter Tüllkleidern hervor, und unter den blonden Perücken sprießen die Vollbärte. In der Mitte ein kleines Mädchen; zwei der pinken Klone befragen sie lautstark, welche Zauberwesen sie am liebsten mag. Dann wird sie in einem Affenzahn umgemodelt: einmal Meerjungfrau, dann Fee, schließlich Prinzessin. Die Kleine reißt sich die Kostüme immer wieder selbst vom Leib. Am Ende trägt sie dasselbe rosafarbene Kleidchen und eine ungekämmte platinblonde Perücke wie ihre Sekundanten. Sie tanzt und wiegt sich zur Musik, ihre Lippen bewegen sich zum Playback von Adeles "Someone like you".


Steirischer Herbst

Gefühlsproduktion vor dem Wolkenhimmelrollo

von Leopold Lippert

Graz, 6. Oktober 2013. "Sei nicht du selbst" – zwar kein Ausrufezeichen, aber doch ein Motto steht über Boris Nikitins Auftragsinszenierung für den Steirischen Herbst und das Schauspielhaus Graz, in dem er sich der großen Fragen des Theaters annimmt. Es soll um Identität, Authentizität und Präsenz gehen. Und um die ewige Zerreißprobe zwischen "echt jetzt?" und "nur Spaß!", die jeder Bühnenkonstellation innewohnt.


Steirischer Herbst

Stummfilm mit kleinen Fischen

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 5. Oktober 2013. Der Morgen graut im Zeitraffer. Blick zuerst aus dem Grünen auf die Skyline von Frankfurt mit ihren erleuchteten Geld-Turm-Tempeln. Die Idylle ist rasch dahin, Autos werden bestiegen, es wird aus und in Garagen gefahren. Nervige Stimmen aus den Autoradios: "Ein guter Tag beginnt mit den Börsennachrichten." Weniger gute Tage offenbar auch, ein solcher scheint sich anzubahnen. Wie beiläufig werden wir Zeugen von Satz-Fetzen, vom einen oder anderen Handy-Telefonat: "Es ist etwas passiert außerhalb des Systems!" In eben diesem System knirscht es gewaltig. "Die heutigen Spielregeln greifen nicht mehr."


Steirischer Herbst

Dada mit Shalala

von Martin Pesl

Graz, 20. September 2013. Eine Putzfrau putzt die Bühne, aber die Substanz in ihrem Eimer elektrisiert sie bei Berührung und treibt sie in den Wahnsinn, ebenso den hageren Mann mit erschreckend dünnen Beinen, der sich in Unterhosen zu ihr gesellt hat. Sie schreien sich die Seele aus dem Leib, laufen rot an, wischen manisch den leeren Raum. Zur Erholung nehmen sie ein Schlückchen Putzwasser zu sich. Schnitt.


Steirischer Herbst

Dekorationsexperiment Körper

von Leopold Lippert

Graz, 11. Oktober 2012. Es muss etwas mit der melancholischen Faszination am verlorenen Paradies zu tun haben. Und mit der Lust zu völlig übertriebener Stummfilmgestik. Die "Untitled Feminist Show" der New Yorker Performancetruppe Young Jean Lee's Theater Company ist eine burleske Revue, die zwischen Tanz, Pantomime, und wackligen Gesangseinlagen wechselt. Vor allem ist die Show aber eine Hommage an die Ausdrucksvielfalt des nackten weiblichen Körpers. Ohne Kleidung, ohne Schminke treten die sechs Performerinnen in der gut geheizten Black Box des Steirischen Herbsts vor ihr Publikum. In einer knappen Stunde erbringen sie höchst beatlastig den Beweis, dass es bei weiblicher Nacktheit auf der Bühne nicht immer um krude männliche Lustbefriedigung gehen muss.


Steirischer Herbst

Nur gute Nachrichten mit Happy End

von Leopold Lippert

Graz, 28./29. September 2012. Am Beginn von "33 rounds and a few seconds" steht ein Selbstmord. Der junge Libanese Diyaa Yamout hat sich umgebracht, weil das Leben sinnlos sei, wie er in einem Abschiedsbrief beteuert. Zurück bleibt sein Arbeitszimmer in Beirut, wo die Elektronik auf gespenstische Weise weiterlebt. Auf die kleine, kaum fünf Meter breite Bühne hat Samar Maakaroun alles gestellt, was der völlig vernetzte Mensch in der späten Moderne so braucht: Fernseher, Telefon, Anrufbeantworter, Faxgerät, Laptop mit aktivem Facebook-Profil, Smartphone, W-Lan Router, Radiowecker mit großer LED-Zeitanzeige. Der Plattenspieler, auf dem Jacques Brel zu Beginn der Inszenierung gemächlich seine 33 Runden in der Minute dreht, wirkt in diesem Kontext antiquiert.


Steirischer Herbst

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Entsetzliche Bilder des Leidens

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 30. September 2011. Splitterfasernackt sitzt er da, der Pianist Mario Formenti. So wie Gott ihn und seinen Bösendorfer schuf. Wahrscheinlich genau dafür, für diesen Abend, für diese Theaterproduktion. Und für Haydns "Sieben letzte Worte" sowieso, diese Folge von Adagio-Sätzen, die es gar nicht geben würde, wenn es Gott nicht gäbe (ein Punkt, in dem sogar geeichte Agnostiker in Argumentationsnotstand gerieten).


Steirischer Herbst

Polaroids vom echten (Un)Leben

von Reinhard Kriechbaum

Graz, am 7. Oktober 2010. Wenn – ja wenn die Sache bloß ein wenig anders gekommen wäre! Wenn zum Beispiel die spontane Liebschaft zu einer weiteren Begegnung geführt hätte. Aber da war das Wetter schlecht, der Flug nach Rom, zum vereinbarten Treffen, ist einfach ausgefallen. Hat nicht wollen sein, die dräuende Umstellung der Lebens-Weiche.


Steirischer Herbst

Bankomatkartenwitwen unter sich

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 1. Oktober 2010. "Entschuldigung, können Sie mir Ihre Bankomatkarte borgen?" - Leicht irritierte Rückfrage einer Passantin: "Warum?" - "Ich hab' keine mit." Das ist freilich eine so klare wie entwaffnende Antwort. Aber seine Karte hat am Freitag, bei der Premiere des Improvisationsstücks "Tod eines Bankomatkartenbesitzers", doch keiner herausgerückt. Und es hat auch niemand die Nummer verraten.


Steirischer Herbst

Zeit-Ringelspiel um einen Kuss

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 9. Oktober 2009. Ein Kuss zwischen zwei Kindern: Tändelei oder Übermut, halb ernste Nachahmung von Erwachsenen, erwachende echte Gefühle? Wer will das schon wissen? Und wer will sich überhaupt daran erinnern - vielleicht nicht einmal die beiden, wenn sie fünfzehn, zwanzig Jahre später nebeneinander auf einem Bett liegen und rauchen. Oder noch einmal eine Generation später, wenn sie im Greisenalter zurückblicken auf diesen uralten Super-8-Film?

Steirischer Herbst

Sich einfach mal so stehen lassen

von Colette M. Schmidt

Graz, 23. Oktober 2008. Den ganzen Erdball zu retten – das stellt sich nicht einmal Superman als kleinen Nebenjob vor. Trotzdem war nichts Geringeres der Auftrag des steirischen herbstes an junge Autoren: Das Thema "Welt retten" sollte in Kurzstücke gepackt werden. Damit die ganze Rettungsaktion rasch abgewickelt werden kann, kamen nun drei solche Texte an einem Abend zur Aufführung in Graz.


Steirischer Herbst

Und noch mal in die offen-herzige geschlossene Anstalt

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 4. Oktober 2008. "Du glaubst also immer noch, dass Dein Beruf mit Schreiben zu tun hat?" Fast traurig sagt das jene imaginäre Krankenschwester, die mich am Vortag um rosa Unterwäsche gebeten hat. Sorry, ich bin wohl behandlungsresistent. Als mir in der elften Stunde meines Stationsaufenthalts unvorsichtigerweise das Wort "Schauspieler" entschlüpft, wird eine andere Schwester richtig grantig und es heißt fast: Zurück an den Start!


Steirischer Herbst

Ich und mein Hang zur Damenunterwäsche

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 3. Oktober 2008. Vadim Rothmann heiße ich also plötzlich. Alle scheinen mich hier gut zu kennen. Fein, dass Du wieder da bist, erinnerst Du Dich an mich? Weißt Du, wie ich heiße, Vadim? – Man ist als Patient wirklich keine Nummer in Dorine Chaikins alias Signa Sørensens psychiatrischer Anstalt. Vadim Rothmann, noch mal. Und gleich noch mal, zum Einüben. Man ist hier spezialisiert auf Amnesiepatienten


Steirischer Herbst

Babies, Kaninchen und andere Melancholien

von Marianne Strauhs 

Graz, 11. Oktober 2007. Die 31-jährige Lola Arias ist eine Newcomerin der argentinischen Theaterszene. Sie ist Autorin, Schauspielerin und Regisseurin und arbeitet mit Profis und Laien. Gemeinsam mit Stefan Kaegi von Rimini Protokoll inszenierte sie im Januar dieses Jahres "Chácara Paraíso", eine Installation mit brasilianischen Polizisten, ehemaligen Polizisten und Mitgliedern von deren Familien. Der zweite Teil dieser Arbeit (gemeinsam mit bayerischen Polizisten) wird unter dem Titel SOKO São Paulo im November in Deutschland herauskommen, beim Spielart Festival in München.


Steirischer Herbst

Wie Lenin einmal einen Stromschlag erhielt

von Marianne Strauhs

Graz, 28. September 2007. Was auf den ersten Blick wie eine seltsam anmutende Beleuchtungsabteilung eines Möbelhauses wirkt, entpuppt sich auf den zweiten als Spielwiese für Licht, Ton und Bewegung. Sieben verschieden geformte kleine Gerüste, jedes mit einer überdimensionalen Glühbirne und einem Lesepult ausgestattet, bilden das nötige Equipment für einen Abend aus kommunistischen Fakten und Fiktionen.


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