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Schauspiel Bonn

Das Glück ist ein schwarzer Vogel

von Dorothea Marcus

Bonn, 7. Oktober 2016. "Für alle, die zu schwach sind, das Leben einfach so auszuhalten", steht als Motto über Fritz Katers (alias Armin Petras') neuestem Stück "Love you, Dragonfly. Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens". Ein "Dragonfly", dramatischer Name für eine schlichte Libelle, kommt darin nur einmal kurz vor – in einem der härtesten Monologe des Abends, kurz bevor das einsame 13-jährige Mädchen "M" von einem Alkoholiker vergewaltigt wird und in den See geht, ist es die Libelle, die "durchsichtig blau und wunderschön braun" den Zug der von ihm gequälten Wesen anführt.


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Totsein ist kein Wunschkonzert

von Gerhard Preußer

Bonn 14. April 2016. Was entsteht, wenn der Tod nicht mehr als Ende akzeptiert wird, der Mensch aber sterblich bleibt? Ein unruhiges Hin- und Herirren von unlebendigen und untoten Geistern. Solche ruhelosen Gespenster, "Außenseiter ihres eigenen Lebens", versammelt Lukas Linder in seinem neuesten (seinem zehnten) Stück um eine Leerstelle namens Franz.


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Wer sind denn wir?

von Gerhard Preußer

Bonn, 13. Februar 2016. Gelb ist der Feind: das Reclam-Heft. Gelb, die Signalfalbe für den Zwang zum Überholten, Überflüssigen, für das, wogegen das Theater als Gegenwartskunst anspielt. Gelb ist die Plattform, auf der man in Bonn Lessings "Nathan" spielt. Und die Reclam-Hefte werden dem Lehrer um die Ohren geworfen.


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Schuld und Recherche

von Stefan Keim

Bonn, 21. Januar 2016. Ein Junge mit nacktem Oberkörper, in erotischer Pose. Jesko Drescher empfängt dieses Bild auf seinem Handy – und fährt fast eine Schulklasse über den Haufen. Er ist völlig verwirrt, denn er erkennt sich selbst auf dem Foto. Wer es ihm geschickt hat und aus welchem Grund, weiß er nicht. Sein geordnetes und erfolgreiches Leben verändert sich von Grund auf.


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Ford, steh uns bei!

von Sascha Westphal

Bonn, 18. September 2015. Niemand hat auch nur den geringsten Einfluss darauf, in welcher Kaste er sein ganzes Leben verbringen muss. In Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt" entscheiden die Ingenieure in den Brut- und Normzentralen des Weltstaats über die Zukunft eines jeden von ihnen gezüchteten Menschen. Die Embryonen und Föten, die in diesen Menschenfabriken künstlich gezeugt werden, sind so gezielt manipuliert, dass sie in Körperbau und Intelligenz den Anforderungen ihrer späteren Aufgaben entsprechen. Nach der Geburt werden sie dann über Jahre hinweg konditioniert, dass sie eben diese Aufgaben nicht nur erledigen, sondern lieben. So hat jeder seinen festen Platz und nicht das geringste Bedürfnis, ihn zu verlassen.


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Raus aus der Mütter Blümchenhölle

von Friederike Felbeck

Bonn, 17. September 2015. In langen Spalieren sind durchsichtige mit frisch geernteten Äpfeln prall gefüllte Säcke hintereinander aufgereiht. Die Felder scheinen so weit wie das Auge reicht. Dieser Umzug sollte einer ins Freie sein – raus aus der Enge und den niedrigen Zimmern einer winzigen Farm in Connecticut hinaus in die Weite Kaliforniens in einen üppigen Garten Eden. Das Bühnenbild von Sandra Rosenstiel macht es uns eindrucksvoll klar: Gerade noch heben sich die Figuren kaum gegen eine bis in die letzte Ecke mit Blümchentapete ausgelegte Puppenstube ab, da stehen sie schon verloren in der sengenden Sonne auf weiter Flur. Am Ende rollen die ungezählten Äpfel auf uns zu, und das verheißungsvolle Paradies wird zu einer gefährlichen Schlitterpartie für die, die sich es erträumten.


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Das lächerliche Licht

von Sascha Westphal

Bonn, 23. April 2015. Die "Roi des Belges", ein kleiner und etwas notdürftig zusammen gezimmerter Flussdampfer, den Julia Kurzweg mitten auf die Bühne der Halle Beuel, der Außenspielstätte des Schauspiel Bonn, gestellt hat, befindet sich von Anfang an in leichter Schräglage. Ein deutliches Bild für die Realität des europäischen Kolonialismus. Die, die vorgeben, Licht in die Finsternis zu bringen, wollen in Wahrheit doch nur ihren immer größer werdenden Hunger auf Elfenbein und Diamanten, Coltan und Gold befriedigen.


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Etwas ist faul im Ferienparadies

von Dorothea Marcus

Bonn, 24. Januar 2015. In Rimini geht der Bürgermeister sogar zu Beerdigungen in quietschbuntem Bademantel. Ein junger Mann ist ums Leben gekommen, vielleicht durch eine Schiffsschraube – sauber hat sie Arme, Beine und fast sogar den Kopf abgetrennt. Seine Trauer kann Bürgermeister-Darsteller Sören Wunderlich gut unter Kajalstrich und blondiertem Schopf verbergen. Jovial und mit großer Geste spricht er zunächst von Rache, dann von einem bedauerlichen Unfall – und dankt danach erstmal seinen Wählern. Um schließlich über den Toten herzuziehen, der das "Gen der Einwanderer trug: Verbrechen und Chaos". Sören Wunderlich, erst eine Woche vor der Premiere für den erkrankten Bernd Braun eingesprungen, schwenkt erfrischend souverän zwischen fürsorglichem Stadtvater, schmierigem Wahlkämpfer und betroffenem Trauergast. Entrüstet gucken sich die drei Trauergäste an, bevor sie sich dann doch mit ihm auf dem schwarzen Holzsarg lümmeln: Giulia, die liebreizende Bademeisterin, ihr Freund Dino mit blondem Rauschebart und noch so ein halbseidener Journalist.


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Mordende Monarchen

von Tilman Strasser

Bonn, 3. Oktober 2014. Schließlich watet Heinrich V. zwischen Schaumstoffschädeln hindurch und streckt lakonisch Franzosen nieder. Als sich die Körper wieder erheben, metzelt der König sie erneut mit Blutfontänen aus seinem Feuerlöscher. Der anschließende Heiratsantrag an Prinzessin Katherine gerät reichlich nüchtern, vermutlich sehnt sich seine Hoheit zurück in die Arme des Suffgenossen Falstaff. Doch persönlicher Wille muss zurückstehen, wenn die Krone, jene "Schlampe, die nur Ärger macht", ein neues Territorium erschließt.  


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Kein Pud Liebe

von Martin Krumbholz

Bonn, 12. September 2014. Tschechow wusste genau, was er wollte. "Eine Komödie, drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte, eine Landschaft, wenig Handlung, ein Pud Liebe." Der Regisseur Sebastian Kreyer, der sich "Die Möwe" am Schauspiel Bonn zur Brust nimmt, hält sich im Großen und Ganzen daran, etwas weniger, was das Pud Liebe, etwas mehr, was die Komödie betrifft, die in Tschechows Aufzählung immerhin an erster Stelle steht.


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Einigkeit und Recht und Blut

von Sascha Westphal

Bonn, 9. Mai 2014. Germania ist müde. Die Zeit der großen Gesten vorüber. Dabei hatte ihr erster Auftritt noch eine enorme symbolische Kraft. In Gestalt von Sophie Basse schwebte sie auf einem Metallleuchter stehend vom Bühnenhimmel herab in den holzvertäfelten Raum, den zuvor acht Studenten, allesamt Burschenschaftsanwärter, erstürmt hatten. In der einen Hand hielt Basses heroische Verkörperung der deutschen Nation ein riesiges Schild, in der anderen ein schweres Schwert.


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Leni, komm bald wieder

von Sascha Westphal

Bonn, 8. März 2014. "Das Leben ist kein Kriminalroman." Davon ist der Aussteiger und Tauchlehrer Sven Fiedler felsenfest überzeugt. Also weist er seine Freundin und Geschäftspartnerin Antje Berger einmal mit eben diesen Worten zurecht. Sie hatte sich gerade wieder zu wilden Spekulationen über Svens neueste Kunden, die Schauspielerin Jola von der Pahlen und den Schriftsteller Theo Hast, hinreißen lassen. Doch diesmal irrt sich Sven. Seine an sich noble Haltung, sich über niemanden ein Urteil zu bilden und auf keinen Fall irgendwelche psychologischen Schlüsse über Menschen zu ziehen, macht ihn blind für alles, was um ihn herum geschieht. Er merkt gar nicht, dass er längst mitten in einem Kriminalroman steckt und es alles andere als gut für ihn aussieht.


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Die Tragödie einer Farce

von Sascha Westphal

Bonn, 18. Dezember 2013. König Kohl verlassen auf freiem Feld oder Karl Marx hatte tatsächlich recht – was er einst über die großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen geschrieben hat, gilt genauso für die Kunst und das Theater: Auch sie ereignen sich zweimal. Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Die hatte Marx damals noch als lumpig bezeichnet. Doch darauf lässt sich heute, in oder doch schon nach den Zeiten von Postmoderne und Posthistoire, gut verzichten. Zumindest hat in dieser Textfläche von Nolte Decar, die Leitartikel ebenso plündert wie Klatschspalten, Literaturgeschichte und Pophistorie, eher die Tragödie etwas Lumpiges an sich, während sich die Farce zu ungeahnter Größe erhebt.


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Hand und Hirn und Herz und Halle

von Stefan Keim

Bonn, 10. November 2013. Metropolis ist krank. Die Stadt liegt im Bett, umgeben von Ärzten. Oder sagen wir: von Menschen, die den Film behandelt haben. Die Kritikerlegende Siegfried Kracauer meint, der Leitsatz des Films – "Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein" – könne auch von Joseph Goebbels stammen. Regisseur Fritz Lang – natürlich mit Monokel – hadert, als er 1927 diesen Film gedreht habe, sei er politisch noch nicht recht bei Bewusstsein gewesen. Autorin Thea von Harbou, Langs Ex, schreit, es ginge doch um die Liebe. Die Wirkungsgeschichte des wohl berühmtesten deutschen Stummfilms, zusammengefasst in einem Intermezzo. Man muss schon ein bisschen Kenntnis der Kinogeschichte mitbringen, wenn man sich in Jan Christoph Gockels "Metropolis"-Inszenierung orientieren will.


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Groschenroman und Gespenstersonate

von Andreas Wilink

Bonn, 2. Oktober 2013. 1978 ließ der "Spiegel" den Literaturwissenschaftler Hans Mayer den kaum bekannten Roman von Alfred Döblin über einen anderen, früheren deutschen Herbst, "November 1918", besprechen. Der "Deutsche auf Widerruf" schloss seine Rezension mit der Aufforderung und Einsicht: "Ein Buch für Bundeskanzler, Gewerkschaftsführer und Unternehmer, für die Hardthöhe wie für Rudi Dutschke. Aber sie werden es nicht lesen."


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Trilogie der Trostlosigkeit

von Guido Rademachers

Bonn, 21. März 2013. Ziemlich desillusionierende Zeiten, diese westdeutschen 1970er Jahre mit der Ölkrise, mit ihrem Linksterrorismus und dem Ende von Love-and-Peace. Regisseur Dominic Friedel, selbst Jahrgang 1980, lässt die Zuschauer auf die Bühne der Bonner Werkstatt führen – und dort bleiben sie erst einmal allein. Die Seiten sind mit Plastikplanen abgehängt. In der Mitte wartet ein neongelb gestrichenes Ölfass darauf, bespielt zu werden.


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Auf der schiefen Meta-Ebene

von Andreas Wilink

Bonn, 22. Februar 2013. Frontstellung vor dem Eisernen Vorhang, ziemlich offensiv und massiv unterstützt von dröhnendem Punk. Die Formation bereitet die Attacke vor gegen die Unversehrtheit des Dramas – Gerhart Hauptmanns "Die Ratten". Zehn Personen, eine davon im Rattenkostüm (es trägt der Theologie-Student Spitta, der lieber von der Bühne herab predigen würde), lassen sich mittels Pfeilen zuordnen, die jeweils von den über dem gereihten Ensemble angebrachten Namen im Stück auf die Köpfe ihrer Darsteller weisen. Die Merker sind so etwas wie der ausgestreckte Zeigefinger des Regisseurs, mit dem dieser – Lukas Langhoff – ganz gern fuchtelt, zum zweiten Mal nun in den Godesberger Kammerspielen.


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Frauen-Endlagerung

von Stefan Keim

Bonn, 15. Dezember 2012. Frau Töss trägt knallblonde Mähne zum faltigen Gesicht und ein tiefes Dekolleté. Frau Grau wird seit Jahrzehnten bei der Beförderung übergangen. Frau Merz-Dulschmann erwähnt nebenbei, dass sie ihren Gatten kaum noch sieht. Und dann gibt es noch Frau Luhmann, die man leicht übersieht. Vier Frauen um die 50 haben anlässlich des Weltfrauentages eine Einladung zu kostenlosen Wellnessangeboten bekommen. Da stehen sie nun und erwarten Typberatung, Massage, Hairstyling, Fitness. Womit man sich als Frau um die 50 so seine Zeit vertreibt. "Die Damen warten" heißt das neue Stück von Sibylle Berg, die selbst gerade 50 geworden ist.


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Ein bisschen Spaß

von Wolfgang Behrens

Berlin, 15. Mai 2012. Es war die Inszenierung, die keiner auf dem Zettel hatte. Man schaute vor drei Monaten auf die Liste der zum Theatertreffen eingeladenen Produktionen, nickte das meiste ab, runzelte vielleicht zweimal die Stirn, um dann zu stutzen: "Ein Volksfeind" aus Bonn? Was war das noch mal? Die schnelle Recherche auf nachtkritik.de führte ins Leere: keine Nachtkritik vorhanden, sorry, haben wir verpasst! Da hat uns die Jury wirklich auf dem falschen Fuß erwischt.


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Massaker im Ardenner Wald

von Klaus M. Schmidt

Bonn, 27. Januar 2012. Der Hof von Herzog Frederic – eine Diktatur. Die ersten Szenen in David Mouchtar-Samorais Inszenierung spielen vor einer grauen Mauer, die auf eine Opera-Folie projiziert wird. Grau ist auch der lange Militärmantel des Herzogs (Wolfgang Rüter), und wenn später zwei Schergen in den Gassen Wache stehen, tragen sie Monturen, die an SS-Uniformen erinnern. Der Mehltau der Unfreiheit lastet so bereits schwer auf dem Beginn des Abends, und man ahnt, dass auch der Ardenner Wald kein idyllisches Exil bieten wird.


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Mein ganzer Stolz

von Michael Opielka

Bonn, 20. Januar 2012. "Die Zerbrechlichkeit geahnt. Und freu mich deshalb um so mehr. Möchte mir diesen Moment ganz genau einprägen." Der Vater spricht zu Beginn vom Ende. Die Mutter spricht mit. "Ja. Das Glück." Der Sohn "will später keine. Familie." Die Tochter weiß alles besser. Vier Personen, viele Rollen. Philipp Löhles neues Stück, uraufgeführt in der früher einmal großen Theaterstadt Bonn, nachdem ihn zuvor u.a. Bochum, Berlin und Wien mit Uraufführungen ehrten, jetzt also wieder am Rhein, wo er herkam (Baden-Baden), wo er im Theater anfing und jetzt wieder, als Hausautor, arbeitet (Mannheim). Löhle, Jahrgang 1978, ein noch junger Mann, ein Schicksalskomödiant, der unsere Zeit in Theatergedanken fasst.

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Die Liebe im Reiche der iPhones

von Dorothea Marcus

Bonn, 2. Dezember 2011. Gleich drei Theaterfassungen von Fitzgeralds Roman "The Great Gatsby" kommen in dieser Theatersaison auf deutsche Bühnen. Während Christopher Rüping in Frankfurt alle Protagonisten von vier Männern spielen ließ und den Roman allegorisch verdichtet und die Version am Deutschen Schauspielhaus Hamburg noch aussteht, kommt in der Bonner Halle Beuel in der Inszenierung von Matthias Fontheim ein schlichtes, kurzes Kammerspiel, ja geradezu ein well-made Play auf die Bühne.


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Das Grinsen der Business-Männer

von Guido Rademachers

Bonn, 14. Oktober 2011. In der Regel drei bis sieben Wörter pro Satz und etwa 20 Sätze pro Szene. Das ist selbst für die nicht gerade als ausufernd-formulierfreudig geltende neue britische Dramatik bemerkenswert wenig. Noch bemerkenswerter ist allerdings die Fülle derartiger Kurzszenen, die der 1980 geborene Autor Mike Bartlett für sein fünftes und bislang vorletztes Theaterstück anhäuft. Selbst Johannes Leppers um verzögerungsfreie Textabwicklung bemühte deutschsprachige Erstaufführung am Theater Bonn benötigt immer noch drei Stunden.


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"Kein sich'reres Land in dieser Zeit ..."

von Guido Rademachers

Bonn, 10. Juni 2011. Der Diskurs über und – endlich auch – mit Migranten nimmt im Theater unübersehbar an Fahrt auf. Ganz reibungslos gestaltet er sich offenbar noch nicht. Im Publikumsgespräch nach der Aufführung von "Heimat (n)irgendwo", einem gerade einmal eine dreiviertel Stunde dauernden dokumentarischen Abend über Einwanderungsbiografien im Lampenlager des Theaters Bonn, spricht Regisseurin Marita Ragonese erst einmal über die Nicht-Teilnehmer. Viele seien nach ersten Proben weggeblieben, weil sie nicht erkannt werden wollten und juristische Folgen fürchteten. Schließlich ginge es um illegale Einreisen, das Wegwerfen von Pässen und ähnliches.


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In der Ladenzeile der Verkommenheit

von Guido Rademachers

Bonn, 20. März 2011. Von diesem Wiener Wald ist gerade mal ein Baum übrig geblieben. Tanja von Oertzen krächzt darunter als spindeldürre "liebe Großmutter" Bösartigkeiten vor sich hin und lässt ansonsten keinen Zweifel daran, dass mit ihr hier der Tod persönlich vor Ort ist. Dahinter, nur von einem laut scheppernden Vorhang getrennt, verwahrlost eine Ladenpassage, wie sie in den 80er-Jahren fehlkonzipiert (und vor vier Jahren von Albrecht Hirche für seine Kölner "Geschichten aus dem Wiener Wald"-Inszenierung auch schon entdeckt) wurde.


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Spiel mit dem American Way of Life

von Guido Rademachers

Bonn, 3. Februar 2011. Vielleicht gibt es tatsächlich kaum etwas zu entdecken. Innovatives aus Amerika scheint derzeit Mangelware. Und taucht im deutschsprachigen Raum doch einmal eine US-Theatergruppe mit Alleinstellungsmerkmalen wie das "Nature Theater of Oklahoma" auf, wird sie gleich vom Sommerfestival Kampnagel bis zu den Salzburger Festspielen durchgereicht.


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In dichten Gestrüppen

von Guido Rademachers

Bonn, 26. Januar 2011. Gepflegtes Wohnen sieht anders aus. Sessel und Stehlampe haben es offenbar nicht mehr auf den Sperrmüll geschafft. Regen tropft in Emailleschüsseln und -töpfe. Die Zimmerwand, die Ausstatterin Anne Brüssel in fünf Meter Rampenabstand quer über die "Werkstatt"-Bühne des Bonner Theaters gezogen hat, starrt vor Schmutz. Und vor dem grau verdreckten Sprossenfenster erklärt der einzig verbliebene Hausbewohner, was dahinter zu sehen wäre, könnte man noch durchsehen: "Ein Rest des alten mitteleuropäischen Urwalds." Aha, wie passend! Undurchdringliches Gestrüpp sind nämlich auch die Beziehungen der drei Figuren, die Lothar Kittstein in seinem Drama "Böses Mädchen" auftreten lässt.


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Oh Tannenbaum, wie brennst du so lichterloh!

von Ulrich Fischer

Bonn/Bad Godesberg, 3. Dezember 2010. Weihnachtsmarkt auf dem Theaterplatz stimmt die Uraufführungsbesucher ein auf Sibylle Bergs neues Drama – "ein Weihnachtsstück" heißt es im Untertitel. Im Eingangsbereich der Kammerspiele lauert allerdings die Ernüchterung. "Jetzt ist Schluss!", schreiben die empörten Theaterleute und werben für Unterschriften. Die Argumente wiegen schwer: "In den letzten 10 Jahren hat das Theater der Stadt Bonn 14 Millionen Euro eingespart. Heute arbeiten 230 Menschen weniger am Theater als im Jahr 2000." Aber das reicht den Stadtoberen noch nicht. Die Theatergemeinde schreibt ihren Mitgliedern und allen Bonner Bürgern: "Der Skandal dabei ist, dass es die Stadt Bonn für denkbar hält, ihr Schauspiel und ihre Oper gänzlich preiszugeben." Als Quintessenz formuliert Elisabeth Einecke-Klövekorn, die langjährige und kampferprobte Vorsitzende der Theatergemeinde: "Dem Theater Bonn droht ein irreparabler Schaden."


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Auf der großen, leeren Weltenbühne

von Dina Netz

Bonn, 28. Mai 2010. Eifersucht. Krieg. Utopieverlust. Rache. Generationenkonflikt. Treue. Zivilisation. Mut. Ideale. Liebe. Das ist nur eine kleine Auswahl der Themen von Tankred Dorsts Drama "Merlin oder Das wüste Land", uraufgeführt 1981. "Merlin", das sei "eine Synthese aus allem, was ich bisher gemacht habe", wird Tankred Dorst im Programmheft zitiert. Das Suhrkamp Taschenbuch mit dem Stücktext hat 304 Seiten. Es hat schon Inszenierungen gegeben, die zwei Abende dauerten, die meisten brauchen einen sehr langen Abend – da sind die knapp vier Stunden, auf die David Mouchtar-Samorai das Stück nun in Bonn bringt, geradezu rekordverdächtig verdichtet.


Schauspiel Bonn

Antennen für den amerikanischen Traum

von Kerstin Edinger

Bonn, 13. März 2010. Jegliche Erwartungshaltung sollte man an der Garderobe abgeben, sich freimachen von tradierten Vorstellungen über das Theater und seine Ausdrucksformen. Richard Maxwells Stück "Das Maedchen" lädt ein, Althergebrachtes zu überdenken und neu zu ordnen. Gespielte Situationen, die zu einem dramaturgischen Höhepunkt führen, gibt es nicht. Maxwell geht es um eine Art theatralen Feldversuch, der Stimmungen bei Darstellern und Zuschauern auslotet. Dabei ist jede Aufführung eine Reise ins Ungewisse.


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Unterm Sternenhimmel

von Ulrike Gondorf

Bonn, 15. Dezember 2009. Gut zwei Jahre ist es her, dass Heaven (zu tristan) seine Uraufführung erlebt hat: Verfasst und inszeniert von Armin Petras, der sich als Autor aber Fritz Kater nennt. Die Aufführung, eine Koproduktion von Schauspiel Frankfurt und dem Berliner Maxim Gorki Theater, war starbesetzt und preisgekrönt. Und all das zusammen vielleicht so einschüchternd, dass sich lange keine Bühne zum Nachspielen entschlossen hat. Bis jetzt das Bonner Theater eine Neuinszenierung gewagt hat, in Zusammenarbeit mit der freien Gruppe fringe ensemble und mit der risikobereiten Entscheidung für einen jungen Regisseur: Jan Stephan Schmieding.


Schauspiel Bonn

Döner statt Diplomaten

von Dina Netz

Bonn, 30. Oktober 2009. Seit einiger Zeit ist es Mode, dass die Theater, statt ihre Bühnen zu bespielen, Spielorte in den Städten suchen, um näher bei ihrem Publikum zu sein und neue Zuschauer zu gewinnen. In Bonn (genauer: im Stadtteil Bad Godesberg) sind die Kammerspiele jetzt den umgekehrten Weg gegangen. Sie haben die Bad Godesberger zu sich ins Theater geholt. Oder zumindest einige davon. Das ist nicht unbedingt ein neues theatrales Konzept, sondern hat mit einer Episode aus dem Privatleben des Intendanten Klaus Weise zu tun.


Schauspiel Bonn

Orangensaft gegen die Armut!

von Dorothea Marcus

 

Bonn, 28. Mai 2009. Was sehr viel Geld mit einer Familie macht, kann sich unsereins natürlich nur vage vorstellen. Ein Szenario zumindest scheint aber sehr unwahrscheinlich: dass diese Familie in einem verrotteten Haus an der Küste in Maine haust, in dem Ratten umherlaufen und die einzige Nahrung alte Kekse sind – und man sich gegenseitig am Weggehen hindert, die Fenster mit Brettern vernagelt und das Leben verpasst.


Schauspiel Bonn

Chefassistentin der Obdachlosen bittet zum Tête-à-tête

von Dorothea Marcus

Bonn, 18. Februar 2009. Fast drei Jahre ist es auch schon wieder her, dass Sibylle Bergs letztes Bühnenwerk, das Musical "Wünsch dir was", in Zürich zur Uraufführung kam. Und eigentlich lässt sie ihre Stücke ja auch fast nur vom Regisseur Niklas Helbling uraufführen. Es ist daher schon bemerkenswert, dass sie einfach so einen Stückauftrag vom Theater Bonn angenommen - und Regisseurin Schirin Khodadadian an ihr neuestes Werk gelassen hat, die auch schon Werke von Theresia Walser auf die Bühne brachte.

Schauspiel Bonn

Beschwörungen des leeren Himmels

von Ulrike Gondorf

Bonn, 30. Januar 2009. Haben Verbrecher eine schwere Kindheit gehabt? Wer diese vulgärpsychologische Frage an einem Stoff von mythischen Dimensionen überprüfen will, stößt unweigerlich auf die Atridensage: Wenn man sich nur die Taten der letzten Generation dieses unseligen Geschlechts vergegenwärtigt, kommen schon mehr traumatische Erlebnisse zusammen als irgendjemand verkraften kann.


Schauspiel Bonn

Neil LaButes beste Scharfschützin

von Dorothea Marcus

Bonn, 17. Dezember 2008. Ausgerechnet mit dem Theater Bonn verbindet den amerikanischen Erfolgsdramatiker Neil LaBute eine ungewöhnliche Freundschaft. Oder besser mit einer der besten Schauspielerinnen des Bonner Ensembles: bereits zum zweiten Mal hat er Stücke extra für Birte Schrein geschrieben und in Bonn zur Uraufführung bringen lassen. Die beiden führen eine Email-Freundschaft, seitdem Neil LaBute sie in der deutschen Erstaufführung seines Stücks "Wie es so läuft" sah - und so begeistert war, dass er der damals Schwangeren ein Stück für eine Schwangere schrieb.


Schauspiel Bonn

Die Blumen des Bösen am Rhein

von Ulrike Gondorf

Bonn, 15. Oktober 2008. Felix heißt er, aber das ist grausame Ironie. Denn nicht zum Glück, sondern zum Unglück ist Wolfgang Koeppens Held geboren. Zwei schwül-warme, gewittrige Tage im Sommer 1952 genügen, um das Verhängnis auszubrüten, das der Bundestagsabgeordnete Kettenheuve in sich trägt. Bonn, die provinzielle Hauptstadt der jungen Bundesrepublik - mulmig-neblig durch ihre Lage im Rheintal und überhitzt durch politische Machenschaften - ist das Treibhaus, dessen Klima die Katastrophe beschleunigt.


Schauspiel Bonn

Wer hat Angst vor Rot, Grün, Blau?

von Morten Kansteiner

Bonn, 4. April 2008. Das Milgram-Experiment sei, erklärt die allwissende Wikipedia, "wie ein Theaterstück inszeniert". Umgekehrt kann man festhalten: Der kanadische Dramatiker Robert Fothergill baut in seinem jüngsten Stück eine Art Milgram-Anordnung auf.


Schauspiel Bonn

Und wenn die Welt voll Teufel wär

von Ulrike Gondorf

Bonn, 13. März 2008. Die Mächte der Dunkelheit lauern überall, jeder könnte ihr Komplize sein, jeder könnte Ziel ihrer Anschläge werden, unaufhaltsam wühlen sie im Untergrund, unterminieren die Grundlagen der Gesellschaft. Seitdem der 11. September 2001 die Welt verändert hat, beherrschen solche Szenarien die Köpfe der Regierenden. Oder die Regierenden haben herausgefunden, dass sich mit solchen Szenarien die Köpfe beherrschen lassen.


Schauspiel Bonn

Irgendwie und so ein ein bisschen

von Ulrike Gondorf

Bonn, 6. Dezember 2007. "Ja, Praktikum ist halt schwierig, irgendwann will man das auch nicht mehr." Pascal, Ende 20, hört wahrscheinlich vor seinem inneren Ohr das zustimmende und ein klein wenig resignierte Aufseufzen seiner ganzen Alterskohorte.


Schauspiel Bonn

Forschungen in eigener Sache

von Dorothea Marcus

Bonn, 10. September 2007. Der Fall "Martin und Hannah" hat schon viele Herzen schmelzen lassen – und steht bei künstlerischer Verarbeitung unter Klischeeverdacht. Die Liebesgeschichte der 18-jährigen Jüdin Hannah Arendt und ihres 35-jährigen Philosophieprofessors Martin Heidegger, der dem Nationalsozialismus nahe stand, ist in mehreren Romanen und 2004 in den USA bereits zu einem Theaterstück von Kate Fodor verarbeitet worden.


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