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archiv » Bayerisches Staatsschauspiel (35)
Bayerisches Staatsschauspiel

Überschwang der Geometrie

von Sabine Leucht

München, 4. Juni 2014. Schon die Entstehungsgeschichte ist ein Stoff, der viele weitere Geschichten anstößt: Zum Beispiel die Tatsache, dass Oskar Schlemmer sein "Triadisches Ballett" Anfang der 1920er Jahre als Gegenpol zum Ausdruckstanz entwarf – und es ein halbes Jahrhundert später ausgerechnet ein ehemaliger Mary Wigman-Schüler war, der die Schlemmerschen Figurinen wieder zum Tanzen brachte. 1977 fand in Berlin die Uraufführung von Gerhard Bohners choreografischer Neufassung des "Triadischen Balletts" statt, und obwohl es auch davor und danach einige wenige Versuche gab, das offenbar nicht gerade gefeierte "Original" zu rekonstruieren, war es vor allem Bohners bis 1984 tourende Version, die so unterschiedliche Künstler wie Tadeusz Kantor und Laurie Anderson nachhaltig inspirierte.


Bayerisches Staatsschauspiel
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Wehmut, Kitsch und Leute mit Rollator

von Sabine Leucht

München, 10. Juli 2011. Der Münchner Himmel weint, als das Bayerische Staatsschauspiel sein Publikum zum allerletzten Mal entlässt. "From Dusk till Dorn. Ein Ensemble sagt 'Servus'" endet am Sonntag gegen 19 Uhr bei strömendem Regen. Drei Stunden lang haben die Letzten und Treuesten einer nun vergangenen Ära die Bühne mit Liedern und Geschichten gefüllt, mit Quatsch und Intellekt, mit Dahingehauchtem und Schnell-Abgeladenem, mit einem sentimentalen Gruß oder dem letzten Egotrip.


Bayerisches Staatsschauspiel
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Gott ist nicht bloß fern, Gott ist gestrichen

von Petra Hallmayer

München, 25. Februar 2011. Was von dem letzten Toten übrig blieb, passt in einen Müllsack. In blauen Kittelschürzen räumen Mama und ihre Tochter Martha auf und beziehen das Bett für den nächsten Besucher. Ein Triptychon aus sterilen Allerweltshotelzimmern dient im Cuvilliés-Theater als Schauplatz für das verbrecherische Treiben der Beiden, die ihre Pensionsgäste umbringen und ausrauben, um sich anderswo eine bessere, sonnigere Zukunft zu erkaufen.


Bayerisches Staatsschauspiel
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Die Gefühle in explodierenden Burgen

von Steffen Becker

München, 12. Februar 2011. Aus Marketing-Sicht gibt "Das Käthchen von Heilbronn" am Münchener Residenztheater Anlass zum Hyperventilieren. Die letzte Inszenierung von Dieter Dorn, sein erstes Käthchen (im Kleistjahr!), ungekürzte Fassung, mit Lucy Wirth in der Titelrolle, dem Stern am Münchener Theaterhimmel. In viereinhalb Stunden bringt Dorn das Publikum zwar nicht in Atemnot, hält es aber auch frei vom Gähnen. Die Zeit verfliegt in einer opulenten Inszenierung, die auch von seiner Ära erzählt.


Bayerisches Staatsschauspiel

Das erträgliche Leben im unerträglichen

von Willibald Spatz

München, 11. Dezember 2010. Sie hatten alle eine fette Vergangenheit, aus der sie gern etwas in ihre Gegenwart hinüberretten wollten, die alten Menschen in "Der einsame Weg". Zumindest glauben sie, dass früher alles möglich war, dass es möglich war, alles richtig zu machen, und sie glauben, dass sie in der Gegenwart nur noch den Schlamassel, in dem sie stecken, verwalten können. Daneben gibt es noch die jungen Leute, die theoretisch noch etwas richtig machen könnten, aber sie bauen auch schon kräftig mit am Haus der Selbstlügen.


Bayerisches Staatsschauspiel

Geschlechterkampf auf Sparflamme

von Petra Hallmayer

München, 24. September 2010. Verheerender kann die Liebe kaum wüten. So ungeheuerlich ist das, was da geschieht, dass es denen, die es in Heinrich von Kleists "Penthesilea" vernehmen, immer wieder die Sprache verschlägt, sie sich in Entsetzensrufe und gestammelte Satzfetzen retten. Statt mit atemloser Fassungslosigkeit beginnt Hans-Joachim Ruckhäberles stark gekürzte Fassung der Tragödie im Residenz Theater ruhig und getragen. Er verzichtet auf den Auftritt der verwirrten Griechenkönige, die nicht begreifen, was das Amazonenheer bezweckt, das sich in den Krieg gegen die Trojaner einmischt, ohne sich auf eine Seite zu schlagen.


Bayerisches Staatsschauspiel

Tue Unrecht und scheue jeden

von Matthias Weigel

München, 9. Juli 2010. Das Mädel ... was muss die gelitten han!" Mit diesem Satz beendet Gerhart Hauptmann sein eher unbekanntes Bürgerliches Trauerspiel "Rose Bernd". Gelitten hat die 22-jährige Titelfigur Rose Bernd, und ihr Mann August Keil zieht das überflüssige Schlussfazit. In der Inszenierung von Enrico Lübbe am Staatsschauspiel in München ist dieses Zaunpfahl-Resümee glücklicherweise gestrichen, allerdings steht es in anderer Form ganz am Anfang: Lucy Wirth rutscht als Rose Bernd nach einem gellenden Aufschrei auf der schiefen Ebene der ansonsten nackten Bühne den Zuschauern entgegen, reißt dabei ein paar Wassereimer um und liegt so schon beim ersten Auftritt zerzaust und und wie ausgespuckt an der Rampe. Dabei fängt gerade alles erst an.


Bayerisches Staatsschauspiel

Ich kann Realismus nicht ausstehen

von Sabine Leucht

München, 3. Juli 2010. Man muss kein großer Fußballfan sein, um an diesem schönen Abend reichlich beseelt vom WM-Viertelfinale in den Marstall zu schweben. Schon auch, weil Deutschland gewonnen hat, aber vor allem, weil plötzlich eine Ahnung davon in der warmen Luft liegt, was Menschen zusammen vollbringen können, wenn jeder einzelne will.Gegen ein solches Gesamtkunstwerk im Breitwandformat kommt ein schmaler Theaterabend schwerlich an. Zumal er sich in diesem Fall in Gefilde begibt, in denen die Vorstellungskraft mit der Einbildung und dem Wahn in den Ring steigt und schlicht der übelste Bolzer gewinnt.


Bayerisches Staatsschauspiel

Im Herz der Finsternis

von Petra Hallmayer

München, 10. Juni 2010. Das Grauen kommt auf leisen Sohlen. Harmloser als Harold Pinters "Geburtstagsfeier", die Thomas Langhoff nun im Residenz Theater inszenierte, kann ein Stück kaum beginnen. In der schäbigen britischen Strandpension von Meg und Petey Boles zelebriert das alte Ehepaar bei einem langen Frühstück aberwitzig sinnfreie Kabbeleien über Cornflakes und nichtige Neuigkeiten aus der Zeitung. Zu ihnen gesellt sich schließlich ihr einziger Gast, der angeblich gescheiterte Pianist Stanley Webber, ein verlotterter Loser mit fettig strähnigen Haaren, der sich vor einem Jahr einquartiert hat und an den sich Meg mit erotisch aufgeladener entmündigender Mütterlichkeit klammert.


Bayerisches Staatsschauspiel

Ein (un)fertiger Haufen

von Willibald Spatz

München, 10. April 2010. Dorota Masłowska hat Freude am Kaputtsein. Und Kaputtsein wird umso lustiger, in je mehr Nummern man es verpackt. Ihr zweites, in München nun auf Deutsch erstaufgeführtes Stück "Wir kommen gut klar mit uns" ist angefüllt mit Personen, die jede auf ihre Weise am Ende ist und die ihre Fertigkeit mit der Welt zelebrieren. Die polnische Autorin kam vor knapp zehn Jahren mit 18 und ihrem ersten Roman "Schneeweiß und Russenrot" groß raus und soll nun dauernd beweisen, dass sie damals nicht umsonst gelobt wurde und wirklich was kann.


Bayerisches Staatsschauspiel

Salonlöwen beim Bilderbuchitaliener

von Sabine Leucht

München, 21. Januar 2010. Diese Bühne ist geduldig, schlicht und voller Möglichkeiten. Und zu Beginn ist sie der Hintergrund für vier schwarz Vermummte, die mit den Rücken zum Publikum klackernd ihre Schießeisen zücken. Eine hohe Mauer, von der Anmutung her aus Gussbeton, vom Licht mit einem Sandsteinton übergossen, dreht sich mitsamt diesem Gang(ster)-Still im allgegenwärtigen Schwarz einmal um ihre eigene Achse


Bayerisches Staatsschauspiel

Allerlei Flaggen gehisst

von Sabine Leucht

München, 19. Dezember 2009. "Geld ist, was gilt." So nennt sich eine Ausstellung im Münchner Museum für Geldgeschichte, die just an dem Tag eröffnet wird, an daem wenige Meter weiter im Residenztheater Georg Kaisers Stationendrama "Von morgens bis mitternachts" Premiere hat. Und während man in der Residenzstraße 1 mit alten Tauschmitteln vor der Erfindung der Münze aufwartet, steht am Max Joseph Platz die Idee des Tausches selbst schon wieder zur Disposition.


Bayerisches Staatsschauspiel

Von der Zumutung des Sterbens

von Georg Kasch

München, 21. November 2009. Das hatte man dem längst totgesagten Theaterfuchs Dieter Dorn schon nicht mehr zugetraut, dass er – jenseits der wenigen Uraufführungen an seinem Haus wie Schimmelpfennigs "Idomeneus" 2008 – ein zur Zeit passendes Stück finden und spannungsreich auf seine Residenztheater-Bühne bringen würde. Und nun ausgerechnet Euripides’ "Alkestis", dieser etwas statische Zwitter aus Drama und Satyrspiel über die Opferbereitschaft einer Ehefrau und Preis der Gastfreundschaft zugleich.

 


Bayerisches Staatsschauspiel

Faserland ist Geschichte

von Petra Hallmayer

München, 20. Juni 2009. Er ist auf niemanden angewiesen. Er ist jung, er ist schön, und er hat eine "Haut aus Zement". Marco ist 16 und er geht auf den Strich. Seine Schwester, die Analphabetin Jenny, und er sind vor langem von zu Hause ausgerissen. Alt und arbeitslos geworden taucht plötzlich ihr Vater auf und will den Scherbenhaufen Familie kitten.


Bayerisches Staatsschauspiel

Im Suff mit zärtlichem Kern

von Willibald Spatz

München, 28. Mai 2009. Amerika im Zweiten Weltkrieg: eigenartige Situation – die Männer sind beim Kämpfen oder irgendwie anders weg oder dem Alkohol verfallen und taugen zu nichts, die Frauen müssen das zum Überleben Wesentliche regeln und werden dabei hart. Sie benutzen die Männer zu ihren Zwecken und lassen sie dann als Gefühlswracks im Präriesand liegen. Diese Umstände haben auch die Literatur damals geprägt. Eugene O’Neill wusste, wovon er schrieb, er hatte selbst eine Menge mitgemacht. Sein spätes Stück "Ein Mond für die Beladenen" spielt zwar im Jahr 1923 und verarbeitet den Alkohol-Tod des Bruders, spiegelt aber auch stark diese Kriegsstimmung seiner Entstehungszeit wider.


Bayerisches Staatsschauspiel

Da, wo die echten Kastanienbäume blüh'n

von Willibald Spatz

München, 23. Mai 2009. Wenn Thomas Jonigk ein Stück schreibt, dann recherchiert er ordentlich. Und dabei kann es passieren, dass ihm Material übrigbleibt. Das stopft er dann seinen Figuren in den Mund, ob sie es brauchen können oder nicht. So erfahren wir unter anderem in "Diesseits", dass eine "Moslemin" durchschnittlich vier komma fünf Kinder zur Welt bringt, dass die Scheidungsrate in Österreich bei 46 % liegt und dass die Wahrscheinlichkeit, einen Menschen durch einen Herzschuss zu töten, lediglich 39 % beträgt.


Bayerisches Staatsschauspiel

Der Wolf frisst das schwächste Kind

von Petra Hallmayer

München, 20. Mai 2009. Schon Schopenhauer wusste, "dass der Mensch an Grausamkeit und Unerbittlichkeit keinem Tiger und keiner Hyäne nachsteht". Das führt uns Esteve Solers Stück "Gegen den Fortschritt", das im Marstall Premiere feierte, noch einmal eindringlich vor. Allein den Schopenhauer‘schen Glauben an die Zähmungkraft der "Civilisation" hat der Katalane Soler gründlich verloren, der in "sieben burlesken Szenen" die emotionalen Brutalisierungen und moralischen Krankheiten der Moderne ausstellt.


Bayerisches Staatsschauspiel

Zwischen Morgentreppe und Duftmarkt

von Sabine Leucht

München, 2. April 2009. Schon nach der Lektüre des neuen Stückes von Botho Strauß klingt dessen Titel wie eine magische Beschwörung: "Leichtes Spiel" hätte eigentlich besser zu einigen frühen Strauß-Stücken gepasst, worin sich Paare und Passanten noch fast natürlich in jener flirrenden Atmosphäre bewegten, in der alles möglich scheint: Völliges Abheben ins Traumverlorene oder Straucheln im Alltagskampf. Und im wahrscheinlichsten Fall eine elegante Grätsche zwischen beidem.


Bayerisches Staatsschauspiel

Der reinste Horror

von Willibald Spatz

München, 22. März 2009. Jede Neuinszenierung eines Sarah Kane-Stückes ist allein schon deswegen spannend, weil sie noch einmal erprobt, wie zeitlos die Texte dieser Dramatikerin wirklich sind, wie stark ihre Bilder und Worte nach Jahren noch sind, ob sie immer noch reinhauen. Schrecklich ist die Vorstellung, man hörte und sähe all das, was in "Gesäubert" vorkommt, und fühlte dabei nichts mehr als einen historisch gewordenen Drang, zu schocken und Konventionen von 1998 zu zerschmettern.


Bayerisches Staatsschauspiel

Gekrabbel auf dem Knochenberg

von Petra Hallmayer

München, 18. März 2009. "Hört das denn niemals auf?", fragt Pyrrhus zu Beginn. Der Krieg ist aus, aber in dem Massaker beim Fall Trojas haben die Sieger blutberauscht die Saat des Hasses ausgestreut. Wie könnte auf diesem Boden wirklich Frieden herrschen? Statt des Scherbenmeers in Luk Percevals  Schaubühnen-Inszenierung türmen sich auf der Bühne des Cuvilliés Theaters die Gebeine der Toten.


Bayerisches Staatsschauspiel

Arlequin in der Welt der Großkopferten

von Willibald Spatz

München, 21. Dezember 2008. Was macht ein relativ junger Regisseur, wenn er gebeten wird, ein relativ altes Stück in einem relativ alten Theater einzurichten? Er durchwühlt das alte Zeug und schleppt das, von dem er glaubt, dass man es heute noch brauchen könnte, auf die Bühne. Jan Philipp Gloger hat sich mit seinen letzten Inszenierungen den Ruf erarbeitet, im Knacken von Klassikern hervorragend zu sein. Für das Publikum des Augsburger Stadttheaters machte er unlängst sowohl den "Clavigo" als auch "Emilia Galotti" leicht zugänglich. Jetzt in München war "Die Unbeständigkeit der Liebe" von Marivaux dran.


Bayerisches Staatsschauspiel

Der beschürzte Mann

von Petra Hallmayer

München, 4. Dezember 2008. Seit Gottvater das erste Schöpfermachtwort sprach, haben sich Männer in der Meisterschaft geübt, furiose Besserwisser, Rausreder und Schuldverschieber zu werden und sich so verbal die Welt zu unterwerfen. Mit Darry Berrill hat Sean O'Casey ein besonders prächtiges Exemplar dieser Spezies geschaffen. "Mein Gott, Frau", meint der irische Bauer am Ende zu seiner Lizzie, nachdem er das gesamte Haus verwüstet hat, "könntest du nicht einmal etwas richtig machen?!"


Bayerisches Staatsschauspiel

Puzzle eines Verbrechens

von Petra Hallmayer

München, 19. Oktober 2008. Sie war eine Tochter aus gutem Hause. Eines Nachts findet man ihre Leiche am Straßenrand, nackt und mit Blutergüssen übersät. Die Spuren in Fausto Paravidinos Stück "Stillleben in einem Graben", das im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels Premiere feierte, führen zu Drogenhändlern und Prostituierten.


Bayerisches Staatsschauspiel

Gemetzel im Zuckergusswerk

von Sabine Leucht

München, 29. Juni 2008. Auf den ersten Blick sieht es nach voreiligem Triumphgeheul aus, wenn am Abend des EM-Finales ein Stück mit dem Titel "Am Ziel" Premiere hat. Auf den zweiten Blick ist zwar Deutschland noch immer im Endspiel, das Stück aber hat Thomas Bernhard geschrieben – und da wird besagtes "Ziel" allenfalls ein Zwischenstopp sein: eine Stolperfalle auf dem Weg zum nächsten großen Irrtum.


Bayerisches Staatsschauspiel

Der Chor, der es nicht wissen muss

von Georg Kasch

München, 15. Juni 2008. Vielleicht war alles ganz anders. Vielleicht wurde die Demokratie nicht in Argos, sondern auf Kreta geboren, weil das Volk dem König Idomeneus nicht verzeihen konnte, dass er nach zehn Jahren ohne ihre Väter, Gatten, Brüder aus dem Trojanischen Krieg heimkehrte. Und weil es den Zusammenhang von Idomeneus' Mord an seinem Sohn und dem Versiegen der Brunnen erkannte: "den alten König verbannen, und so ein Zeitalter des Aberglaubens beenden". Revolution auf Kreta? "So war es nicht: So ist es nicht gewesen. Es ist so gewesen: ..."


Bayerisches Staatsschauspiel

Immer frisch hereingetanzt!

von Willibald Spatz

München, 29. Mai 2008. Es wird niemand behaupten, es sei leicht, heutzutage "Romeo und Julia" zu erzählen: Jeder kennt das böse Ende der Geschichte und will außerdem nicht dauernd an seine Sehnsucht nach der großen Liebe erinnert werden. Die hat er entweder schon gefunden oder er sucht sie, sobald er Gelegenheit hat, da braucht er kein Theater.

 


Bayerisches Staatsschauspiel

Die Sorgen von früher

von Willibald Spatz

München, 15. März 2008. Wenn die Zeit vergeht, ohne dass etwas passiert, was einen berührt, dann stumpft man ab, dann reagiert man auch nicht mehr, wenn etwas passiert, was einen sonst schwer erschüttert hätte. Das Bayerische Staatsschauspiel setzt auf Kontinuität, es ist loyal zu denen, die dort wirken. Franz Xaver Kroetz hat vor ein paar Jahren seinen schlimmsten Menschenhass, der es ihm unmöglich machte, unter den Leuten zu sein, überwunden. Seitdem inszeniert er im Residenztheater gelegentlich, was dann im Wesentlichen recht gefällig gerät.


Bayerisches Staatsschauspiel

Der karnevaleske Charme der Bourgeoisie

von Georg Kasch

München, 26. Januar 2008. Nein, eingestaubt ist hier nichts: Zu Prokofjev-Musik, die an eine Spieluhr erinnert, verschwindet das große Tuch, das anfangs die Szene bedeckte, im Bühnenboden. Sie sitzen auf ihren Stühlen, als täten sie seit hundert Jahren nichts anderes, erwachen mit einem Lichtwechsel aus ihrer Starre und konversieren, als wär’s ein Stück von Ibsen.


Bayerisches Staatsschauspiel

Ernst ist das Leben, komisch die Kunst

von Georg Kasch

München, 14. Dezember 2007. Zunächst einmal: Calderóns "Das Leben ein Traum" am Residenztheater München ist eine Inszenierung, für die man den Text vorher nicht gelesen haben muss. Man versteht jedes Wort, jeden Zusammenhang in der nur unwesentlich gekürzten Fassung. Alexander Nerlich hat den Text genau gelesen, seine Regie ist behutsam und präzise – und wattiert das Stück wie eine zerbrechliche Antiquität.


Bayerisches Staatsschauspiel

Saublödes System

von Willibald Spatz

München, 6. November 2007. Der Kapitalismus ist schlimm: Er reduziert die Menschen zu Konsummaschinen, er nimmt den Schwachen das Wenige, das sie haben, und beschenkt die Reichen. Aber er verliert seinen Schrecken ein bisschen, wenn man seinen Namen ausspricht.


Bayerisches Staatsschauspiel

Wo sich Geld stapelt, ist Glück nicht unbedingt zuhause

von Georg Kasch

München, 3. November 2007. Als am 9. Mai 1923 Bertolt Brechts drittes Stück "Im Dickicht der Städte" im Münchner Residenztheater (unter dem Titel "Im Dickicht") uraufgeführt wurde, kostete der günstigste Platz 1200 Mark, der teuerste 8000 Mark. Inflation, Arbeitslosigkeit, Putschversuche, Verarmung des Mittelstands – noch zur Premiere erlebte das Publikum jenes Chaos vor der Haustür, das der Dichter im Stück skizziert.


Bayerisches Staatsschauspiel

Das Selbst und sein Double

von Willibald Spatz

München, 26. Oktober 2007. Stefan Hunstein spielt an sich herum, er wagt zwar zuerst nicht, sich zu berühren oder sich anzusprechen. Doch dann geht was: Er tippt sich mit dem Finger auf den Bauch und zuckt daraufhin zusammen. Stefan Hunstein hat ein Double und eine Puppe, die ihn darstellt, mit auf der Bühne: Er kann also eine Menge mit sich anstellen.


Bayerisches Staatsschauspiel

Tote Stelen in Mondlandschaften

von Georg Kasch

München, 21. Juni 2007. Sie atmen noch, laut und vernehmlich. Neun Menschenkinder, verstreut in einer apokalyptischen Landschaft liegend: Blaue, gefüllte Müllsäcke formen Hügel und Täler, bedecken die gesamte große Bühne des Münchner Residenztheaters bis an die weiß getünchten Brandmauern. Ein Seziersaal ist dieser Raum, kalt erhellt von drei Leuchtstoffröhrenreihen, die bis in den Zuschauerraum reichen.


Bayerisches Staatsschauspiel

Vom Stopfen des Sinnlochs 

von Georg Kasch

München, 24. Mai 2007. Es regnet. Pfützen bilden sich, das Wasser rauscht und gluckst. Unter der Treppe gibt es sogar eine kleine Fontäne, die sich sprudelnd über den Boden ergießt. Im Vordergrund fallen große Tropfen, die auf die Tische und Stühle prasseln, im Hintergrund fällt es sacht wie Nebel.


Bayerisches Staatsschauspiel

Fehlender Sand im Getriebe

von Georg Kasch

München, 29. April 2007. Seit ihrer Erfindung ist die Drehbühne eine mindestens ebenso beliebte Bühnenkonvention wie die Zigarette. Ein bisschen Erregung gefällig, ein wenig Seelenstriptease, ein psychologischer Konflikt? Zack – schon brennt die Kippe. Ebenso schnell rotiert die Bühne, ganz gleich, ob sich das Seelenleben der Figuren gerade in Aufruhr befindet oder in Monotonie erstickt. Passt ja beides. Irgendwie.


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