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archiv » Theater Neumarkt Zürich (40)
Theater Neumarkt Zürich

Ihr hört uns ab, doch hören tut ihr nichts

von Valeria Heintges

Zürich, 25. September 2016. Eine runde Bühne, fünf Bürostühle mit Rollen, ein paar altmodische Telefone, eine Bar im Einbauschrank und zwei große Gemälde, eines in Quadrate zerschnitten – mehr braucht Simeon Meier nicht, um die Schweizer Erstaufführung von Wajdi Mouawads "Himmel" am Theater Neumarkt in Szene zu setzen. Doch so einfach und übersichtlich die Bühne, so kompliziert und verschlungen der Inhalt des Stücks, mit dem der aus dem Libanon geflohene kanadische Schriftsteller Mouawad seine Tetralogie "Das Blut der Versprechen" abschließt. Das Werk ist ein Theaterkrimi, ein Stück also, das seine Spannung auch aus der Entschlüsselung diverser Indizien bezieht, die auf der Bühne diskutiert und verhandelt werden.


Theater Neumarkt Zürich

Dompteurin des Universums

von Kaa Linder

Zürich, 28. April 2016. Auf der aseptisch weissen Bühne trampelt Sandra Hüller als Isa in DocMartens zwischen schwarzem Kabelsalat herum und hält sich fest am Mikrofon. Zwei Zimmerpflanzen und ein Berg aus braunem Tierpelz – mehr gibt's hier nicht an Kulisse. Zwei Musiker (Moritz Bossmann, Sandro Tajouri) sind noch da, ganz in Weiss und moderat verschanzt hinter Schlagzeug und Keyboard. Was folgt, ist ein fulminanter Monolog, der zwischen barockem Rezitativ und Rockkonzert oszilliert. Schauspiel allererster Güte.


Theater Neumarkt Zürich

Geist, entweiche!

von Christoph Fellmann

Zürich, 18. März 2016. "Geht ihr zu Köppel?", fragten die zwei Kiffer am Ufer des Zürichsees, als vielleicht 200 Menschen an ihnen vorbeizogen. Und vielleicht hätte man an dieser Stelle den Theaterskandal, der die Stadt seit zwei Tagen in, nun ja, Atem hielt, besser verlassen. Jedoch ging man pflichtbewusst weiter, begleitet von allerhand Kameras und sogar einer Drohne, um nach knapp einer Stunde den Stadtrand zu erreichen. Dort beginnt im Osten von Zürich nämlich Küsnacht, wo tatsächlich besagter Roger Köppel wohnt, rechtsnationaler Herausgeber der "Weltwoche" und Nationalrat der SVP. Es war ein ausgesprochen schöner Spaziergang, und noch wartete an seinem Ende ja die Aussicht auf das Theaterereignis dieses Frühlings. "Ja", war die folgerichtige Antwort.


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Wie es kam, dass Adolf Hitler von Rudi Carrell nicht getötet, sondern in Pension geschickt wurde

von Christoph Fellmann

Zürich, 25. Februar 2016. Das war noch Willkommenskultur: "Wenn dann die Germanen da sind", so sagte Romulus als letzter römischer Kaiser zu seinem Kammerdiener, "sollen sie hereinkommen." So steht es wenigstens bei Friedrich Dürrenmatt, in "Romulus der Große“, seiner ersten, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geschriebenen Komödie. Darin sitzt der letzte Herrscher der Antike in seinem Landsitz, züchtet Hühner und wiegelt alle Meldungen über die vorrückenden Barbaren aus dem Norden ab, denn "Meldungen regen die Welt nur auf, man gewöhne sie sich so weit als möglich ab". Seine Truppen sind tot oder übergelaufen, sein Staat ist bankrott, sein Gemüt ist friedfertig. Romulus möchte die Weltgeschichte "nicht stören" und sitzt sie, während in seiner Entourage alle bis zum letzten Fetzen ihres Körpers kämpfen wollen, nur noch aus.


Theater Neumarkt Zürich

Das Kabarett vom Urknall der Moderne

von Kaa Linder

Zürich, 12. Januar 2016. Neumarkt 5, so lautet die geschichtsträchtige Adresse des kleinen Theaterhauses in der Zürcher Altstadt, das in diesem Jahr sein 50. Jubiläum feiert. Mit einem eigens dafür kreierten Festakt unter dem Titel "Was tun?" – wobei der Titel von Lenins Schrift aus dem Jahr 1920 zitiert wird. Wladimir Iljitsch Lenin weilte im Jahr 1916 einen Steinwurf von den Räumlichkeiten des Theaters entfernt in der Spiegelgasse 14 im Exil. In diesen Gemäuern (dem späteren Cabaret Voltaire) riefen anfangs des 20. Jahrhunderts Kriegsflüchtlinge die Moderne aus. All das müsste wissen, wer sich den fast zweieinhalbstündigen Festakt zu Gemüte führt.


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Wehe, wenn er nüchtern wird!

von Beat Mazenauer

Zürich, 5 November 2015. Das erste Wort gehört Matti, dem Chauffeur. Im Ton und Outfit des angry young man blickt er mit rollenden Augen ins Publikum und brüllt herum, dass er des ewigen Wartens überdrüssig sei. "So könnens einen Menschen nicht behandeln." Doch was ist ein Mensch, und ist der Chauffeur einer?


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Tod ohne Netz

von Valeria Heintges

Zürich, 8. Oktober 2015. Sibylle Berg mag es tierisch. Ein Schimpanse mit Plastiklarve und Perücke wackelt vor Beginn der Uraufführung von "How to sell a Murder House" auf der Leinwand durch einen asiatischen Laden. Dann öffnet sich der Vorhang für vier Waldrappen. Nicht diese ausgestorbenen Vögel, sondern vier Schauspielerinnen in Waldrappen-Kostümen. Sie sprechen im Chor. Auf Schweizerdeutsch. Auf schlechtem, höflicher: artifiziellem Schweizerdeutsch.


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Im Sog der Weltverlorenheit

von Claude Bühler

Zürich, 16. Mai 2015. Sehnsucht und Furcht müssen Autorin Judith Schalansky bewegt haben, als sie ihren "Atlas der abgelegenen Inseln" (2009) verfasste. Im Spiegel-Interview sagte sie: "Angefangen habe ich aus einer Art Kinderglauben heraus: Es muss doch irgendwo noch einen wirklich schönen Ort geben! Es kam etwas anders." Mehrheitlich ein Atlas des Grauens entstand. Viele der kurz umrissenen Anekdoten aus der Geschichte von 50 Inseln, die verstreut um den ganzen Erdball liegen, schildern das Scheitern und Sterben von Menschen an und in grausig unwirtlichen Verhältnissen. Dem beigefügt ist jeweils eine Karte der betreffenden Insel. Man betrachtet sie, als ob die Abbildung das Rätsel um das beschriebene Drama preisgeben könnte.


Theater Neumarkt Zürich

Iphigenie auf Cannabis

von Christoph Fellmann

Zürich, 26. März 2015. Thoas ist der König auf Tauris – aber regieren auf der Insel, die wir heute als die Krim kennen, tut der Schauder. Der Iphigenie ist er, wie sie schon in der vierten Zeile ihres eröffnenden Monologs berichtet, ein ständiger Begleiter in ihrem unfreiwilligen Exil. Und der Schauder zwingt ihr einen Blick auf, der wiederum die Einheimischen schaudern lässt. Zunächst Arkas, den Vertrauten des Königs, und bald auch diesen selbst. Die vollendete Sprache dieses Dramas von Goethe sei eine "dünne Haut", hat Heiner Müller bemerkt, darunter "bebt es": Der Schauder der Iphigenie ist tief in den Text eingewirkt, nur, um an geeigneter Stelle aufzuplatzen.


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Trauerbergarbeit

von Julia Stephan

Zürich, 5. Februar 2015. Als Bewohnerin einer Alpenrepublik wüsste ich gern, was im Kopf des griechischen Filmregisseurs Yorgos Lanthimos vorging, als er unsere Berge für seinen Film "Alpen" (2009) derart überhöhte. Zwar denken auch wir Schweizer uns die Alpen gerne gross. Aber bei aller Selbstzufriedenheit, die uns eigen ist, wissen wir doch, dass wir nicht die Grössten sind - gegen den Himalaya ziehen wir den Kürzeren.


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Wenn sich die Alpenwut rötet ...

von Julia Stephan

Zürich, 17. Januar 2015. Die 13-jährige Dienstmagd Elsie sieht sich gross in der Welt. Sie will Künstlerin werden. In Florenz. Doch bevor sie aus ihrer kleinen Stellung entfliehen kann, wird die talentierte Geigerin von ihrem Hausherren, einem Schweizer Industriellen, geschwängert, mit Knecht Jakob notverheiratet, und auf einen Hof in der Nähe des Zürichsees abgeschoben. Dort träumt Gatte Jakob, ein Kind seiner Zeit, noch nicht vom BMW, aber vom eigenen Pferd. Eine Fantasie, die brutal mit Elsies feingeistigen Fidelambitionen kollidiert. Das ergibt: einen Totalschaden für die Ehe.


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Eine Erlösung

von Julia Stephan

Zürich, 27. September 2014. Als Martin Heckmanns' Boulevardstück "Ein Teil der Gans" 2007 am Deutschen Theater in Berlin zur Uraufführung kam, zerrupfte Kritiker Wolfgang Behrens ungerührt dessen witzlose Umsetzung. Nur das Stück selbst verschonte er damals: "Ja, Martin Heckmanns hat ein Boulevardstück geschrieben. Aber aufgeführt wurde es noch nicht", schrieb er, und machte Regisseur Philipp Preuss für die Pleite verantwortlich.


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Die Phantome des Schriftstellers

von Claude Bühler

Zürich, 19. Juni 2014. Wenn der französische Autor Michel Houellebecq sein vereinsamtes Alter Ego gleichen Namens gedankenverloren Sätze hinbrabbeln lässt wie "Sie blasen dir einen ohne Gummi, das war wirklich gut", mag man dies als bloße Provokation oder Banalität abtun. Aber, keine Frage, er will etwas damit. Er setzt sie in seinem jüngsten großen Roman "Karte und Gebiet" von 2010 mit dem Bewusstsein, dass sie treffsicher auf die Schande des Daseins einer hochgebildeten, aber ausdrücklich als depressiv geschilderten Figur hinweisen – die die Not anderer Leute, von Prostituierten, ausbeutet – und deshalb wehtun.


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Kleiner Mann, was nun

von Christoph Fellmann

Zürich, 14. März 2014. Dieser Abend hat einen Refrain, das ist "Mr. Bojangles". Das alte Lied von Jerry Jeff Walker erzählt von einem Straßenkünstler, der in seinem Leben sehr große Sprünge machte, um dann ganz leichtfüßig wieder auf der Erde zu landen. Ein Traumtänzer, oder, wie man heute sagen würde, "eine Blase". Jay Gatsby nennt sich an diesem Abend einmal so, und immer, wenn das Lied spielt und der Applaus rauscht, kommt er nach vorne an die Rampe, um ein paar Steps anzudeuten. Bloß, die Blase ist geplatzt, Mr. Bojangles ist alt und Mr. Gatsby tot und nur seine Schuhe glänzen zum Abschied. Applaus. Aber auch der ist nur eine Rückblende.


Theater Neumarkt Zürich

Da musst du durch!

von Geneva Moser

Zürich, 30. Januar 2014. Wann wird man wohl die ersten Genitalien sehen, frage ich mich in Anbetracht der Ketchup-Mayonnaise-Sauerei, welche die beiden Männer und die junge Frau im Kleinmädchen-Kostüm veranstalten. Und siehe da: In der nächsten Szene stehen beide Männer unter der Dusche, ihre Geschlechtsteile im Fokus der Kamera, deren Livebild auf die Leinwand projiziert wird. Die durchschaubare Abfolge dieser ersten Szenen bleibt für den Rest von "Allegorie des Glücks" von Markus Öhrn in Zusammenarbeit mit der Performancegruppe Nya Rampen und dem Theater Neumarkt in Zürich erhalten.


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"Ich habe – ich weiss nicht"

von Claude Bühler

Zürich, 11. Januar 2014. Wer nach der Aufführung durch das nahe gelegene Vergnügungsviertel Niederdorf spaziert, fühlt sich auf Schritt und Tritt an die eben vergangenen 90 Minuten erinnert, sieht, wie sehr es Regisseurin Laura Koerfer und Dramaturgin Fadrina Arpagaus gelungen ist, das Aufwühlende jugendlichen Liebeswahns in heutige Bilder zu packen. Könnte mancher der jungen, aufgeladenen Typen vor den Diskotheken, die in Winterskälte im T-Shirt ihre Muskeln zeigen, nicht ebenso wie Maximilian Kraus mit glänzenden Augen den Werther zitieren und hervorstoßen: "Ich werde sie sehen! und da habe ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter." Und lassen die jungen Girls in den Diskotheken nicht zu "What is love" von Haddaway im Taumel ihre Haarpracht fliegen wie es Yanna Rüger tut, den Glitzerschmuck im Gesicht? Oder stammeln: "Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe – ich weiss nicht."


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Zürich, offene Stadt?

von Claude Bühler

Zürich, 3. Oktober 2013. Der Start sieht aus wie eine Hinwendung zum italienischen Kino des Neorealismus: Peter Kastenmüller eröffnete vergangene Woche seine Intendanz am Neumarkttheater mit seiner Bühnenversion von Luchino Viscontis Rocco und seine Brüder – dies unter dem saisonalen Überthema "Offene Stadt", was an einen anderen Klassiker der Epoche erinnert: an "Rom, offene Stadt" von Roberto Rossellini. Dem Realismus scheint Direktor Kastenmüller allerdings auf neue Art auf die Spur kommen zu wollen. Er macht es sich nicht leicht. Und uns auch nicht: bei seiner "Rocco"-Inszenierung über die süditalienische Familie, die im reichen Mailand ankommt und scheitert, bekundeten die Rezensenten Mühe angesichts der abstrahierenden Erzählformen.


Theater Neumarkt Zürich

Epos einer Ankunft

von Philipp Ramer

Zürich, 26. September 2013. Vor rund einem Monat hatten die neu berufenen Leiter des Zürcher Theaters am Neumarkt zur Spielplankonferenz geladen. Peter Kastenmüller (Direktor) und Ralf Fiedler (Chefdramaturg) präsentierten kein klassisches Programm, sondern drei "Plattformen", drei eigenständige Themenkreise, welche die Saison 2013/14 bestimmen werden. "Offene Stadt" heißt der erste Schwerpunkt (September bis Dezember), "Glück" der zweite (Januar bis März); "No Markt – Wir demontieren!" lautet das vielversprechende letzte Motto.


Theater Neumarkt Zürich

Grenzen der Meinungsfreiheit?

von Ewa Hess

Zürich, 3. Mai 2013. Mit dem Verdacht der barbarischen Unvernunft geht es los. Dieser gehorche die Schweizer Zeitschrift Weltwoche, wenn sie Woche für Woche Minderheiten diffamiere, nach dem Freund/Feind-Prinzip argumentiere und politisch Unliebsame in Diskredit bringe, sagt der Soziologieprofessor Kurt Imhof. Wie ein moderner Robespierre wendet sich Imhof an sein Publikum in dem zum Gerichtssaal umfunktionierten Theater am Neumarkt in der Zürcher Altstadt. "Inmitten unserer rätischen Republik" – schleudert er mit rollenden Rs vom Zeugenstand in den Saal hinein – "dulden wir eine Publikation, deren Herrschaftsverständnis weit hinter die Aufklärung zurückfällt!"


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altVerkehrte Welt, richtige Welt!

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Juni 2012. Wenn die Nacht einbricht im Athener Wald, blühen auf der Neumarktbühne die Geisterblumen. Einen Wald riesenhafter aufblasbarer Plastikgewächse lässt Bühnenbildner Simeon Meier im dunkel verspiegelten Saal sprießen – es ist ganz nachtschattig und zauberhaft. In so einem Wald wird man sich leicht verirren und im Liebespartner täuschen oder in den Augentropfen.


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alt... und draußen ist irgendeine Krise

von Christoph Fellmann

Zürich, 9. März 2012. Sie wiehern und winseln, sie rülpsen und röcheln. Das menschlichste Geräusch, das zu hören ist, ist das Plätschern des Schnapses in die Gläser. Denn auch die Sprache dieser Menschen hat sich zu einem belegten Flüsterton zurückgebildet, gerade so, als schämten sie sich für das Elend, von dem sie erzählen. Darum trinken sie Schnaps, viel und schlechten Schnaps. Aber gleichfalls waschen sie sich im Schnaps und lassen darin die Mordwaffe verschwinden. Einer spricht es aus: Sie wünschten sich, die ganze Welt wäre aus Schnaps.


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alt

Möwe, abgestürzt

von Christoph Fellmann

Zürich, 19. Juni 2011. Es klingt wie eine gute Idee. Die "Möwe" von Anton Tschechow und Husbands and Wives ("Ehemänner und Ehefrauen") von Woody Allen – zwei in schönsten Neurosen blühende Komödien in einem Theaterabend. Zwei Künstlermilieus, einmal in der russischen Provinz, einmal in Manhattan, zugange in zwei Liebesreigen: Bei Tschechow rundum im Unglück zehrend, bei Allen zementiert in langjährigen, sexuell ausgezehrten Ehen.


Theater Neumarkt Zürich

Wer hat Angst vor dem Rausch?

von Christoph Fellmann

Zürich, 25. November 2010. Was für ein tristes Loch. Ein langer Möbelbandwurm gibt, grob zersägt, die mobile Infrastruktur einer Ehe: Couch, Lounge, Bett. Hierhin kehren George und Martha am Theater Neumarkt in Zürich zurück, um ihre Splatterversion einer Ehe aufzuführen und nebenbei das biedere Glück ihrer späten Gäste – Nick und Putzi – zu zertreten. Denn "bis zu einem gewissen Grad können Menschen Demütigungen einstecken, ohne auf der guten alten Leiter der menschlichen Evolution einige Sprossen zurückzufallen", wie es bei Edward Albee heißt. Dieser gewisse Grad wird in seinem "Who's Afraid of Virginia Woolf?" mit sadistischer Lust überschritten; das Stück ist eines der krassesten und wüstesten Ehedramen des Theaterkanons – ganz einfach darum, weil die Eheleute in jedem Moment genau das auch sagen, was sie höchstens denken dürften. "Aber", so Martha zu George, "das hältst du aus, darum hast du mich geheiratet."


Theater Neumarkt Zürich

Choreografie der Ratlosigkeit

von Kaa Linder

Zürich, 7. Oktober 2010. "Ihr begannt verheissungsvoll" lautet einer der letzten Sätze in Handkes "Publikumsbeschimpfung", die allerdings erst kurz vor Schluss eine solche ist. Wenn nämlich die vier Spielenden ein Podest in den Theatersaal schleppen, um ihrem Publikum auf Augenhöhe die Leviten zu lesen. Wenn sie über die Zuschauer bilanzieren nach einem 100-minütigen Akt der Verweigerung, Theater zu spielen in einem Theater vor Menschen, die um des Theaters Willen ins Theater gekommen sind.


Theater Neumarkt Zürich

Börsen- und andere Bla-Bla-Blasen

von Andreas Klaeui

Zürich, 19. Juni 2010. Gut ist das Gegenteil von gründlich. Sebastian Baumgarten versetzt Jacques Offenbachs erstaunlich frische, erwartungsgemäß geistreiche Opéra-bouffe "Les Brigands" mit so viel zeitgeistigem Ferment und dramaturgischem Treibmittel, bis vor lauter Blasen weiter nichts zu sehen ist. Gegenstand der Offenbachiade – der Titel "Die Banditen" sagt es schon – ist die Finanzwelt.


Theater Neumarkt Zürich

Ragout fin

von Felizitas Ammann

Zürich, 9. Februar 2010. Man hat eine gewisse Affinität zum Kino im Zürcher Theater Neumarkt. Leiter Rafael Sanchez gab sogar seinen Einstand mit der Adaption eines Films (Der Boss vom Ganzen nach Lars von Trier), und diese Spielzeit standen schon Baby Jane und Das Interview (nach Theo van Gogh) auf dem Programm. Und nun also Godard. Für dieses gewagte Vorhaben hat man mit dem Regisseur Robert Lehniger einen Fachmann engagiert, der seit vielen Jahren mit bewegten Bildern arbeitet. Bevor er selbst Regie führte, produzierte er Videos für Stefan Bachmann, Albrecht Hirche, Stefan Pucher oder Christiane Pohle.


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Der Boulevardschmerzvirus

von Michael Laages

Zürich, 4. Dezember 2009. Am Ende schrumpfte das Spektakel zum kleinen Gag. Denn nach den öffentlichen Ankündigungen musste sich ja niemand überrumpelt fühlen, als das Ensemble von Christoph Schlingensiefs jüngster Theater-Produktion das Theater Neumarkt in Zürich verließ, und mit (fast) dem kompletten Publikum im Schlepptau den kurzen Weg hinüber wanderte zur Pfauen-Bühne des Schauspielhauses, um dort die laufende Premiere von Rene Polleschs neuem Text Calvinismus Klein zu entern.


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Weibsteufel in Silikon

von Andreas Klaeui

Zürich, 26. November 2009. Dass zwischenmenschliche Beziehungen im besten Falle auf einem Missverständnis beruhen, haben auf dem Theater schon andere dargelegt. Aber nicht viele so vernichtend klar – respektive klar vernichtend – und mit allen medien- und spektakeltheoretischen Wassern gewaschen wie Theo van Gogh 2003 in seinem Kammerspielfilm "Das Interview" (dessen Bühnenfassung von Stephan Lack nach dem Drehbuch 2006 in Frankfurt uraufgeführt wurde). Die Versuchsanordnung: Zwei Exponenten der Mediengesellschaft werden kurzgeschlossen. Es ist so ein bisschen wie das Kind mit der Steckdose: Man steckt zwei Drähte hinein und schaut, was dann passiert.


Theater Neumarkt Zürich

Der Hass der Diven und ihre Voyeure

von Simone von Büren

Zürich, 20. November 2009. Diven bewundert man für ihr Talent. Und man fürchtet sie wegen ihrer Launen und exzentrischen Allüren. Beispiele gibt es genug – vor allem aus Hollywood. Bette Davis und Joan Crawford etwa. Entsprechend anstrengend müssen 1962 die Dreharbeiten für Robert Aldrichs "What ever happened to Baby Jane" gewesen sein, in denen die beiden, die hinterher nie wieder gemeinsam im Film auftraten, Jane und Blanche Hudson verkörperten, zwei Schwestern, die den Rausch des Ruhms kennen: Jane wurde als Kinderstar "Baby Jane" gefeiert, dann von Blanche überflügelt, die aber in Folge eines mysteriösen Autounfalls im Rollstuhl landete und dadurch vollständig abhängig wird von Jane, die dem Alkohol verfallen und zunehmend unberechenbar geworden ist.


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Die Mechanik der Entfremdung

von Andreas Klaeui

Zürich, 10. September 2009. Ausweichen kann man sich nicht auf der Oktoberfestwiese. Nicht in diesem abgeschlossenen Raum im Neumarktsaal: Auf flachen Stufen läuft er zu wuchtigen Rückwänden hin; wer einmal hier drin ist, wird sich wieder und wieder begegnen müssen, in der einen oder andern Konstellation – und das Schicksal nimmt seinen mitleidlosen Lauf. Beziehungsweise "die Liebe höret nimmer auf", wie es in "Kasimir und Karoline" etwas zynischer formuliert heisst: Sei es mit dem oder jenem, sie bleibt unerfüllt.


Theater Neumarkt Zürich

Und wer bringt den Müll Gottes raus?

von Christoph Fellmann

Zürich, 21. Mai 2009. Mit den Wartesälen ist es ja so eine Sache. In der realen Welt sind das Orte, an denen Menschen auf den Zug oder auf den Flug warten. Im Theater ist der Wartesaal aber eine Metapher, in der Menschen auf ihr Leben warten. So auch hier, in der kleinen Nebenbühne des Theaters Neumarkt an der Zürcher Chorgasse.


Theater Neumarkt Zürich

Smells like Teenspirit

von Charles Linsmayer

Zürich, 28. April 2009. "Du' s'isch geil gsi! – Ich han de Afang nöd checked!" Zwei Zürcher Schülerinnen diskutieren am Ausgang des Neumarkt-Theaters lebhaft, was sie gesehen haben. Gut die Hälfte der Premierenplätze war mit Vierzehn- bis Siebzehnjährigen besetzt, die die Aufführung teils mit Johlen und Kreischen, teils aber auch mit sichtlichem Befremden verfolgt haben. Denn für sie ist sie schliesslich gedacht, die Trans-Helvetia-Produktion "Die Leiden des jungen Werthers", die Anna-Sophie Mahler als Gemeinschaftswerk des Zürcher Theaters Neumarkt und des Théâtre Vidy, Lausanne, inszeniert hat und die in den nächsten Monaten in Theatern und Schulen der deutschen und französischen Schweiz auf Tournee gehen wird.


Theater Neumarkt Zürich

Im Cocktailpartykerker

von Kaa Linder

Zürich, 26. März 2009. "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich", heißt es bei Tolstoj zu Beginn von "Anna Karenina". Das Leitmotiv des 1000-seitigen Gesellschaftsromans aus dem Jahr 1875 nimmt das Ensemble am Theater Neumarkt zum Anlass, den heutigen, hyperindividualisierten Glücksanspruch zu hinterfragen. Gewiss wäre es verführerisch gewesen, die weltberühmte Lovestory in den Fleischwolf zu stecken und hemmungslos zu zerspielen. Regisseurin Barbara Weber beherrscht den Fleischwolf und macht genau das zum Glück nicht. Stattdessen nimmt sie Leo Tolstoj beim Wort und das Publikum drei Stunden lang in die Mangel.


Theater Neumarkt Zürich

Wenn nichts mehr hilft: Magie!

von Felizitas Ammann

Zürich, 27. November 2008. "Ich hatte mit dem physischen Kram gar nichts zu tun", erinnert sich einer, "ich hab in meinem ganzen Leben nie ein Schiff gechartert". Dafür konnte er ganz gut Bilder lesen, Statistiken, Charts, Patterns, Auf- und Abwärtstrends, Kaufsignale. Stolz präsentieren drei ehemalige Broker Diagramme mit schwankenden Kursen, erklären die unterschiedlichen Zackenlinien und ihre komplizierten Deutungsmuster. Wobei die Hauptschwierigkeit darin besteht, dass die Muster immer erst im Nachhinein erkennbar sind.


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Immer in die gleichen Fallen

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. November 2008. Schön kühl ist das und von einiger Eleganz. Des Gedankens wie der Form. Barbara Webers "Hair"-Panorama zur Eröffnung konnte – bei aller offensichtlichen Spiellust des Ensembles – im Neumarkt-Saal noch nicht die Direktheit und die Frische frühere "Unplugged"-Produktionen auf weniger großen, weniger etablierten Bühnen entfalten. Jetzt, auf der kleinen Bühne an der Chorgasse, stimmt alles prächtig zusammen. Barbara Weber versetzt Frischs Biografie-Spiel in zeitlose Modernität. Auch wenn das Setting auf die sechziger Jahre verweist, in der Ausstattung, in gelegentlichen Anspielungen, selbst ein wenig in der Spielweise.


Theater Neumarkt Zürich

40-Jahr-Feier gesammelter Widersprüche

von Felizitas Ammann

Zürich, 3. Oktober 2008. Das Zürcher Theater Neumarkt hat mit Rafael Sanchez und Barbara Weber eine Zweierintendanz erhalten. Entsprechend wird auch doppelt eröffnet: Beide Chefs steuern ein Stück bei, darin zu sehen ist je das halbe Ensemble (das aus zwei Österreichern, vier Deutschen und zwei Schweizern besteht) und ein paar Gäste. Die Ausstatterin Sara Giancane war sogar zweimal am Werk, und auch beim Perückenvorrat wird man an Grenzen gestossen sein. Nach dem 70er-Jahre-Inferno am ersten Abend steht am zweiten nämlich "Hair" an. Oder mit ganzem Namen: "Hair Story. Ein Stück mit Songs und unvermeidlichen Bezügen zum Musical von 1968."


Theater Neumarkt Zürich

Kuscheln mit dem Boss

von Felizitas Ammann

Zürich, 2. Oktober 2008. Das Theater am Neumarkt, die Spielstätte in der Altstadt mit kleinem Saal und schmalem Budget, war in Zürich schon immer die Bühne fürs Experiment. Während der fulminanten Ära von Volker Hesse und Stephan Müller in den neunziger Jahren strahlte das Haus weit aus, danach war es ruhiger geworden.


Theater Neumarkt Zürich

Alles über das Abwesende

von Felizitas Ammann

Zürich, 3. Juni 2008. Es ist die Abwesenheit, die den Abend prägt – nicht nur die bevorstehende Abwesenheit des Teams um Intendant Wolfgang Reiter, das sich mit dieser Produktion von Zürich verabschiedet. Ein großer Abwesender ist auch Händl Klaus, dessen "Dunkel lockende Welt" bereits vergangene Spielzeit wegen Krankheit gestrichen werden musste. Das Stück sollte nun die laufende Saison beenden – und die Proben mussten wiederum wegen Erkrankung einer Darstellerin abgebrochen werden.

Beziehung mit frühem Liebesentzug  

Regisseur Jarg Pataki ersetzte lieber das ganze Stück als die Schauspielerin und brachte mit dem gesamten Ensemble (außer der erkrankten Marianne Hamre) Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe" auf die Bühne – in das Bühnenbild von "Dunkel lockende Welt". Aus Händl Klaus' Stück stammt auch die Grundidee, denn darin wird dringend empfohlen, die "Fragmente“ zu lesen. Pataki und das Ensemble sind dieser Empfehlung mehr als nachgekommen. Sie haben den Text gelesen, bearbeitet und in nur vier Wochen eine "szenische Sprechung" auf die Bühne gestemmt, die sich sehen und vor allem hören lassen kann.

Das ist keine schlechte Lösung, nicht nur, weil der Abend gefällt. Die letzte Produktion steht so auch exemplarisch für die Bearbeitung von theaterfremden Texten, wie sie im Neumarkt in den letzten Jahren immer wieder gewagt wurde. Insgesamt erschien das Programm des Hauses allerdings zu gemischt, um ein treues Publikum aufzubauen. Oder hat einfach die Zeit nicht gereicht? Darüber lässt sich nur noch spekulieren: Der Verwaltungsrat hatte der Leitung bereits nach eineinhalb Jahren die Vertragsverlängerung verweigert. Nun, nach vier Jahren, verlässt Wolfgang Reiter das Haus.

Analyse, Emotion, nachvollziehbare Beobachtungen

Der Abschied beginnt polyphon. Das Publikum staut sich im engen Gang, die Schauspieler bewegen sich sprechend durch die Menge. Dann geben schmale Schlitze den Blick frei auf den weißen Theaterraum. Und schließlich darf man eintreten und mitten im Raum Platz nehmen auf niedrigen weißen Pilzen. Jeder für sich allein. Denn der Diskurs des Liebenden ist eine einsame Sache. Die Abwesenheit des Geliebten ist Voraussetzung für das unablässige Sprechen und Schreiben des liebenden Subjekts. Oder wie es bei Barthes heißt: "Wissen, dass man nicht für den Anderen schreibt, wissen, dass die Dinge, die ich schreibe, mir nie die Liebe dessen eintragen werden, den ich liebe, wissen, dass das Schreiben nichts kompensiert, nichts sublimiert, dass es eben da, wo du nicht bist, ist – das ist der Anfang des Schreibens."

Die "Fragmente" bestehen aus 80 kurzen Sprachszenen. Sie sind alphabetisch geordnet und beginnen in der deutschen Übersetzung mit der Abwesenheit (davor steht nur noch die Abhängigkeit). Barthes' spätes Werk von 1977 speist sich aus Philosophie und Literatur, aus Anekdoten und selbst Erlebtem. Goethes Werther wird angesprochen, Lacan scheint immer wieder auf.

Die einzelnen Teile sind unterschiedlich, angesiedelt zwischen Analyse und Emotion, kryptischen Passagen und nachvollziehbaren Beobachtungen. Etwa, dass man den anderen zu kennen glaubt und ihn doch nie verstehen wird. Oder dass das Lieben ein einziges Warten ist. Das Warten auf den Geliebten im Café kann sich gar zu einem Drama in drei Akten auswachsen – einem in Patakis Inszenierung ziemlich lustigen Drama.

Am Ende wird zusammen gekocht 

Pataki erlaubt sich nur wenige ausgespielte Szenen, ansonsten ist der Abend sehr zurückhaltend inszeniert. Unterstützt von einer Pianistin wird in erster Linie gesprochen. Mal chorisch, mal dialogisch und meist monologisch. Das ist gut so. Denn der Text mit seinen vielen Brüchen erweist sich selbst als eindringlich und immer wieder überraschend.

Schade nur, dass der Abend insgesamt etwas zu leichtfüßig daher kommt: die Katastrophen des Liebenden tun nicht wirklich weh, zu schnell folgen schon die nächsten Beobachtungen zum Thema. Doch schließlich gilt es heute auch, ein Fest zu feiern. Und deshalb endet das Sprechen mit den "glücklichen Tagen" des Liebenden, und beginnt dann das Fest, bei dem Ensemble und Publikum gemeinsam kochen und essen. So erfährt der flüchtige Abend über das Abwesende einen ganz und gar präsenten und währschaften Abschluss.

 

Fragmente einer Sprache der Liebe
nach Roland Barthes, deutsch von Hans-Horst Henschen
Regie: Jarg Pataki, Bühne und Kostüme: Doris Dziersk.
Mit: Silke Buchholz, Adrian Furrer, Silke Geertz, Christoph Rath, René Schnoz, Charlotte Torres.

www.theateramneumarkt.ch


Mehr über Produktionen des Theater am Neumarkt: Im Mai inszenierte Leopold von Verschuer Kathrin Rögglas publikumsberatung, im April entstand Der gefesselte Prometheus nach Aischylos in der Regie von Christoph Rath. Jarg Pataki widmete sich zuletzt in Fremdwerden I-III den Biographien von Aharon Appelfeld, Albert Camus, Petra Kelly; ein Projekt, das er am Theater Freiburg realisierte.

 

 

Kritikenrundschau

Schöner könne eine Direktion nicht enden, freut sich Peter Müller im Zürcher Tagesanzeiger (5.6.) über die letzte Premiere unter Intendant Wolfgang Reiter. Nach einer guten Stunde würden die Schauspieler plötzlich die Fenster aufreißen, würden die Türen geöffnet, und die Technik trage Tische und Bänke in den Theatersaal. Dann stellten sich der Intendant und sein Chefdramaturg Dieter Seiler hinter die Grillpfannen. Aber auch der Abend selbst beglückt den Rezensenten durch weitgehende Leichtfüßigkeit. Zwar gibt es aus seiner Sicht neben Klugem und Komischem auch Sperriges und Sprödes. Dafür hört Müller im Publikum immer wieder jene "Lacher der Selbsterkenntnis", die sich schon Barthes selbst gewünscht habe. Noch einmal also zeige das Neumarkt-Ensemble seine Stärken und Schwächen. Nämlich, das "eindrückliche Engagement, die Neugier, die Lust am Schwierigen. Aber auch einen lachhaften Hang zum Dozieren". "Da lebt man intellektuell über die Verhältnisse, und der erigierte Zeigefinger wirkt ganz unerotisch", seufzt der Kritiker noch mal. "Doch schon gehen die Fenster auf. Auf die Analyse des einsamen Liebenden folgt Agape, das festliche Liebesmahl."

Auch Charles Linsmayer ist im Berner Bund (5.6.) der Ansicht, dass diese, eigentlich als Lückenbüßer für "Dunkel lockende Welt" von Händl Klaus anberaumte Inszenierung ein "wahrer Geniestreich von geglücktem, hinreißend umgesetztem Improvisationstheater" ist. Pataki lasse eine "geschickt gewählte" Auswahl der Texte in einem Raum rezitieren, der die "Vereinsamung direkt fassbar" mache und füge "Schumann-Klavierstücke und pianistische Improvisationen" hinzu, "die das Musikalische seiner festen Umrisse berauben". Ganz unmittelbar könne das Publikum "die Vereinsamung des unglücklich Liebenden und das tröstliche Zurückfinden in die Gemeinschaft" erleben, indem es sich erst durch "labyrinthische Gänge" taste, dann durch "eine Art Schießscharten" in den Saal hineinschaue, um schließlich in der "gleißenden Helle" zu stehen und hinterher vom Theaterdirektor noch opulent bekocht zu werden.

 


Theater Neumarkt Zürich

Vortrag in Falten

von Andreas Klaeui

Zürich, 2. Mai 2008. Ein Rednerpult vor dem Vorhang, ein "Sponsor" begrüsst die Gäste, ein "Referent" tritt auf, der dann auch noch kurz seinen "Lieblingsschauspieler" anrufen wird: ein Schmankerl zum Abschied. Bald ist die Ära von Wolfgang Reiter am Neumarkt vorbei; da darf es schon mal eine "Einführung" sein.


Theater Neumarkt Zürich

Prometheus remixed

von Andreas Klaeui 

Zürich, 24. April 2008. Das Opfertier liegt zerstückelt am Bühnenboden. Teile eines prächtigen Stiers hat Bühnenbildner Peter Meier über ein Felsentrümmerfeld von Bühnenpodesten verteilt, Brust, Laffe, Haxen, Nuss, fachmännisch zerlegt, ganz wie es Zeus gefällt. Oder ist es am Ende der Göttervater selbst, der hier in Stücken liegt? Der ja bei Gelegenheit auch schon mal Stiergestalt annahm? Und dessen väterlicher Regentschaft sich Prometheus, aus dem älteren Göttergeschlecht der Titanen stammend, als Anwalt der Menschen nicht unterwerfen, dessen Autorität er schlachten wollte. Damit ist er allein auf weiter olympischer Flur. Ein Rebell unter lauter Anpassern.


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