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archiv » Hessisches Staatstheater Darmstadt (19)
Hessisches Staatstheater Darmstadt

Feeling Good

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 8. Oktober 2016. "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", ist einer der meistzitierten Sätze aus Goethes "Faust". In Darmstadt, wo Bettina Bruinier das Stück Weltliteratur im Kleinen Haus inszeniert, gibt es gleich zwei Fausts. Samuel Koch, der schmale Mann in seinem Rollstuhl, ist der eine, Christian Klischat, im Vergleich: ein Koloss, der andere. Gerade am Anfang wirken sie wie Antipoden. Kochs Faust ist schlaff, apathisch. Er ist der Typ, der sein Leben verflucht, der einen neuen Kick herbeisehnt, aber noch nicht so recht weiß, ob er sich darauf überhaupt einlassen will. Klischats Faust dagegen ist agil, seine Stimme bebt und brummt, er gibt sich angriffslustig. Wenn er die wuchtigen Baumstümpfe, die auf der ansonsten kargen Bühne stehen, umstößt, dann fallen dabei auch die buntgekleideten Menschen vom Bürgerchor gleich reihenweise mit um.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Voltaire und Vietnam

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 18. März 2016. Es ist eine Retro-Zukunft. Es ist eine Zukunft, wie sie in der Vergangenheit gesponnen wurde, eine Science-Fiction-Welt, deren Vorbild eher John Carpenters Low-Budget-Film "Dark Star" aus den 1970er-Jahren sein dürfte als der ganze heutige 3-D-Special-Effects-Schnickschnack. Eisberglandschaften stehen da auf der Bühne, um von Projektionen beleuchtet zu werden.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Die Landneurotiker

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 13. Februar 2016. Da ist der Samowar, da ist der Wodka, und wo sind die Birken? Sie verstecken sich im Muster einer Designercouch. Später wird auch noch Astrow, der Arzt, ein Sakko mit dem Birkenstoff tragen. Groteske Klamotten mit waghalsigen Mustern gibt es in dieser Inszenierung zuhauf. Sie will kein klassischer "Onkel Wanja" sein, das kapiert man sehr schnell. Nicht Melancholie und Lethargie sollen den Abend prägen, sondern das Komische, der Humor. Und das Schräge. Im Programmheft wird Woody Allen zitiert, der über Tschechow sagt, dass er "überhaupt der Größte" sei. Das gibt die Richtung vor. Willkommen bei den Landneurotikern.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Unter der Haut

von Anja Baumgart-Pietsch

Darmstadt, 2. April 2015. Ein merkwürdiges, zweiköpfiges Wesen bewegt sich auf der Bühne. Man muss schon näher hinsehen, um zu begreifen, wie es konstruiert ist: Zwei Männer, alle Gliedmaßen aneinander festgebunden, einer trägt eine schwarze Haube über dem Gesicht. Der eine Schauspieler bewegt so den anderen mit: Es ist Samuel Koch, der seit seinem Sturz bei "Wetten, dass ..." querschnittsgelähmt ist, und nun mit dem Körper seines Kollegen Robert Lang verschmilzt.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Was dürfen wir sehen?

von Marcus Hladek

Darmstadt, 6. Dezember 2014. Fast auf den Monat vor fünfzig Jahren erreichte ein Pariser Bannstrahl das Theater Darmstadt: Jean Genets Aufführungsverbot für seine "Neger". Intendant und Regisseur Gerhard Hering ignorierte es. Die "Neger" mit angeschwärzten weißen Schauspielern zu machen, missfiel Genet prinzipiell. 2014 geht es in Darmstadt erneut ums Prinzip der Inklusion – oder geht es doch nur um eine Selbstverständlichkeit? Zwei körperbehinderte Schauspieler, so die Lage unter Intendant Karsten Wiegand und Schauspieldirektor Jonas Zipf, spielen fest im Ensemble mit: Jana Zöll, eine Schauspielerin mit Glasknochenkrankheit, und Samuel Koch, der sich 2010, im damals ersten Jahr an der Schauspielschule, bei "Wetten, dass..?" arg verletzte und seitdem querschnittsgelähmt ist.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Überforderungsmaschinerie der Gleichzeitigkeit

von Esther Boldt

Darmstadt, 4. Oktober 2014. Auf dem Misthaufen findet ein unheimlicher Maskenball statt. Eine Gestalt im weißen Kleidchen tobt herein, den aufgespannten Sonnenschirm vor sich haltend wie eine Waffe. Eine Nebelmaschine bläst hinein und wenn der Schirm geschwenkt wird, quellen dicke Wolken hervor, geradewegs jemandem in die hustende Visage. Léon, der Kanzlist, trägt Uniformjacke und singt leicht verschleppt Leonard Cohens "Dance me to the end of love". Apotheker Homais im paillettenbesetzten Frack legt im Stroh die tollsten Stürze hin, und Madame Bovary in ihrem schwarzen Catsuit geht fast unter im Gewühl. Nebelschwaden wabern auf drei Leinwänden wieder, die wie ein Triptychon im Misthaufen hängen.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

"Wir sind Tiere!"

von Grete Götze

Darmstadt, 1. März 2013. Es beginnt mit dem Ende. Anders gesagt: So wie Journalisten Texte klammern, in dem sie dasselbe Bild am Anfang und am Ende benutzen, klammert auch Patricia Benecke ihre Inszenierung des 2011 uraufgeführten Stücks der irischen Dramatikerin Marina Carr "Phaedra Backwards". Phädra, eine abgehalfterte, Champagner saufende Frau im glitzernden Kleid, redet zu Beginn des eineinhalbstündigen Abends auf einer Chaiselongue liegend mit ihrem Mann darüber, dass sein Sohn, (ihr Stiefsohn) Hippolytus, sich über die Klippen in den Selbstmord gestürzt hat und er, Theseus, Schuld daran sei. Am Ende reden beide wieder darüber, und der Zuschauer weiß jetzt, wie es dazu gekommen ist.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Die Harmoniesuppe ist alle

von Grete Götze

Darmstadt, 15. November 2012. Es darf gelacht werden!, hieß es an dieser Stelle 2011 anlässlich des Berliner Stückemarktes. Gemeint war damit unter anderem Tilmann Köhlers szenische Einrichtung von Benjamin Lauterbachs Stück "Der Chinese". Lauterbach zeichnet satirisch ein Deutschland der Zukunft ohne Ausländer, in der die Werte Familie, Natur und Gesundheit jedes sinnvolle Leben konterkarieren. In die heile Welt einer Kleinfamilie bricht der von der chinesischen Regierung entsandte Herr Ting ein, um vom deutschen Glück zu lernen. Und die Gesellschaftsfarce kann beginnen. Die Berliner Zuschauer hat es amüsiert.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

altDer Weltuntergang ist aufgeschoben

von Marcus Hladek

Darmstadt, 24. März. Zehn Gerechte hätten Gott genügt, um Sodom und Gomorrha zu schonen, doch ach, das Strafgericht fand statt – nicht allzu viele "Genesis"-Kapitel nach der Geschichte mit Noah und der Sintflut übrigens, die trotz Happy End mit Regenbogen und Taube mit Ölzweig alle Sünder der Welt in den Abfluss spülte. Genau zehn Gerechte nebst lebender Taube boten jetzt auch der Schweizer Dramatiker Urs Widmer und sein Regisseur auf. Da Widmer starke Modelle allerdings am liebsten parodiert und süffig-surreale Spiele damit treibt, sind die Gerechten nicht wirklich gerecht, und auch die Taube wird zum Trick eines stets wie aus dem Ei gepellten Davoser Hoteldirektors (Tom Wild).


Hessisches Staatstheater Darmstadt
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Die Provinz als Wille und Vorstellung

von Marcus Hladek

Darmstadt, 11. Dezember 2011. Zweimal über die Dörfer, so lautet der Reiz dieses Abends. Zweimal Theaterklitsche in dreieinhalb Stunden. Oder alternativ: Theater-Irrsinn von der Tragödie zum Satyrspiel. Und wieder anders: Prinzip Theaterprinzipal – vom genialischen Menschenfeind nach Bernhard zum großen: Oh Lächerlichkeit, der Erhabenheit Tod!


Hessisches Staatstheater Darmstadt
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Tragödie der Anpassung

von Marcus Hladek

Darmstadt, 5. März 2011. Darmstadts Hessische Staatsbühne reflektiert in dieser Inszenierung bewusst sein Verhältnis zum Dramatiker Paul Kornfeld. Anderswo ist der Stoff des Justizmords von 1738 nur ein heikler Fall, weil Veit Harlans NS-Propagandafilm von 1940 wie ein Alb auf der Stofftradition lastet, die nach Wilhelm Hauff (1827) und Lion Feuchtwanger (1925) zu Kornfelds Tragödie von 1930 führte. Darmstadt ehrt mit der Inszenierung, die alle Tugenden handwerklich soliden Theaters vereint und übersteigt, hingegen auch einen Kollegen. Kornfeld arbeitete 1927-28 als Dramaturg am Hause. 1942 kam er im Ghetto Łódź um. Erst 1987 tauchte sein verschollenes Stück wieder auf wie eine Flaschenpost.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Vier Verkorkste und eine Supernanny

von Marcus Hladek

Darmstadt, 21. November 2010. Ach, das böse Internet. Wie schlecht kommt es doch weg im neuesten Drama: als Ursache und Metapher für Wirklichkeitsverlust. Als Entfremder der Generationen. Als Sündenbock 'der' Medien. Und als Opium fürs Prekariat. Auch Bettina Erasmy segelt munter auf dieser Welle und bezieht noch das Fernsehen, die Virtualität unserer Weltkunde via Fernsehen und sogar die Plastiklebensmittel mit ein. Zum Glück gelangt sie gleichwohl über das übliche Web- und Egoshooter-Bashing hinaus.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Zwei Mal ums goldene Kalb getanzt

von Harald Raab

Darmstadt, 13. Februar 2010. Was im London des beginnenden 17. Jahrhunderts nicht stattfinden konnte, holte das Staatstheater Darmstadt nach: die unmittelbare Vergleichsmöglichkeit zwischen Shakespeares problematischem, weil unvollendeten und von ihm nie aufgeführten Stück "Timon von Athen" und seines Konkurrenten Ben Jonson bestem Werk "Volpone". An einem Marathon-Abend bietet man in Darmstadt die Jonson-Komödie und das Shakespeare-Drama hintereinander an. Wer dabei Sieger auf der Bühne bleibt, lässt sich unschwer erraten.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Warten auf Schulze oder Das Lied vom Ende

von Esther Boldt

Darmstadt, 7. November 2009. Wladimir und Estragon heißen jetzt Harry und Pit. Der eine lauscht gern John Cages "4'33", der andere hat beim Hörsaalputzen heimlich Philosophie gastgehört. Dem einen ist das unterversicherte Haus abgebrannt, der andere übt seit Jahren Besitzverzicht zum Freiheitsgewinn. Aber sie finden: Seit sie nichts mehr zu verlieren haben, stehen sie auf der Sonnenseite des Lebens. Sie sitzen im Park und behüten ihre Bank, denn die Bänke verschwinden. Für den Erhalt ihrer Bank sammeln sie Geld, "Rettet die Banken!" steht auf dem Schild neben der Sammelbüchse. Dass sie den Plural verwechselt haben, fällt ihnen erst später auf.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Wagner, Wahn und Waberlohe

von Ralf-Carl Langhals

Darmstadt, 9. Oktober 2009. Man kann sie ja schreiben, die Sätze vom "begnadeten Erzähler, der seine Erfahrungen aus Bürgerkrieg und Exil mit zahlreichen Motiven aus der Mythologie anreichert und ungebrochen an die poetisch-philosophische Sprengkraft jedes einzelnen Wortes" glaubt. Das geht, da ist mal eine Begrifflichkeit zu einem Text gefunden, die Respekt einflößt und großes, kluges, ernsthaftes Theater vermuten lässt.


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Verweile nicht, es wird noch schöner

von Gunther Nickel

Darmstadt, 25. April 2009. Im Manuskript beginnt das Stück mit einem Vorspiel. Es wird allerdings, anders als beim "Faust" von Goethe, nicht "auf dem Theater" gegeben, sondern, viel gastlicher, in der Theaterkantine. Dort sind der Direktor und der Dichter beim Konsum von stattlichen Mengen Wein lebhaft miteinander im Gespräch. "Wer Faust bringt", behauptet der Dichter, "wird allen etwas bringen!" Der Direktor reagiert für heutige Theaterverhältnisse erstaunlich skeptisch: "Eine zeitgenössische Interpretation des Faust?" Aber nein, gibt der Dichter sofort Entwarnung: "Eine faustische Interpretation unserer Zeitgenossenschaft!"


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Kurzer Prozess

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt, 31. Mai 2008. 200 Jahre ist her, dass Goethe höchstselbst am Herzoglichen Hoftheater in Weimar die Uraufführung von Kleists "Krug" verpatzte. In drei Akte zerlegt floppte die Inszenierung damals ordentlich. Heute gehört das Stück zu den meistgespielten auf deutschen Bühnen, auch weil die Verse des Lustspiels nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben. Der Regisseur Hermann Schein schickt zum Jubiläum einen zunächst ungewöhnlich elegant wirkenden Adam an die Bühnenrampe. Andreas Manz gibt ihn als Grandseigneur, der sich freilich zusehends in ein hysterisches Nervenbündel verwandelt. Zu Anfang jedoch herrscht im Kleinen Haus Vogelgezwitscher-Seligkeit. Dorfrichter Adam tritt selbstgefällig vor den Vorhang und beißt entspannt wie siegessicher in einen Apfel. Achtung Sündenfall!


Hessisches Staatstheater Darmstadt

Brötchenalarm

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt, 19. April 2008. Die Mutter Courage der Gabriele Drechsel ist kein verhärmtes Mütterlein mit Haaren auf den Zähnen, sondern eine forsch attraktive Frau. Eine allein erziehende Mutter, die sich zu wehren weiß. Zu Beginn steht sie im roten Rock, Top und Pelz um den Hals auf der Bühne, ein bisschen verkommen und einigermaßen aufreizend sieht sie aus. Während sie sich vom Koch (Gerd K. Wölfle) unbeteiligt flachlegen lässt, verkauft sie ihm en passant einen Kapaun, zu ihrem Preis, versteht sich. Die Frau ist gewieft, kann rechnen und lässt sich nicht lumpen. Im Laufe des Abends changiert sie zwischen zänkischem Weib und aufgekratztem Mädchen, taugt aber nicht zum negativen Exempel, das Brecht an ihr statuieren wollte.


Hessisches Staatstheater Darmstadt
Unter Angestellten

von Esther Boldt

Darmstadt, 19. Januar 2008. Wie, fragt man sich nach diesem Abend, konnte aus "Hamlet" nur so ein interpretatorischer Wechselbalg werden, der sich romantisch, psychoanalytisch, marxistisch im Winde drehte? Wer sagte noch, dass jede Zeit ihren eigenen Hamlet schaffe? Ist dem so, dann ist etwas faul im Staate Gegenwart, denn dieser Darmstädter Hamlet klappert bis auf die Knochen. Ein papiernes Ding, zart wie Espenlaub, ein Theaterding, das gerne brüllt und Frauen herumschmeißt. Ansonsten aber haben der Titelheld und seine Inszenierung nicht besonders viel zu vermelden.


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