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archiv » Staatstheater Cottbus (14)
Staatstheater Cottbus

Im Defekteffekt

von Christian Rakow

Cottbus, 21. Mai 2016. “Kinder”, seufzt Polonius einmal, der hier in Cottbus als Frau besetzt ist (Susann Thiede), mit der Anmutung einer Internatsvorsteherin. Und es klingt so genervt wie verzweifelt, denn diese "Kinder" sind natürlich ganz besondere Problemfälle. Ophelia etwa (Lucie Thiede), die eingangs noch ihrem Bruder Laertes im Fechtkampf und beim Boxen Paroli bietet, aber dann doch auf die schiefe Bahn der Tragödie gerät und, irre geworden, Unflätigkeiten ins Rund posaunt – und sich anschließend ertränkt. Oder eben Laertes (Henning Strübbe), der gerade mit einem schwulen Lover im Bett kuschelt, als Mutter Polonius ihn anskypt, und der später im Zorn über den Tod seiner Angehörigen die Giftintrige gegen Hamlet ausführen wird. Kinder, Kinder.


Staatstheater Cottbus

Deutschland, ein Männerheim

von Esther Slevogt

Cottbus, 20. Februar 2016. Fast am Ende schon, da finden sich in einem Alptraum des Kriegsheimkehrers Beckmann noch einmal alle Figuren ein, denen er in den drei Tagen seit seiner Rückkehr aus dem Krieg nach Hamburg begegnet ist: darunter sein ehemaliger Oberst, dem er die Verantwortung zurück geben wollte und der ihn verhöhnte. Seine Frau, die er mit einem anderen Mann vorfand, als er nach Hause zurückkommen wollte. Eine junge Frau, die den Fast-Selbstmörder nass an der Elbe aufliest. Ja, und sogar Gott tritt auf in Wolfgang Borcherts berühmten Nachkriegsdrama "Draußen vor der Tür", 1947 an Ida Ehres Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Am Tag vor der Uraufführung am 21. November 1947 war Borchert, der schwer krank aus dem Krieg gekommen war, sechsundzwanzigjährig verstorben.


Staatstheater Cottbus

Schüsse in den eigenen Reihen

von Janis El-Bira

Cottbus, 20. Juni 2015. "Die Mauer ist volkseigen / Die Munition die mich zerreißen wird / Ist auch volkseigen und ich bin das Volk", heißt es gegen Ende des letzten der fünf Teile von Heiner Müllers Dramenzyklus "Wolokolamsker Chaussee", eines bitteren, vorzeitigen Nekrologs auf die im Sterben liegende DDR. Die wechselseitige Konstitution von Individuum und Kollektiv verendet an der Mauer, wo schließlich mit volkseigenen Kugeln auf das eigene Volk geschossen wird. Von hier führt kein Weg in eine Zukunft unter gleichbleibenden Vorzeichen.


Staatstheater Cottbus

Wutbürger aller Milieus, vereinigt euch!

von Wolfgang Behrens

Cottbus, 21. November 2014. "Warum wird da niemand wütend?", heißt es in Andres Veiels "Das Himbeerreich" einmal. "Wird hier denn keiner wütend?", spricht hingegen, mit einem leichten Dreh ins Hier und Jetzt, der Schauspieler Amadeus Gollner ins Publikum und katapultiert die Frage so in die Realität eines Freitagabends in Cottbus. Für einige Augenblicke geht das Saallicht an – ein Mittel, das nicht zuletzt der Opernregisseur Peter Konwitschny kultiviert hat, um den Zuschauern zu signalisieren: "Hallo, aufwachen! Ihr seid gemeint!"


Staatstheater Cottbus

Gemeinsam allein

von Hartmut Krug

Cottbus, 3. März 2013. Sie sitzen, sie gehen, sie stehen. Und sie reden. Von ihrer Haltung zur Welt, von der Welt als philosophischer Vorstellung. Aber auch vom Geld, das sie nicht haben oder verschleudern. Und sie wissen, dass etwas sich ändern wird. Ja, sogar davon, jedenfalls die Jüngeren, dass sie selbst sich werden ändern müssen. Aber das tun sie nicht, sie tun eigentlich gar nichts, sondern sind fast alle nur folgenlos geschäftig.


Staatstheater Cottbus

altEsau wie er die Welt sah

von Hartmut Krug

Cottbus, 9. Juni 2012. Ein Mann ist auf der Suche. Nach sich selbst. Er will den Weg verstehen, den er zurückgelegt hat, will wissen, wo er ist und wofür er steht. Seine klare Kinderstimme klingt aus dem Off, erzählt von den "Eechen" und Pappeln der Kindheit, während der erwachsene Mann auf dem Boden der leeren, gleißend weißen Bühne liegt. Hier, in seinem (Nach)Denkraum mit Schreibmaschine, kramt dieser Esau Matt, Alter Ego des Schriftstellers Erwin Strittmatter, in seinen Erinnerungen.


Staatstheater Cottbus

altVertreibung aus dem Familienparadies

von Hartmut Krug

Cottbus, 7. April 2012. Joe Keller steht wie ein Denkmal der Zufriedenheit morgens vor seinem schmucken Haus. Ein Vogel zwitschert, und Keller versucht ihm zu antworten: die Szene zeigt ein Idyll. Doch der abgebrochene Zweig eines Baumes mit seinen abgefallenen Äpfeln liegt im Garten auf dem Rasen und bedeutet dem Publikum, noch bevor ihm erklärt wird, dass der Baum eine besondere, biographische Bedeutung für Kellers Familie hat, dass hier ein Fall aus dem Paradies stattfinden wird.


Staatstheater Cottbus

altEinmal Gaudi und zurück

von Matthias Weigel

Cottbus, 28. Januar 2012. Die Familie kommt in fast keinem Theaterstück gut weg. Von Anbeginn der Theaterzeitrechnung wird innerhalb der Familie gemordet, begehrt, betrogen, verraten. Auch in der neueren Dramatik sind die familiären Grausamkeiten keinesfalls weniger geworden, sondern vielmehr ausdifferenzierter: Die psychische Gewalt kennt die virtuosesten Spielarten, von unbemerkter Unterdrückung über emotionale Verletzung bis hin zum Zwang durch Unterlassung.

Staatstheater Cottbus
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Komm, Ende der Mühen!

von Matthias Weigel

Cottbus, 22. Oktober 2011. Dieser Demokratie will man einfach nicht trauen, dafür ist ihr Beigeschmack dann doch zu bitter. Aischylos' "Orestie" wird zwar gemeinhin als Geschichte der Geburtsstunde der Demokratie gelesen: Schließlich wird darin der endlose Kreislauf der Blutrache unterbrochen, durch eine ordentliche Gerichtsverhandlung, in der Geschworene über die Strafe für den Muttermörder Orestes abstimmen sollen.


Staatstheater Cottbus

Zirkus der Erinnerung 

von Ute Grundmann

Cottbus, 30. Oktober 2010. Fürst Pückler stöbert in der Gruft seiner Ahnen. Aus einem Sarg fallen ihm Schuhe, aus einem anderen Bücher entgegen. Aus einem dritten poltern Stahlhelme zu Boden. Schließlich stellt der Fürst sich in einen der hochkant stehenden Särge, gewiß, dass auch er, der 30jährige, einmal hier enden wird. Auch solche makabren Szenen gehören dazu, wenn Johann Kresnik im Staatstheater Cottbus eine "Geburtstagsfeier" für Hermann Fürst von Pückler-Muskau zelebriert. Der war Weltreisender und Reiseschriftsteller, Landschaftsarchitekt und Frauenverbraucher, Demokrat und Tyrannenfreund. All das und vieles mehr kommt vor in "Fürst Pücklers Utopia".


Staatstheater Cottbus

Von Spökenkiekerei zur Apokalypse

von Hartmut Krug

Cottbus, 28. November 2009. Als wär's ein Kinderspiel, so liegt vor dem Eisernen Vorhang ein aufgeschlagenes Buch neben kleinen Deichmodellen aus Sand und einem umgestürzten Eimer, während laut hallend stetig Wasser tropft. Wenn der Vorhang sich hebt, enthüllt er eine bühnenbreite, schwarz glänzende Schräge, über die beständig Wasser fließt. Im Halbdunkel steht eine Schar in schwarzledernen Südwestern, Vogelmasken vor dem Gesicht. Ein weißer, kindlicher Engel, ein weißes Pferdchen im Arm, spricht die ersten Prophezeiungen der Offenbarung des Johannes, und die Schar der Geister reagiert chorisch auf die apokalyptischen Warnungen und Visionen.


Staatstheater Cottbus

Die Befehle des Herrn Voigt

von Hartmut Krug

Cottbus, 27. Juni 2009. Carl Zuckmayers allgemein bekanntes, vielfach verfilmtes sozialkritisches Märchen und zeitloses Volksstück um den Schustergesellen Voigt, der bei seinem Kampf um ordentliche Papiere und eine Arbeitsstelle dem preußischen Obrigkeitsstaat ein Schnippchen schlägt, war und ist auf den Bühnen und auf der Leinwand ungemein erfolgreich. Während es mit dem Militär- und Beamtentum ein wilhelminisches Panorama vorführt, vernichtet es dabei das Spießbürgertum weniger satirisch, als dass es dieses zum kopfschüttelnden Beschmunzeln vorführt.


Staatstheater Cottbus

Generationen vereinigt Euch!

von Hartmut Krug

Cottbus, 3. Oktober 2008. Das Cottbusser Theater feiert seinen einhundertsten Geburtstag mit einer fünftägigen Festwoche. Am 1. Oktober waren morgens die Kinder der Cottbusser Grundschulen und abends Gäste aus dem öffentlichen Leben mit Bundespräsident Horst Köhler an der Spitze eingeladen. Da die 1992 zum Staatstheater ernannte Cottbusser Bühne eines der wenigen ostdeutschen Theater ist, das noch alle Sparten besitzt, werden sich das Opernensemble mit Wagners "Die Walküre" und das Ballett mit einer Uraufführung vorstellen.


Staatstheater Cottbus

Faust fehlt der Eiserne Vorhang

von Hartmut Krug

Cottbus, 19. Januar 2008. Die Zueignung ist verkündet, der Sprecher hat das Textbuch der Souffleuse hinunter gereicht, und nun können die "schwankenden Gestalten" zu "Wirklichkeiten" werden. Erst einmal aber gestikulieren Direktor, Theaterdichter und lustige Person sich als Schattenfiguren durchs Vorspiel. Wenn eine geflügelte Engelsschar sich aus den Proszeniumslogen mit dem Prolog aus dem Himmel vernehmen lässt, lehnt Mephisto seine Leiter an die Bühne und steigt missmutig aus der Tiefe empor.


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