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archiv » Volkstheater Wien (23)
Volkstheater Wien

Der letzte Henker

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 25. Januar 2017. Eine Masse von Männern. Beim Verbeugen sehen wir ein ganzes Dutzend. Das Stück heißt nicht "Prinz Friedrich von Homburg", sondern "Hangmen". Schwierige Vorlage! Weil: Das mit dem Übersetzen eines Textes von der einen in die andere Sprache immer so eine Sache ist, nicht wahr? Weil ein Text nicht nur einen Inhalt hat, sondern auch ein Klang ist. Und dementsprechende Anklänge erzeugt. Synchronisierte Tarantino-Filme zum Beispiel – geht einfach nicht. Oder um das Naheliegende anzusprechen: "Brügge sehen ... und sterben?" ist zwar ein toller Titel, macht "In Bruges" aber nichts nach.


Volkstheater Wien

Ein Pallawatsch vom Glabawitsch

von Martin Pesl

Wien, 16. Dezember 2016. Gegen Ende einer von schlechter Presse geprägten ersten Spielzeit unter Intendantin Anna Badora musste das Volkstheater vor einiger Zeit eine weitere peinliche Meldung machen: "Mugshots", die Uraufführung des ersten Theatertexts des gefeierten Wiener Szene-Autors Thomas Glavinic in der Regie des Ensemblemitglieds Lukas Holzhausen soll ausfallen, dem Autor sage das Regiekonzept nicht zu. Holzhausen inszenierte daraufhin für das mobile Abo-Format "Volkstheater in den Bezirken" stattdessen einen Alan Ayckbourn, und man teilte Glavinic mit, er dürfe sein Stück im Winter gerne selber inszenieren.


Volkstheater Wien

Die Boten bitten zum Booty Shake

von Johannes Siegmund

Wien, 11. Dezember 2016. Vielleicht ist es gar nicht möglich, gute Bilder zu finden für dieses Material: In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden in Rechnitz, einem österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze, 200 jüdische Zwangsarbeiter ermordet. Bis heute konnte das Verbrechen nicht aufgeklärt werden, da die beiden einzigen Zeugen ermordet wurden, bevor es zu einer Aussage kam. Der Hauptverantwortliche, Gestapoführer Franz Podezin, setzte sich nach Südafrika ab.


Volkstheater Wien

Meine Tänze passen nicht in deine Glitzerstöckelschuhe

von Eva Biringer

Wien, 20. November 2016. Es ist ein Trauerspiel. Medea, die Fremde, soll Walzer tanzen, in absurd hohen Glitzerstöckelschuhen und einem Lilifee-Rock, der ständig im Weg ist. Eine Demütigung auch, weil sie unter Beobachtung jener Frau steht, die ihr den Mann ausspannt. Wie Medea, die Nicht-Entfremdete tanzt, haben wir bereits gesehen. Unter einem roten Schleier, Symbol einer lange zurückliegenden Bluttat, zuckt sie über die Bühne, prügelt die Erde, stößt Urschreie aus. Ein archaisches Bild, ähnlich den rasenden Tänzern in Pina Bauschs "Sacre du printemps". Für diese Art Ausdruckstanz ist kein Platz in der Fremde, weil er die Praktizierende als eben genau das kennzeichnet: fremd.


Volkstheater Wien

Die flammende, die rote Fahne

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 16. Oktober 2016. Wenn in Österreich Neujahr wird, dann passiert im Radio zweierlei: Zuerst läutet die Pummerin, eine Glocke am Stephansdom, sodann ertönt der Donauwalzer. Ohne diese fröhliche Weltuntergangsstimmung zwischen Raketen und Böllern lässt sich das Musikstück von Strauss, dem Sohn, gar nicht denken. Insofern hält die Uraufführung von "Alles Walzer, alles brennt" die Ingredienzien für Hass-Liebe zu diesem Ösi-Land schon mit dem ersten pompösen Vorhangschwenk und den ersten fiebrigen Klängen der Streicher parat. "Jede österreichische Tragödie beginnt mit einem Pallawatsch und mit einer Schlamperei", sagte Otto Bauer, Austromarxist und Außenminister, im Jahre 1927. Und wiederholt Christoph Rothenbuchner als eben dieser hintergründig und mit roter Nelke im Knopfloch. Auf die großzügige Ergebenheit ins eigene, nicht ganz sooo bösartige Schicksal – das österreichische Stereotyp par excellence – verweist auch der Untertitel des Abends: "Eine Untergangsrevue".


Volkstheater Wien

Porträt einer zerfallenden Gesellschaft

von Martin Pesl

Wien, 9. September 2016.  Als sich die Pausengespräche vor allem ums Thema Schweiß drehen, wird man stutzig: Er wird doch nicht ...? Ist es im Volkstheater immer so unerträglich heiß? Oder hat Dušan David Pařízek wirklich die Klimaanlage ausgeschaltet? Vorm Haus empfing den Besucher ein unterschwelliger Soundteppich aus Möwen- und Hafengeräuschen. Auf den Brettern, die das Deck bedeuten, fächeln sich die Spieler Luft zu, seit es losgeht, beginnt doch ihre Reise im anstrengend hitzigen Mexiko. Ja, es muss so sein: Pařízek verpasst uns das sinnliche Gesamterlebnis – Mitschwitzen inklusive! Schließlich sitzen wir alle im selben Boot: 1931, auf der Fahrt nach Europa.


Volkstheater Wien

Fadesse oblige

von Martin Pesl

Wien, 18.3.2016. Er hält ihn also nackt, den Iwanow-Monolog. Im dritten Akt, allein, ausnahmsweise von den Mitleidigen, den Verächtlichen und den Polternden in Ruhe gelassen, reißt sich Jan Thümer die Kleider vom Leib und steigt in die Badewanne, was ihm aber auch nicht guttut, also hetzt er nackt durch sein Haus, zittert, trinkt was, speit es wieder aus und hüllt sich wie ein verschrecktes Kind in eine Decke, nachdem er sich selbst am Höhepunkt Tschechow’scher Larmoyanz nochmal vorgesagt hat, was für ein "schlechter, jämmerlicher, wertloser Mensch" er ist.


Volkstheater Wien

Wut und Wüste

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 13. März 2016. "Huppert, der Name ist Huppert." Das behauptet die Figur Isabelle H. in Thomas Köcks gleichnamigem Stück mit Nonchalance. "Isabelle H." – das So-tun-als-Ob, das Figur-spielt-Figur-Spiel, das ermächtigende Ich-wähle-meine-Rolle-selbst steckt schon im Titel. 2014 mit dem Else-Lasker-Schüler-Nachwuchs-Förderpreis ausgezeichnet, wurde Köcks Text jetzt im Volx/Margareten im Zuge des Festivals für Neues Wiener Volkstheater zur österreichischen Erstaufführung gebracht.


Volkstheater Wien

Wenn der Syrer zweimal klingelt

von Leopold Lippert

Wien, 18. Dezember 2015. "Ich will helfen!" ruft Lifestyle-Vloggerin Maryam (Birgit Stöger) fröhlich in die Kamera ihres Laptops. "Aber manchmal ist es einfach eine Timing-Frage!" Geholfen werden soll in Yael Ronens "Lost and Found" am Wiener Volkstheater den Millionen Menschen, die vor dem Krieg in Syrien nach Europa geflüchtet sind.


Volkstheater Wien

Raspeln am gesellschaftlichen Zusammenhalt

von Johannes Siegmund

Wien, 22. November 2015. Am Höhepunkt des Abends hält der Diener Johann die Hasspredigt des verängstigten Wutbürgers und raspelt mit seiner Gesangsstimme am gesellschaftlichen Zusammenhalt herum. Das aggressive Alphabet des rechten Jargons wird unabgeschwächt ins Publikum geätzt. Von "Aufräumen der Gesellschaft" über "Lügenpresse" und "Sozialschmarotzer" bis "Volksverräter" wird in Couplets gereimt: "und die Freunde des Islam? – nach Pakistan." Mit dem Liedtext des Kolumnisten Hans Rauschers blitzt auf, was eine realistische Posse kann. In diesem Lied ist die Inszenierung von Susanne Lietzow so bissig und provokant, wie es Nestroys "Zu ebener Erd und erster Stock" zur Uraufführung 1835 vermutlich war.


Volkstheater Wien

Bedeutsamkeits-Getöse, lebenslänglich

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 18. Oktober 2015. Lebenslänglich. So lange dauert so ein Leben, das in Österreich wie eigentlich überall nichts anderes ist als der Aufenthalt in einer Strafanstalt: Auf Kindheitshölle folgt der Schulkerker, die Staatsverdammnis, irgendwann der Tod. Soweit Thomas Bernhard.


Volkstheater Wien

Die Botschaften des Dachses

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 25. September 2015. Ein Logo ist ein Logo ist ein Logo und repräsentiert eine spezifische Firma, ein spezifisches Produkt. Ein Logo ist im werbestrategischen Sinne ein allerbestes Logo geworden, wenn der spezifische Verweis auch noch unter Veränderung des graphischen Arrangements funktioniert. Wenn also trotz verändertem Wortbild die eine gemeinte Corporate Identity noch wiedererkannt wird.


Volkstheater Wien

Wurst kommt von Wurstfabrik

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 5. September 2015. Das ist aufregend! Das ist ja nicht nur eine Spielzeiteröffnung, sondern auch eine Intendanzeröffnung und eine Volkstheater-mit-neuer-Zusehenden-Tribüne-Eröffnung. Auf diese Tribüne wird ausgiebig hingewiesen, hingespielt, wenn die Rede auf die Renovierungen kommt, die im Städtchen, in welches Felix Golub nach zwölf Jahren zurückkehrt, vorgenommen worden sind. Unfern von Graz muss dieses Städtchen liegen, und auch darauf wird ausgiebig hingewiesen, hingespielt, denn auch das ist ein potenzieller Gag: Nach neun Jahren am Schauspielhaus Graz ist Anna Badora nun Intendantin am Volkstheater Wien und hat für diesen Eröffnungsabend, an dem die Erwartungen übertribünengroß und die neue Tribüne übermenschenvoll waren, den 1967 veröffentlichten Roman "Fasching" von Gerhard Fritsch in einer gemeinsam mit dem Dramaturgen Roland Koberg erarbeiteten Bühnenfassung inszeniert.


Volkstheater Wien

Gift in der Marienstatue

von Martin Thomas Pesl

Wien, 27. Februar 2015. Das Dorf selbst ist hier die Hauptfigur, sagt der Regisseur. Hier inmitten von Kukuruzstengeln und selbst gebranntem Schnaps, wo umgehend die Kirchenglocken läuten, sobald jemand nur laut genug ruft, dass jemand anderer gestorben ist. Und es ist schon wieder einer gestorben. Wieder ein Mann, wieder ein Reicher und wieder ein "Beweibter", das fällt langsam auf.


Volkstheater Wien

Wenn alle Kakerlaken gegessen sind

von Leopold Lippert

Wien, 21. März 2014. Das muss man sich schon einmal trauen, so ein Dreipersonenkammerspiel mit einem Nullbudget auf die riesige Wiener Volkstheaterbühne zu hieven. Aber um Sparsamkeit geht es schließlich in Werner Schwabs "Die Präsidentinnen", um gebrauchte Fernseher, abgezählte Klopapierblätter und wiederverwertetes Gulasch. Der ausgeräumte Ort, an den Miloš Lolić seine Protagonistinnen, allesamt Putzfrauen, verfrachtet, ist auch ein existenziell entleerter: Bloß schwarze Stufen, dahinter ein überdimensioniertes Abbild des leeren Zuschauerraums als Bühnenbild, wie eine schlechte Rückprojektion in alten Hollywoodfilmen.


Volkstheater Wien

Peng, Blut, aus

von Kai Krösche

Wien, 19. Oktober 2012. Augenblick mal – war da was? Eine Stunde bereits nach Erlöschen der Lichter im Zuschauerraum ist die Bühne des Wiener Volkstheaters voll mit Blut und Leichen, hockt ein irr gewordenes Gretchen neben ihrem toten Bruder, erliegt ein reumütiger Faust – und mit ihm Mephisto selbst – seiner eben noch selbst beigefügten, tödlichen Schusswunde – und die Bühne versinkt im Schlussblack. Das soll sie gewesen sein, die tragische Geschichte des erkenntnisdürstenden Faust und seines geliebten, erst in den Mutter- und Kindsmord, dann in den Wahnsinn getriebenen Gretchens?


Volkstheater Wien

altSelbstabschottung im Theatersonnenlicht

von Leopold Lippert

Wien, 27. April 2012. Wenn sich an den Wiener Bühnen ein Frühjahrstrend abzeichnet, dann der, das Theater als realen, materiell-institutionellen Ort zur Debatte zu stellen. Das Burgtheater und sein Zuschauerraum mussten in der Vorwoche in Jan Bosses Robinson Crusoe für ein zivilisatorisches "Projekt einer Insel" herhalten. Nurkan Erpulat versteht in seiner Inszenierung von Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" am Volkstheater das Aufeinanderprallen von Arbeiterklasse und Intelligenzija im vorrevolutionären Russland als Desillusionierung durch die Theatermaschinerie.


Volkstheater Wien
alt

Wenn Freiheit immer Krise heißt

von Thomas Askan Vierich

Wien, 16. Februar 2011. Björn Bicker hat für sein Stück über illegale Einwanderer, das 2008 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, eineinhalb Jahre recherchiert: Er sprach mit Flüchtlingshelfern, Beamten, Wissenschaftlern und den Illegalen ohne gültige Papiere und Visum. Aus diesem Material hat er seinen Text gebaut. Er lässt drei Illegale aus Südamerika, dem Mittleren Osten und der Ukraine ihre Geschichte erzählen. Das sind keine schönen Geschichten. Sie handeln von Menschen, die es offiziell nicht gibt, die im Untergrund leben.


Volkstheater Wien

Gegen die Gleichgültigkeit antreten

von Kai Krösche

Wien, 10. September 2010. Vielleicht haben sich Regisseur Niels-Peter Rudolph und sein Team keinen Gefallen getan, als sie sich an die Dramatisierung des von Filmregie-Meister Elia Kazan nach einem Drehbuch von Tennessee Williams brillant inszenierten "Baby Doll" (1956) wagten – zu virtuos gespielt, vor allem jedoch bereits zu vielschichtig ist die (schließlich jederzeit auf DVD verfügbare) Vorlage, um einer Neuinszenierung – zumal mit den verhältnismäßig beschränkten Mitteln des Theaters – ohne ein radikal neudeutendes Regiekonzept und grandiose Schauspieler genügend unverbrauchten Stoff zu liefern.


Volkstheater Wien

Ehen auf dem Drehstuhl

von Eva-Maria Klinger

Wien, 27. November 2009. Nun haben die drei Einakter von Neil LaBute, unter dem Titel "Der große Krieg" zusammengefasst, auch in Österreich Einzug gehalten. Allerdings am kleinstmöglichen Ort, dem "Schwarzen Salon" des Volkstheaters, einem Probenraum unter der Kuppel des Hauses, der höchstens 40 Stühle fasst. Neil LaBute hat diese drei Einakter im Vorjahr für die Schauspielerin Birte Schrein geschrieben, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bonn. So eine ist bei der österreichischen Erstaufführung nicht dabei.


Volkstheater Wien

Hysterischer Stillstand

von Eva Maria Klinger

Wien, 27. Februar 2009. Sagen wir's gleich. Diese "Drei Schwestern" fackeln nicht lange. Schöner Müßiggang? Sehnsucht? Melancholie? Ach was! Sie nehmen, was sie kriegen können und sei es noch so wenig. Das Leben in der russischen Provinz hat Drive. In zwei Stunden, inklusive Pause ist alles durch. Für Schwermut und Seelendiagnose bleibt keine Zeit. Die Figuren erzählen dem Publikum was Sache ist, die vielen semiphilosophischen Debatten, mit denen sich diese gelähmte Gesellschaft die Zeit vertreibt, werden durch hysterischen Stillstand ersetzt. Das fetzt zwischendurch wie Rock'n'Roll.


Volkstheater Wien

Heißhunger auf Cornflakes

von Erna Cuesta

Wien, 6. Februar 2009. Wir schreiben das Jahr 1967. Ein blutjunger Dustin Hoffman wird als Hauptdarsteller und dritte Wahl in Mike Nichols legendärer Verfilmung der gesellschaftskritischen Komödie "Die Reifeprüfung" über Nacht berühmt, gerade 27 Jahre alt. An seiner Seite: die atemberaubend schöne Anne Bancroft. Nicht nur die filmische Auflösung, auch die pointenreichen Dialoge und vor allem die scharfzüngige wie liebevolle Abrechnung mit der Prüderie der 60er Jahre in den USA haben dem Film damals Kultstatus eingebracht.


Volkstheater Wien

Das Tataratà der Sumpfblüten

von Peter Schneeberger

Wien, 7. März 2008. Der Dichter hatte eine simple Erklärung, warum die Menschen sein Stück nicht mochten. "Der Widerwille eines Teiles des Publikums beruht wohl darauf, dass dieser Teil sich in den Personen auf der Bühne selbst erkennt." Und im Falle von Ödon von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", uraufgeführt 1931 im Deutschen Theater Berlin, war dies eine höchst unvergnügliche Selbsterfahrung. Immerhin porträtierte Horváth grauenvolle Monster.


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