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archiv » Thalia Theater Halle (7)
Thalia Theater Halle

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Lichtjahre entfernt

von Matthias Schmidt

Halle, 22. Februar 2012. Endzeitstimmung durchweht den Saal des Thalia Theaters Halle. Einerseits liegt das an der Dunkelheit, einer morbiden Soundcollage und einer Überdosis Kunstnebel. Hier ist dicke Luft, kommentiert es ein Zuschauer und meint damit gleichzeitig den zweiten Schlechte-Laune-in-Halle-Grund: Einen Tag vor der Premiere veröffentlichte die Stadt ihre Sparpläne für das kommende Haushaltsjahr, und darin versteckt war ein Posten von 300.000 Euro auf Seiten der Städtischen Theater. Deren Chef Rolf Stiska plante kurzerhand, diese Einsparung mit der Schließung des Thalia Theaters zu erreichen. Gemeint sei "nur" die komplette Spielstätte, das Ensemble ist momentan unkündbar.

Thalia Theater Halle

Helau Good-bye: Alex wird Minister

von Matthias Schmidt

Halle, 2. März 2011. Am Ende steht der Protagonist Alex fein angezogen, gegelt und bebrillt vor einem Spiegel und posiert. Neben ihm eine sehr adrette blonde Frau, Typ: junger Adel. Man hat es längst erkannt, möchte es aber am liebsten nicht wahr haben. Wir sehen offenbar die Familie von und zu Guttenberg. "Schöner Titel, schöner Krieg, schöne Frau, schöner Arsch!", wird Alex zugerufen. Das mag auf einer Karnevalssitzung für Lachsalven sorgen, in "A Clockwork Orange" ist es eine Peinlichkeit. Den zynischen "Ludwig van"-Liebhaber und Gewalt verherrlichenden Droog Alex in diese Pointe zu schicken, ist so neben der Geschichte, dass man es nicht anders als abstrus nennen kann.


Thalia Theater Halle

Neustadt ist immer und überall

von Matthias Schmidt

Halle, 19. Juni 2009. Die Universität Halle ist besetzt, ein kleines Zeltlager errichtet, der Platz mit Transparenten beflaggt. "Wir können auch anders: Streik back!" ist darauf zu lesen und: "Bei den Banken seid ihr fix, für die Bildung tut ihr nix!". Was für eine Kulisse für das Theater, dem ja eine gewisse Affinität zur Bildung nicht abzusprechen ist! Das Thalia Theater setzt zudem nicht auf einen der typischen Sommertheatertrümpfe, sondern mit Brigitte Reimanns "Franziska Linkerhand" auf vermeintlich schwere und zumindest geschichtlich gehaltvolle Kost. Direkt überfüllt ist es trotzdem nicht. Vielleicht ja auch deshalb.


Thalia Theater Halle

Der Mensch – er lebt!

von Ralph Gambihler

Halle, 12. März 2009. Dass man für Schleef Sitzfleisch braucht, scheint ausgemacht. Vier, sechs oder gar acht oratorisch brausende Stunden sind nichts Ungewöhnliches. Der Sprachsturm dieses Autors will eben erduldet und erlitten werden, das Reißen und Zerren an den Ästen des Daseins, das in eine Trance übergehen kann. Denkt man. Am Thalia Theater Halle, der Kinder- und Jugendbühne am Ort, die immer mal wieder mit ambitionierten Produktionen hervortritt, macht man nun eher kurzen Prozess. Keine 90 Minuten dauert die Schleef-Verknappung der 1965 geborenen Regisseurin Heike Irmert. Viel Eile für viel Stoff.


Thalia Theater Halle

Dienstbotengeplänkel, Klopp-Drauf und Schmeiß-Weg

von Johanna Lemke

Halle, 26. November 2008. Einen sehr hübschen Weihnachtsmarkt hat Halle an der Saale. Zwischen Marienkirche und Rotem Turm gelegen, mit einer kleinen Schlittschuhlaufbahn, mitteldeutschen Spezialitäten und allem, was sonst noch dazu gehört. Trifft sich gut, denkt der Halle-Gast und schlendert mit einem kleinen Glühweinschwips zum Domplatz, wo in der Neuen Residenz "Stella" gegeben wird. Auch dieser Ort ist pittoresk: Ein gotischer Kirchenkomplex mit einem verwunschen wirkenden Innenhof, ein verwinkeltes Gebäude, wie geschaffen für ein klassisches Trauerspiel. Goethe in einem Festsaal mit Spitzbogenfenstern und Wandverzierungen zu spielen, das klingt fast zu einfach. Und es lässt sich nicht anders sagen: Es ist zu einfach.

Vorweihnachtsfreundliche Dreiecksbeziehung

Ein Raum, modelliert mit dem kompletten Repertoire an Lustspiel-Ästhetik: plüschige Sofas, filigrane Tischchen und feines Teeservice (Ausstattung: Christian Beck). Und genauso altbacken wird sich die gesamte Inszenierung der Thalia-Intendantin Annegret Hahn geben, vom ersten Satz bis zum letzten Seufzer. Was hier passiert, lässt sich eigentlich nur dank des zuvor eingenommenen Glühweins ertragen. Denn es beginnt ein biederes Kammerspiel allererster Güte, ein Klamauk-Abend, der fragen lässt, ob die Bürgernähe der kleinen Stadttheater vielleicht doch ab und zu falsch verstanden wird, wenn sie den Stücken jegliche Doppelbödigkeit raubt.

Der Plot ist denkbar schlicht: Cäcilie und ihre Tochter Lucie sind mittellos, sie lassen sich von der Baronesse Stella anstellen. Die beiden Frauen teilen ein Schicksal: Sie wurden von ihren Männern verlassen, sind durch die Erinnerungen bald Verbündete. Dann kehrt Stellas Geliebter Fernando zurück und siehe da, er ist auch Cäcilies verschollener Gatte. Weil Fernando sich in dieser Ménage à trois nicht entscheiden kann, kommt es zum unvermeidlichen, tragischen Finale.

Einst ein tollkühnes Moralexperiment

In Halle liegt davor viel Dienstbotengeplänkel und Durch-den-Saal-Gerenne, Teller zerscheppern und Haare werden gerauft, Slapstick-Einlagen halten das Publikum bei der Stange. All die Tiefen, die in dem Text stecken – Cäcilies Frustration, Stellas Naivität, Fernandos Fatalismus – sie verpuffen in den pointenlosen Kabbeleien der Figuren. Dabei war Goethes Stück von 1775 eigentlich ein Skandal: Nach der Uraufführung musste der Autor den Schluss abmildern, weil Goethe die Liebenden in einer Ehe zu dritt glücklich werden ließ. Die bürgerlichen Theaterstandards ließen diese Utopie nicht zu, Goethe schrieb den Text um, ließ Fernando und Stella sterben und Cäcilie als Tugendhafte ihr einsames Dasein fristen.

Von dem subversiven Sprengstoff der polygamen Beziehung, der dem Stück seinerzeit innewohnte, ist zwischen all den Zoten nichts mehr zu erahnen. Da flirtet Lucie mit ihrem heimgekehrten, ihr noch unbekannten Vater, da springt Stella den Geliebten in Strumpfhosen an. Die Verlorenheit der Einzelnen, die Kritik an der herrschenden Etikette – das alles ist müde Theorie auf dem Programmzettel. Das Premierenpublikum immerhin ist amüsiert. Und der Klamauk trägt den Abend auch streckenweise.

Endlos überdrehte Nebenrollen

Bloß ist "Stella" eben vor allem ein Trauerspiel – und gerade die tragischen Passagen gehen gründlich daneben. Die Monologe stehen wie Salzsäulen im Raum. Auf die verzweifelten Annäherungsversuche folgen sofort Trennungen, die in jeder Telenovela besser inszeniert würden.

Manchmal ein paar Regieversuche: Fernando (Florian Schmiemann) taucht im Tarnanzug auf, in seiner Verzweiflung zwischen den beiden Frauen bricht die Härte eines sozial verkrüppelten Soldaten durch. Aber auch diese Idee versickert, weil Heidemarie Schneider als Cäcilie so gar nicht auf die Drohungen reagiert und die Szene gänzlich unglaubwürdig macht.

Melina von Gagern ist als Stella der einzige Lichtblick, doch ihre Präsenz verliert sich in einem Gemenge aus Klopp-Drauf und Schmeiß-Weg. Die endlos überdrehten Nebenrollen geben den letzten Rest, so dass am Ende dieses lausigen Abends nur noch die Hoffnung auf einen letzten Glühwein bleibt. Der Weihnachtsmarkt war leider schon geschlossen.


Stella
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Annegret Hahn, Ausstattung: Christian Beck.
Mit: Melina von Gagern, Heidemarie Schneider, Florian Schmiemann, Christina Papst, Enrico Petters, Conny Mews, Judith Nebel, Jan Kersjes, Emanuele Peters.

www.thaliatheaterhalle.de

 

Mehr aus dem Thalia Theater Halle: Zur Eröffnung der Saison 2008/09 liefen Matusche und BAADER Holst. Und wir haben Dirks Lauckes Silberhöhe gibts nich mehr besprochen, das im März 2008 in Halle uraufgeführt wurde.

 

Kritikenrundschau

In der "abgelebten Wohnlandschaft vor alpinem Horizont", in der Annegret Hahn ihre "Stella" stattfinden lässt, werde "von Anfang an mit voller Kraft getönt" und überlebe "längst nicht jedes Wort die heikle Akustik" der Neuen Residenz, schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (28.11.). Überhaupt werde irritierenderweise "eine Dynamik auf die Szene" gepumpt, "die der eher trägen Stimmung der ländlichen Szenerie massiv widerspricht", dem Ensemble aber offenbar "Halt bieten" solle, denn wann immer das Geschehen entschleunigt werde, spüre man "die Unsicherheit der Akteure in ihren Rollen". Nicht so jedoch die Hauptdarstellerinnen Heidemarie Schneider und Melina von Gagern, die als Stella auch Stille aushalten könne, Empfindsamkeit und Liebesgier gleichermaßen beherrsche. Florian Schmiemanns Fernando sei vornehmlich Projektionsfläche und am Ende "von beiden Frauen domestiziert". Insgesamt werde an diesem Abend "entschieden zu viel gelacht", während "die Tristesse auf der Strecke" bleibe.

 


Thalia Theater Halle

Bau auf, bau auf ...

von Matthias Schmidt

Halle, 26. September 2008. Ob der Trompeter klein war, konnte man nicht sehen. Was er zur Einstimmung auf Alfred Matusches "Kap der Unruhe" spielte, hatte Signalcharakter: "Auferstanden aus Ruinen" – die Älteren werden sich erinnern.


Thalia Theater Halle

Hauptsache, wir sin nich die Opfer

von Wolfgang Behrens

Halle, 14. März 2008. Am Vortag hatte der gebürtige Hallenser Clemens Meyer für seinen Erzählungsband "Die Nacht, die Lichter" den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Und noch einen Tag zuvor hatte die Frankfurter Allgemeine in ihrer Besprechung des nun ausgezeichneten Buches folgende Überlegung angestellt: "So schnell Kritiker mit dem Vorwurf sozialer Irrelevanz bei der Hand sind, so schnell fertigen sie etwas ab, wenn ein Autor sich im Detail auskennt – so genau will man es dann doch nicht wissen, wie viel Leergut Arbeitslose in ihrer Wohnung horten." Street credibility sei willkommen, so der Rezensent, "solange sie nicht zu riechen anfängt".


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