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archiv » Theater Oberhausen (32)
Theater Oberhausen

Gestrandet unter Kunstpalmen

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 20. Januar 2017. "Falsch!" heißt das erste gesprochene Wort, Mephisto brüllt es, als das Licht an der falschen Stelle angeht, schließlich ist es der Herr der Finsternis, der darüber befinden muss und darf, wann und wo diese Finsternis "das Licht gebar". "Gerettet!" lautet dreieinhalb Stunden später das letzte. Falsch ist an dieser "Faust"-Inszenierung von Pedro Martins Beja vieles und gerettet wird am Ende wenig. Woran aber liegt es, dass das eminent ehrgeizige Unternehmen, mit nur fünf Schauspielern immerhin den ersten Teil von Goethes Hauptwerk auf die Bühne zu stemmen, so grandios abstürzt? Schließlich gibt es doch ein paar – nein, nicht direkt geniale Momente, aber doch Eruptionen eines markanten Stilwillens, eines "Zugriffs", wie man treffend sagt, wenn man andeuten will, dass ein Text nicht unbedingt um seiner selbst willen, sondern aufgrund einer regie-polizeilichen Order zurechtgestutzt und -gerückt wird. Klammergriff wäre auch nicht verkehrt.


Theater Oberhausen

Workingman's Death

von Gerhard Preußer

Oberhausen 4. November 2016. Oberhausen ist nicht Grimethorp, das Ruhrgebiet ist nicht South Yorkshire. Aber eine ähnliche Geschichte haben die Regionen schon. Stahlproduktion und Kohleabbau waren die Grundlagen. Und die sind weg. Oberhausen wurde zur Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in NRW, Grimethorp zur ärmsten Kommune in Großbritannien. Grund genug, sich im Vergleich mit den Ursachen zu befassen.


Theater Oberhausen

Sensationen des Alltags

von Sascha Westphal

Mülheim 16.6.2016. Das kleine, altmodische Kassenhäuschen mit seinen leuchtenden Glühbirnen oberhalb der Glasscheibe weckt Erwartungen und Erinnerungen. Genauso wie das rot-gelbe Zirkuszelt, das sich ein paar Schritte dahinter auf der Wiese im Park der Feldmannstiftung in Mülheim-Styrum erhebt. Man denkt sofort an lange zurückliegende Zirkusbesuche und an Abende auf kleineren wie größeren Rummelplätzen. Selbst der moderne Laptop, der den früher einmal für eine klassische Kasse reservierten Platz ziert, beeinträchtigt die nostalgische Stimmung nicht weiter. Wie einst in der Kindheit ist da wieder dieses magische Kribbeln, diese begierige Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, wenn es schließlich ins Zelt hinein geht.


Theater Oberhausen

Wenn Ibsen mordet

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 19. Februar 2016. Sie tritt auf als Meerjungfrau. Sie atmet schwer, japst nach Wasser, trinkt es aus dem Klo. Hedda ist angewiesen auf einen, auf ihren Mann, der ihr unter Wehenschreien den Schwanz abzieht und Beine bringt. Beim nächsten Auftritt hängt sie lasziv über einem Sessel, würgt sich mit ihrem Morgenmantel, bis sie zitternd am Boden liegt. Noch etwas später nähert sie sich fauchend wie ein Vampir ihrer Rivalin Thea. Hedda als abhängige Frau, als Männer-Bezirzerin, als rachsüchtiges Monster. Sie röchelt ihre Worte, krächzt sie hervor, schreit, singt, lacht sie heraus. Wie viele Bilder dieser Frau muss Regisseurin Lena Kitsopoulou im Kopf gehabt haben?


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Männer auf der Abschussrampe

von Friederike Felbeck

Oberhausen, 25. September 2015. Es ist eine schwere Entscheidung: der Schallplattenspieler ist schon lange außer Betrieb und nicht mehr kompatibel mit der neuen Mikrostereoanlage. Was also tun mit der Plattensammlung, Staubfänger und Eckenvollsteller? Versteigern, entsorgen, archivieren – wozu? Die Antwort auf die Gewissensfrage macht nun ein Abend am Theater Oberhausen ganz einfach: Es sind Erinnerungen auf Vinyl gepresst, Platzhalter für beschwingte Zeitreisen und das "Flappen" durch den Bestand ein emotionaler Katalysator. So spielt denn auch eine LP die Hauptrolle im ersten Theaterstück des Romanautors und Kabarettisten Frank Goosen, die fiktive LP "Raketenmänner" vom ebenso fiktiven Sänger Stefan Moses: Eine Platte kann ein Leben ändern.


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Home-Zone-Bewohner unter sich

von Friederike Felbeck

Oberhausen, 27. März 2015. Am Anfang donnert die Brandung vor der Steilküste Lampedusas oder dem Felsen von Gibraltar. Ein Suchscheinwerfer tastet zu kräftig wummernden Basslinien die verschachtelten Gänge und hohen palastartigen Wände ab, die sich auf der Bühne wie in einem Setzkasten zu einem unübersichtlichen Labyrinth ineinander schieben. "Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben", prangt als Überschrift programmatisch auf einer Leinwand. Hinter den Wänden liegen edel tapezierte Zimmer wie Kabinen, gut abgeschottet von der Außenwelt – und menschenleer. Die Inszenierung lässt sich Zeit, in den Köpfen ihrer Zuschauer anzukommen: ein beeindruckendes fünfminütiges Spektakel aus Architektur, Licht und Ton wird zu einer Installation der Macht und unüberwindbaren Mauern, die Europa um sich gezogen hat. Dann trinkt eine kleine erhabene Gesellschaft mit spitzen Fingern Tee aus feinem Porzellan und debattiert ratlos und zutiefst gleichgültig über das Schicksal der "Fremden", die zuhauf vor ihrer Türe stehen und sich in der "Home Zone" ihrer Gated Community breit machen wollen.


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Dein "Real Estate" ist meine Realität

von Sascha Westphal

Oberhausen, 14. März 2015. Die Industrie hat Oberhausen weitestgehend verlassen, geblieben sind die Arbeitslosen und die Schulden einer Stadt, die sich schon vor langer Zeit verrechnet hat. Nun stehen einstmals eindrucksvolle Fabriken wie die Gießerei des Babcock-Borsig-Konzerns leer und verfallen langsam. Sie abzureißen, wäre einfach zu teuer. So sieht sie aus, die traurige Wirklichkeit des Strukturwandels im Ruhrgebiet.


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Auf der Schädelstätte

von Andreas Wilink 

Oberhausen, 27. Februar 2015. In Elias Canettis brandgefährlichem Roman "Die Blendung" heißen die drei Teile: "Ein Kopf ohne Welt" – "Kopflose Welt" – "Welt im Kopf". Auf der von Volker Hintermeier gestalteten Bühne des Theaters Oberhausen dreht sich fortwährend das Gestell eines riesigen Globus', aus dessen zweiter Halbseite ein ebenso gewaltiger Totenkopf modelliert ist. Ein Schwert mit Kreuzgriff steckt darin. Yoricks Schädel, gewiss, aber auch das Bild für Hamlets Welt im Kopf und für die kopflose Welt um ihn her, die – hier nach der Pause zunehmend verrückt – aus den Fugen gerät ("The time is out of joint..." steht in gotischen Lettern am unteren Rand der Rampe), sich in ihrer gefassten Form auflöst, Klarheit und Sinn einbüßt. Der Text taugt nur noch als Material für psychodynamische Schübe. "Hamlet" – eine Zersetzung.


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Alles Puppen außer Käthchen

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 7. November 2014. "Das Cabinett des Doktor Jansen", ist man zu spotten versucht, wenn man die vorherige Arbeit, Schnitzlers "Anatol", und die jetzige, "Das Käthchen von Heilbronn", des Niederländers Bram Jansen in Oberhausen gesehen hat. Der junge Regisseur pflegt die Stücke in mehr oder weniger aseptische (Spiegel-)Kabinette zu zwingen, aus denen gelegentlich nur Gerüchte, verblassenden Botschaften ähnlich, nach außen dringen.


Theater Oberhausen

Wenn die Parasiten nagen

von Sascha Westphal

Oberhausen, 24. Oktober 2014. Wäre da nicht dieses Skelett von einem Haus, das sich U-förmig um die gesamte Bühne zieht und verschiedene Zimmer andeutet, könnte man zunächst fast glauben, man wäre in einer Leseprobe gelandet. Zumindest steht im Zentrum des von Andriy Zholdak zusammen mit Tita Dimova entworfenen Bühnenbilds ein langer, mit Wasserflaschen, Mikrophonen und kleinen Videokameras bedeckter Tisch, an dem nach und nach die Schauspieler Platz nehmen. Die Stimmung ist in diesen ersten Momenten gelöst. Man wechselt leise ein paar Worte, scherzt ein wenig. Eben alles ganz so wie bei einer Probe. Währenddessen erscheinen oberhalb der Bühne auf einer schmalen, die gesamte Breite einnehmenden Leinwand die ersten Videobilder. Schauspielerporträt reiht sich an Schauspielerporträt.


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In der Melodram-Arena

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 1. Februar 2014. Die Atridensage bzw. die Orestie des Aischylos – ist das nicht die Geschichte von einem Mann, der nach zehn Jahren aus dem Krieg heimkehrt, für den er seine eigene Tochter geopfert hat, um guten Wind zu haben, der nach der Heimkehr von seiner Frau ermordet wird, einerseits wegen der geopferten Tochter, andererseits aber auch, weil die Frau inzwischen einen Liebhaber hat, der der Vetter des Kriegsheimkehrers ist, dessen Ermordung später vom Sohn des Ehepaares gesühnt wird, indem er die Mutter und deren Liebhaber tötet, wofür die Rachegeister, die Erinyen, ihn zur Rechenschaft ziehen wollen, was zuguterletzt aber von den Zeus-Kindern Apollon und Pallas Athene verhindert wird, die erstmals ein demokratisches Urteil über eine Bluttat erzwingen und damit endlich den fatalen Reigen aus Mord und Widermord stoppen?


Theater Oberhausen

Übung in künstlerischem Ungehorsam

von Sascha Westphal

Oberhausen, 11. Oktober 2013. Brecht is back. Einer von Suse Wächters berühmten und schon an vielen Theatern gefeierten "Helden des 20. Jahrhunderts" kehrt zurück und das gleich mit einem eigenen, ganz auf ihn zugeschnittenen Abend. Doch so richtig ist dieser Heroe vergangener Tage noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Das versucht die etwa einen Meter große und wie immer bei Suse Wächter erstaunlich lebensechte Puppe zwar so gut wie möglich zu kaschieren. Aber Brechts wacher, mal fragender und dann wieder energischer Blick verrät mehr noch als sein grauer Flanellanzug und die Schiebermütze den Fremden.


Theater Oberhausen

Am Urknall der Moderne

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 20. September 2013. Über kaum ein anderes Jahr des verflossenen Jahrhunderts ist das lesende Publikum – dank dem Bestseller von Florian Illies – neuerdings so gut informiert wie über 1913. 1933 und 1945 waren die ersten Jahreszahlen, die man sich als junger Mensch einzuprägen hatte. 1968 war ein virulentes Jahr, 1984 ein magisches, 2001 (zunächst) das Science-Fiction-Jahr dank Kubrick. Nun also 1913. Darauf musste einer erst mal kommen.


Theater Oberhausen

Catch up, Heinz!

von Regine Müller

Oberhausen, 24. Mai 2013. Mit Shakespeares Dramen ist es ein bisschen so wie mit den großen russischen Romanen: Viel Personal und einander überlagernde Handlungsstränge und Problemstellungen erschweren die Orientierung. Beherzte Striche, die in der Oper noch immer tabu sind, da die Partituren als sakrosankt gelten, sind im Sprechtheater daher ein probates Mittel der Orientierungshilfe und vor allem der dramaturgischen Zuspitzung.


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Junior-Jupiter schmeißt eine Party

von Klaus M. Schmidt

Oberhausen, 25. Mai 2012. Ist das nicht zum Verrücktwerden? Ein anderer schlüpft in die eigene Identität, betrügt einen mit der eigenen Frau, weil diese den falschen für den echten Gatten hält, und dann ist man auch noch auf die Gnade des Betrügers angewiesen, um wieder der sein zu können, der man war.


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Trostlose Trägheit

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 13. Januar 2012. Die Schauspieler sind eingezäunt, die Bühne ein riesiger Käfig. Europa ist jetzt zweigeteilt, das Schengener Abkommen Vergangenheit, und wer im Norden lebt, kommt nicht mehr einfach in den Süden, oder andersrum. Die Grenze ist nicht nur in, sondern vor allem vor den Köpfen. Sichtbar, hoch und unüberwindbar. Es ist das Jahr 2031 und die D-Mark ist zurück, sie heißt jetzt neue deutsche Mark.


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Auf der Alm, da gibt's a Sünd'

von Guido Rademachers

Oberhausen, 19. November 2011. Ein Alpenpanorama ist in Schmutzig-Grau auf den Hintergrundprospekt gepinselt. Davor steht ein dunkler Almhütten-Klotz, eine notdürftig zusammengezimmerte Bretterbude mit gerade einmal Tür und einem Fenster. Und als wäre das noch nicht grobschlächtig genug, hat Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer gleich noch einen (von der Theaterschreinerei scheinbar aus Hüttenholzresten angefertigten) klobigen Stuhl, Tisch und Bank samt Badewannen-Tränke zwischen Pappmachee-Felsbrocken dazuarrangiert. Auf solch derben Realismus, der Assoziationen an Volks-, wenn nicht Bauerntheater weckt, lässt in seiner Inszenierung Oberhausens Intendant Peter Carp die hochartifizielle Jelineksche Sprachmaschine abstürzen. Und, siehe da, ein paar Zahnrädchen scheinen dabei an die richtige Stelle gefallen zu sein.


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Vom Mist in deutschen Köppen

von Klaus M. Schmidt

Oberhausen, 21. Oktober 2011. Dirk Laucke und Matthias Platz haben mit Tonband und Videokamera fleißig im Lande recherchiert: Wie ticken die Deutschen? Was dabei herauskam ist – mindestens – gruselig. Am rechten und linken Rand des deutschen politischen Spektrums (der jeweils weit in die Mitte hineinstößt) haben die Forscher Gedanken und Gefühle aufgetan, die vor allem eins klar machen: Revisionismus und Ideologieabhängigkeit eint die Lager mehr, als man glauben mag. Für das Theater Oberhausen haben Laucke und sein Mitstreiter das Material nun zum dritten Mal aufbereitet. Nach einer Performance in Mülheim/Ruhr und nach einer Hörspielfassung für den WDR gibt's "Angst und Abscheu in der BRD" nun auch als Theaterstück.


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Lessings kleine Nachtmusik

von Andreas Wilink

Oberhausen, 23. September 2011. Marlene Dietrich schreibt in ihren Erinnerungen über die Arbeit mit Fritz Lang, er habe beim Dreh zu "Rancho Notorious" den Set manisch mit Linien markiert, um jeden einzelnen Schritt der Akteure vorzuschreiben. Wie ein ironischer Reflex auf solche Fixierungen und Positionsbestimmungen ist der Bühnenboden in Oberhausen smartiesbunt mit den Namen sämtlicher Figuren des Stücks sowie dem des wesentlichen Requisits: "Dolch" beklebt. Nicht genug damit, erscheinen der Reihe nach in Großbuchstaben VATER, PRINZ, MUTTER, ORSINA auf der Brandmauer. Menetekel in massiver Säulenschrift, die erst der Zoom auf Normalmaß schrumpft. So wird die Projektion von Rollen bildhaft: übermächtiger oder sich verdünnisierender Namens- und Abwehrzauber.


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Angelernte Anmut

von Ulrich Fischer

Oberhausen, 20. Mai 2011. Als Fürst Myschkin bemerkt: "Ich hab' mir den Abend ganz anders vorgestellt", lacht das Publikum in Oberhausens Großem Haus. Tatsächlich hatten sich wohl die meisten die Bearbeitung und Inszenierung von Dostojewskijs Roman "Der Idiot" anders vorgestellt. Ganz anders.


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Der Nachtportier der Geschichte in der Stadt am Rande der Zeit

von Christian Desrues

Sibiu, 6. März 2011. Ein sonderbarer Pförtner, in seiner Loge der Zeit abhanden gekommen, vier Engel, die ihn heimsuchen, ohne dass er sie wahrnimmt. Das sind die Darsteller in Lothar Trolles Stück "Der Engel von Sibiu", inszeniert von Peter Carp, Intendant aus Oberhausen, am Teatrul National Radu Stanca in Sibiu. Sibiu-Hermannstadt, mit den mittelalterlichen Häusern, stillen Gassen, Kirchen vieler Konfessionen, ist ein weiterer wichtiger Protagonist des Werks, dessen von den Theatern in Sibiu und Oberhausen koproduzierte Uraufführung vom Fonds Wanderlust der Kulturstiftung des Bundes ermöglicht wurde. Sibiu – ein Ort am Rande, am Ende der Zeit, an der Grenze der Sprache. Uralte Geschichte trifft hier auf viele Völker und Sprachen.


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Humanitätsklassenziel knapp erreicht

von Klaus M. Schmidt

Oberhausen, 18. Februar 2011. Was täten diese Männer ohne Iphigenie? Einen ziemlich langen sprachlosen Moment lang fragt man sich das. Da hat sich Iphigenie zum einzigen Mal den Blicken entzogen, und Thoas, König der Taurier, hat sich Helm und Schwert gegriffen, die bisher unbeachtet herumlagen. Gerade hat ihm Iphigenie gesagt, dass die beiden Fremden, die er der Göttin Diana opfern möchte, Griechen sind, also Landsleute von ihr. Und da stehen sie nun – Thoas, sein Getreuer Arkas sowie die Griechen Pylades und Orest – stehen einander gegenüber, wie eingefroren, auch auf dem Sprung? Schlägt Thoas jetzt zu? Es kommt anders.


Theater Oberhausen

Horror im Puppenheim

von Merel Neuheuser

Oberhausen, 29. Oktober 2010. Ein ungewohntes Bild zeigt sich dem Zuschauer beim Betrachten der Bühne. Dort, wo man ein Heim erwartet, das Noras Spielplatz und Gefängnis zugleich werden soll, findet sich gähnende Leere: allein bestückt mit einem übergroßen, glitzernden und wenig plastischen Tannenbaum. Schon kommt Nora hereingetänzelt. Ein Figürchen, wie einer Spieluhr entnommen. Reizvoll drollig in ihrem fleischfarbenen Kleidchen – eine Mischung aus Babydoll-Hängerchen und Tutu. Dazu Ballerinas, Löckchen und Purpurwangen. Fertig ist das Puppenmädchen.


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Wes Brot ich fress'

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 16. März 2010. "Diese Stadt, durch die wir gerade fahren, ist pleite." Schauspielerin Anna Polke sagt das so nebenbei. Oberhausen hat 1,6 Milliarden Euro Schulden, 7.500 Euro pro Kopf, rechnet sie vor. "Und das als Weltkulturmetropolenhauptstädter 2010." Auf der Busfahrt zum eigentlichen Spielort, der Sporthalle einer Gesamtschule, bekommt der Zuschauer der "Abseitsfalle" gleich die harten Fakten zu hören. Viele Ruhrgebietsstädte sind hoch verschuldet, den Stadttheatern droht die Schließung.


Theater Oberhausen

Passion ist überall

von Regine Müller

Oberhausen, 20. November 2009. Der Komponist Mauricio Kagel hat einmal gesagt: "Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle." Damit hat Kagel nicht nur den künstlerischen Ausnahmerang seines barocken Kollegen unterstrichen, sondern auch umschrieben, dass Bachs Musik imstande ist, religiöse Gefühle selbst bei jenen zu erzeugen, denen der Glaube im strengen Sinne eigentlich fehlt. Nicht umsonst ist Bach auch als "fünfter Evangelist" bezeichnet worden.


Theater Oberhausen

Hilfe, ich will nach Hause!

von Kerstin Edinger

Oberhausen, 18. September 2009. Dass hier nichts echt ist und auch nicht so erscheinen soll, das steht von Anfang an fest. Theater ist Lüge und die Schauspieler, die während dieser fast dreistündigen irren Hochzeits-Verfolgungsjagd auf der Bühne stehen, geben wahrlich nicht den Anschein wirklichen Lebens.


Theater Oberhausen

Die Anatomie der Destruktivität

von Andreas Wilink

Oberhausen, 28. Mai 2009. Das Stück stammt von Joe Orton, sein Motto von George Bernard Shaw – "Anarchismus ist ein Spiel, das die Polizei gewinnt" –, die Übersetzung von René Pollesch, die Inszenierung von Herbert Fritsch. Eine Steigerung ist also nicht mehr möglich. Höchstens könnte sie sich noch in Aktionen und Übersprunghandlungen des "Beute"-Ensembles ereignen. Was im Malersaal des Theaters Oberhausen auch passiert, indem über den Rand des kollektiven Nervenzusammenbruchs hinaus, bis in die organisierte Applaus-Unordnung hinein und selbst über eine anfängliche Panne hinweg überzogen wird, was das Zeug hält.

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Ein echtes Roadmovie braucht auch Pausen

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 26. März 2009. Basslastige Musik dröhnt aus dem Nebenzimmer und die Zuschauer quetschen sich im Malersaal des Theaters Oberhausen auf die roten Plastikstühle, die auf der Bühne stehen und längst nicht für alle reichen. Noch weiß keiner, dass nach der ersten Szene der Vorhang zum Zuschauerraum zu Boden fallen wird und man dann man regulär Platz nehmen darf. Vorerst sind alle mittendrin im schrillen Partyspaß – als Statisten auf Parchas und Dschinas Drogentrip.


Theater Oberhausen

Mach mir den Vulkan

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 23. Januar 2009. Ein schwarzer Gazevorhang hängt zu Beginn auf der Bühne: "Unter dem Vulkan" steht darauf. Der britische Schriftsteller Malcolm Lowry hat sein Buch über die Selbstvernichtung eines Trinkers so genannt. Auch in Tichons Kneipe an der großen Straße spielt Alkohol naturgemäß eine große Rolle, Wodka wärmt hier den gestrandeten Wanderern Leib und Seele und lässt verarmte Adlige ihren Liebesschmerz vergessen.


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Geschwätzige Ödnis

von Regine Müller

Oberhausen, 9. Januar. Die Bühne ist eine riesige, umgekippte Einkaufstüte. Nach vorne geöffnet, sieht man in der Tüte ein seltsames Interieur: eine geschwungene Treppe und im Erdgeschoss eine Menge Möbel. Sofas und Sessel, noch eingeschweißt in Plastikfolie, Lampen mit Preisschildern. Hier wohnt man noch nicht. Oder nicht mehr?


Theater Oberhausen

In Murnaus Wundertrommel

von Andreas Wilink

Oberhausen, 20. September 2008. Aus dem Meer heraus steigt es, ins Meer zurück muss es. Dazwischen liegt eine verbale Sintflut. SOS im Theater Oberhausen zum Spielzeitbeginn unter neuer Intendanz von Peter Carp, der das schlingernde Stadttheater-Schiff übernommen hat und auf Kurs bringen will. Herbert Fritsch, seit 1993 einer der Stars im Berliner Volksbühne-Ensemble der Luxusklasse und mittlerweile von Castorfs Haus am Rosa-Luxemburg-Platz getrennt, inszeniert Molières "Tartuffe".


Theater Oberhausen

Kitschverputzte Komödienfassade

von Regine Müller

Oberhausen, 25. April 2008. Glanzvolle Zeiten sah dieses Etablissement wohl nie: schäbige Raststätten-Toiletten auf dem Gang, im Foyer eine karge Bar, rote Sitzmöbel minderer Qualität, eine morsche Jukebox und ein schmales Fenster mit Blick auf ein Bergpanorama. Letzteres verhalf der Absteige immerhin zum einladenden Namen. Inzwischen beherbergt das "Hotel zur schönen Aussicht" nur mehr Gestalten, denen es an Perspektiven, an veritablen Aussichten doch eher mangelt.


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