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archiv » St. Pauli Theater Hamburg (6)
St. Pauli Theater Hamburg

Lob der Gewohnheit

von Jens Fischer

Hamburg, 6. Dezember 2016. Ein Abendessen mit Freunden hat Daniel arrangiert. Die Idee ist nicht lustig. Aber bei der Realisierung zuzuschauen, könnte ein beziehungstheoretisch erhellendes Vergnügen werden. Denn geladen sind der beste Kumpel Patrick samt Emma, die gerade erst ins Paarbildungsspiel eingewechselt wurde. Nicht einmal auf der Ersatzbank, geschweige denn am Esstisch platziert wird Patricks Ex-Frau – problematischer Weise die beste Freundin von Daniels Gattin Isabelle. Die sich aus Solidarität, aber auch aus Angst, ihr blühe bald ein ähnliches Auswechselschicksal, in einen empörungsprallen Kokon eingesponnen hat. Allein die Mitteilung, dass Patrick "mit seiner neuen Tussi" zu bewirten sei, reicht ihr als Initialzündung, richtig schäbig in Fahrt zu kommen und die Dinnergäste anzuspornen, dass jeder mal mit jedem abrechnet.


St. Pauli Theater Hamburg

Fünf vor zwölf

von Falk Schreiber

Hamburg, 14. September 2016. Eine Schulturnhalle. Die Uhr zeigt fünf vor zwölf, die Spielstandtafel 2:1 für die Gastmannschaft, und dem Basketballkorb fehlt das Netz. Nicht besonders schick, aber der gute Wille zählt, und gutwillig sind die Bürger auf jeden Fall, die hier als "Privates Flüchtlings-Organisationskomitee", kurz PFOK, eine Willkommensfeier für Flüchtlinge organisiert haben. "Wir wollen zeigen, was deutsche Kultur ist", erklärt Frau Möller (Susanne Jansen als Vorortwalküre mit Alkoholproblem): "deutsche Musik, deutsche Opern ... Aber auch Sachen wie Händewaschen nach dem Klo".


St. Pauli Theater Hamburg

Aber die Anbindung ist gut

von Falk Schreiber

Hamburg, 27. Februar 2014. Rauschen. Alle paar Minuten hört man, wie die S-Bahn unter dem St. Pauli Theater hindurchfährt, es rauscht und rattert, man glaubt, dass der Theaterraum leicht vibriert, meist fühlt man sich gestört. Meist. Heute aber passt die Bahn zum Setting von Dennis Kellys "Waisen".


St. Pauli Theater Hamburg

altAmerikanischer Alptraum

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. Februar 2012. Das St.-Pauli-Theater ist ein Privattheater. Das heißt: Es gibt kaum Subventionen, der Etat muss allabendlich eingespielt werden. Man honoriert, dass das Theater das nicht ausschließlich mit Nummer-Sicher-Krachern versucht, sondern zum Beispiel auch mit Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Man akzeptiert, dass die Intendanz sich explizit gegen massive Regieeingriffe positioniert, weil sie anscheinend glaubt, das zahlende Publikum wolle ausschließlich "werktreues" Theater sehen. Und man stellt den bösen Gedanken zurück, dass das Publikum hier anscheinend konservativer geschätzt wird als es ist.


St. Pauli Theater Hamburg
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Die Wahrheit der Lüge

von Ulrich Fischer

Hamburg, 14. Februar 2011. Florian Zeller stellt seinem neuen Stück "Die Wahrheit" ein Zitat Voltaires voran: "Die Lüge ist eine Tugend, wenn sie es erlaubt, das Leiden zu vermeiden. Lügen Sie, meine Damen... Seien Sie tugendhaft ... Ich werde Ihnen bei Gelegenheit Gleiches mit Gleichem vergelten." Und mit sieben knappen, klaren, luziden Szenen illustriert Zeller danach vergnüglich Voltaires französische Frivolität.


St. Pauli Theater Hamburg

Am Ende nackt

von Simone Kaempf

Hamburg, 4. April 2008. Beim Schlussapplaus kommt Peter Zadek auf die Bühne, eingehakt von Elisabeth Plessen. Viel grauer und fahler als sonst, es ist nicht zu übersehen. Man erschrickt sofort. Jubelt man ihm jetzt zu oder sitzt man still und traurig da? Bedrückende Abschiedsstimmung liegt in der Luft. Wie noch unbefangen urteilen? Am Ende dieses Theaterabends ist man korrumpiert, die Tragik des echten Lebens holt die Kunst ein. Moral, Ästhetik, Spiel und Wirklichkeit geraten durcheinander.


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