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archiv » Staatstheater Nürnberg (39)
Staatstheater Nürnberg

Blutgrätsche für den Schönheitswahn

von Dieter Stoll

Nürnberg, 16. Dezember 2016. Eigentlich könnte die resolute ungarische Gräfin Erzsébet Báthory, nach dem frühen Tod des Ehemannes reich an Geld und Macht und Selbstverwirklichungstrieb, trotz ihres Geburtsjahrs 1560 ein früher Modellfall von Emanzipation sein. Oder so eine Art "Lustige Witwe". Doch beides war ihr nicht richtig vergönnt. Historisch verbürgt ist ihre Lebenszeit von immerhin 54 Jahren, von denen die Nah- und Nachwelt vorrangig Gerüchte um frivole Nachtgedanken plus kosmetische Eigenarten mit Todesfolge bewahrte.


Staatstheater Nürnberg

Gegen das Unrecht schreien

von Dieter Stoll

Nürnberg, 8. Oktober 2016. Der allein auf großer Bühne sitzende Mann am Flügel hat sich den Hemdkragen gelockert und spielt versonnen eine Sonate, als die gewaltige Explosion den Frieden zerfetzt. Im harten Schnitt fallen Wochenschau-Bilder vom Berliner Reichstagsbrand 1933 über die Idylle her, das Chaos scheint besiegelt. Schnitt zurück von der History-Konserve zur Bühnen-Realität, die sich sehr deutlich als Transportmittel der Wahrheit versteht.


Staatstheater Nürnberg

Der Schiller des deutschen Fußballs

von Dieter Stoll

Nürnberg, 10. Juni 2016. "Wir beten nicht um den Sieg, wir beten um das Spiel", sagt der Trainer beim Abschiedsbesuch in der Kabine. Es ist 1932. Der Amtsinhaber von 2016 würde diese Formulierung, so kurz nach der verpassten Aufstiegschance, vermeiden. Jenö Konrád, vor 84 Jahren zuständig für die Mannschaft mit dem Kult-Kick, wagt auch Sätze wie: "Der Ball kennt keine Hautfarbe, keine Religion." Der gebürtige Ungar mit jüdischem Glauben, ein Hoffnungsträger für den von ihm empathisch verehrten fränkischen Verein (der Hochdrucksatz "Der Club ist das Blut, das in unserem Körper wie ein Schalker Kreisel kreist" wird ihm zumindest auf der Bühne zugetraut), muss seine Familie in Sicherheit bringen. Konrád sah frühzeitig, dass man ihn "als Nachbar nicht haben" möchte. Nach zwei Niederlagen steht im Nazi-Hetzblatt "Der Stürmer", der Club gehe "am Juden zugrunde".


Staatstheater Nürnberg

Zwei Frauen gegen den Rest der Welt

von Dieter Stoll

Nürnberg, 6. Juni 2016. Nebenan in den weiten Hohlräumen des Nazi-Colosseums hatten 2009 die aussterbenden Zeitzeugen mit dem Text von Peter Weiss' verdichteten Auschwitzprozess-Protokollen zum Ortstermin Nürnberg gebeten. Es war eine lange nachwirkende Gedenkmarsch-Inszenierung von Die Ermittlung durch Kathrin Mädler, die jetzt grade als Intendantin in Memmingen antritt. Stefan Otteni rückt mit seiner bis nach Guantánamo reichenden Verlängerung eines hausgemachten Extrakts von Beethovens "Leonore"-Experimenten (vor dem Einrasten ins heute gängige "Fidelio"-Opernformat) in der backsteinrohen Ausstellungshalle des Dokuzentrums nicht bloß räumlich nah an dieser Erinnerung – er bleibt auch nahe bei sich. Der Regisseur suchte in den letzten Jahren immer wieder mit der Aufhebung der Sparten den neuen Blick. In Nürnberg zuletzt mit einer Schauspieler-"Bohème", einem von Gegenwart bedrängten Händel-"Judas Maccabäus", kürzlich in Bamberg in der Verbindung von Theater und Symphonikern für einen Befund "Von deutscher Seele". Otteni setzt auf offene Grenzen.


Staatstheater Nürnberg

Zum dreifachen Glück

von Dieter Stoll

Nürnberg, 18. Februar 2016. Marc liebt Bettina, Bettina liebt Marc, auch Kay liebt Marc, Marc ist nicht abgeneigt, Bettina wundert sich. Ein flotter Dreier wird das nie! Der gestresste Polizist mag seine schwangere Frau offenbar wirklich, findet aber zur eigenen Überraschung schnell auch Gefallen am schwulen Kollegen, den er während der Ausbildung (Achtung, Zweibettzimmer!) kennenlernt. Erst wehrt er sich sehr demonstrativ dagegen, dann weniger. Es muss wohl guter Sex sein, der da bei wenig Licht und viel Röcheln geschieht. Das provokativ gerufene "Pussy!" im Herren-Wortgefecht klingt bald zärtlich, der Affären-Modus setzt ein. Kleiner Mann, was nun? Auf ein Happy-End kann er kaum hoffen, aber heroischer Verzicht ist auch nicht die nächstliegende Lösung – also Augen zu, Hose auf und durchs volle Doppelleben, bis die Katastrophe kommt. "Ich bin nicht schwul", ruft Marc. "Was bist du dann?", schreit Bettina. "Gleichmäßig atmen", empfiehlt der Kenner dem Jogging-Partner für solche Problemfälle. Dumm stellen und weiterlieben, so oder auch anders.


Staatstheater Nürnberg

Notbremsung am Jux-Karussell

von Dieter Stoll

Nürnberg, 13. Dezember 2015. Ob es wirklich 177 Rollen sind, wie es der zur Begrüßung des Publikums vorgeschickte Schauspieler gleich mal ranschmeißerisch in die Runde plaudert, wird wohl niemand mitgezählt haben. Die Großzügigkeit des Autors, der "beliebig 4 bis 20" Darsteller zur Bewältigung seines auf 26 miteinander verzahnte Szenen verteilten Textes vorschlägt, wirkt auch so übermenschlich genug. Der 37jährige Schwede Jonas Hassen Khemiri, studiert auf Wirtschaftswissenschaft und Literatur und daheim längst eine Größe, lässt in seinem sechsten Theaterstück unter dem lustvoll irritierenden Hohn-Titel "≈ [ungefähr gleich]" seine Wissensquellen gegeneinander sprudeln. Er entwirft das Kaleidoskop einer Welt, in der die allerheiligste Ökonomie der Kosten/Nutzen-Rechnung jedem Gläubigen irgendwann die Tür öffnet – am liebsten die Falltür.


Staatstheater Nürnberg

Dunkelkammer des Schreckens

von Dieter Stoll

Nürnberg, 17. Oktober 2015. Am Vormittag kamen die Berichte über Vorratsdatenspeicherung aus dem Bundestag, am Abend sah man den Einsatz der Gedankenpolizei auf der Bühne. So nahtlos wie bei der Deutschland-Premiere der neuen Theaterfassung von George Orwells "1984“ spielen Politik und Kunst sonst nicht zusammen. Ein enormer Unterschied bleibt denn doch festzuhalten: Während die Abgeordneten in ihren Reden nur die offiziellen Parteilinien preisgaben, darf der Betrachter dieser 2013 in Nottingham uraufgeführten Dramatisierung wie ein Parasit in den Kopf des Hauptdarstellers schlüpfen.


Staatstheater Nürnberg

Rückwärtsslalom durch umwölkte Vergangenheit

von Dieter Stoll

Nürnberg, 11. April 2015. Vater und Sohn, Mitte siebzig und Ende dreißig, haben aktuellen Gesprächsbedarf, sich aber nichts zu sagen. Die Ehefrau und Mutter, zu Lebzeiten ständige Vermittlerin zwischen den beiden zerstrittenen Herren, wurde soeben bestattet – jetzt geht es um Familien-Abrechnung, im übertragenen wie im konkret finanziellen Sinn.


Staatstheater Nürnberg

Es war der Todesvogel und nicht die Lerche

von Dieter Stoll

Nürnberg, 19. Februar 2015. Ein Paar von jeweils 16 Jahren, das trotz verfeindeter Familien bis in den Tod vereint bleibt – wie sollte man da nicht an Romeo und Julia denken. Auch wenn diesmal Christen gegen Muslime pöbeln und die realistisch gestartete Lovestory unsanft in die virtuelle Kampfzone eines Computerspiels umgeleitet wird. Das Stück "Angry Bird" des georgischen Autors Basa Janikashvili, ein Siegertitel im wandernden Dramen-Wettbewerb "Talking about Borders", verläuft an politisch-religiösen Frontlinien, bietet aber sarkastisch das Ausweichmanöver ins Allgemeine an.


Staatstheater Nürnberg

Was dem Wissenden nichts nützt

von Dieter Stoll

Nürnberg, 11. Oktober 2014. Eine bühnenbreite Bretterwand, Fichte lackiert, trennt den zornigen König Ödipus vom pestverseuchten Alltag seiner Stadt Theben. Die Götter strafen einen ungeklärten Mord und der angeschlagene Herrscher muss auf Weisung des blinden Sehers Teiresias die Wahrheit wie ein Detektiv ergründen: Er selbst wurde ohne es zu wissen zum Vatermörder und gar zum Gatten der eigenen Mutter, mit der er Kinder zeugte. Nun will er heulend in den Schoß zurückkriechen, der ihn geboren und befriedigt hat. Mehr Gram pro Familie geht eigentlich nicht, aber die antike Dichtung kennt im Gegensatz zu ihrer Enkelin, der Soap, keine Schmerzgrenze – zumal, wenn sie die gestauchten Erkenntnisse aus vier Dramen an einem Abend unterbringen soll.


Staatstheater Nürnberg

Stammbaumnabelschau

von Dieter Stoll

Nürnberg, 8. März 2014.Diese jüdische Familie mit Anhang hat es in sich: Verdrängte Erinnerungen ans KZ, gutbürgerlich ausgerichtete Gegenwelt durch mehrere Nachkriegs-Generationen, kreuz und quer verlaufende Beziehungslinien samt erotischer Kapriolen der drastischen Art. Und natürlich kein Fest ohne Streit.


Staatstheater Nürnberg

Gestrandet wie ungebratene Fischstäbchen

von Dieter Stoll

Nürnberg, 20. Dezember 2013. Die Helden sind müde, der Lack ist ab: Wenn Allzeit-Größe Odysseus nach zwanzig Jahren Ehrenrunde in mythologischen Zeitschleifen endlich zu seiner grünen Witwe Penelope in Ithaka heimkehrt, lauert dort statt der zweiten Chance die Drohung von Vorruhestand. Das verflixt treue Weib in ritualisierter Wartestellung ("Stör mich nicht / in meiner Erinnerung") beharrt auf dem abgespeicherten Jugendbild, da ihr die an Alter und Kilo-Kalorien deutlich erweiterte Erscheinung der Gegenwart mindestens so wenig gefällt wie der eigene Trend zum Doppelkinn. Na gut: Er ist wieder da! Und jetzt?


Staatstheater Nürnberg

Sag mir, wo die Bienen sind

von Dieter Stoll

Nürnberg, 14. Dezember 2013. Es brummt und summt im Parkett vor Beginn der Vorstellung. Und das, obwohl die "Bienen", genauer gesagt "Meine Bienen" aus der Metaphern-Schleuder eines spät zu Wort kommenden Imkers, gegenüber dem ursprünglichen Stück-Titel nicht mehr vorhanden sind und die ganze Aufmerksamkeit des Publikums auf vier Neandertaler gelenkt wird. "Eine Schneise" steht nun für alles, muss allein das Sinnbild für Verwüstung und Befreiung repräsentieren.


Staatstheater Nürnberg

Im Schattenreich der zuständigen Instanzen

von Dieter Stoll

Nürnberg,1. Juni 2013. Die Schrammelmusik, die vor Beginn der Vorstellung durchs Foyer des Nürnberger Schauspielhauses schluchzte, legte absichtlich falsche Fährten. Grinzinger Vorstadt-Gemütlichkeit bleibt weit entfernt von Leben und Sterben der jungen Horváth-Protagonistin Elisabeth, wenn sie ihren Körper auf Vorschuss an die Anatomie verkaufen will, um mit 150 Mark die Existenz zu retten. Ehe das erste Wort gesagt ist, wird das mit schattenreichen Aufmärschen düsterer Wesen, womöglich Rest-Gespenstern aus Fritz Langs großem Skizzenblock, radikal klargestellt.


Staatstheater Nürnberg

Hurra, die Schule flennt!

von Dieter Stoll

Nürnberg, 15. Dezember 2012. An der Bühnenrampe der Nürnberger Kammerspiele liegen malerisch gestreut sieben Häufchen mit sorgsam gefalteten Klamotten und den passenden Schuhen dazu. Hier wird gleich ein Drama maskiert. Die passenden Schauspieler zum Outfit stürmen mit fiktiver Altersangabe (jeweils kühn behauptete 15 Jahre die vier Schüler, von Ende 20 bis Mitte 50 die drei realistischer besetzten Lehrkörper) diese trendige Umkleidersammlung, werfen provozierende Blicke aus der Unterhose und steigen breitbeinig ein in Rollen wie Kostüme.


Staatstheater Nürnberg

Tiefe finden nur die Taucher

von Dieter Stoll

Nürnberg, 28. Oktober 2012. Vom deutschen "Sommermärchen" war noch keine Rede, als Elfriede Jelinek ihre kämpferischen Anmerkungen zur professionellen "Leibesertüchtigung" formulierte, aber Lance Armstrong strampelte grade rezeptfrei seinem Helden-Image entgegen. Naja, Leistungsdruck gab es schon reichlich, Doping auch, doch die öffentliche Meinung wollte den Spaß nicht relativiert sehen und einigte sich auf den entspannenden Begriff "Einzelfälle". So gesehen wirkte "Ein Sportstück" bei der Uraufführung am Wiener Burgtheater eher wie eine spektakuläre Wortgewalttat aus der Abseitsstellung, von Marschtritt-Regisseur Einar Schleef mit knapp 150 Personen in Aktion zum Textflächenbrand hochgezündelt, während es heute beim Lesen vor der Aufführung eher wie ein Nachtreten aussieht.


Staatstheater Nürnberg

Echos der Vergangenheit

von Elisabeth Michelbach

Nürnberg, 19. Oktober 2012. Greise haben Konjunktur. Sei es der "100-jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" oder die "Frau bei 1000°" – die muntere Lebensrückschau rüstiger Senioren findet gerade viele Leser. Man könnte meinen, der 88-jährige Gustin, der Noah Haidles Stück "Saturn kehrt zurück" eröffnet, sei einer dieser selbstironischen Methusalems, die mit Witzen über das Alter bei der jungen Krankenschwester zu landen versuchen. Doch Gustin schaut nicht auf ein bewegtes, ein gelebtes Leben zurück. Allein zurückgeblieben beschwört er die Geister seiner Vergangenheit herauf, die für ihn einfach nicht vorbei gehen will.


Staatstheater Nürnberg

altDas schöne Phantom Gemeinschaft

von Dieter Stoll

Nürnberg, 13. April 2012. Von einer Nürnberger Tradition im Umgang mit Peter Handke wird nun wirklich niemand sprechen wollen. Aber typisch für die furchtsame Haltung der "Provinz" gegenüber dem spröden Poeten ist die Mini-History der lokalen Spielplan-Politik allemal. 1994 wurde auch hier die dialog- und provokationsfreie "Stunde, da wir nichts voneinander wussten" nachgespielt, nicht ohne dass der damalige Spartenchef versicherte, wie gerne er die anspruchsvolleren Stücke ansetzen würde – wenn er das seinen Abonnenten nur zumuten könnte.


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Dröhnender Tumult, coole Schlacht

von Dieter Stoll

Nürnberg, 17. Dezember 2011. Die Bühne ist leer bis auf eine Show-Leuchtschrift im Hintergrund, die alsbald höhnisch in den Untergang blinken wird: "Beautiful World". Von wegen! Es geht um Woyzeck, den "armen Teufel" am äußersten Rand einer sich selbst genügenden Gesellschaft, den Georg Büchner laut Deutung seines Kollegen Heiner Müller wie einen Hund, der irgendwann als Wolf wiederkehren könnte, ins Rennen schickte. Regisseur Christoph Mehler tut das buchstäblich, er lenkt ihn in seiner Nürnberger Neuinszenierung, die es zum immerhin kleinen Premieren-Skandälchen der schlagenden Türen und empörten Buh-Rufe brachte, in einen Kreislauf des Elends. Eine Stunde lang rennt, schlurft, taumelt und kriecht Stefan Lorch nonstop Runde um Runde, was über seine Fitness eindeutiger Auskunft gibt als über die anhaltende Durchschlagskraft klassischer Literatur.


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Schicksalsspiel ohne Sieger

von Dieter Stoll

Nürnberg, 9. Oktober 2011. Auf der breiten Bühne der Nürnberger Kammerspiele ist kein Platz mehr für entspannte Bewegungen. Ausstatterin Carolin Mittler hat mit einem schräg gestellten Kletter-Objekt den ganzen Aktionsraum beschlagnahmt. Von oben kommt man nur mit Hilfe von baumelnden Sicherheits-Seilen ins Spiel, die unteren Ausgänge im Hundehütten-Format sind allenfalls kriechend zu nutzen. Schmale Querverstrebungen, auf denen niemand den aufrechten Gang wagen kann, zwingen die Figuren in der Steil- und Breitwand zum ständigen Kampf ums Gleichgewicht.


Staatstheater Nürnberg
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Gefangen in Shakespeares Dschungel-Camp

von Dieter Stoll

Nürnberg, 14. Mai 2011. Auf schummriger Bühne wabert ein Knäuel von Menschenleibern und wird vom Wasserguss aus dem Bühnenhimmel zum individuellen Leben erweckt. Ist es das Meer, das Schiffbrüchige auf die Insel Illyrien spuckt, oder erleben wir die Sturzgeburt eines Shakespeare-Ensembles? In Stefan Ottenis Nürnberger Neuinszenierung von "Was ihr wollt" werden Antworten auf solche absichernden Fragen drei Stunden lang strikt verweigert.


Staatstheater Nürnberg

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Sackgassen der Emanzipation

von Dieter Stoll

Nürnberg, 30. April 2011. Am Ende steht der Name der gescheiterten Amazonen-Königin, die in besinnungsloser Raserei den geliebten Achill zerfetzt und damit ihr eigenes Leben als Gegenentwurf zur brutal besitzergreifenden Männerwelt vernichtet hat, wie ein Menetekel an der Wand. In Versalien ist PENTHESILEA hingeschrieben, nicht etwa mit dem Theater-Blut, das in Eimer-Portion bereit steht für die unvermeidliche Kolorierung von Kleists wortgewaltig sudelndem Trauerspiel, sondern mit blankem Wasser.


Staatstheater Nürnberg
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Der Lockruf der Freiheit

von Dieter Stoll

Nürnberg, 27. Februar 2011. Auch so kann man sich Wiedergeburt vorstellen: Oliver und Philip, zwei leidlich sympathische junge Herren, sind ein Paar auf Zeit in zwei Existenzen und haben damit grundsätzliche Probleme. Erst im verklemmten 1958, dann ein halbes Jahrhundert später in der Trendy-Gegenwart des Mainstream-Hedonismus. Im ersten Leben ist ihre sexuelle Neigung im Schattenwurf der gesellschaftlichen Zwangsmoral von Verwirrung und Verdrängung umstellt. 2008 verrutscht der Konflikt in die Grauzone des Lustgewinns, denn nun ist ja fast alles erlaubt und man muss bei Bedarf um den Bestand einer Beziehung vor allem gegen den Lockruf der Freiheit kämpfen. Meint der Autor. Ein Modellfall zum Durchspielen – aber wovon genau soll er erzählen? Von der Entspannung in der öffentlichen Scheinheiligkeit oder der Emanzipation der Schwulen?


Staatstheater Nürnberg

In bunten deutschen Hinterhöfen

von Dieter Stoll

Nürnberg, 30. Dezember 2010. Seit Udo Jürgens wissen wir, wie es im "ehrenwerten Haus" zugeht, also musste der Blick des wilden Balkan-Musikanten Sandy Lopicic (Lopicic-Orkestar) schärfer werden, um über die Stiegen des sozialen Wohnungsbaus an Erkenntnisse zu kommen. Ein alleinerziehender Vater (behinderter Sohn, pubertierende Tochter) mit Ossi-Vergangenheit wohnt da neben zwei jungen Neonazis und zwei vorwiegend im Badezimmer verkümmernden Frauen, die leider ein Oper-Duett singen. Da wirbelt als neue Nachbarin ein selbstbewusstes Türkenmädchen die deutsche Hausordnung durcheinander. Die Ausgangsposition des Nürnberger Auftragswerkes "Out of Röthenbach", das sich problembewusst Songdrama nennt, ist glasklar.


Staatstheater Nürnberg

Anarchistische Wunschträume

von Dieter Stoll

Nürnberg, 13. November 2010. Wenn der Christbaum gefallen, die Krippe zertrampelt, das Weihnachtsmann-Kostüm besudelt und die Hausbar geplündert ist, wenn also Grundvoraussetzungen für "eine schöne Bescherung" erfüllt sind, kann man in Ruhe darüber nachdenken, was der Überzeugungs-Franke Fitzgerald Kusz mit seinem neuen Stück "Lametta" wollte. Etwa den Entwicklungssprung der bundesdeutschen Familiengeschichte dokumentieren?


Staatstheater Nürnberg

Apfelmus im Garten Eden

von Dieter Stoll

Nürnberg, 31. Oktober 2010. Der Baum der Erkenntnis könnte auch das "Warten auf Godot" ausschmücken, verbotene Früchte geraten unter Sprengstoff-Verdacht, die Seligkeit liegt am Hochhausdach nur wenige Schritte entfernt, und an der Theke in Mallorca wird man von Träumen erlöst. "Paradiesische Zustände" nennt das Schauspielhaus Nürnberg (wie berichtet, wurde der für 38 Millionen Euro generalsanierte Bau nach anstrengenden Ausweich-Spielzeiten am 23.Oktober eröffnet) zur Feier der eigenen Stimmungslage ein ungewöhnliches Eroberungs-Projekt.


Staatstheater Nürnberg

In der Zyniker-Geisterbahn

von Dieter Stoll

Nürnberg, 23. Oktober 2010. Ein großer Anteil Schmierentheater steckt in jeder der bislang immer irgendwie überstandenen Weltwirtschaftskrisen. Also hat die junge britische, in Deutschland noch weithin unbekannte Autorin Lucy Prebble jedes Recht, grelle Mittel für die Schilderung der Verantwortlichen einzusetzen. Ihr Stück "Enron" legt die 60-Milliarden-Dollar-Pleite des amerikanischen Energie-Riesen aus dem gar nicht so fernen Jahr 2001 wie eine Folie über die aberwitzige "Gier ist geil"-Mentalität, wo nach gefühlten Schrecksekunden stets alles so ähnlich bleibt wie vorher.


Staatstheater Nürnberg

Mehr Mitleid für weinende Schurken

von Georg Kasch

Nürnberg, 20. Februar 2010. Ein bisschen manipulierter Volkswille kann bei einer Machtübernahme nicht schaden, oder? Buckingham, der joviale Königsmacher, wedelt während seiner Rede mit den Armen, reckt den Zeigefinger in die Luft, ballt die Fäuste, der kräftige Catesby stimmt ins Gewinsel vom unvergleichlichen Herrscher ein und schmeißt sich in die Kutte eines Geistlichen, um Richards Frömmigkeit zu demonstrieren. Der bleibt cool, als ihm der überrumpelte Bürgermeister von London die Krone anträgt. So cool, dass Catesby das Premierenpublikum zum rhythmischen Anfeuer-Klatschen animiert.


Staatstheater Nürnberg

Gruselkabinett der Verwerfungen

von Georg Kasch

Nürnberg, 11. Dezember 2009. Was für ein absurdes Freuden-Haus: die Welt liegt in Trümmern, hier aber trinken Hitlerfotograf Heinrich Hoffmann und seine Tochter Henriette von Schirach mit der gastgebenden Gräfin Kanockerl Cognac, trauert Generalmajor Erwin von Lahousen seinen gescheiterten Hitler-Attentaten nach und kämpft Hausbesitzerin Luise Kralle um ihr Stück vom Kuchen. Zwar wird Rudolf Diels, erster Gestapo-Chef, zunächst mit Menschenfressermaske eingeliefert (was ihn nicht daran hindert, der Gräfin formvollendet die Hand zu küssen), doch bald schon tanzt er frei mit im erotisch-schwülen Reigen, der die Bagage durchzuckt.


Staatstheater Nürnberg

Die Gewalt der hohlen Worte

von Sabine Wirth

Nürnberg, 24. Oktober 2009. Der trojanische Krieg hat viele Opfer gefordert. Klytämnestra, Iphigenie, Hekabe, Andromache, Helena, Kassandra – und Agamemnon. Sie alle waren darin verwickelt, ob sie wollten oder nicht. Diese Namen haben eine Menge im Schlepptau, ziehen große Fragen und Aporien der abendländischen Kulturgeschichte hinter sich her. Und vor allem: Sie wecken große Erwartungen.

Staatstheater Nürnberg

Spur der Steine

von Georg Kasch

Nürnberg, 20. Juni 2009. Wie verbildlicht man die Hölle? Kann Literatur, kann Theater das größtmögliche Grauen, die Shoah, erfassen? Peter Weiss ist es 1965 gelungen in seinem Doku-Drama "Die Ermittlung". Das "Oratorium in 11 Gesängen" schildert den Frankfurter Auschwitzprozess 1963 bis 1965, und berichtet mit diesem Kunstgriff über das Unvorstellbare so überzeugend wie kein anderer Bühnentext.


Staatstheater Nürnberg

Eine Verzweiflungsutopie

von Bernd Noack

Nürnberg, 28. Februar 2009. Es ist so eine Art "Vorher-Nachher"-Spiel, auf das sich das Staatstheater Nürnberg mit der Zusammenführung von Lessings "Juden" und Taboris "Jubiläum" an einem Abend einläßt. Vorher: dafür steht die Verwechslungs- und Verkleidungskomödie aus dem 18. Jahrhundert, in der spielend aufklärerisch Vorurteile auf den Kopf gestellt werden.


Staatstheater Nürnberg

Ein Kessel Braunes

von Georg Kasch

Nürnberg, 8. Februar 2009. Wer ist "Schuld"? Das Schauspiel des Nürnberger Staatstheaters, und zwar mit Haut und Haaren, seit es im Mai vergangenen Jahres seine baubedingte Ausweichspielstätte in der Kongresshalle bezog. Die stammt zwar nicht von Albert Speer, steht aber auf dessen Reichsparteitagsgelände und schaut so halbrund und neoklassizistisch aus, als hätte Hitlers Lieblingsarchitekt das römische Kolosseum nachgebaut.


Staatstheater Nürnberg

Wunsch nach Schwerelosigkeit im Wasser

von Georg Kasch

Nürnberg, 23. Januar 2009. Diese heile Welt, man merkt es schnell, wird nur errichtet, um schnellstmöglich zerstört zu werden: Unternehmer Gerd kommt von einer Geschäftsreise zurück. Seine wesentlich jüngere Gattin Monika erschreckt, neckt, reizt ihn. Sie berichtet von einem Erdbeben und dem Tod eines Bekannten aus ihrer Kommunenzeit. Aber warum lenkt sie immer wieder vom Thema ab, warum streut sie gelegentlich neue Details über den toten Olaf ein? Und warum weiß sie mit immer neuen Wendungen zu verhindern, dass Gerd das Zimmer des gemeinsamen Sohnes Alexander betritt?


Staatstheater Nürnberg

Ein Halbzeitkasper sieht rot

von Bernd Noack

Nürnberg, 28. November 2008. Zunächst einmal die schlechte Nachricht: zu einer "Uraufführung" kam es am Staatstheater Nürnberg gestern Abend nicht. Obwohl doch Theater gespielt wurde. Aber Autor Thomas Brussig hatte kurzfristig vor der Premiere seines Prosa-Monologs "Schiedsrichter Fertig", den sich Regisseur Alexander Schilling für die Bühne zusammengebastelt hat, den Etikettenschwindel unterbunden.


Staatstheater Nürnberg

Rückenschmerz nach der Wirtschaftswunderzeit

von Georg Kasch

Nürnberg, 24. Oktober 2008. AEG – Aus Erfahrung gut. Oder doch eher: Auspacken, Einschalten, Geht nicht? Die drei Buchstaben stehen in Nürnberg vor allem für das Ende eines der größten Arbeitgeber der Stadt. Und einen der gewaltigsten Streiks: Als Electrolux, der neue Eigentümer des Konzerns, 2005 die Verlagerung der Produktion Richtung Osteuropa und die Schließung des AEG-Werkes mit seinen 1760 Angestellten bekannt gab, protestierte die ganze Stadt. Erreicht wurden höhere Abfindungen und eine längere Übergangszeit. 2007 ging die letzte Waschmaschine vom Band.


Staatstheater Nürnberg

Zwischen Blut und Badelatschen

von Georg Kasch 

Nürnberg, 11. Oktober 2008. Merkwürdig, dieses "DAS GEHT EUCH ALLE AN", das der jugendliche Chor zu Beginn an die hintere Bühnenwand sprüht. Sollte Theater nicht immer alle angehen? Und versteht sich das nicht von selbst bei der "Orestie" des Aischylos, dieser legendenhaften Geburt der europäischen Demokratie aus blutigem Krieg und Familienmord?


Staatstheater Nürnberg

Rezahaftes in Nazi-Kulisse

von Georg Kasch

Nürnberg, 1. Juli 2008. Schöner hätte sich das auch Theresia Walser nicht denken können: Die drei Schauspieler aus ihrer Komödie "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm", die Hitler oder Goebbels gespielt haben, warten auf den Beginn ihrer Talkshow, und das vor einer schäbigen Kulisse, die in einem Gebäude steht, das selbst wiederum Kulisse war für die größten Inszenierungen im nationalsozialistischen Deutschland: den Reichsparteitagen in Nürnberg.


Staatstheater Nürnberg

Kein richtiger Sarg fürs falsche Leben

von Bernd Noack

Nürnberg, 26. April 2008. Der Tote ist noch nicht richtig unter der Erde, da beginnen die Leichen, die hier jeder der Hinterbliebenen im Keller hat, schon zu leben. Und über den Verblichenen wird selbst noch an der Grube nur abgrundtief schlecht geredet, damit die Schweinereien, in denen man selber steckt, nicht (gleich) zur Sprache kommen. Die Beerdigung in irgendeinem tristen westdeutschen Winter gerät dann aber doch zur Abrechnung mit der unbequemen persönlichen und gesamtdeutschen Wirklichkeit, in der sich die Familie verlogen und dürftig eingerichtet hat.


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