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archiv » Theater Solothurn (10)
Theater Solothurn

Mörder aus Versehn

von Charles Linsmayer

Solothurn, 2. November 2014. Gut, dass es, Irrtum vorbehalten, keine Familie Schiller mehr gibt, die eine Plagiatsklage gegen den holländischen Autor Ad de Bont erheben könnte. Verse wie die folgenden unterscheiden sich nämlich nur in Nuancen von den vergleichbaren in "Wilhelm Tell": "Durch diese dunkle Strasse muss er kommen, / Es führt kein andrer Weg zu seinem Haus. / Vollenden will ich’s, die Gelegenheit ist günstig." Nicht plagiatsverdächtig aber wären dann die anschliessenden Zeilen: "Hier befreie ich die Welt / von einem Ungeheuer, einem Schwein." Und zu Gunsten des Holländers spräche auch die Tatsache, dass statt des Apfels "eine blöde Apfelsine" vom Kopf des Knaben geschossen wird.


Theater Solothurn

Anschluss an die Eisenbahn

von Nikolaus Merck

Solothurn, 15. März 2013. Allerliebst hebt sich die Altstadt von Solothurn über die Aare. Wie Maxim Gorkis namenloses Dorf, das sich wie ein Spiegelei in der Pfanne den Blicken der Ankömmlinge präsentiert. Solothurns Mittelalter scheint noch hervor in den Gassen. Der rund 220 Jahre alte Theatersaal ist wohl der älteste, wenigstens in Teilen erhaltene der Schweiz. Acht Reihen Parkett, zwei Ränge für ein begeisterungsfähiges Publikum, wie anderswo selten anzutreffen.


Theater Solothurn
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Wie sie wirklich war, die rettende Schweiz

von Charles Linsmayer

Solothurn, 5. Mai 2011. Peter Lotar (1910-1986) war als Schauspieler, Regisseur und Dramatiker ein Leben lang für die Bühne tätig gewesen, als er in zwei Romanen – "Eine Krähe war mit mir" (1978) und "Das Land, das ich Dir zeige" (1985) – seine frühe Zeit als Schauspieler in Berlin und Prag und die Erfahrungen als Emigrant in der Schweiz der Jahre 1939 bis 1945 literarisch umsetzte. Vor allem das zweite Buch, das im Unterschied zum ersten in Ich-Person geschrieben ist, liest sich in weiten Teilen wie ein Drama und fordert zur szenischen Umsetzung fast schon heraus.


Theater Solothurn

"Das Recht befindet sich nie auf Seiten der Mehrheit!"

von Charles Linsmayer

Solothurn, 14. Januar 2011. Obwohl es immer wieder Aufführungen zustande bringt, die durchaus internationalen Standards gerecht werden, findet das Theater Biel Solothurn, gleichsam im medienmäßig toten Winkel zwischen Bern, Basel und Zürich gelegen, in den großen Schweizer Blättern kaum je die Aufmerksamkeit, die es verdienen würde. Das wird wohl auch im Fall von Ibsens "Volksfeind" nicht anders sein, der von der Regisseurin derart eigenwillig umgearbeitet worden ist, dass das Resultat eigentlich nicht mehr als "von Ibsen", sondern als "nach Ibsen von Katharina Rupp" bezeichnet werden müsste.


Theater Solothurn

Sag mir, wie dein Traumspiel geht

von Charles Linsmayer

Solothurn, 8. Dezember 2010. Die von Florian Barth gestaltete Bühne ist ein hölzerner Improvisations-Spielraum, der sich mittels großflächiger Panels in eine Projektionsfläche für Videos umwandeln lässt und dem Offenen, Traumhaft-Verspielten von Jonas Hassen Khemiris zweitem Theaterstück sehr entgegenkommt.


Theater Solothurn

Abenteuer noch und nöcher

von Charles Linsmayer

Solothurn, 15. Januar 2010. "Sehen Sie, es ist ganz leicht", erklärt Barbara Grimm, in einem roten Kleid vorne auf der Rampe sitzend, dem Publikum. Flunkern nämlich, Theater spielen – und aus einer Tasche einen Hund, aus einem Zuschauer eine Palme und aus sich selbst eine 17jährige Schönheit namens Dulcinea von Toboso machen. Und mit den Worten "Alles, was Sie jetzt sehen werden, ist gelogen" zum Bühnenspektakel 'Don Quijote' überzuleiten.


Theater Solothurn

Wenn Manager zu wenig lieben

von Charles Linsmayer

Solothurn, 16. September 2009. "Top kids" ruft natürlich das 1996 uraufgeführte Outplacement-Stück "Top dogs" von Urs Widmer in Erinnerung. Waren es da überflüssig gewordene Manager, die entsorgt wurden, so sind es bei Marianne Freidig lästig gewordene Kinder, die die Eltern der Karriere zuliebe loswerden wollen. "Das Kind ist diesbezüglich quasi die letzte Bastion", hat die Autorin in einem Interview erklärt. "Das Kind wegzugeben ist ein echtes Tabu."


Theater Solothurn

Kapitalismus-Komödie mit Haben-Seite

von Charles Linsmayer

Solothurn, 12. März 2009. Als im Herbst 2007 Philipp Löhles Stück "Genannt Gospodin" in Bochum und München als wunderbar alberne antikapitalistische Blödelei gefeiert wurde, hätten die Makler und Spekulanten noch süffisant über den 29-jährigen Dramatiker aus Ravensburg lächeln können, der sich eine Welt jenseits der Gesetze von Markt, Konsum und Gewinnmaximierung erträumte.


Theater Solothurn

Amerika, deine Sterne

von Andreas Klaeui

Solothurn, 16. Oktober 2008. "Mamma dammi cento lire che in America voglio andar" – mein Vater, der in der Südschweiz aufgewachsen war, pflegte beim Duschen zu singen, und zu seinen Standards gehörte der Auswanderersehnsuchtsohrwurm. Daran musste ich bei der Lektüre von Gerhard Meisters "Amerika" unweigerlich denken: "Mama, gib mir hundert Lire, damit ich nach Amerika fahren kann …". Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren in Europa im Zug der industriellen Revolutionen viele Landschaften verarmt, und die Wirtschaftsflüchtlinge hatten ein Ziel: Amerika, das es besser hatte. Weit ist das nicht weg, noch klingen die Auswandererlieder in unseren Ohren. Auch wenn heute Europa selber zum "Amerika" für Migranten geworden ist.


Theater Solothurn

Im Sog der Ambivalenzen

von Andreas Klaeui

Biel-Solothurn, 30. April 2008. Man soll nie seinen Rucksack unbeaufsichtigt am Bahnhof stehen lassen. Schon gar nicht neben einem Bankomaten. Imad ist das passiert; jetzt sitzt er in Untersuchungshaft, allein in einer Zelle, einer unsichtbaren observierenden Instanz gegenüber. Und müsste doch längst wo anders sein, nämlich bei seinen Freunden Tammy, Jan und Kuhn, die mit ihm üben wollen für das Standesamt am nächsten Morgen. Imad soll Tammy heiraten, um bei Jan bleiben zu können. Die Freunde haben mit der Probe schon angefangen – wo haben Sie Imad kennen gelernt, was für ein Parfum hat er, was trug er bei der ersten Begegnung?


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