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archiv » Ruhrtriennale (39)
Ruhrtriennale

Eine Kirche der Abschottung

von Sascha Westphal

Duisburg, 15. September 2016. Von all den imposanten alten Industriebauten, die von der Ruhrtriennale bespielt werden, ist die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg Nord wohl der sakralste, zugleich aber auch der strengste. Die in die Seitenwände eingelassenen Bogennischen erinnern deutlich an Kirchenfenster. Nur sind sie zugemauert. Nichts dringt in diesen Raum hinein, nichts aus ihm heraus. Er wirft jeden, der ihn betritt, unbarmherzig auf sich zurück und ist damit wie geschaffen für letzte Fragen und heilige Handlungen. Davon zeugt auch seine Triennale-Geschichte. Vor fast genau acht Jahren hat hier Christoph Schlingensief seine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir errichtet, und vor gut zwei Jahren war es Romeo Castellucci, der in dieser Halle Strawinskys Le Sacre du Printemps in eine Maschinen-Choreographie samt Knochenstaub-Kaskaden verwandelt hat. Genau in diese Tradition schreibt sich nun die Regisseurin Susanne Kennedy zusammen mit dem bildenden Künstler Markus Selg ein.


Ruhrtriennale

Cash kommt vor dem Crash

von Stefan Keim

Duisburg, 7. September 2016. Die Bühne ist vollgestellt mit Hightech-Geräten aus dem 19. Jahrhundert. Schreibmaschinen stehen für den technischen Aufbruch. Plötzlich erschlossen sich neue Märkte, Syrien, Nordafrika, die Eisenbahnen machten es möglich, Kanäle wurden gebaut. Nach Liebe erzählt Luk Perceval im zweiten Teil der "Trilogie meiner Familie" bei der Ruhrtriennale vom "Geld". Er kombiniert drei Romane aus Emile Zolas 20teiliger Serie über die Rougon-Macquarts, eine Großfamilie, die während des Zweiten Kaiserreichs die Entstehung der kapitalistischen Industriegesellschaft erlebt.


Ruhrtriennale

Erkenne die Erlösung

von Sascha Westphal

Marl, 2. September 2016. Nach etwa der Hälfte der Spieldauer setzt sich die riesige Kohlenmischmaschine, das noch intakte Herzstück der riesigen Kohlenmischhalle der erst im vergangenen Dezember geschlossenen Zeche Auguste Victoria, in Bewegung. Bisher hatte sie die Spielfläche quasi verschlossen, nun entfernt sie sich mehr und mehr von der ihr gegenüberstehenden Tribüne. Wo zuvor allem, der Wahrnehmung wie dem Denken, den (Flucht-)Bewegungen der Spielerinnen und Spieler wie den Blicken des Publikums, eine eindeutige Grenze gesetzt war, öffnet sich nun der Raum in eine Tiefe, die wiederum alles und jeden verschluckt.


Ruhrtriennale

Der letzte Atem der Kreatur

von Andreas Wilink

Bochum, 1. September 2016. Für Alain Platel, den gelernten Orthopädagogen aus Gent, und sein spirituelles, ergreifendes und rüdes Körpertanztheater hat der Begriff Erbarmen entschiedene Bedeutung. Das Integrieren einer sozial herben Wirklichkeit gehört zum Charakteristischen von Platels les ballets C de la B. Der Mann der Vorstädte, Heime, Straßen, Ghettos hebt Grenzen auf. Seine Tanzabende sind Befreiungstheologie – Passionsspiele mit österlichem Hoffen. Zur Ruhrtriennale unterhält Platel seit ihrer Gründung durch Gerard Mortier innige Beziehungen. Mit "Nicht schlafen" zeigt das NRW-Festival Platels vierte Produktion, begonnen mit der Mozart-Suburb-Performance "Wolf", gefolgt von Monteverdis introspektiver "Marienvesper" und Pitíé! Erbarme Dich!, angelehnt an Bachs "Matthäus-Passion".


Ruhrtriennale

Das schwarze Gold des Ruhrgebiets

von Regine Müller

Bochum, 12. September 2015. Als Willy Decker vor vier Jahren Richard Wagners "Tristan und Isolde" bei der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle inszenierte, ließ er sich von Wolfgang Gussmann auf halber Höhe eine wuchtig breite Bühne bauen, und das Orchester mehr oder weniger darunter verschwinden. Damit ergab sich trotz der majestätischen Weite der Industriehalle, die für atemberaubende Ausblicke und Fernsichten weidlich genutzt wurde, eine klassischen Guckkasten-Bühnensituation, in der Wagners "wissendes Orchester" quasi unsichtbar blieb.


Ruhrtriennale

Oh, schönes Schicksal?

von Dorothea Marcus

Duisburg, 9. September 2015. Rund 23 Jahre lang schrieb Émile Zola an seinem monumentalsten Werk, den 20 Bänden der "Rougon-Maquart – Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich". Jahrzehnte umfasst die verzweigte Saga der Doppel-Dynastie, die sich in verfeinert scheiterndes Bürgertum und alkoholisierte Arbeiterklasse aufteilt. Zum Literaturkanon gehört das aufgrund seiner starken Theorielastigkeit nicht, am bekanntesten sind noch "Germinal", der Einblick in die Bergwerksfron, "Der Totschläger" und "Nana", über das Leben der bestbezahltesten Prostituierten ihrer Zeit.


Ruhrtriennale

Vom Industriewagon zum Proust-Sektsalon

von Martin Krumbholz

Gladbeck, 21. August 2015. Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck hat nichts von ihrem Zauber verloren. Auch wenn anfangs die Sonne durch die hohen Fenster dieser Industriekathedrale direkt auf die Tribüne scheint und das Publikum blendet: Die Aura des Raums ist einzigartig. Als Spielort für Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wirkt sie freilich kontrapunktisch und letztlich etwas beliebig. Die Imagination eines Salons muss in der Inszenierung des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski mühsam hergestellt werden – durch eine Sektbar und einen fahrbaren Glaskasten – und sich gegen die unübersehbaren Überbleibsel dieses Orts schwerer körperlicher Arbeit behaupten. Warlikowski, an dessen Proust-Adaption hohe Erwartungen geknüpft wurden, nutzt den Kontrast nicht, er übersieht ihn.


Ruhrtriennale

Aug' in Aug' mit den Zombies

von Wolfgang Behrens

Essen, 20. August 2015. Es war einmal: Christoph Schlingensief. Der inszenierte – viele Jahre ist's her – Wagners "Parsifal", auf einer Drehbühne, die war so wimmelig und prall gefüllt, dass es eine Lust zu schauen war. Aber, ach!, der Schlingensief war in das Haus einer bösen Familie in Bayreuth geraten, die wollte, dass alles mit rechten Dingen zuginge, und da musste es auch eine Personenregie geben. Und so hampelten damals ein paar Sänger durch die prächtige Bühneninstallation und taten, was sie immer taten: Sie spielten Oper. Ins Herz des Zuschauers aber pflanzten sie die Sehnsucht, diesen "Parsifal" einmal nicht aus der Guckkastenperspektive zu betrachten, sondern ihn zu begehen. Sich durch die Bühnenwelt des Schlingensief zu bewegen, sie als Parcours zu erleben anstatt als Opernkulisse (und tatsächlich hat Schlingensief später Ähnliches mit seinem Animatographen "Odins Parsipark" versucht).


Ruhrtriennale

Sturz in die Steine

von Sarah Heppekausen

Dinslaken, 14. August 2015. Die Halle ist kolossal. 210 Meter Länge, die vom Publikum erstmal durchschritten werden, bis die Tribüne am hinteren Ende erreicht ist. Am Boden staubiger Schotter, der in seiner Eintönigkeit wie manche Halde im Ruhrgebiet an eine Mondlandschaft erinnert. Nach vorne hin ist die Halle offen, gibt den Blick aus dem grauen Tonnengewölbe in die Natur frei. Birken und Büsche haben sich auch hier die ausgediente Industrieanlage zurückerobert. Der Mensch wird so erstaunlich klein in solchen überdimensionierten, leeren Hallen. Deshalb eignen sie sich so gut zu anthropologischen Betrachtungen, die ihn in Relation setzen.


Ruhrtriennale

Anklagegesänge

von Friederike Felbeck

Bochum, 28. August 2014. Vielleicht ist die Aufführung auch eine perfide Falle. Zu Beginn werden schwarze Kisten, die wie Särge oder schwarz getünchte Überseekisten aussehen, geheimnisvoll von rechts nach links geschoben und verschwinden hinter einer riesigen Wand. Vorne lamentiert ein elegant in Schwarz gekleideter Sänger in einer unbekannten Sprache, begleitet von Gesten, die an die Signale erinnern, die sich Seeleute mit zwei Flaggen geben. Vielleicht ist die Aufführung eine Zauberkiste, aus der sich maorische Gesänge in europäische Veranstaltungssäle schmuggeln lassen, die nur so tun, als seien sie fremdes Liedgut – wobei sie tatsächlich Beschwörungsformeln sind und magischen Ritualen dienen.


Ruhrtriennale

Über das Singen

von Sascha Westphal

Gladbeck, 22. August 2014. Die gigantische und dabei feudale Maschinenhalle der ehemaligen Zeche Zweckel in Gladbeck gehört sicher zu den eindruckvollsten Spielstätten der Ruhrtriennale. Doch davon ist in Boris Nikitins "Sänger ohne Schatten" erst einmal nichts zu spüren.


Ruhrtriennale

Das gestische Repertoire ist beschränkt

von Martin Krumbholz

Duisburg, 16. August. 2014. Die Uraufführung 1913 war ein Skandal. Das Pariser Publikum konnte die rhythmischen Kaskaden und die provokanten Dissonanzen des "Frühlingsopfers" von Igor Strawinsky nicht ertragen, und Nijinskys Choreografie machte es anscheinend nicht besser. Romeo Castellucci – der kein Choreograf ist – erzählt auf dem Programmzettel, wie ihn diese Musik, dargeboten von Männern mit Seitenscheitel und im Frack, als Siebzehnjährigen begeistert habe: erschütternder als eine Punkband und radikaler als der Schrei von Sid Vicious. Mit einer vergleichbaren Reaktion ein Jahrhundert später hat der Performer Castellucci nicht gerechnet; wie denn auch, das Ganze sei eher kontemplativ. Und die Tänzer fehlen.


Ruhrtriennale

Schafe statt Atomraketen

von Friederike Felbeck

Duisburg, 15. August 2014.Wenn der Regisseur Heiner Goebbels ankündigt, auf der Bühne seien kaum Menschen zu sehen, klingt das wie ein verheißungsvolles Versprechen. Und hier sind es tatsächlich erstmal sechs Flüchtlingszelte, die dominieren und eine Flucht bilden in den 160 Meter tiefen Bühnenraum. Über ihren weißen Giebeln geht der Mond auf, der sich bald als Zeppelin entpuppt, der leise summend durch den Raum segelt. Ein zweites und ein drittes Luftschiff fliegen hinein und formen zusammen eine genau choreografierte Flugshow. Kurze rabiate und immer schneller werdende Schläge aus dem Orchester peitschen durch die riesige Halle.


Ruhrtriennale

Feinmechanier und Magier

von Sarah Heppekausen

Essen, 29. September 2013. Aus der Explosion, die der Filmpionier Georges Méliès im 19. Jahrhundert mit seiner Frau am Gartentisch inszenieren will, wird die Bombe, die ein Kämpfer der Nationalen Befreiungsfront im Algerienkrieg um 1960 unter einem Cafétisch hochgehen lässt.


Ruhrtriennale

Aus dem Jenseits der Erzählung

von Regine Müller

Bochum, 14. September 2013. Als "Musik mit Bildern" hat Helmut Lachenmann sein bislang einziges Musiktheater-Werk "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" nicht ohne List untertitelt. Mit einer traditionellen Oper hat Lachenmanns epochales Opus nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci tatsächlich wenig gemein, denn weder erzählt Lachenmann Andersens Märchengeschichte, noch illustriert er die einmontierten, ohnehin durch Störgeräusche und in ihre Phoneme zerlegten Texte. An eine "Art zu begehender Landschaft" und "metereologische Situation" habe er beim Schreiben gedacht, gab er jüngst zu Protokoll, und dass sich bislang seine Regisseure immer beschwert hätten, ihnen bliebe angesichts der sinnlich assoziativen Dichte seiner Komposition wenig zu tun.


Ruhrtriennale

Wellen- und Wolkenschieber

von Sarah Heppekausen

Gladbeck, 5. September 2013. Sie arbeiten sich für gewöhnlich an der Sprache ab. Die britische Live-Art-Truppe Forced Entertainment praktiziert meisterhaft die allmähliche Verfertigung von Vorstellungen beim Dauerreden, an manchen Abenden auch mal sechs Stunden lang, oder länger. Wenn sie mit Ironie und Intellekt ihre end-losen Geschichten erzählen ("And on a the Thousandth Night") oder auch die gut erzählte Geschichte selbst zum Thema machen (The Coming Storm), kann jeder Satz eine neue Welt entwerfen. Dann ist ihr hintersinniges Spiel eins der Minimalgesten und der Sprache.


Ruhrtriennale

In den Krieg gezogen

von Sarah Heppekausen

Bochum, 23. August 2013. Vorne vor die Bochumer Jahrhunderthalle, dem Hauptspielort der Ruhrtriennale, hat der Künstler Mischa Kuball eine hohe, weiße Treppe gesetzt. Da kann sich der Festivalbesucher eine neue Sicht auf den alten Industrieort erklimmen. Weiter hinten in der Turbinenhalle ist der Perspektivwechsel nicht bloß Möglichkeit, er ist Programm. Das Dokumentar-Theaterkollektiv Rimini Protokoll setzt dort dem Zuschauer Charaktermasken auf. Computergesteuert, versteht sich, wir befinden uns im digitalen Zeitalter.


Ruhrtriennale

Das verweigerte Opfer

von Andreas Wilink

Essen, 27. September 2012. Mary Wigman und Maurice Béjart haben es getan, Pina Bausch, Mats Ek, Uwe Scholz und viele mehr: "Le Sacre du Printemps" zu inszenieren. Die Pariser Uraufführung durch Vaslav Nijinsky und die Balletts russes im Jahre 1913 geriet – vom extrem hohen Fagottsolo an – wegen des scheinbar formlos Primitiven und "Tumultösen" (Adorno) der polytonalen Komposition, wegen des barbarisch kultischen Geschehens und einer tänzerischen Antiklassik zum Skandal. Igor Strawinskys "Sacre" wurde in seinem kühnen Innovations-Impuls zu einer Inkunabel der Moderne, gleichrangig neben radikalen Wendemarken anderer Kunstgattungen wie Picassos "Demoiselles d'Avignon", dem "Ulysses" von Joyce oder Eisensteins Filme.


Ruhrtriennale

Pik heißt Krieg

von Sarah Heppekausen

Essen, 21. September 2012. Beim Kartenspiel sitzen die Teilnehmer am besten im Kreis. Dann lässt es sich nicht so leicht ins Blatt des anderen gucken. Bei Robert Lepage gewährt die kreisrunde Bühnenform hingegen gewollte Ein- und Umblicke. Das Publikum im Salzlager der Kokerei Zollverein sitzt rund um eine Arena. Das Spielfeld ist ein Podest, bei dem sich Teile heben, senken oder drehen können. Falltüren öffnen und schließen sich. Die Bühnenmaschinerie ist ein großer Taschenspielertrick. Und die Darsteller sprießen aus dem Bühnenboden als zückte sie ein unsichtbarer Spielmacher aus seinen Taschen.


Ruhrtriennale

Erlösung im Dorf der Schmerzen

von Andreas Wilink

Bochum, 7. September 2012. Das Wappentier der Aufführung sitzt vorn links an der Rampe zu Füßen des Regisseurs: ein großer Stoffhund. Er gibt dem Ort, dem anonym bleibenden Dorf, arm und abgelegen im Irgendwo, doch einen Namen: Dogville. Der Vergleich ist gewünscht. Jan Lauwers inszeniert mit seiner Needcompany in "Marketplace 76" eine Gegenansicht zu "Dogville" des Lars von Trier. Das Negativbild einer Gemeinschaft wird ins Positive gewendet. Eine Allegorie. Ein Manifest. Eine Prüfung von biblischem Gewicht – das gilt für beide Modellfälle. Und beide sind auch eindeutig: Spiel. "Only theatre", wie Lauwers ansagt.


Ruhrtriennale

Der Reiz des Rausches

von Sarah Heppekausen

Duisburg, 25. August 2012. Vom "authentischen Drama des Zusammenseins", vom "oszillierenden Plasma der Beziehungen", vom "Innen/Außen-Paradoxon" ist im Programmheft die Rede. Klar klingt das nicht. Vermutlich ist es besser, den Text beiseite zu legen und sich beim Bilderbauer Romeo Castellucci und seiner Kompanie "Socìetas Raffaello Sanzio" ganz auf Raum- und Körpererfahrung einzulassen. Aber auch im Bühnenraum herrscht zunächst Nebel.


Ruhrtriennale

Kunst-Stückchen der Montage

von Andreas Wilink

Bochum, 17. August 2012. Der französische Dichter Louis Aragon hat Robert Wilsons Theater "eine Maschine der Freiheit" genannt. In Heiner Müllers biografischen Aufzeichnungen "Krieg ohne Schlacht" erkennt der Schriftsteller als wesentlich in Wilsons Theater "die Trennung der Elemente": Die Kraft komme nicht aus der Zentralperspektive, "eher aus der versetzten Kausalität". Dies alles gilt für John Cage ebenfalls, den Wilson bekanntlich zu seinen Vorbildern zählt.


Ruhrtriennale
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Die Weigerung des Textes

von Regine Müller

Bochum, 23. September 2011. Beinahe aus dem Nichts hat sich Regisseur Nurkan Erpulat in der vergangenen Spielzeit an die Spitze der Theaterrepublik katapultiert. Seine bei der Ruhrtriennale herausgekommene Uraufführung von Verrücktes Blut in Koproduktion mit dem Berliner Ballhaus Naunynstraße räumte die wichtigsten Preise ab und gastierte bei den großen Festivals, er selbst wurde von der Zeitschrift Theater Heute zum "Nachwuchsregisseur des Jahres" gekürt. Nun koproduziert Erpulat mit dem Deutschen Theater Berlin und ist Hausregisseur in Staffan Valdemar Holms neu aufgestelltem Ensemble am Düsseldorfer Schauspielhaus. So schnell gehen heute Theaterkarrieren. Nun ist Nurkan Erpulat mit einer Bühnenadaption von Franz Kafkas spätem Roman "Das Schloss" zur Ruhrtriennale zurückgekehrt. Wieder ist Jens Hillje sein Dramaturg und Ko-Bearbeiter.


Ruhrtriennale
alt

Gespenster der Angst

von Sarah Heppekausen

Gladbeck, 2. September 2011. Was ist das für ein Menschenschlächter? Regungslos steht er da, der Kriegsheimkehrer, seine Hände in den Taschen vergraben. Wenn er spricht, dann ruhig und langsam. "Seht hin, wies unsern Freund zerreißt", sagt Banquo. Doch dieser Macbeth zerreißt allenfalls innerlich. Es ist eine verhängnisvolle Leere, die über ihn hereingestürzt ist. Die ihn lähmt, bevor sie ihn zu weiteren mörderischen Untaten treibt.


Ruhrtriennale

Deutschland und die sieben Zwerge

von Regine Müller

Bochum, 8. September 2010. "Die Blechtrommel" ist ein schwerer Brocken: 779 Seiten dick ist die gebundene Ausgabe. Ein Jahrhundertroman, ein kaleidoskopartig sich auffächerndes Panorama deutscher Geschichte, erzählt als nicht abreißender Großmonolog seines kleinwüchsigen, rebellischen Helden Oskar Matzerath. Ein barocker, drastischer Stoff. Aber schreit er nach Dramatisierung?


Ruhrtriennale

Ästhetische Erziehung mit der Knarre

von Sarah Heppekausen

Duisburg, 2. September 2010. Sie rotzen, kratzen sich im Schritt, labern sich schräg von der Seite an, quatschen laut in ihr Handy, rücken sich in Pose und ihre Haare zurecht. Nervtötende Maschen pubertierender Jugendlicher sind das, "Kanakengesten" wie es im Text heißt. Die Gehabe-Klischees legen die Schauspieler gleich zu Beginn wie ihre Karten auf den Tisch. Sie stehen in einer Reihe und zitieren diese Gesten wie die Verse eines Gedichts. Das ist kein Schiller, sondern das Einmaleins des Checkertums. Und doch wird der Freiheitsidealist unter den deutschen Dramatikern im Laufe des Abends so einige Antworten geben auf die Lebensprobleme pöbelnder Jugendlicher.


Ruhrtriennale

Wüstenkriegsliebe eiskalt

von Regine Müller

Bochum, 20. August 2010. Großes Action-Kino in Dolby Surround: Das Gebälk der Sitzreihen in der Bochumer Jahrhunderthalle vibriert von Geschützdonner und Maschinengewehr-Salven, Granaten scheinen sausend über die Köpfe zu fegen, um krachend im Nirgendwo einzuschlagen. Ein gestrandeter Tanklaster liegt quer in einer Wüste von weißem Sand, die sich endlos in die Tiefe des gewaltigen Raums der ehemaligen Industriehalle erstreckt.


Ruhrtriennale

Saustall der Sündenfälle

von Regine Müller

Essen, 25. September 2009. Fast zwanzig Jahre ist es her, dass Andrea Breth ihren ersten "Zerbrochnen Krug" am Wiener Burgtheater inszeniert hat. Damals lud sie Kleists Lustspiel mit metaphysischen Dimensionen auf und zeigte ein Weltgericht, das buchstäblich beim ersten Sündenfall und der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies ansetzte. Traugott Buhre spielte damals den Adam, die Parade- und Hauptrolle des Dorfrichters.


Ruhrtriennale

Heute zu Gast: der dionysische Gott

von Sarah Heppekausen

Bochum, 18. September 2009. Die Erdmännchen graben ihre Tunnel, fressen und recken neugierig ihre Hälse. Von Krise keine Spur. In einer Endlosschleife läuft der Tierfilm auf dem Flachbildschirm-Fernseher der Industriellenfamilie. Immer wenn es mal wieder langweilig wird, schmeißen sich Mutter, Sohn und Tochter aufs Sofa und schauen den sorglosen Tierchen zu. Als könnten sie damit den Einbruch des Authentischen in ihr substanzloses Leben verzögern.


Ruhrtriennale

Das letzte Abendmahl der Parondi

von Andreas Wilink

Bochum, 27. September 2008. Wie ein drohendes Gewicht, das im Fall alles unter sich begraben würde, hängt manchmal ein Sandsack in die Mitte des Boxringes herab. Er bildet das Zentrum für ein Drama, in dem der Kampfsport eine Chance zum sozialen Aufstieg bietet, hier aber trotzdem nur Niederlagen bereitet. Luchino Viscontis Meisterwerk von 1960 trifft den Zuschauer wie eine Faust: Es ist einer der gewaltigsten Klagegesänge und Passionswege des Kinos, von archaischer Wucht, zugleich episches Theater, Grand Opéra, Studie über Klassenverhältnisse und eine realistische Tragödie. Zeigt sie doch, wie ein materialistisches System den Kodex von Ehre, Würde und familiärer Ordnung vertilgt.


Ruhrtriennale

Gott, wo bist du hingegangen?

von Dorothea Marcus

Duisburg, 21. September 2008. Schlingensief ist zur Inszenierung seines Lebens aufgebrochen – und, so muss man es wohl leider sagen, auch zur Inszenierung um sein Leben. Ausgerechnet im Ruhrgebiet, dem Ort seiner Kindheit, hat er die erste Arbeit nach seiner Lungenkrebserkrankung angenommen. Privater und persönlicher, nackter und trauriger ist Schlingensief noch nie gewesen.


Ruhrtriennale

Kinderqual-Lieder

von Sarah Heppekausen

Bochum, 12. September 2008. Ein Trommelwirbel, ein Spotlight und dann steht er da im Rampenlicht zwischen wallenden roten Plüschvorhängen, vollkommen nackt: Herr Horni. Verbannt in die Öffentlichkeit einer Zirkusmanege. Der Autor, der ihn erfand, Händl Klaus, ist eigentlich ein Spezialist für das Verborgene und Verschwindende. In "Wilde oder Der Mann mit den traurigen Augen" endet eine Zugfahrt in den dunklen Fängen einer undurchschaubaren Familie. In seinem neuen Stück "Furcht und Zittern" geht der Autor mit seinen Figuren den umgekehrten Weg: raus aus der inneren Sicherheit der Zweisamkeit mitten auf die Straße.


Ruhrtriennale

Mutlosigkeit am Bachschen Verzweiflungsfelsen

von Regine Müller

Bochum, 2. September 2008. Die Bühne ist dunkel, es herrscht gespannte Ruhe und eine Weile passiert gar nichts. Man erwartet Großes, die Stimmung ist von geradezu sakraler Andacht. Dann hört man leise, stoßweise Atemgeräusche. Fast unmerklich beginnt das Spiel. Aus dem Dämmerlicht schälen sich Figuren heraus, ganz sachte setzt die Musik ein. Eine seltsame Musik, eine ferne, verschwommene Erinnerung, zugleich verzerrt und vergrößert wie in einem befremdlichen Traum. Eine Musik, die sich spielerisch gibt und doch raunend tönt. Denn sie arbeitet sich respektvoll respektlos an einem der gewaltigsten Monolithen der abendländischen Musikgeschichte ab: an Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion.


Ruhrtriennale

Unter dem Pflaster ist kein Strand
von Andreas Wilink

Bochum, 23. August 2008. Der Zug ist abgefahren – für die Bewohner der "Vergessenen Straße", die in Louis Paul Boons (auf Deutsch nie erschienenem) Roman auch die "blinde" oder "tote" Straße heißt. Für eine Nord-Süd-Trasse, gebaut, um den Schienenverkehr rasant durch die Großstadt jagen zu können, wurde die Straße kurzerhand stillgelegt. Eine Betonmauer riegelt sie ab zum Ghetto. Die Menschen – kleine Händler und Handwerker, Bettler und Lebenskünstler, Erwachsene und Kinder – sind aufs Abstellgleis gestellt. Sie können nicht mehr ihren Geschäften nachgehen, Café, Pommesbude, Friseurladen haben keine Kundschaft mehr. Weder lässt sich Geld verdienen, noch gibt es etwas zum Einkaufen. 


Ruhrtriennale

Jammernde Kopfgeburten

von Dorothea Marcus 

Duisburg, 2. Oktober 2007. Eigentlich sollte "Courasche oder Gott lass nach" ja schon vor über einem Jahr auf der Ruhrtriennale Uraufführung haben. Der Büchner-Preisträger 2006 Wilhelm Genazino hatte die Rolle der von Grimmelshausen inspirierten Soldatenhure aus dem Dreißigjährigen Krieg eigens für Veronica Ferres angelegt, doch die sagte ab, weil die Rolle sich nicht mit ihrer "künstlerischen Integrität" vereinbaren ließ. Die Uraufführung wurde verschoben.


Ruhrtriennale

Arbeit am Wolkenkuckucksheim

von Christian Rakow

Gladbeck, 27. September 2007. Letzten Samstag waren die Helden aus der Artus-Sage noch in Online-Computerspielen zu finden, in Tim Staffels "Next Level Parzival", das Sebastian Nübling mit viel Tempo, Akrobatik und Schauspielern in dunklen World-Of-Warcraft-Monturen über die Ruhrtriennale-Bühne in Essen jagte. Wenn die Alltagswelt zunehmend diffuser wird, dann bieten gerade die alten Epen, aufgehoben in den übersichtlichen Regelsystemen einer Computer-Rollenspielwelt, einen angemessenen Fluchtpunkt.


Ruhrtriennale

Sauberkeit sündigt nicht

von Dorothea Marcus

Essen, 15. September 2007. Küssen ist wegen septischer Gefahr verboten. Wer geraucht hat, wird angeklagt. Genau wie der, der sein sportliches Pensum vernachlässigt und sich mit dem immunologisch unpassenden Partner verbindet. Eigentlich hat sich die Hauptfigur Mia Holl nichts weiter als einen plötzlichen Abfall der Eigenhygiene an Körper und Wohnung zuschulden kommen lassen, nachdem ihr Bruder Moritz Selbstmord beging. Doch für Ruhe und Trauer ist kein Platz in einer Gesellschaft, in der Gesundheitsvorsorge zur totalitären Pflicht geworden ist.

Mit der Anklageschrift gegen Mia beginnt das erste Theaterstück, das die gefeierte 33-jährige Romanautorin Juli Zeh geschrieben hat. Mal in Rückblenden, mal in chronologischer Abfolge entfaltet sich in "Corpus Delicti" ein Plot, der an einen Science-Fiction-Krimi in Form eines Gerichtsprozesses erinnert – in leicht manieriert-intellektueller, oft aber auch poetisch hochkonzentrierter Sprache.

Ein Gedankenexperiment 

Obwohl Mia zunächst sogar eine Befürworterin des Systems der "Essenz" – soll heißen: des absoluten Sauberkeits- und Antikrankheitsterrors – ist, wird sie durch den Tod ihres Bruders aus der Bahn geworfen. Nur, weil sie sich an ihn erinnern will, wird sie dem "System" verdächtig und aus der Bagatellanklage gegen sie nach und nach ein Terroristenprozess – oder auch die Hexenjagd auf eine Unschuldige, die wie Antigone zur Rächerin an eben diesem System wird. Ohnehin sind in "Corpus Delicti" die literarischen Vorbilder zwischen Orwell und Sophokles, Kafka und Houellebecq weit gestreut. Es ist ein Gedankenexperiment: Im 21. Jahrhundert der Juli Zeh wird niemand zum Tode verurteilt, sondern als Höchststrafe auf unbestimmte Zeit eingefroren.

Eingefroren sollte Moritz werden, weil man ihn eines Sexualmordes anklagte, bei dem man seine DNA-Spuren fand; an der Beweiskraft dieses Funds kann in einer Gesellschaft, die den Körper zum Fetisch macht, nicht mehr gezweifelt werden. Doch die DNA war wohl untergeschoben, denn Moritz war dem System unbequem: rauchte, liebte Schnecken und Frauen, flanierte außerhalb des Hygienegebiets. Und weil Mia ihren Bruder liebt, wird aus der indifferenten, rationalen Intellektuellen, die an kein ideologisches Konzept mehr glaubt, nach und nach doch eine politische Aktivistin. Und zwar – Juli Zeh lässt sich das Wortspiel nicht nehmen – der Widerstandsgruppe R.A.K., was "Recht auf Krankheit" heißt.

Daraus entsteht in der Essener Zeche Carl in einem kleinen Raum aus weißen, sterilen Plastiktreppen (Bühne und Kostüm: Sabrina Glas) eine Zukunft, die wie eine monströs verzerrte Gegenwart wirkt. Auf drei Treppen sitzen die Zuschauer, die vierte ist für die Schauspieler reserviert.

Der kühle Raum des 21. Jahrhunderts 

Die Regisseurin Anja Gronau (für die ursprünglich geplante, aber schwangere Friederike Heller eingesprungen) wurde in der Freien Szene mit ihrer "Trilogie der klassischen Mädchen" bekannt: drei hinreißende Monologe über Käthchen, Gretchen und Johanna, in der drei Märtyrerinnen der Weltliteratur vor schlichten Leinwänden und fast ohne Requisiten eine neue Sprache und Geschichte bekamen. Und auch diesmal entwickelte Gronau die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts aus einem bildlosen, kühlen Raum. Aufgelockert wird er nur durch Lichtwechsel und die abwechselnd mit Leonardo da Vincis Menschenkreis projizierten "Gesundheitskarten" der Angeklagten.

Gronau verlässt sich ganz auf ihre grandiosen Schauspieler, die eine Welt aus dem Nichts entstehen lassen: Anne Ratte-Polle als Mia Holl ist eine schmale, intensive und einsame Rationalistin, die den modernen Selbstzweifel eingesogen hat und daran verzweifelt, dass sie an nichts mehr glaubt. Die Doppelrolle von Bruder Moritz, der sich selbst seiner Schwester als die perfekte Projektionsfläche und heimlichen "idealen Geliebten" hinterlassen hat, wird vom stimmgewaltigen Christoph Luser gespielt, der auf der Bühne eine feinnervige, körperliche Hochspannung entwickelt. Ein liebesunfähiger Bruder, der Mensch bleiben will und seine Sehnsucht nach Schmutz in unverbindlichem Sex auslebt. "Man muss flackern wie eine kaputte Lampe", sagt er und sucht sich seine kleinen unhygienischen Freiheiten.

Zwielichtige Gestalten 

Der Rest sind Repräsentanten des Systems, die sich mit einem fröhlichen "Santé" begrüßen und stets freundlich bleiben. Die oberste Richterin wird von Rosa Enskat als pseudo-fürsorgliche, mütterliche und eiskalte Sozialtussi gespielt. Der leutselige, schmierige Systemjournalist Heinrich Kramer steckt bei Vivien Mahler in einer Hosenrolle: eine Frau, die härter, glatter und selbstzufriedener ist als ein Mann – wie um zu zeigen, dass der verhandelte Staatsterror keine maskuline Domäne ist. Sie lockt mit scheinbarem Entgegenkommen Zitate und Geständnisse aus Mia heraus, um sie damit ins Verderben zu reiten.

Aber auch Verteidiger Rosentreter (Arnd Klawitter) ist eine zwielichtige Gestalt: einer, der vermeintlich gegen den Unrechtsstaat kämpft, aber Mias wachsenden Extremismus benutzt, um seinen Ruhm zu vergrößern. Und dann gibt es noch den recht eindimensional bösen Staatsanwalt Bell (Norman Hacker).

Ein konzentriertes Kleinod 

Anja Gronau hat klug etwa die Hälfte des ausufernden Stücks gestrichen, jene Partien, die den Systemterror illustrieren: Ganze Passagen von denunziantischen Nachbarsfrauen fallen weg. Heraus kommt ein konzentriertes Kleinod, dem man deutlich anmerkt, dass es von einer Romanschriftstellerin geschrieben wurde: sprachgewaltig, viele Erzählpassagen, wenig gespielte Szenen.

Man könnte dem Drama durchaus vorwerfen, ein intellektuell verschwurbeltes, philosophisches Thesenstück zu sein, in dem die Psychologie der Figuren hinter ihrer Illustrationsfunktion zurücktritt. Ein Stück, das vieles zugleich sein will: eine Studie über Staatsgewalt und Märtyrertum, über Ideologie und Indifferenz, über die Suche nach und den Zweifel an der Liebe, über unsere Gegenwart, in der alle Konzepte tot und dennoch erdrückend gegenwärtig sind, über Projektionsflächen, Wahrheit, Ohnmacht, Gewalt und Sehnsucht.

Dennoch ist die innere Entwicklung der kleinen Schwester Mia, die nach Liebe verlangt und zur Terroristin gemacht wird, anrührend und nachvollziehbar, sind die Szenen zwischen den Geschwistern intensiv und zärtlich, die Verhörszenen bedrückend und brutal. Und so ist "Corpus Delicti" genau deshalb ein kleiner großer Theaterabend geworden: ein Spiegel der Gegenwart. Ein Stück, das ebenso intelligent wie poetisch und gefühlvoll ist. Mehr kann man nicht wollen.

 

Corpus Delicti
von Juli Zeh
Regie: Anja Gronau, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt.
Mit: Anne Ratte-Polle, Rosa Enskat, Norman Hacker, Arnd Klawitter, Christoph Luser und Vivien Mahler.

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

In der FAZ (18.9.07) moniert Andreas Rossmann, "überkonstruiert und diskurslastig" laufe das Stück Gefahr, die Sterilität vor der es warne selbst anzunehmen. Als "weitgehend bilderloses Sprechtheater" lasse Regisseurin Anja Gronau die Uraufführung ablaufen, nur die "burschilos die wilden Seiten der Figur aufdeckende Anne Ratte-Polle" in der Hauptrolle und der "altfreakige" Christoph Luser genügten "den schauspielerischen Ansprüchen eines Festivals".

Juli Zeh, schreibt Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (18.9.07), sei kein Theatertier. Sie sei "verliebt in die eigenen Formulierungskünste", lege ihren Figuren  "manchmal überdeutliche Thesen in den Mund". Sie habe aber in Anja Gronau eine Regisseurin gefunden, die "aus ihrem Stück die besten Seiten heraus holt". Gronau könne "dichte Szenen aus dem Nichts entstehen lassen, Schauspieler in großer Konzentration blühen lassen". Mit "deutlichen Strichen und präziser Schauspielerführung" dringe Gronau "zum Kern der Charaktere" vor und erzähle eine "ebenso mitreißende wie satirische Geschichte".

In der Süddeutschen Zeitung (17.9.07) schreibt Vasco Boenisch, dass Zeh passend zu "Mittelalter", dem Motto der Ruhrtriennale, wohl eine "moderne Hexenjagd" schreiben sollte. "Und sie schrieb viel mehr: eine hoch spannende Dystopie unseres kollabierenden demokratischen Wohlfahrtstaates in einer Science-Fiction-Zeit 2057." Der Zuschauer werde "intelligent und infam immer wieder neu in die politisch unkorrekte Argumentationsfalle" gelockt. Diese "Diskurswucht" habe die Regisseurin Anja Gronau nun "offenbar erschreckt". Ihrer "dramaturgischen Radikalkur fallen reizvolle Exkurse wie vitale Nebenfiguren, etwa ein volkstümlicher Nachbarinnen-Chor, zum Opfer." Lob dagegen auch für Anne Ratte-Polle, die der Figur der Biologin Mia einen "sanften, aufrichtigen Stolz" verleiht.

Karin Fischer erzählt im Deutschlandfunk (16.9.07), dass Juli Zeh Raucherin sei und entsprechend gar nicht lange "nach Alltagsphänomenen suchen (musste), die sich zu einem Zwangssystem umdichten ließen". Mit ihrem "dezidiert politischen Stück" ziele sie aber auch auf die historische Perspektive. Regisseurin Anja Gronau nun hätte in Essen "aus dem thesenlastigen Text viele schauspielerische Funken" geschlagen. Trotzdem gehöre "Corpus Delicti" eigentlich ins Buchregal. "Wegen der schönen Prosa von Juli Zeh und weil man dem Thema massenhafte Verbreitung wünscht." Juli Zeh sei mit diesem Text "der weibliche George Orwell der Gegenwart geworden."

 

 

 

 


Ruhrtriennale

Zersetzungsparty im Märchenkosmos

von Dorothea Marcus

Bochum, 5. September 2007. Eigentlich ein Wunder, dass sich Jan Fabres Werk nicht früher explizit mit dem Tod beschäftigt hat, denn seine Bilderwelten weisen seit Jahren auf diese letzte aller Körpermetamorphosen hin: Immer wieder tauchen Insekten, Puppen, Larven, Totenköpfe, Kreuze, Särge, Skelette und tote Tiere in den Arbeiten des Choreografen, Zeichners, Bildhauers und Theatermachers aus Antwerpen auf. Ein vielseitig einsetzbarer Werkzeugkasten aus pompösen, schillernden und morbiden Symbolen.


Ruhrtriennale

Tägliche Zwiesprache mit dem Skelett

von Andreas Wilink

Gladbeck, 4. September 2007. Nicht nur alle Lust, auch alle Unlust will Ewigkeit. Die Umkehrung der Wagnerschen Formel wäre für Christoph Marthaler, der vor zwei Jahren selbst Bayreuth-Regisseur eines Anti-"Tristan" war, Leitmotiv seiner Arbeit und Ästhetik. Durch die Kunsträume des Erfinders der aufgehobenen Zeit geistert ein eigentlich unaufhebbarer Widerspruch: dass ihre Bewohner extreme Egozentrik bei Suggestion kollektiven Einerleis behaupten.


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