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archiv » Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr (8)
Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Die Austreibung des Sklavenhändlergeists

von Dorothea Marcus

Mülheim an der Ruhr, 4. November 2016. Während im Jahr 1607 "Orfeo" von Monteverdi, die erste Oper der Weltgeschichte, in Mantua zur Uraufführung kam, legten an westafrikanischen Stränden Schiffe voller Sklaven ab, um der europäisch geprägten "Neuen Welt" Wohlstand – und weiteren wohlfeilen Musikgenuss – zu ermöglichen. Eine Gleichzeitigkeit, die das Drama der Kolonialgeschichte zusammenfasst: Der Traum der einen war das Trauma der anderen Seite. Diese Ausbeutungszusammenhänge zu untersuchen, haben sich das in NRW spitzengeförderte freie Ensemble Kainkollektiv und das kamerunische Theater OTHNI mit "Fin de Mission – Ohne Auftrag leben" am Mülheimer Ringlokschuppen vorgenommen.


Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Poesie des Stillstands

von Sascha Westphal

Mülheim, 10. Juli 2016. Wenn WOYZECK die offene Wunde ist, die sich, wie Heiner Müller einmal schrieb, einfach nicht schließen will, dann ist FATZER der Bruch, der einfach nicht verheilt. Und sollten die Knochen gelegentlich doch einmal zusammenwachsen, dann nur so schief und falsch, das sie von Neuem gebrochen werden müssen. Heiner Müller, der 1978 die wohl bekannteste Bühnenfassung dieses zerklüfteten Fragments erstellt hat, beschrieb seine Arbeit an "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" als "Puzzle-Spiel". Nur passen die Teile natürlich nicht zusammen. Es bleiben immer und überall Lücken. An anderen Stellen wieder scheinen sich die Puzzlestücke ineinander zu verkanten. So heben sie die Brüche, die durch den Text gehen, noch einmal hervor. Wie sollte es auch anders sein, wenn der Einzelne, der eigensinnig auf seine Unabhängigkeit beharrt, auf eine Gruppe trifft, die alles gleich machen will.


Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Unterwegs in Metropolis

von Sascha Westphal

Mülheim/Oberhausen, 12. September 2014. Eine Reise in eine Zukunft, die wir vielleicht noch verhindern können: In dem Augenblick, in dem man den Ringlokschuppen durch eine Hintertür betritt und in einem düsteren Club landet, verwandelt sich das Jahr 2014 ins Jahr 2044. Ein einziger Schritt wird zum Sprung durch die Zeit. Noch einmal tritt hier die Riot Grrrl-Band "Die Planung" auf und beschwört in ihren treibenden Songs die Stimmung des frühen 21. Jahrhunderts. Lärm und Wut pur. Ein erster Angriff auf die Sinne, der einen einstimmt auf die nächsten sechseinhalb Stunden, in denen die Grenzen zwischen Gegenwart und Zukunft, Wirklichkeit und Spiel, Ordnung und Anarchie immer wieder neu gezogen werden.


Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Verbrannte Erinnerung

von Sascha Westphal

Mülheim, 8. November 2013. Entre deux – zwischen zweien, ob es sich nun um Menschen oder Dinge, Staaten oder Zeiten handelt, liegt immer ein leerer Raum, der sich alleine über die beiden Parteien, Dinge oder Zeiten jenseits seiner Grenzen definiert. Es ist eine Frage der Perspektive, was wichtiger ist: die beiden Pole oder der Raum, der zwischen ihnen entsteht?


Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Pynchons Fight-specific-Projekt

von Sarah Heppekausen

Mülheim, 31. Januar 2013. Die Stadt ist ein Bühnenbild. Aber ihre Fassade läuft weg. Sie hat die leeren Versprechungen des öffentlichen Raums beim Wort genommen und geht dahin, wo es am schönsten ist: in die Werbung. Also hängt die LED-Leuchttafel auch gleich im Bühnenraum, gut einsehbar von den Publikumsplätzen, dann klappts auch mit dem Verkauf von Anzeigen. Da strahlen die Damen und Herren von "Seeblick Immobilien" aus dem Werberahmen. Und die Nummer, die Antworten auf jegliche Fragen verspricht: 0800-Kunst. Was die Stadt kann, kann die Kunst schon lange: sich selbst vermarkten.


Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Das Rad und seine Erfinder

von Sarah Heppekausen

Mülheim, 18. Juni 2010. Fabian Hinrichs zählt sie alle auf. Die 100 wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Von Faustkeil (vor 1,5 Millionen Jahren) bis zum Nanometer (im Jahr 2000). Nähnadel, Boot, Kondom, Konservendose, Computer – nichts lässt er aus. Auf Erfindung Nummer 75 radelt er über das Fabrikgelände, das schon im zweiten Teil der Ruhrtrilogie als Schauplatz diente, eine Gewerbebrache mitten in Mülheim. Bei Erfindung 37 (Steigbügel) wiehert ein Pferd, bei 55 (Blitzableiter) grummelt der Donner. Und dann gibt es noch Nummer 101: der perfekte Tag. Auch der ist also eine Erfindung. Erforscht und analysiert bis ins letzte Detail, Kuscheln, Kaffeetrinkengehen, Kuchenessengehen gehören auf jeden Fall dazu. Erfunden aber auch wie eine Lüge.


Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Rossellini, der Hummer und der Mann von der BEWAG

von Sarah Heppekausen

Mülheim, 19. Juni 2009. Etwa zehn Minuten dauert der Fußmarsch vom Ringlokschuppen zum eigentlichen Spielort. Vorbei an Werksgebäuden der Schutzschuhfirma Otter, an Lastwagen der Ruhrtaler Waffelfabrik, an abrissreifen Hallen und von Bauzäunen umgebenen Rohbauten. Baustellenromantik im Sonnenuntergang. René Pollesch hat sich auch für den zweiten Teil seiner Ruhrtrilogie einen außergewöhnlichen Spiel-Platz ausgesucht.


Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr

Planwagen-Simulation

von Regine Müller

Mülheim an der Ruhr, 7. Juni 2008. Am Ufer der Ruhr steht eine Wagenburg. Fahrendes Volk kampiert an jenem Fluss, der dem Ruhrgebiet den Namen gab, und der hier, mitten in Mülheim, fast idyllisch wirkt. Angler gehen ihrem Hobby nach, und friedliche Biertrinker betrachten neugierig die Vorbereitungen. Und die ziehen sich hin. Angekündigt war der Einlass für 20 Uhr, Vorstellungsbeginn 21 Uhr, tatsächlich darf man erst nach 21.30 Uhr das Rollende-Road-Schau-Zelt im Stadthallengarten betreten, in dem sich knapp zwei Stunden lang René Polleschs neues Stück "Tal der fliegenden Messer" in einer Art rasendem Stillstand ereignet.


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