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archiv » Ballhaus Ost Berlin (16)
Ballhaus Ost Berlin

System zum Verlieben

von Christian Huberts

Berlin, 7. Juli 2016. Der Titel der Open-World-Simulation von Prinzip Gonzo spielt fraglos auf "Monopoly" an. Nur eben verdreht. "Monypolo". Kein harmloses Familienvergnügen an einem verregneten Sonntagabend, denkt man, sondern bitterer Ernst. Oder zumindest ein zynisches und unfaires Spiel. Etwas, das "Monopoly" auch hätte sein sollen, zumindest wenn es nach der Erfinderin Elizabeth Magie gegangen wäre. Im Jahre 1904 als "The Landlord's Game" patentiert, hatte Magie eine dezidiert negative Spielerfahrung im Sinn, die den Kindern frühzeitig allen Spaß an egoistischer Geschäftemacherei rauben sollte. Zumindest die Idee, bis das populäre Grundprinzip geklaut, von Firma zu Firma weitergereicht und für den Massenmarkt auf Hochglanz poliert wurde. Das Endprodukt – Monopoly – ist ein Spielsystem, das man ohne Widerstand lieben kann.


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Vorrücken auf Los!

von André Mumot

Berlin, 15. Oktober 2015. Eigentlich wollten wir doch bloß spielen. Wir denken das alle, das ganze so genannte Publikum, das sieht man uns an. Wir wollen doch nicht nur kurz hier sitzen und zuhören und ein bisschen was lernen und ein bisschen lächeln und dann wieder fix nach Hause gehen. Denn mit den Gonzos kann man ganz hervorragend spielen – was ja bekanntlich nicht nur der erste Platz beim Nachtkritik-Theatertreffen belegt. Also richten sich die Hoffnungen auf eine neue Runde, in der wir lebende Spielfiguren werden und irgendwo zwischen Schlossallee und Gefängnis unser Glück suchen. Schließlich haben die Damen und Herren Erfolgsperformer ihre aktuelle Produktion erst kurz vor der Premiere umbenannt – von "Conquista" in "Monypolo". So frisch ist diese Neubetitelung, dass sie es nicht mal auf den Programmzettel geschafft hat. Aber sie ist offiziell und lässt darauf schließen, das hier wieder ein veritabler und nur leicht buchstabenverdrehter Brettspielklassiker Pate gestanden hat.


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Ich bin nicht Hamlet

von Eva Biringer

Berlin, 25. September 2014. Es wäre anzunehmen, dass der Theaterbetrieb als Aufklärungsanstalt sensibel ist für neue gesellschaftspolitische Belange. Immerhin ist mit der Blackfacing-Diskussion die Frage nach multiethnischen Ensemblezusammensetzungen virulent geworden; Anfang dieses Jahres legte Murali Perumal in einem offenen Brief pointiert die Situation von Akteuren mit sogenanntem "Migrationshintergrund" am Theater dar. Als in Bonn geborener Schauspieler mit indischen Wurzeln hat er eine solide Ausbildung und Engagements an namhaften Häusern vorzuweisen. Nichtsdestotrotz werde er stets als "der Ausländer" besetzt, genau wie all seine Kollegen nicht-deutscher Herkunft. Nicht "bio-deutscher" Herkunft, müsste es eigentlich heißen, lebt doch ein Großteil von ihnen in zweiter oder dritter Generation in Deutschland. Welche Vorurteile und Stolpersteine Diskussionen über Migration mit sich bringen, eruieren Podiumsgespräche wie jenes vergangene Woche im Ballhaus Naunynstraße.


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Das Schummrige im Kopf 

von Eva Biringer

Berlin, 9. Mai 2014. Über seinen Roman "Ulysses" sagte James Joyce: "Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren Jahrhunderte lang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe. Nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit." Aus heutiger Sicht hat Joyce alles richtig gemacht. Sein opus magnum ist Grund für mehrere Wochen Alltagsabstinenz, Generationen beißen sich daran die Zähne aus. Ulysses auf der Theaterbühne, das kann immer nur Annäherung sein.


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Suche als Lebensverhinderung

von Mounia Meiborg

Berlin, 13. Februar 2013. Dass der große amerikanische Erzähler Thomas Pynchon, mittlerweile 75 Jahre alt, immer noch unerkannt von der Öffentlichkeit lebt, ist eines der letzten Wunder unserer vernetzten Welt. Seit den 70er Jahren lebt er, dessen Werk oft mit dem von James Joyce verglichen wird, im Verborgenen. Viele Journalisten haben seitdem versucht, ihn zu finden. Einem Reporter von CNN gelang es 1997, ihn in New York zu treffen – aber was er sagte, war so enigmatisch, dass es die Neugier eher anfachte als stillte.


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Kunst kommt von Kämpfen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 1. Dezember 2011. Nun könne man von irrationaler Angst sprechen, was seine Angst vor Freitagen, wenn sie auf einen Dreizehnten fallen, betreffe. Sagt Drei10 alias Charles M. ins Publikum mit einem Blick, der die eher plumpe rhethorische Wendung, die dann folgt, schon vorwegnimmt: "Bitteschön wenn das jemand irrational findet. Ich zähle nochmal auf. Beinbrüche, erschlagene Verlobte, abgestürzter Halbbruder, verlorenes Vermögen, ersoffener Vater. Ich finde das nur bedingt irrational. Aber bitte."


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Ein Zombie Judith Butler Deluxe

von Christian Rakow

Berlin, 6. Oktober 2011. Die Tischlämpchen sind an. Man sitzt bei Bier und Wein im Ballhaus Ost. Geraucht werden darf auch. Auf dem Unterhaltungs-Menü dieses Abends stehen Institutet, die diesjährigen Gewinner des Impulse-Festivals der Freien Szene. Sie präsentieren: Varieté für gehobene Hochschulsemester. "Woman" lautet der Titel, durchgestrichen, eine Schreibweise für Leute, die gern sagen: "Ich weiß, es ist alles viel komplexer, aber ich bring's mal trotzdem."


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Eine Provinz namens Prenzlauer Berg

von Anne Peter

Berlin, 7. September 2011. Weltliteratur auf der Sitcom-Couch. Die Couch ist weiß und von Ikea. Auf ihr sitzt Emma Bovary alias Inga Busch, dramatische Kajalaugen unter blondierter Mähne, in rosa Minirock und Strickjäckchen. Sie zappt sich in ihre Lieblingsschnulzenfilmszenen hinein und schnieft aus dem Stegreif los. "Tschuldigung, das ist so traurig", schluchzt sie gen Publikum. Im Regal stapelt sich die Sehnsucht in Groschenromanen. Klar, was Emma in dieser ambitioniert Flaubert aktualisierenden Off-Unternehmung im Ballhaus Ost mit dem "Ideal romantischer Naturen" meint, "zu dem mittelmäßige Herzen nie gelangen".


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Im protoplasmischen Hirnmeer

von Christian Rakow

Berlin, 8. April 2011. Dass aus diesem Schmachtfetzen noch ein Funken zu schlagen ist, war nicht zu erwarten: "Time to Say Goodbye" von Andrea Bocelli und Sarah Brightman, mit dem sich bereits der Boxer Henry Maske vor seinem Abschiedskampf 1996 einseifte, lassen sie zum Auftakt laufen. Und sie singen mit – gleich den Fußballchören auf der Nordkurve beim Vereinslied (dabei sind sie bloß ein Vierer ohne Steuermann). Sie schmettern das Ihre heraus, inbrünstig, mit aufrichtigem Pathos, ein jeder hehrer Ton beinah getroffen. Für diesen Auftakt muss man sie lieben!


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Rauchzeichen aus dem Kellerloch

von Elena Philipp

Berlin, 3. Juni 2010. Eine Hausbesetzung im Prenzlauer Berg? Trotz Totalsanierung? Das geht nur noch im Theater. Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds, verwandelten die Regisseure Jürgen Schultz und Ralf Grunwald das Ballhaus Ost in eine Kommunalka, eine Mischung aus sowjetrussischer Zwangs-WG und Künstlerhaus. Zwei Wochen lang wohnte eine bunte Künstlertruppe mit osteuropäischem Hintergrund im ehemaligen "Casino des Handwerks" an der Pappelallee und entwickelte das Osteuropa-Spektakel "Kommunalka 09010".


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Pulp Theatre

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. Mai 2010. Lustiger beginnt derzeit wohl kein Theaterabend in Berlin. Es tritt auf der Chor der Blogger: Grausam bebrillte Pappkameraden schwanken herein, wunderlich aus Karton ausgeschnittene und zusammengebastelte Gestalten, die mit ihrem lieblos im Pappgesicht verteilten blauen Paketklebeband irgendwie die Aura zutiefst missgelaunter Nerds verströmen. Was für eine Parade!


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Vergesst die Selbstverwirklichung!

von Esther Slevogt

Berlin, 26. März 2010. Ja, was sagt man nun zu alledem? Die Welt ist alles, was an Klischee von ihr existiert, weil ein Menschenbild zwischen all dem Schrott, den Werbung und Filmindustrie produzieren, sowieso nicht mehr aufrechtzuerhalten ist? Was soll das überhaupt sein, ein Mensch? Kann es außerdem sein, dass auch ein Dramatiker vor lauter Medienkonsum die Wirklichkeit gar nicht mehr von den entsprechenden Zurichtungen in Funk und Fernsehen (und dem Theater, das glaubt: so ist sie, die sogenannte Welt) unterscheiden kann? Aber trotzdem so tut, als sei er der letzte, der noch weiß, wo die Grenze verläuft, an der das richtige Leben aufhört und das falsche beginnt?


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2010 Jahre Menschsein

von Esther Slevogt

Berlin, 24. Dezember 2009. Das Krippenspiel ist wirklich ein Krippenspiel. Vorne der Stall: ein Sperrholzwinkel mit Fenster, durch das von Zeit zu Zeit der Vermieter in seiner Kittelschürze lugt. Im Stroh wälzen sich wohlig Ochs und Esel, die im vorliegenden Fall natürlich von zwei Menschen dargestellt werden, mit angeklebten Ohren aus Pappe. Links bibbern drei Hirten am Lagerfeuer, die Schafe muss man sich denken, während rechts die drei heiligen Könige mit Krönchen und schillernden Umhängen, die ihre besten Zeiten schon hinter sich haben, durch ein Sichtgerät nach dem Stern von Bethlehem Ausschau halten.


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Grinsekaters Gemetzel in der Kanalisation

von Nikolaus Merck

Berlin, 30. September 2009. Es geht los wie weiland das "Wunschkonzert" vom alten Kroetz. Eine Frau kommt vom Einkaufen nach Hause; Waschmaschine, Spülstein, Badewanne, Kühlschrank – alles steht auf hab Acht. Wie Giftgas legt sich ihre Einsamkeit unsichtbar und erstickend auf die Szene. Joghurt mit abgelaufenem Verfallsdatum raus aus dem Kühlschrank, man meint: dutzendweise – neues Joghurt rein. Ein bisschen Röcke-lupfendes Aerobic, das Studium der Gebrauchsanweisung des Backofens. Französisch: nein, versteh ich nicht; Englisch: nein, Chinesisch: ja. So gehen hier die kleinen Scherze.

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Im Herzen der Plastikfolie

von Anne Peter

Berlin, 4. September 2008. Und es ward dunkel. Wenn das Licht ausgeht, ist das Ende der Zeiten gekommen. Oder einfach nur das Ende eines Theaterabends. In diesem Fall eines 70minütigen, verbastelten, wirr zusammengesponnenen Theaterabends im Prenzlberger Ballhaus Ost. Da hilft es auch nicht, dass Anne Tismer noch einmal "Licht" spricht, bevor es gewohnheitsmäßig schnell wieder hell wird zum ordentlichen Schlussapplaus.

 


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Tun statt Lassen

von Barbara Behrendt

Berlin, 3. Juli 2008. Am Anfang war das Tun. Dann das Denken. Viel später kam das Wort. Denn erst, als der Affe seine Hände nicht mehr zur Fortbewegung nutzte, sondern als Werkzeug, wuchs sein Gehirn schlagartig und der aufrechte Gang folgte. So ist denn auch der auftretende Affe wiederkehrendes Mahnmal in "Goldener Boden" im Berliner Ballhaus Ost – ein Stück der Gruppe Lubricat über die nötige Rückbesinnung zum Handwerk, zum Tun. Lubricat geben damit ihr Debüt als Artists in Residence am Ballhaus Ost, nachdem sie sich im März von ihrem langjährigen Zuhause, den Berliner Sophiensaelen getrennt haben. Fehlende Unterstützung von der neuen Leitung, gab Regisseur und Gründer der Gruppe Dirk Cieslak als Grund für den Auszug an.


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