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archiv » Centraltheater Leipzig (55)
Centraltheater Leipzig

Geballte Faust aus Streichfett

von Tobias Prüwer

Leipzig, 2. März 2014. Adi gibt den Löffel ab. Während das Publikum Platz nimmt, geht der junge Mann in Alpentracht um und verteilt löffelweise Joghurt-Kostproben unter den Zuschauern. Molkereimitarbeiter Adi ist schon Unruhestifter, noch bevor "am beispiel der butter" von Ferdinand Schmalz in der Uraufführung von Cilli Drexel auf der Nebenspielbühne des Schauspiels Leipzig so richtig losgeht.


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Drei Schweine, drei Fische, ein Rind

von Ralph Gambihler

Leipzig, 22. Juni 2013. Die Trillerpfeifen-Pfiffe wird man eine Weile im Ohr behalten. Die der Tierschützer, die vor dem Theater den Protest mehr probten als zelebrierten und drinnen mangels Kampfkraft bald aufgaben. Und die des Zeremonienmeisters, der die zahlreichen Akteure zuerst unten im Foyer und dann oben im Saal mit scharfen Signalpfiffen zu dirigieren verstand, sechs teils schmerzliche Stunden lang, fast wie ein Trainer, der seine Sportler über den Rasen hetzt. Dabei waren die Pfiffe das wenigste. Sie waren ein sehr kleines Detail in diesem gewaltigen Blutkunst-Spektakel, in das wohl niemand hinein geraten ist, der nicht wusste, was ihn erwartet, und sei es durch ausgiebiges Vorab-Googlen und You-Tube-Testgucken.


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Was vor dem Ende gespielt wird

von Juliane Streich

Leipzig, 9. Mai 2013. Mit psychischen Störungen geht dieser Beckett-Abend von Martin Laberenz los. Bald kommt das DSM 5 heraus, das Handbuch zur Diagnose psychischer Leiden, das geistige Krankheiten definiert. Und die werden immer mehr, man nehme nur die Macke, sich immerzu kratzen zu müssen, das nun als Spin Picking geführt wird. "Demnach wird die Mehrheit der Bevölkerung bald psychisch gestört sein", erklärt ein Mann im Anzug mit leicht französischem Akzent. Er steht in der Mitte der Festspielarena des Leipziger Centraltheaters und zeigt mögliche Zusammenhänge auf zwischen Pharmaindustrie, Arbeitsverhältnissen und Depressionen. "Also mir geht's gut im Kopf, aber das ist ja schon ein Affront, wenn man das behauptet." Spricht's und setzt sich ins Publikum.


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Ich bin noch da, ihr Schweine!

von Mathias Schulze

Leipzig, 25. April 2013. "Ich weeß nich, ob ich die nächste Buchmesse noch erlebe." Der Schmerz liegt im Rücken, zu viel gesessen, zu viel gedacht, zu viel geschrieben. Und schwupps knallt der rote Gymnastikball gegen den Kopf: "Mache´n Kopp zu."


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Utopie und Rückbesinnung

von Ralph Gambihler

Leipzig, 1. März 2013. Man ist versucht, einen Showdown zu nennen, was da seit gestern am Centraltheater über die Bühne geht – nein! – , gejagt wird. Das Repertoire ist bereits abgespielt. In den verbleibenden vier Monaten der Intendanz Hartmann stürzt sich das Ensemble in ein kräftezehrendes Turbo-Finale, das den überraschend traditionsverhafteten Namen "Leipziger Festspiele" bekam. Im Wochenrhythmus kommen nun Produktionen heraus. Sie werden jeweils nur drei oder vier Mal en suite gespielt.


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Raskolnikows Kopfkino

von Tobias Prüwer

Leipzig, 20. Dezember 2012. Um kurz vor den jahresendzeitlichen Festivitäten und dem Verfassen guter Vorsätze noch fix über "Schuld und Sühne" zu sinnieren, lud die Skala in Leipzig ein. Regisseur Martin Laberenz inszeniert textlich gar nicht so frei nach Dostojewski, zeigt sich aber erstaunlich leichtfüßig in der Umsetzung und Wahl der Mittel.


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Unbescheiden ohne Worte

von Matthias Schmidt

Leipzig, 15. November 2012. Sebastian Hartmanns "Mein Faust" ist ein Abend ohne Worte. Um es noch mal deutlich zu sagen, das ist ja nicht ganz üblich im Schauspiel: Es ist ein Abend, an dem kein einziges Wort gesprochen wird. Das ist und macht sprachlos, in jeder Hinsicht. Goethe als Altlast, Respekt!


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Zeit heilt alle Wunden – aber schlecht

von Tobias Prüwer

Leipzig, 26. Oktober 2012. "Lebbe geht weiter" – diese drei Worte fallen gen Ende der melancholischen Bilderfolge "Pulverfass" und bringen das "Balkan-Musical" auf den Punkt. Irgendwie läuft das Dasein trotz aller und zwischen den Brüchen weiter. Vielleicht nennt man es nicht Fortschritt oder Karriere, aber es geht weiter. Regisseur Sascha Hawemann macht im Leipziger Centraltheater mit Live-Band und starkem Ensemble Jugoslawien und Ex-Jugoslawien zum Thema. Das Bild vom Schmelztiegel Balkan, wo sich alle die Köpfe einschlagen, soll einer Erzählung von Einzelschicksalen, individuellem Leben und Überleben sowie dem Verlust von Heimat-Harmonie weichen – ein ernst gemeintes, unterhaltsames Revue-Programm zu diesem Thema?


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altKrieger und Grenzkünstler

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 10. Mai 2012. Kurz vor Schluss, anlässlich einer harmlosen konzertanten Light-Show bei offener, leerer Bühne, setzt ein Massen-Exodus aus dem Festspielhaus ein. Genug. Schließlich hat man schon fünfeinhalb Stunden mehr oder weniger sittsam abgesessen, jetzt reicht's. Das vierzehnköpfige Ensemble, das sich ins Parkett begeben hatte, um eine Diskussion anzuzetteln – ganz bewusst an einem prekär überreizten Punkt des Abends –, kehrt noch einmal zurück, setzt sich in einer dicht gedrängten Traube auf den Boden, um den im Saal Verbliebenen versöhnlich (oder ironisch) zuzuwinken. Und die, die ausgeharrt haben, feiern die Schauspieler und sich selbst mit frenetischem Jubel. Ganz zu Recht: Es ist ein großer Abend gewesen.


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Zu zerstört

von Juliane Streich

Leipzig, 3. März 2012. Der Anfang ist das Ende. Die gestörten Verhältnisse sind schon da, müssen nicht jetzt, können später erklärt werden. Robert Borgmanns Inszenierung von Ibsens "Gespenster" beginnt mit dem zweiten und dritten Akt, der erste folgt später. Wir sind mittendrin:


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altErste Menschen, letzte Menschen

von Ralph Gambihler

Leipzig, 9. Februar 2012. Menschen, denen das Blut in den Adern rauscht. Sätze, die tanzen. Einen Morgen, einen Mittag, einen Abend lang. Georg Kaiser hat seinen namenlosen Kassierer vor genau 100 Jahren am Schreibtisch geboren und wurde zunächst von der Zensur ausgebremst. Das deutsche Kaiserreich taumelte noch ein Weilchen und wollte sich nicht behelligen lassen von einer Menschheitsdämmerung, die der Dichter in ein ekstatisches Licht tauchte. Heute heißt das Expressionismus.

Die Geschichte hinter den Wortkaskaden ist im Grunde einfach: Ein kleiner Bankangestellter greift spontan und unerlaubt in die Kasse. Er kann nicht anders. Er ist dem Handgelenk einer schönen Frau verfallen.

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Figuren im Endspiel

von Ralph Gambihler

Leipzig, 19. November 2011. Es ist wohl so, dass dieser zunächst nette und lustige, später in wüste Szenen umschlagende Abend einen ziemlich großen Kreis abschreitet, irgendwo auf einer Bahn zwischen Gott und der Welt, und irgendwie um eine Mitte kreisend, die man Wahnsinn nennen könnte, oder auch Theater - am besten beides. Shakespeare ist nur stellenweise der Autor dieses neuen Hartmann-Oratoriums, das wieder mal aus grellen Bildern und scharfkantigen Gedanken gemacht ist. Die Autorenzeile annonciert sehr knapp einen Verschnitt "nach Shakespeare/Anderen/Hartmann".


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Wanderer in der Schranklandschaft

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Oktober 2011. Der Weltgeist spuckt Blut: Taumelnd bewegt sich der Wanderer über dem Nebelmeer mit weitem Mantel, Hut und Rucksack bewappnet durchs Bühnenbild. Dann bricht er zusammen, haucht sein Leben aus und streckt alle Viere von sich. In "Penthesilea" kommt Caspar David Friedrichs gemalte Figur leibhaftig auf die Centraltheaterbühne. Wenn dieses Sinnbild des Romantikers elendig eingeht, stirbt mit ihm die ganze Ära des großen Gefühls. Man könnte geneigt sein, diesen Tod der Romantik in der Inszenierung von Robert Borgmann als wiederholt und vollendet anzusehen. Wie sonst soll man es deuten, wenn Amazonen und Griechen über eine Schrankwandlandschaft staksen, eine aufgetürmte Wüstung aus Sperrholz und Furnier? Wenn der Körper des Achilles, in ein überdimensioniertes Einweckglas verrenkt, zwischen prallen, roten Kirschen hervorragt? Wenn leere Larven Leidenschaft behaupten?


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In den Spiralen der Ich-Krise

von Ralph Gambihler

Leipzig, 23. September 2011. Es ist die vierte Spielzeit mittlerweile, die Sebastian Hartmann als Intendant in Leipzig waltet, und wenn man sich einmal anschaut, welche Themen und Stoffe er in dieser Zeit als Regisseur bearbeitet hat, stellt man fest, dass seine Inszenierungen beharrlich um die Identitätskrise des Individuums in einer zerfallenen Welt kreisen, wobei Moderne und Postmoderne einander überlagern und durchdringen.


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Seltsame Leere nachher

von Tobias Prüwer

Leipzig, 21. Mai 2011. Vor der Zuschauertribüne in der Leipziger Skala baut sich ein Viertelstuhlkreis aus 23 – Zufall? – Einzelstücken auf. Eine Schauspielerin hat bereits Platz genommen, die drei anderen Mimen bewegen sich in kleinen Kreisen. Alle vier sind in hellbraune Decken gehüllt – sind das jene Kamelhaarfabrikate, die man bei Kaffeefahrten offeriert? – und erinnern an staksige Wagner-Heroen.


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Die Gier nach Öil

von Ralph Gambihler

Leipzig, 20. Mai 2011. Kennt man noch die großen Melodramen von Douglas Sirk? "Summer Storm", "There's Always Tomorrow", "Written on the Wind", "Imitation of Life"? Ein Stück US-amerikanische Filmgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte klingt in diesen und anderen Titeln an, und wenn sie heute dem Publikum auch nicht mehr geläufig sein mögen und der Name Sirk ein Fall für Filmkenner geworden ist, haben sie und ihr Schöpfer doch deutliche Spuren hinterlassen. Darin wandelten im Frankreich der 1960er Jahre die jungen Filmemacher der Nouvelle Vague, die Sirk für sich wiederentdeckten, und nicht viel später war es Rainer Werner Fassbinder, der den aus Nazideutschland geflohenen Deutsch-Amerikaner mit der steilen Hollywood-Karriere zu seinen Vorbildern zählte.


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Vergangene Superlative, verblasstes Jetzt

von Tobias Prüwer

Leipzig, 28. April 2011. "Wenn einer eine Reise tut", trällert die gesamte "Centraltourist"-Busladung dreistimmig, "so kann er was erzählen." Doch wo beginnen bei dieser inszenierten Stadtrundfahrt, die schaukelnd durch Leipziger Quartiere schlingert? Vielleicht bei eben jenem Kanon, den die mitfahrenden Zuschauer auf halber Strecke so bereitwillig beschwingt singen. Warum in aller Welt braucht es weder große Animation noch angestrengtes Mitmachtheater, um das Publikum auf solche Art für sich einzunehmen? Das liegt wohl an jener Halbdistanz, aus der man die Tour kleiner Szenen und großer Historie nie aufgezwungen erlebt.


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Brecht, neu verföhnt

von Matthias Schmidt

Leipzig, 14. April 2011. Den berühmten Epilog hat Regisseur Sebastian Baumgarten weggelassen: weder geht der Vorhang zu, noch sehen wir betroffen, dass alle Fragen offen sind. An Brechts letzte Sätze im Stück hält er sich dennoch: "Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!" Baumgarten hat einen guten Schluss gesucht und gefunden. Und nicht nur das.


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Gretchen allein mit Fausts Räuschen

von Wolfgang Behrens 

Leipzig, 31. März 2011. Nur dunkel kann ich mich an eine Podiumsdiskussion in den späten 90ern erinnern – es wird wohl im Berliner Ensemble gewesen sein, den Anlass habe ich vergessen –, doch sehr genau weiß ich noch, wie der Dramaturg Carl Hegemann plötzlich auf ein vor ihm auf dem Tisch liegendes Buch einhieb. Ein dickes Buch war das, schwarz, mit weißen, expressionistisch verwackelten Riesenversalien darauf. Und Hegemann, der in meiner Erinnerung irgendwie in Rage, vielleicht auch nur in Begeisterung geraten war, insistierte lautstark, dass an diesem Buch so bald keiner mehr im Theater vorbeikommen würde.


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Lustvolle Lethargie

von Tobias Prüwer

Leipzig, 18. März 2011. Am Einlass bekommt der Besucher ein Kaleidoskop ausgehändigt. Psychedelische Wirkungen, die man sich bei diesem Stoff erwarten konnte, überlässt der Demiurg vielstimmig-überfrachtender Bildwelten Jürgen Kruse in dieser Inszenierung einem deus-ex-machina aus Pappe und Plastik.


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Der Schwank als Kulturkritik

von Tobias Prüwer

Leipzig, 10. Februar 2011. "Unser besonderer Dank gilt der Bäckerei Dünkel für die freundliche Unterstützung" - Der Satz aus dem Programmzettel spricht Bände, fügt man nach diesem Theaterabend hinzu, wem das Centraltheater-Team um Intendant Sebastian Hartmann nicht dankt: Der städtischen Kulturpolitik. Angesichts bereits jetzt drohender Kürzungen im fünfstelligen Bereich für die kommende Spielzeit und die absehbare Lähmung der Leipziger Kulturpolitik aufgrund der Nicht-Abwahl des umstrittenen Kulturbürgermeisters (mehr dazu) ist die Stimmung am Schauspiel Leipzig nicht gerade hoffnungsfroh. Dass der beliebte Schwank "Pension Schöller" deshalb nicht als routiniert-reibungsloses Unterhaltungsmittel inszeniert wird, sondern auch die Leipziger Lage kommentiert, war also erwartbar.


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Ab mit uns Touristen ins All

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Januar 2011. "Ich hatte jedesmal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Thränen, sondern Thränen des Jauchzens; wobei ich sang und Unsinn redete" – Was Friedrich Nietzsche über seine Auszeit im schweizerischen Sils Maria schrieb, trifft auch heute noch auf Urlaubserlebnisse im Allgemeinen zu. Fern von zu Hause ist man aus dem Häuschen und kommt mitunter auf so manch komische Idee. So weit, so bekannt. Rainald Grebe nun wollte genau diesem Gefühl auf den Grund gehen.


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Stillleben einer tot gestellten Zeit

von Tobias Prüwer

Leipzig, 19. November 2010. "Und über dem Theater hin / Sieht man im schwärzlichen Gewimmel / Ein Kranichheer vorüberziehn. / ... Was ist's mit dem? / Was kann er meinen? / Was ist's mit diesem Kranichzug?" – Wie bei Schiller treten die Schreitvögel als seltsame Boten auf. Sie künden von Verlust und Raubbau an Erfahrungen, die man Sicherheit und Heimat nennt. Ihre behauptete Erhabenheit gedeiht zum Zerrspiegel des Menschen, der in "we are blood" in vielen Rollen, aber stets elendig auftritt. Ein Heimatstück, das nicht zwangsläufig in Ostdeutschland spielt.


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Free climbing im Mannschen Hochgebirge

von Ralph Gambihler

Leipzig, 6. November 2010. Natürlich kann man alles auf die Bühne bringen, aber diesen Roman? Ist er nicht doch ziemlich unspielbar? Mit seiner epischen Breite und seinem philosophischen Ballast? Mit seinen langen diagnostischen Blicken auf die Fieberschübe der Moderne und diesem schelmischen Lächeln, das dem Autor erst abhandenkommt, als er die Handlung im Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs enden lässt?


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Den Tod lass ausreden

von Juliane Streich

Leipzig, 7. Oktober 2010. Wer kommt mit? In dem Moment, in dem Du stirbst, in dem niemand mehr da ist. Dein Geselle nicht, Dein Geld schon gar nicht. Es bleiben nur Du, Deine Werke und das bisschen Glauben, den Du schon verloren hattest. Du bist in diesem Fall Jedermann, Deine Werke sind blond und schön, Schwester Glaube ist ein Mann, Jürgen Kruse der Regisseur. Gott sitzt rechts und plappert ab und zu dazwischen, der Tod ist links und raucht Kette. Über allem schwebt ein Rotlicht-Mädchen, der Teufel in Person.


Centraltheater Leipzig

Alles kann, nichts muss

von Tobias Prüwer

Leipzig, 16. September 2010. Wie hast du's mit dem Vaterland? – So könnte die alternative Gretchenfrage lauten, die sich als Ariadne–Faden durch das Programm der neuen Centraltheater–Spielzeit zieht. Eine Doppelpremiere leitet diese – loses wie großes Motto: "Deutschland" – ein und ist nach sechs Stunden und nur einer Pause durchstanden.


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Zufällig und schief herumgerannt

Von Ute Grundmann

Leipzig, 5. Juli 2010. Die Sommeridylle vor dem Gohliser Schlösschen scheint perfekt. Liegestühle, Gartentisch und Gartenstühle, Minipalmen, ein aufgeschüttetes Erdgeviert, ein kleines Gewächshaus. Hier gärtnert Charlotte ein bißchen, während Eduard sich, sonnenbebrillt, auf einem der Stühle rekelt. Doch so "ganz allein und heiteren Sinnes" bleiben die beiden nicht, denn ein junger Mann im höfischen Rock tritt auf und erklärt dem Publikum erst mal, mit welchen Figuren man es hier zu tun hat. Wenig später wird der junge Mann, als Nachbar Mittler eingeführt, Tennisbälle ins Spiel werfen, mit denen die Herren Fußball spielen (Achtung: WM!), und zu Charlottes Geburtstag gibt es schwarz-rot-goldene Blütenketten aus dem Fanshop.


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Der Geist des Dichters, abwesend

von Matthias Schmidt

Leipzig, 1. Juli 2010. Um es gleich zuzugeben: ich kenne nur den halben Abend. Nach einer Stunde bin ich gegangen. Länger habe ich es nicht ausgehalten. Vor mir sind bereits andere gegangen und nach mir sicher ebenfalls. Es war dies der Entschluss, der allzu offensichtlichen Erwartungshaltung des Skala-Teams nachzugeben, die unübersehbar darin bestand, die Zuschauer so lange zu provozieren und zu verärgern, bis sie protestieren und damit zugeben, wie intolerant sie in Wirklichkeit sind.
Zufrieden?
Bitte sehr, gern geschehen.


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Im Innern des Fleischwolfs

von Tobias Prüwer

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© R.Arnold/ Centraltheater

Leipzig, 5. Juni 2010. Besudelung mit Ansage: Bevor die Zuschauer in der Leipziger Skala den Ort der Inszenierung betreten, werden Plastik-Capes gereicht. Die sollten sie anfangs für alle Fälle überstreifen, lautet der Rat. Dann findet man sich in eine düstere Unterwelt aus einem vertikal aufgetürmten Autowrack, einer Batterie von Monitoren und transparenten Gummi-Vorhängen versetzt. "Man" ist rein singulär zu verstehen: Ein Publikum im klassischen Sinn gibt es nicht, ist weder als Masse noch Menge greifbar. Hier wandeln Vereinzelte umher, laufen alle vorsichtig in glotzenden Suchbewegungen durcheinander.


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Ich Hartmann, Du Jane!

von Matthias Schmidt

Leipzig, 8. Mai 2010. Man sagt, es sei alles ganz einfach gewesen. Intendant und Regisseur Sebastian Hartmann habe ihr eine Mail geschickt, in der er ihr die Rolle der Jane anbot, danach habe man sich getroffen und gemocht, und dann habe Heike Makatsch umgehend zugesagt. Ganz nebenbei hat das Leipziger Centraltheater damit seine Uraufführung "Paris, Texas" nach Wim Wenders (der Meister war auch da!) zu noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verholfen, wogegen ja ebenfalls nichts einzuwenden ist.


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Auf dem Sofa der Nonsensproduktion

von Ralph Gambihler

Leipzig, 9. April 2010. Humor, sagt Herbert Fritsch, sei die höchste Form der Diplomatie. Er sprenge das Protokoll und schaffe neue Perspektiven. Es ist gewiss nicht zwingend, diese schönen Sätze, mit denen der Regisseur vor der Premiere die Lokalpresse beglückte, auf das Centraltheater Leipzig zu beziehen. Möglich aber ist es.


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Rhapsodie der Antihelden

von Matthias Schmidt

Leipzig, 25. März 2010. Wenn das so weitergeht, dann muss das Centraltheater über die Anschaffung eines roten Teppichs nachdenken. Clemens Meyer, sozusagen der Star des Abends, ließ es sich nämlich nicht nehmen, zur Uraufführung seiner Erzählungen in einem Leipziger Langtaxi vorzufahren. Und anschließend auf der Premierenfeier sichtlich euphorisiert zu jubeln, er habe großartiges modernes Theater gesehen.


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Das Schweigen ist unter uns

von Janina Fleischer

Leipzig, 11. März 2010. Was wirklich dröhnt, ist dieses Schweigen. Der Ton des Nichtgesagten in den Witzen, an denen das Gemeinte abgleitet. Die Klingfeldt-Hansens feiern den 60. Geburtstag von Helge, dem Familienoberhaupt, mit jener Entschlossenheit, die so ein Ritual braucht. Nur für Selbstgereimtes sind sie dann doch zu vornehm, die ehemaligen Hotelbesitzer. Es gibt Lieder, Reden, Anekdoten. Als sich das Tor zur Hölle öffnet, tanzen sie halt drunter durch die Polonaise.


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Tour de force durch die innere Wüste Gobi

von Ralph Gambihler

Leipzig, 12. Februar 2010. Halten wir uns zunächst an den Autor. Und zwar nicht, weil man das so macht in solchen Fällen, sondern weil die Distanz zwischen dem exzessiven Zwei-Personen-Experiment, das nun am Centraltheater Leipzig in der kleine Spielstätte Skala heraus kam, und Hamsuns 120 Jahre altem Roman auf den ersten Blick unfassbar groß ist. Und weil der Abend postdramatisch über sich hinaus greift. Er macht Theater mit sich selber und gibt obendrein Anschauungsmaterial in Sachen "Dogma", jenem programmatischen Schlagwort, das am Centraltheater herumgeistert, seit es Intendant Sebastian Hartmann im vergangenen Herbst via Presse in die Debatte geworfen hat.


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"Wo zur Hölle bin ich?"

von Johanna Lemke

Leipzig, 16. Januar 2010. "Sophie Rois ist Medea", so prangte es tage-, wochenlang in großen pinken Lettern auf weißem Grund in der ganzen Stadt. Und das sind schon mal zwei Superlative, die Leipzig nur gut tun können: Das Donnerdrummelweib des deutschen Theaters spielt die femina non grata des europäischen Dramas.


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Indianer gibt es immer wieder

von Joachim Lange

Leipzig, 16. November 2009. Am Anfang sieht es erst einmal ganz anders aus. Weder die Prärie, noch ein Pferd sind zu sehen. Weder eine Rothaut, noch ein Bleichgesicht tauchen auf. Stattdessen stehen nur fünf Tische mit Mikrophon an der Rampe. Dann tauchen vier Männer und eine Frau auf, die in Strickklamotten und mit einer Montagmorgen-Miene für Beamte erst einmal ihre Zigaretten auspacken und sich dann über die Akten beugen. Und auch wenn sie synchron die Ordner mit dem Manuskript zu "Winnetou" aufschlagen, die vor ihnen liegen, und alle plötzlich in einer gewaltigen Staubwolke verschwinden, meint man noch, das Gespann Marthaler - Viebrock wäre über das Centraltheater gekommen und nicht Rainald Grebe mit seinen "Karl-May-Festspielen Leipzig".

 


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Im Zwischenreich der Imaginationen

von Ralph Gambihler

Leipzig, 9. Dezember 2009. Der Abend beginnt durchaus harmlos und natürlich anders, als man erwartet. Es fängt damit an, dass man vor dem Einlass gebeten wird, die Schuhe auszuziehen und ein Paar von diesen putzigen Filzpuschen überzustreifen, die es dem Klischee nach dort gibt, wo Japaner oder Gartenzwerge zuhause sind. Erst dann betritt man den spärlich beleuchteten Bühnenraum, der gewiss auch ein Darkroom sein könnte, wäre da nicht dieser strahlend weiße Kunstfell-Belag, der den Boden fast ganz bedeckt.


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Nahkampf mit der Leere

von Johanna Lemke

Leipzig, 12. November 2009. Irgendwann, gegen Ende, bewegt sich der splitterfasernackte Narr in zuckenden, fast grotesken Bewegungen über die Bühne. Angestarrt von den anderen, in deren Perpetuum der Verdrängung er sich in den letzten dreieinhalb Stunden als der einzig Erkennende gebärdet hat, ist sein Körper nun das Produkt des Verfalls, der schon seit Jahren unbemerkt gebrodelt hat.


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Im Kabarett einer missglückten Kontextverschiebung

von Ralph Gambihler

Leipzig, 15. Oktober 2009. Ein genialischer Abend. Ein verkorkster Abend. Eine Unmöglichkeit. Wie man sich das vorzustellen hat? Zum Beispiel so: Thomas Thieme, der wunderbare Schauspieler und gelegentliche Regisseur, ist mit Büchner nach Leipzig gekommen, um die Sache der Revolution zu erkunden. Er zielt in die Tiefe, wo das aktuelle Gedenken in die Breite geht. Er will das Pandämonium, nicht das Pathos von 1989. Großes jedenfalls.


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Männer braucht es nicht

von Juliane Streich

Leipzig, 23. September 2009. Es ist lächerlich. Alles ist lächerlich. Frauen, Männer, Sex, Wagner, Philosophie, die Evolution, die Nazis und ihr Gehabe, Rotkäppchen. Zumindest kann man alles ins Lächerliche ziehen, so wie es  Mareike Mikat in ihrer Inszenierung von "Mädchen in Uniform" getan hat. Ein Drama von Christa Winsloes, das 1930 in Leipzig aufgeführt, ein Jahr später von Leontine Sagan und Carl Froelich und 1958 durch Géza von Radványi nochmals verfilmt wurde, damals mit Romy Schneider. Und nun ist es also wieder auf der Theaterbühne in Leipzig.


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Flackernde Birnen

von Ralph Gambihler 

Leipzig, 17. September 2009. "Bitte konzentrieren Sie sich immer auf das Wesentliche!", sagt die Dame im blauen Abendkleid mit schwerem ungarischen oder slowenischen Akzent. Keine Ahnung, was das Wesentliche sein könnte in den kommenden sechs Stunden. Klar ist vorerst nur, dass jetzt gleich Kärtchen zu ziehen sind. Klassisch eingekleidete Dienstmädchen mit Rüschen wie aus einem Kostümfilm stehen dazu artig bereit. Jeder "Zuschauer" zieht drei Kärtchen. Auf den Kärtchen stehen Vornamen, die ein gewisses Parfüm verströmen wollen, Felice, Denver, Elian usw., wobei das vorerst Wesentliche sein könnte, dass auf allen Kärtchen als Familienname "von Unland-Deuthen" verzeichnet ist. Oder ist das die erste Finte? Jedenfalls: Wir sind wir bei den Vons.


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Wenn die draußen zweimal klopfen

von Ute Grundmann

Leipzig, 25. Juni 2009. Rolly wäre so gern ein genialer Verbrecher – aber leider hat er dieses "Gewaltlosigkeitsding", er kann keinem weh tun. Dabei reichte schon sein Mundwerk für das, was er und sein Sohn Stevie so strikt vermeiden: Körper-verletzung. Gerade haben die beiden wieder mal einen Job vergeigt, hocken ohne Geld in einem Motel und tun zwei Dinge: reden und sich vor dem fürchten, was das Klopfen an der Tür ankündigen könnte.


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Kein Sex mit den Figuren

von Ralph Gambihler

Leipzig, 15. Mai 2009. Sieben Theaterleute machen sich auf die Suche nach "etwas unverstellt Realem". Nach einem "Stoff, der weder Fiktion noch Fakt ist". Was das sein könnte, dieses große welthaltige Irgendwas, davon haben sie zwar eher wolkige Vorstellungen. Die Wahrheit sitzt nun mal nicht mit einem Schild um den Hals auf dem Produktionssofa, sobald die Regie in die Hände klatscht. Begrifflich sind sie immerhin soweit, ihre glühende Ratlosigkeit "Projekt" zu nennen. Schließlich sind wir im Theater, wo alles Projekt heißt, was mit mehr als einem Fragezeichen zu tun hat.


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Schluss mit dem Stylo-Punk

von Johanna Lemke

Leipzig, 23. April 2009. Mit Robert Wilson kann man nicht so richtig etwas falsch machen. Darum war es kein Wunder, dass die Premiere von "The Black Rider" frenetisch bejubelt wurde – verdient war es aber doch. Jorinde Dröse, die am Centraltheater zuletzt "Die Schock-Strategie. Hamlet" inszenierte, machte sich an das Musical mit der etwas veralteten Bezeichnung "Rock-Oper", das allein schon wegen der Musik von Tom Waits und dem Text von William Borroughs ein Selbstläufer sein könnte.


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Mit dem Kopf durch die Platte

von Ralph Gambihler

Leipzig, 8. April 2009. Wer fröhlich zustimmt, wenn Aussteigen als hoffnungslose Form der Romantik abgetan wird, der hat es nicht ganz leicht mit diesem Stück. Denn es konterkariert das Thema Aussteigen und Sich-Verweigern mit der Lebenswelt Plattenbau, einem Ort also, dem das Stigma des gesellschaftlichen Abstiegs anhängt. Statt blau umtoster Inseln und sonstiger Stereotype aus dem Glückskatalog der Weltflucht gibt es architektonische Tristesse und soziale Härte. Romantisch ist dieser Abschied aus dem privilegierten Leben, den die junge Berliner Dramatikerin Tine Rahel Völcker in "Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen" durchspielt, allenfalls für Betonliebhaber und Freunde des sozialen Selbstexperiments.


Centraltheater Leipzig

Strobelmüller im tiefsten Tal der Einsamkeit

von Ralph Gambihler

Leipzig, 2. April 2009. Dieser Vorhang ist nicht bloß ein Vorhang. Er ist auch ein Gelächter über sich selber in Form einer bühnenbreiten Schabracke mit sehr viel rotem Stoff darunter. Wenn diese opernhafte, nun ja, Vorhangparodie am Anfang gravitätisch auseinander gerafft wird und damit den Blick auf die Kulisse freigibt, ist das bereits ein erstes Statement. Achtung, prunkende Leere! Mit dieser Warnung beginnen in Leipzig drei ziemlich grelle Stunden, in denen es vordergründig nur darum geht, wie verschiedene Leute verschiedene Leichen verschwinden lassen, um Komisches also, derweil hinter der Bühne die Regie eine Gardinenpredigt zur Frage der Unterhaltung hält.

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Im Heuhaufen der Erinnerung

von Johanna Lemke

Leipzig, 19. März 2009. Manchmal hängen Theatererlebnisse entscheidend von den kulturellen und sozialen Hintergründen des Betrachters ab. Eine Inszenierung über Braunkohle in Sachsen, die mit Laiendarstellern, authentischen Geschichten und viel improvisiertem Lokalkolorit arbeitet – damit können manche ziemlich viel anfangen, andere wiederum gar nichts. Das klingt jetzt alles nach Binsenweisheit, ist in diesem Falle aber sehr wichtig zu betonen.  


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Selbstverständlich schweinisch

von Matthias Schmidt

Leipzig, 15. Februar 2009. "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" heißt der Science-Fiction-Roman von Philip K. Dick, der Ridley Scott als Grundlage für seinen Film "Blade Runner" diente. In der Leipziger Skala wird die Geschichte von den sich gegen ihre Schöpfer wendenden Replikanten und ihren Jägern, den Blade Runnern, unter dem Titel "Maschinenwinter" mitinszeniert. Diemar Daths Streitschrift mit einer Portion Handlung aufzufüllen, ist durchaus sinnvoll; deren Quelle ungenannt zu lassen, gilt außerhalb der Skala als unüblich, wenn nicht gar als unrecht. Jüngst war es umgekehrt, da stand auf einem Abend Cormac McCarthy ("Straße") drauf und war dann gar nicht drin. Sei's drum, eine Inszenierung ist vorzustellen, die ohne den "Blade Runner"-Stoff kaum lebensfähig wäre, die mit ihm aber zum Ereignis wird.


Centraltheater Leipzig

Nackte Gefühle im Testfeld

von Ralph Gambihler

Leipzig, 12. Februar 2009. Eugene O'Neill, der psychisch labile Literaturnobelpreisträger des Jahres 1936, notierte in der Widmung zu seinem Familienhölledrama "Eines langen Tages Reise in die Nacht", es sei "geboren aus frühem Schmerz, geschrieben mit Blut und Tränen". So viel Pathos war selbst 1940, im Jahr der Entstehung, nicht alltäglich. Der Verfasser, von einem beginnenden Nervenleiden bereits gezeichnet, war getrieben von der Idee, dass sich familiäre Tragödien schicksalhaft von einer Generation zur nächsten vererben. Der Gedanke lag nahe. Er wurzelte tief in der eigenen Tragödie, und die wird in diesem unverhüllt autobiografischen Stück mit viel Wortaufwand ausgebreitet.


Centraltheater Leipzig

Lob des Bärenfells

von Ralph Gambihler

Leipzig, 13. November 2008. Im Sinne der Klimaneutralität, so ist zu lesen, achtet das Centraltheater Leipzig auf den Umweltschutz und spart Energie. Der Zuschauer soll diese Bilanz nicht stören. Auch er wird gebeten, etwas gegen die Erderwärmung zu tun. Was nun im konkreten Fall bedeutet, dass er im Pulk am Einlass steht. Dort nämlich wird man an zwei Tischen aufgefordert, Ablass zu erkaufen von den Sünden eines Abends mit Rainald Grebe.


Centraltheater Leipzig

Wir sind böse!

von Matthias Schmidt

Leipzig, 30. Oktober 2008. Kaum hatte Uschi die Bühne betreten, da musste sie mal und pinkelte direkt vor den Eisernen Vorhang. Auf dem steht merkwürdigerweise seit der "Matthäuspassion" der Koppelspruch der deutschen Soldaten (bis 1945) "Gott mit uns". Die Polizei trug die Dinger noch bis 1970, doch das nur am Rande. Jedenfalls war Uschis Auftritt der erste große Lacher des Abends.


Centraltheater Leipzig

Die Kippe kommt mit in die Gruft

von Ralph Gambihler

Leipzig, 23. Oktober 2008. Weltuntergänge können dauern. Dieser hier dauert zweieinhalb Stunden. So viel Zeit nimmt man sich in Leipzig, um ein altes Stück zu beerdigen und die Menschheit gleich dazu. Wir sind also in einem abendfüllenden Endspiel. Letzte und allerletzte Dinge werden darin verhandelt, bevor es für die Titelfigur krachend in die Grube geht. Obwohl man nun sagen muss, dass auf Weltuntergänge auch kein Verlass mehr ist. Zumal wenn ein musizierender Herrenclub, der in seinen besten Zeiten jedes Hotelzimmer versaute, im Stücktitel herum geistert und irgendwie seine Finger im Spiel haben muss, warum auch immer.


Centraltheater Leipzig

Da hast du dich geschnitten, Guido

von Johanna Lemke

Leipzig, 2. Oktober 2008. Von dem Vorbild ist kein Loskommen. 1966 in Frankfurt am Main uraufgeführt, war Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in der Inszenierung von Claus Peymann eine der wichtigsten Arbeiten jener Zeit, die später mit dem Stempel "68" versehen und zum Inbegriff des Umbruchs wurde. In Videoausschnitten ist die als Skandal geborene Kult-Aufführung vom Theater am Turm auch in Sebastian Hartmanns Leipziger Inszenierung als Pate dabei. Man will nicht verbergen, dass man hier mit Geschichtsträchtigem handelt.


Centraltheater Leipzig

Wozu denn handeln?

von Johanna Lemke

Leipzig, 26. September 2008. Hamlet steht immerhin an zweiter Stelle. Davor kommt "Die Schockstrategie", was ein Sachbuch und damit schon mal eine ungewöhnliche Grundlage für eine Theaterinszenierung ist. Naomi Klein, die kanadische Amerikakritikerin und Heldin der Globalisierungsgegner weltweit, verfasste im letzten Jahr den 650-Seiten-Koloss "Die Schockstrategie" und sorgte damit für durchaus polarisierende Meinungen.


Centraltheater Leipzig

Schuldverteilen mit Augenkontakt

von Ralph Gambihler

Leipzig, 18. September 2008. Das Überfallkommando des Leipziger Neu-Intendanten Sebastian Hartmann ist im Spielbetrieb angekommen. Es hat erwartbar einen ersten krachenden Abend hingelegt, der aber ohne das am Schauspiel Leipzig bestens bekannte Türenknallen entnervter Zuschauer über die Bühne ging.


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