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archiv » Theater Erlangen (11)
Theater Erlangen

"Die Erde ist keine Heimat"

von Dieter Stoll

Erlangen, 4. Juni 2016. Die Musik steht für alles, was das Leben für den Pankraz an zerstörten Hoffnungen, gerafftem Trost und letztem Gruß bereit hat. Gesangs-Künstler darf er nicht sein, weil er auf Anordnung des Vaters die Seewirtschaft der Familie weiterführen muss. Der Kirchenchor lindert seine Sehnsucht notdürftig. Die Anschaffung eines eigenen Musikschranks für den Genuss von Klassik-Platten ist auch eher Seelenmöblierung als  Befreiungsschlag. Am Ende senkt sich das Brahmsrequiem als bleierne Totenmesse über ihn. Da hat er, der doch "heraus aus allem, was ich muss" fliehen wollte, nicht nur das Erbe des Vaters verflucht und das eigene Glück verpasst, sondern eben auch schon die Existenz des Sohnes verpfuscht.


Theater Erlangen

Willkommen in der Leitkulturgeisterbahn!

von Dieter Stoll

Erlangen, 9. April 2016. Am Abend vorher war im Markgrafentheater nebenan Elina Finkels düstere Tschechow-Inszenierung "Drei Schwestern" mit ihren blitzenden Emotionsausbrüchen über zerrinnende Hoffnung als "Heimatverklärung in vier Akten" vorgestellt worden. Passend zum Saison-Stempel "Heimat", der in der "Garage", der stattlichen Studiobühne des Hauses, bei der Uraufführung der Szenen-Collage "Neuland" gleich wieder zuschlagen konnte. Auch diesmal große Literatur als Basismaterial, nicht unbedingt "hohe", aber die nach wie vor brutale Überraschungen bietende Sammlung der Gebrüder Grimm.


Theater Erlangen

Auf dem Sprung zur Rampen-Predigt

von Dieter Stoll

Erlangen, 16. April 2015. Es gibt zwar ein paar Szenen zu viel, aber deutlich weniger als Blickwinkel in Dea Lohers weit ausholender Schuld-Verschreibung mit dem sarkastischen Erlösungs-Titel "Unschuld". Präzise 19 Skizzen über Gott (in der Tüte) und die Welt, aber darin flippernd ins Unendliche die Querverweise auf die gesellschaftliche Buße von "Konfliktlösung durch Reden". Das schlichte Mosaik, bei dem am Ende ein Bild erkennbar wäre, kann es also auch zwölf Jahre nach der Uraufführung nicht sein. Es sind eher "sechstausend Facetten" – aus denen, so erklärt die blinde Stripperin im Stück heiter, setze eine Fliege ihre beidäugige Weltsicht zusammen. Bei der neuesten Produktion im Erlanger Markgrafentheater mag einem nach knapp drei Stunden Rundlauf durch Schuld und Lossprechung der unkontrollierte Gedanke an ein Kreuzworträtsel mit Rückkoppelung auskommen: Alles hat mit allem zu tun, buchstäblich. Die Inszenierung sollte zupacken, aber sie betrachtet es staunend.


Theater Erlangen

Spiegelei und Blutdusche

von Dieter Stoll

Erlangen, 16. Mai 2014. Am Ende war die Französische Revolution dann also doch vor allem eine Blutdusche. Wenn Danton und seine Kommunarden ihren letzten Gang zum Schafott antreten, dreht der Erlanger Büchner-Regisseur Mario Portmann das rote Brausebad so voll auf, dass noch bei der tropfenden Verbeugung jeder Vampir ein Betthupferl wittert. Derart wild sah es am Anfang gar nicht aus, denn "Dantons Tod" beginnt in dieser Aufführung mit einem eitlen Auftritt des Dichters, der liebevoll den Theatervorhang tätschelt und das Publikum auf die eigene Gedankenfreiheit hinweist: "Ich stell das jetzt mal so in den Raum: Die Revolution ist noch nicht fertig!"


Theater Erlangen

Das Kichern der Gymnasiasten

von Elisabeth Michelbach

Erlangen, 21. Februar 2013. Vor kurzem wurde ich im Regionalexpress Zeugin, wie sich zwei Schüler darüber stritten, ob "Die Leiden des jungen Werther" ein Theaterstück sei oder nicht. Zugegeben, mir huschte ein Pah-die-Jugend-von-heute durch den Kopf. Am Premierenabend in Erlangen kommt mir ein anderer Gedanke: Möglicherweise ist das Theater an dieser Gattungs-Konfusion nicht unschuldig, reist die Wilderei bei der Prosa doch einfach nicht ab. Dabei werden längst nicht nur zeitgenössische Knaller, wie der derzeit unvermeidliche "Tschick" auf die Bühne gebracht, sondern Goethe, Thomas Mann, Tolstoi. Oder eben Kafka, dessen "Prozess" in der Inszenierung von Constanze Kreusch in Erlangen Premiere feierte.


Theater Erlangen

Das frühe Hecheln nach Erfolgalt

von Dieter Stoll

Erlangen, 7. Juli 2012. Die Behauptung, Gegenwartstheater aus gut abgelagerter, gerne auch unter Staubschichten konservierter Literatur recyceln zu können, ist offenbar zum unabwendbaren Spielplan-Schicksal geworden. Ob renommierte Groß-Bühnen oder ambitionierte Häuser in der Provinz, zumindest in der Unverzichtbarkeit von Basismaterial aus den Tiefen der Bibliothek sind sie sich einig.


Theater Erlangen

altWie dem auch sei

von Dieter Stoll

Erlangen, 10. März 2012. Für leicht verspätete Besucher dieser Aufführung führt der Blick auf die Bühne sofort ins zentrale Nervensystem des Spektakels, also umwegfrei direkt zum Aberwitz. Da hat man die erste überwölbende Mahnung "Lebe anständig, denke an das Folgende" verpasst (nicht so schlimm, sie kehrt mehrfach wieder wie das Murmeltier), und auch der Klageruf "Repariere meine Welt!" konnte den mitgebrachten Tiefsinn noch nicht beschwören, aber dafür darf man unbefangen staunen über die groteske Konstellation.

Hinter sommernachtstraumatischer Wald-Tapete verdeckt ein lebensgroßer Plaste-Damhirsch die Projektion des selbstverständlich in Originalfassung laufenden Godard-Films einer Cineasten-Retrospektive. Zufalls-Treffpunkt für das seltsame Paar, das der belgische Dramatiker Paul Pourveur im Zentrum seines schäkernd raunenden Stückes "Shakespeare is dead - get over it!" aufgestellt hat.


Theater Erlangen

Kuckucksuhren aus St. Petersburg

von Matthias Weigel

Erlangen, 24. Juni 2010. Wie viel Theaterpädagogik darf eigentlich in einer professionellen Stadttheaterproduktion stecken? Oder anders gefragt: Wie weit kann sich ein Theaterabend durch den vorangegangenen Prozess rechtfertigen? Und fördert der Wanderlust-Fonds der Kulturstiftung des Bundes nicht einfach nur Selbsterfahrungs-Abenteuer-Trips deutscher Theatermacher?


Theater Erlangen

Der Teufel rutscht den Buckel runter

von Matthias Weigel

Erlangen, 1. Oktober 2009. Man ist geneigt zu sagen, eine neue Intendanz an einem kleinen Stadttheater mit Goethes "Faust" zu eröffnen, sei zumindest gewagt. Denn braucht es nicht einen geübten Rotstift, eingeführte Schauspiel-Titanen und das volle Vertrauen des Publikums, um sich so respektlos wie ironisch über den Text herzumachen, wie es heutzutage schon sein muss?


Theater Erlangen

Laues Lüftchen im Putten-Barock

von Bernd Noack

Erlangen, 18. Juni 2009. Das Theater an sich ist ja schon öfters in schwere See geraten. Und als Insel der Glück-seligen wird es auch kaum jemand guten Gewissens bezeichnen. Auf derart kreuz-schräge Plattitüden muß man erst einmal kommen! Schuld daran ist der Regisseur Malte Kreutzfeldt. Denn der hat sich wahrscheinlich tat­sächlich irgendetwas gedacht als er den Entschluß fasste, in Erlangen Shakespeares "Sturm" einmal ganz anders anzugehen als ihn andere schon vor ihm immer anders gemacht haben.


Theater Erlangen

Aus dem Nähkästchen der 68er

von Georg Kasch

Erlangen, 16. Oktober 2008. RAF? Hat hier mal wieder jemand die RAF gesehen? Das 68er-Gedenkjahr neigt sich dem Ende zu, und mit der Diskussion um den "Baader-Meinhof-Komplex" scheint endlich alles zerredet, was bei diesem Kapitel der deutschen Geschichte zerredet werden kann. Da erstaunt es, dass das Theater Erlangen mit seiner Uraufführung "Die Reise", einer Bühnenbearbeitung von Bernward Vespers autobiographischem Romanessay, einen Nachschlag austeilt.


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