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archiv » Renaissance Theater Berlin (9)
Renaissance Theater Berlin

Casa Kollo

von Wolfgang Behrens

Berlin, 22. Juni 2016. An einem Stand seitlich neben dem Festspielhaus steht der Weltstar René Kollo und signiert Bücher. Das heißt, er würde Bücher signieren, wenn jemand da wäre, der Bücher signiert haben wollte. Es ist aber keiner da. Ein Unentwegter nur hat sich eingefunden, der Kollo vielleicht sogar ein Buch abgekauft und ihm eine Widmung abgenötigt hat. Jetzt aber, gegen Ende dieser Pause der Bayreuther "Tannhäuser"-Premiere, redet er auf den Sänger ein, und es ist schwer zu beurteilen, ob Kollo genervt ist oder doch froh, dass wenigstens dieser eine gekommen ist.


Renaissance Theater Berlin

In Fafners Höhle

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. Oktober 2015. Die Geschichte seines Vaters sei, so sagt es Cornelius Gurlitt in "Entartete Kunst" einmal, "eine tragische Geschichte von epischen Dimensionen." Und, ja, Hildebrand Gurlitt, das ist in der Tat eine Figur von epischer Größe – weniger wegen der Tragik seiner Geschichte als vielmehr wegen des moralischen Zwielichts, in das sie getaucht ist: ein erfolgreicher Museumsdirektor, der 1933 wegen seines Einsatzes für die moderne Kunst und wegen einer jüdischen Großmutter von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt wurde; in der Folge ein Kunsthändler, der unter der Hand weiter mit der als "entartet" eingestuften Kunst Geschäfte macht; einer, der sich schließlich – trotz des jüdischen Anteils in der Familie – dem Regime anzudienen versteht, in dessen Auftrag beschlagnahmte Kunst verkauft, alsbald sogar als Einkäufer für das geplante Linzer "Führermuseum" in Frankreich unterwegs ist – und nebenbei jede Menge Raubkunst auf die Seite schafft. Um sie zu bewahren? Um sie – wie es nach dem Krieg, da er in Ehren wieder als Museumsleiter eingesetzt wird, weit eher aussieht – einfach für sich selbst zu behalten?


Renaissance Theater Berlin

Zum Glück sind da die Monster

von André Mumot

Berlin, 5. Oktober 2014. "Ich bin nicht darstellbar!", verkündet Margot Honecker an diesem Abend kategorisch. "Ich finde, es müsste ein Gesetz geben, dass man Frau Margot nicht darstellen darf!" Ist natürlich Quatsch, denn genau darum geht es ja gerade in Theresia Walsers 2013 in Mannheim uraufgeführtem Stück: dass man drei Schauspielerinnen ins historische Kostüm steckt und ihnen freudvolles Imitieren ermöglicht. Zu diesem Zweck werden die drei notorischen Diktatorengattinnen Imelda Marcos, Leila Ben-Ali und eben Margot Honecker bei einer Pressekonferenz zusammengeführt, in der sie über die Verfilmungen ihres Lebens sprechen und ganz nebenbei ihre unbelehrbare Verdorbenheit zu Protokoll geben sollen.


Renaissance Theater Berlin

Altjüngferliche Stiefsohnliebe

von Georg Kasch

Berlin, 30. Januar 2013. Für diesen genervten Blick gibt's zustimmendes, erleichtertes Gelächter aus dem Publikum: Önone rollt die Augen, ihr Mund zuckt spöttisch. Schließlich hat sie's nicht leicht mit ihrer Herrin Phädra, die eben ihrem Stiefsohn ihre sie innerlich verzehrende Liebe gestanden hat, und nun, da dieses Bekenntnis offensichtlich nicht so gut ankam, so lange grübelt, bis ihr ein Grund für seine Zurückweisung eingefallen ist: War der Junge vielleicht überfordert, weil er noch keine Erfahrung mit Frauen hatte?


Renaissance Theater Berlin
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Papiergespenster und ein strahlender Autor

von Simone Kaempf

Berlin, 8. Januar 2012. Die Regietheaterfrage entfaltet sich an diesem Abend an Heikko Deutschmanns deutlich ergrauten Achselhaaren. Sind die etwa gefärbt? Man hängt sich ja gerne an solche Details, wenn der Zugriff auf der Bühne wenig zu bieten hat, aber immerhin die Hauptfigur – der verkrachte Wissenschaftler, der seine besten Zeiten hinter sich hat – im Unterhemd noch bella figura macht.


Renaissance Theater Berlin
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Seehund spielen

von Matthias Weigel

Berlin, 3. Februar 2011. Alles deutet darauf hin, dass es ein glanzvoller Schauspielertheaterabend werden könnte: Ben Becker und David Bennent, Gerd Böckmann und Angela Schmid spielen am Berliner Renaissance Theater die Hauptrollen im Stück "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O'Neill. In der Familien-Krisen-Geschichte, die sich innerhalb eines Tages abspielt, finden sich die Charaktere der labilen, morphinsüchtigen Mutter, die sich darüber selbst belügt, ein materialistischer "Schmierenkomödianten"-Vater, ein moralistisches, kränkelndes Muttersöhnchen sowie sein schwarzschafiger großer Bruder, Trinker und Bordellbesucher ( – dazu als Hausmädchen Kira Primke).


Renaissance Theater Berlin

Wir werden alt

von Nikolaus Merck

Berlin, 24. November 2010. In der vierten (von fünf) Szenen von Lutz Hübners "Blütenträume" im Berliner Renaissance Theater umklammert der pensionierte Schuldirektor Friedrich die Immobilienmaklerin Julia und reibt seinen Schoß an ihrem Hintern. Friedrichs Lust auf die 20 Jahre Jüngere lässt sich nicht beirren, weder durch die Vorwürfe der gewesenen Bibliothekarin Britta, die ihn als "sexistischen Erotomanen" apostrophiert (um im nächsten Moment in einer Ecke ihren Mund auf seinen zu pressen), noch durch Friedas Bericht von ihrem Professorengatten, der zuletzt von Alzheimer umnachtet die Wände mit Scheiße beschmierte. Darüber lacht Friedrich nur meckernd, grausam.


Renaissance Theater Berlin

Das Geräusch gewordene Als-Ob

von Nikolaus Merck

Berlin, 24. Januar 2010. Großer Prominenten-Auflauf im Holzgetäfelten am Reuter-Platz. Der Regiermeister Wowereit ist da, diverse Fernseh-Zelebritäten, Vorabend und Hauptprogramm, mit bleckendem Gebiss und ohne. Die Lise möchte gleich wieder nach Hause. Aber vor die Rückkehr in die warme Höhle – schon der Gang über die Straße lässt im tiefgekühlten Berlin Mark und Bein erfrieren – sind im intarsienverzierten Renaissance Theater 33 Variationen über die Schauspielkunst gesetzt.


Renaissance Theater Berlin

Komisches Unkraut vergeht nicht

von Wolfgang Behrens

Berlin, 13. Dezember 2008. 15:50 Uhr. Heute Abend also Boulevard. Auch wenn Peter von Becker schon 1987 in "Theater heute" schrieb, dass Alan Ayckbourn ein "längst über den Boulevard hinausgewachsener Dramatiker" sei. Na gut, aber das Stück "Frohe Feste" ist von 1972! Und von mir aus: Dann ist es eben gehobener Boulevard …


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