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archiv » Ballhaus Naunynstraße Berlin (15)
Ballhaus Naunynstraße Berlin

Die kleinste gemeinsame Benimmregel

von Gabi Hift

Berlin, 8. November 2016. Einerseits – sind das vier extrem sympathische Menschen. Wie sie da an einem langen Tisch einträchtig schnippeln, filetieren und mischen – eine Italienerin, eine Japanerin, ein Grieche und ein Syrer, das ist ein schönes Bild. Andererseits – kennen wir das nicht von irgendwo, diese ruhige Heiterkeit bei Tisch? Dieses: "Beim Essen wird nicht gestritten! Da wollen wir's nett haben miteinander"?


Ballhaus Naunynstraße Berlin

Die elitäre Revolution

von Janis El-Bira

Berlin, 1. Juli 2016. Die Kunst wird ja dort schnell öde, wo sie sich vom Stellen der richtigen Fragen aufs Geben der richtigen Antworten verlagert. Nun ist "Sesperado – Revolution of Color" am Ballhaus Naunynstraße zwar sicherlich kein öder Abend, aber die kräftigen Aussagesätze liegen auch ihm eindeutig mehr. Hierzu zählen: Dass die Frage "Wo kommst du her?" an eine Person of Color zumeist die eigentlichen Implikationen des Fragenden verschleiert und mithin in maligner Absicht gestellt wird. Dass die öffentlichen Diskurse um Demokratie und Toleranz in einer Weise geführt werden, die einzig der Sicherung einer weißen Vorherrschaft dient. Dass weißen Professorinnen, die sich mit "interkultureller Kompetenz" befassen, qua unbelasteter Biographie jede fachliche Eignung abgeht. Dass "Rassismus nicht nur bedeutet, auf der Straße 'Scheiß Kanake!' zu brüllen", sondern auch im Privaten allgegenwärtig ist. Dass alle bessere Menschen würden, läsen sie doch nur Frantz Fanon und Michel Foucault.


Ballhaus Naunynstraße Berlin

Keinen Pfennig wert

von Georg Kasch

Berlin, 25. November 2015. Die Trümmer von Aleppo sind der wunde Fluchtpunkt, auf den dieser Abend zusteuert. Eine Kamera gleitet unter Hubschraubergetrommel über die Ruinen, in denen ein Balkongitter oder eine halbe Fassade erahnen lassen, dass Aleppo mal eine schöne, lebenswerte Stadt gewesen sein muss. Jetzt erinnern die Bilder an die vergilbten Aufnahmen von Berlin 1945 – eine Stadt, in der man vielleicht noch irgendwie hausen kann. Aber leben?


Ballhaus Naunynstraße Berlin

Wenn das Herz schimmelt

von Christian Rakow

Berlin, 19. Februar 2015. Es gibt Sätze, die stehen so aufrecht und fest, so alt und doch so kraftvoll wie ein bejahrter Lebensbaum, die könnten sowohl in einen Tschechowschen Kirschgarten als auch in den abgerockten Görlitzer Park im Berlin von Heute passen. Solche wie sie Susanne ihrem Sohn im Brief schreibt: "Pass' immer gut auf Deine Hoffnung auf. Noch hast Du welche. (...) Ich hoffe für Dich, dass Deine Hoffnung erst dann stirbt, wenn auch Du stirbst." Es sind schlichte Sätze, immergrüne Sehnsuchtsformeln, meinetwegen. Aber in dem Moment, da sie gesprochen werden, künden sie von einem ganzen Leben, beschwören sie den Spross der Hoffnung in der Zeit des Welkens.


Ballhaus Naunynstraße Berlin

Die absolute Durchschnittlichkeit

von Eva Biringer

Berlin, 7. Mai 2014. Vergangenes Wochenende war wieder Gallery Weekend in Berlin. Einmal im Jahr ziehen schrille Gestalten von Artspace zu Artspace, unter dem Deckmantel der bildenden Kunst, aber eigentlich nur auf Freigetränke hoffend. Ein paar derjenigen, die den Absprung zur nächsten Messe nach New York nicht geschafft haben, sind offenbar auf der Bühne des Ballhaus Naunynstraße gelandet. Einer von ihnen ist Mäzen, die anderen sind Künstler, wobei deren Überzahl den realen Zustand widerspiegelt: Über 20.000 kreative Seelen in dieser Stadt, und jede hält sich für einzigartig.


Ballhaus Naunynstraße Berlin

Deutsche Tugenden

von Eva Biringer

Berlin, 9. April 2014. Der Supermann von heute trägt Anzug, Krawatte und schwarze Lederschuhe. Sechs Vertreter dieser Spezies stehen auf der Bühne des Ballhaus Naunynstraße, von deren Decke unzählige Glühbirnen in unterschiedlicher Höhe baumeln, mal gedimmt, mal strahlend hell (Bühne: Robert Schweer). Einer der Männer stimmt eine Melodie auf dem Flügel an, woraufhin die anderen inbrünstig singen, allerdings kreuz und quer, ein jeder sozusagen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Hätte der Pianist François Régis nicht beide Hände auf seinem Instrument, er würde sie über dem Kopf zusammenschlagen. Stattdessen nimmt er einen Schluck aus der Whiskeyflasche und zeigt sich zuversichtlich. Was nicht ist, kann ja noch werden!


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Schutzraum WG-Küche

von Esther Slevogt

Berlin, 24. September 2013. Da wären zum Beispiel Fragen wie diese: Ein Mitglied der Kreuzberger Wohngemeinschaft, von der das Stück handelt und in deren Wohnküche es wesentlich spielt, ist gestorben. Sein Herz blieb scheinbar plötzlich stehen. Nun wird ein Nachfolger gesucht von den vier Hinterbliebenen der WG-Family. Auch ein gewisser Flori, Kommilitone von Mitbewohnerin Joy, steht zur Debatte. Doch da gibt es ein Problem.


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Jenseits der Ausländerklausel

von Hartmut Krug

Berlin, 10. Mai 2013. Eben noch konnte man im Garten des Ballhauses eine echte "Stadionwurst" am Grillstand essen und im Vorraum des Theaters ein liebenswert ungelenkes Lied über die "Großen Krieger" hören, die vom Erfolg zum Misserfolg abstiegen. Von altem Glanz und neuem Aufsichtsrat wurde gesungen, und davon, dass viele Geschichten zu erzählen seien. Wenn man sich dann in den kleinen Theaterraum drängt, muss man durch den wildesten Schlamassel hindurch.


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Wir sind die Guten!

Von Mounia Meiborg

Berlin, 23. November 2012. Manche Menschen gehen zum Entspannen in die Sauna. Andere beruhigt es, wenn sie ihre eigene Meinung bestätigt bekommen: In Leitartikeln von Autoren, die dieselbe Partei wählen. In Gesprächen mit Freunden, die ein ähnliches Einkommen haben und eine ähnliche Frisur tragen. Und in Clubs, wo alle dasselbe Bier trinken.


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Winterreise ohne Passkontrolle

von Esther Slevogt

Berlin, 16. September 2012. Die berühmte angerissene Quinte, die Franz Schuberts Lied vom "Leiermann" einleitet, ist schon früh zu hören. Unvermittelt und abrupt, sodass man erst den eigenen Ohren nicht ganz traut und weiter der abgründigen Schwermut der türkischen Liebeslieder folgt, die hier immer wieder die Spielhandlung unterbrechen und in denen man erleben kann, wie fünf Menschen vergeblich versuchen, einander zu begegnen.


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Tausendundeine Nacht auf Speed

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 19. Juni 2012. Sie hätten uns die Tür zu einer Geschichte geöffnet – ob und wie wir sie wieder schließen könnten, das müssten wir jetzt selbst sehen, verabschieden sich die beiden Männer in Arztkitteln vom Publikum.


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altDie zugehörig Heimatlosen

von Esther Slevogt

Berlin, 25. April 2012. Wie könnte man wohl die Liebe definieren in unseren bezugslosen Zeiten? Die junge Frau, Thea heißt sie, versucht es: Wenn man zum Beispiel darum kämpft, gemeinsam am selben Ort leben zu können. Wenn man seinen Beruf vernachlässigt, um den Kampf gegen die Behörden aufnehmen zu können, gegen Zuzugsregelungen und Ausländergesetze. Kraft und Ausdauer für einen zähen Papier- und Telefonkrieg hat. Ob die Bereitschaft dazu vorhanden ist, daran misst Thea die Liebe, auch ihre Liebe zu ihrem Freund Filip und dem neugeborenen Sohn.


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Warum sind die Türken so uncool?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 3. September 2011. "50 Jahre Scheinehe" feiert das Ballhaus Naunynstraße, das selbst ernannte postmigrantische Theater, noch bis Ende Oktober – bedeutet: 50 Jahre Gastarbeiter-Anwerbeabkommen mit der Türkei. Die, die Anfang der sechziger Jahre im Zuge dieses Abkommens aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind und dann, meistens wider Erwarten, geblieben sind, das ist die erste Generation. Nach dieser Rechnung haben wir es bei den heutigen Heranwachsenden, für die der "Migrationshintergrund" erfunden worden ist, mit der dritten Generation zu tun.


Ballhaus Naunynstraße Berlin

Und Wirrnis wird sein auf Erden

von Dirk Pilz

Berlin, 7. Oktober 2010. Das soll jetzt aber kein Beitrag zur Religionsdebatte sein, oder? Dann nämlich böte dieser Abend reichlich Anlass, in Depressionen zu verfallen, so erschütternd grobschlächtig und, sorry, naiv wie er ist.


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Türken, Tomaten und Theater

Von Mounia Meiborg

Berlin, 13. Dezember 2008. Die Parallelgesellschaft ist in Berlin-Kreuzberg nur ein paar Schritte von den hippen Cafés der Oranienstraße entfernt. Da ist die türkische Bäckerei an der Ecke zur Naunynstraße, die immer bis drei Uhr nachts geöffnet hat, weil die Frauen warten, bis ihre Männer in der Kneipe nebenan mit dem Kartenspielen fertig sind. Da sind die Jugendlichen, die mit düsterer Miene in den Hauseingängen herumstehen und auf das Pflaster spucken – wenn sie schon keine Gangster sind, wollen sie doch wenigstens so wirken. Und da ist das Kulturzentrum Naunynritze, das versucht, genau diese Jugendlichen für andere Dinge zu begeistern, zum Beispiel für Kunst.


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