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archiv » Anhaltisches Theater Dessau (16)
Anhaltisches Theater Dessau

Überall ist Belgrad

von Wolfgang Behrens

Dessau, 2. April 2016. Im Großen Haus des Anhaltischen Theaters zeigen sie an diesem Abend Charlie Chaplins Film "Goldrausch" mit Live-Orchester-Begleitung. Das ist naturgemäß ein großes Ereignis für Dessaus Kulturgesellschaft, und dem Vernehmen nach gibt es am Ende stehende Ovationen für die Anhaltische Philharmonie. Ein paar Versprengte haben sich trotzdem zur Premiere in der Nebenspielstätte im Alten Theater eingefunden, zwar bei weitem nicht genug, um die 100 Plätze der dortigen Bühne zu füllen, aber immerhin.


Anhaltisches Theater Dessau

Steh auf, wenn du am Boden bist

von Wolfgang Behrens

Dessau, 20. März 2015. In großen Lettern prangt es an der Fassade des Anhaltischen Theaters: "Mich ergeben! Auf Gnad & Ungnad! Mit wem redet Ihr?" Man weiß natürlich, dass dies ein Zitat aus dem "Götz von Berlichingen" ist – es sind sogar die einleitenden Worte zu dem "Götz"-Zitat –, doch man kommt nicht umhin, es auf André Bücker, den Noch-Intendanten des Dessauer Theaters, zu beziehen. Was hat dieser Mann um sein von den Unbilden der Kulturpolitik gebeuteltes Theater gekämpft, bis man sich seiner nur noch zu erwehren vermochte, indem man seinen Vertrag nicht verlängerte. Ergeben aber hätte er sich nie, ha! Mit wem redet Ihr?


Anhaltisches Theater Dessau

Artists in Resistance

von Matthias Schmidt

Dessau, 22. Februar 2014. Irgendwann ist das Maß einfach voll, dann reicht's, dann platzt jemandem der Kragen. In Dessau ist es Kantinenwirtin Karin. Als ein Vertreter der Landesregierung aus Magdeburg durch Karins Beritt schreitet, nach Sparpotential suchend und unermüdlich von einem kranken System faselnd, in das er nicht mehr investieren wolle, weshalb er leider in Dessau Ballett und Schauspiel schließen müsse, bellt sie ihn an: "Hier habe ich das Sagen, und wenn Sie nicht sofort meine Schauspieler in Ruhe lassen, dann hole ich Sie hier in die Küche, da können Sie mal Kartoffeln schälen!"


Anhaltisches Theater Dessau

Tauziehen über der Schlucht

von Ute Grundmann

Dessau, 14. Dezember 2013. Wenn der Alte mal wieder von seinen Heldentaten im Spanischen Bürgerkrieg erzählt, rollen die Jungen bloß noch mit den Augen. Das alte Lied kennen sie schon aus dem Kindergarten. Sie aber wollen ihre eigene(n) Geschichte(n) erleben, wollen ihren Platz im Leben und in einem Staat finden, den die Alten hinter einer Mauer eingeschlossen haben. Das ist eine der prägnanteren Szenen in einem Stück, das das Dessauer Publikum per Wahlzettel auf den Spielplan des Anhaltischen Theaters setzte: Thomas Braschs "Vor den Vätern sterben die Söhne" hatte in der kleinen Spielstätte, dem Alten Theater, Premiere.


Anhaltisches Theater Dessau

Bauhaus inmitten italienischer Sehnsucht

von Hartmut Krug

Dessau-Wörlitz, 12. Juli 2013. Der Spielort auf der künstlichen Insel "Stein" am östlichen Ausläufer des Wörlitzer Sees im Gartenreich Dessau-Wörlitz ist eine mit manch Bedeutung behaftete Idylle. Hier ließ Fürst von Anhalt-Dessau sein Sehnsuchtsbild von Neapel mit künstlichem Vulkan und der klassizistischen Villa Hamilton erbauen, und das kleine Amphitheater auf der Insel eröffnete er 1794 mit Goethes "Iphigenie auf Tauris". Natürlich hat auch der Dichter den Fürsten und das Gartenreich besucht. Wer jetzt die Iphigenie-Inszenierung des Anhaltischen Theaters Dessau im von Felsen und Baumwerk malerisch umhegten Amphitheater besucht, muss diese Hintergründe nicht kennen. Allenfalls für die bildungsbeflissene Vermarktung spielen sie eine Rolle.


Anhaltisches Theater Dessau

"Halt die Klappe, Erich!"

von Matthias Schmidt

Dessau, 28. Juni 2013. Knapp 5 Jahre ist es her, dass das Alte Theater Dessau neu eröffnet wurde, aber irgendwie riecht es, wenn man die Treppen zur Studiobühne hinaufgeht, immer noch nach "neu", nach "renoviert", nach "hat die  Zukunft vor sich". Wollen wir hoffen, dass dieser Geruch nicht täuscht, angesichts der tolldreisten Sparideen der Machtmänner aus Magdeburg. Dessau soll 2,9 Millionen Euro Landesförderung verlieren, ab 2014! Absurd ist das. Die Bedeutung der Theater für Städte wie Dessau wollen oder können diese Politiker offenbar nicht verstehen. In Dessau-Roßlau hat man die Zeichen verstanden: mehr als 2000 Menschen haben gestern Mittag Pflöcke eingeschlagen, Anker ausgeworfen und ihr Theater mit Seilen festgezurrt. Wasser unterm Kiel möchte man den Elbestädtern nicht wünschen, aber dies: dass die Seile halten mögen.


Anhaltisches Theater Dessau

Visionär im Räderwerk

von Ralph Gambihler

Dessau, 23. Februar 2013. Hugo Junkers (1859-1935) war als Ingenieur ebenso genial wie flexibel. Er perfektionierte den Gasbadeofen und beglückte die Menschheit mit der Erfindung des Durchlauferhitzers. Er revolutionierte den Flugzeugbau, indem er den Metallflügel entwickelte und bald ganze Flugzeuge aus Metallkörpern herstellte. Nebenbei gründete er eine Fluggesellschaft, die später in der Lufthansa aufging. Gegen Ende seines Lebens, nach Teilenteignung und Verbannung ins bayerische Exil, machte er einfach weiter – mit Metallhausbau.


Anhaltisches Theater Dessau

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Immobiliengeschäfte in Transsilvanien

von Tobias Prüwer

Dessau, 8. Juni 2012. Bram Stokers Blutrausch um bittere Liebe und süßen Tod ist in etlichen Versionen zu haben, auch auf der Bühne. Regisseurin Astrid Griesbach ließ sich von der Vielfalt weder schrecken noch beeindrucken und legte in Dessau-Roßlau einen herrlich unverkitschten "Dracula" hin. Ganz frei nach der Romanvorlage hat die künstlerische Leiterin des Berliner Theaters des Lachens den Schauerstoff als Figuren- und Schattentheater zu einem fantastischen Kinderstück umgemünzt.


Anhaltisches Theater Dessau
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Singen und springen durch das zerbröselnde Dänemark

von Matthias Schmidt

Dessau, 14. Oktober 2011. Die gute Nachricht: In diesem "Hamlet" wird so ziemlich alles geboten, wofür man das Theater lieben kann: Leidenschaft und Leichtigkeit, Ernst und Ironie, wunderbare Livemusik und packende Kampfszenen, texttreuer Shakespeare (in der lebhaften Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch) und humorvolle Ausbrüche daraus.


Anhaltisches Theater Dessau
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Mit Ödipus gegen die Ödnis

von Matthias Schmidt

Dessau, 24. Juni 2011. Das neue "Alte Theater" von Dessau hat es nicht leicht. Ein Zweckbau, wie ihn Stadtplaner sich gerne für fröhliche Arbeitsämter aufschwatzen lassen, in die man als "Kunde" dann gerne gehen soll. Man kann das originell nennen, freundlich und farbenfroh, wie es ist, bauhauseckig und doch kein Würfel. Genau genommen aber kann man es auch als folgerichtige Rückseite des "Rathaus-Centers" verstehen, der benachbarten Shopping Mall.


Anhaltisches Theater Dessau
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Zum Körperdrama umgedachter Seelenkampf

von Ralph Gambihler

Dessau, 15. April 2011. Dieser Woyzeck muss schwitzen. Er schwitzt und schwitzt, ohne Unterbrechung. Vom hastigen Bretteraufschlagen der ersten Minuten, das ihm bereits die Stirn mit Schweißperlen netzt, über die Jahrmarktszenen, in denen Woyzeck als billige Attraktion im Affenkostüm verspottet wird, bis zu dem Moment, in dem er Marie das Messer in den Bauch rammt, dumpf und mechanisch und viel zu oft, rinnt ihm das Wasser aus allen Poren. Der Schweiß ist sein Stigma und das Symbol seiner inneren Not. Bildhaft mischt er sich in der Tötungsszene mit dem Blut seiner Geliebten. Die Wahrheit ist konkret, besagt ein alter Satz. Hier ist sie körperlich. Konkreter geht es nicht.


Anhaltisches Theater Dessau
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Rollende Rubel

von Ute Grundmann

Dessau, 21. Januar 2011. Töchterchen Lydia will shoppen, will iPod und iMac, will Autos und Pferde – wo das Geld dafür herkommt, darüber soll sich Mutter Nadia einen Kopf machen. Zur Not muss eben – da sind sich Mutter und Tochter ausnahmsweise mal einig – ein reicher Ehemann her, der das schöne Leben bezahlt, aber ansonsten nicht weiter auffällt. Das ist der Kern der Komödie "Tolles Geld" von Aleksandar Nikolajewitsch Ostrowski, der hier 1870 verarmten russischen Adel gegen aufstrebendes Unternehmertum stellte.


Anhaltisches Theater Dessau

Ein kaputtes Feuerzeug rettet die Welt

von Hartmut Krug

Dessau, 15. Oktober 2010. Zwischen Straßenlaterne und beinlosem Klavier flüstert es "Sein oder Nichtsein", und der Mann, der dem hereinströmenden Publikum zugeschaut hat, schießt mit seiner schallgedämpften Pistole in den Souffleurkasten. Dann tritt dieser Verbrecher als dramaturgische Konzeptfigur an die Rampe und uns nahe: was ist ein Verbrechen, fragt er. Wie der Schauspieler Thorsten Köhler hier Zuschauer einzeln anspricht und anmacht und dabei das gewollte Ergebnis herausbekommt (Verbrechen ist relativ in unserer Zeit des Relativismus), das besitzt Witz und Souveränität.


Anhaltisches Theater Dessau

Vom Heim ins eigene Heim, doch Entfremdung bleibt

von Hartmut Krug

Dessau, 7. Mai 2010. Sie scheinen vergessen, die in den Achtziger Jahren entstandenen Stücke des 1990 verstorbenen "DDR-Autors" Georg Seidel. Der poetische Realist Seidel entwickelte Gesellschaftsparabeln von sprachlich sperriger Schönheit, die in den Erfahrungen des realen Sozialismus wurzelten, aber in ihrer schmerzvoll wütenden Auseinandersetzung mit ihm hinauswuchsen in eine Durchleuchtung allgemeiner gesellschaftlicher Verhaltensweisen.


Anhaltisches Theater Dessau

Verbotene Liebe

von Ute Grundmann

Dessau, 29. Januar 2010. Zwei Wohnzimmer, in denen der Fernseher läuft. Nach den Wortfetzen zu schließen, ist es eine Krimireihe ("Twin Peaks"), die in beiden Räumen geschaut wird. Doch im linken der parallel gebauten Zimmer steht ein Sarg, trauert eine Familie eher mäßig beim Konsum von Fernsehen und Torte.


Anhaltisches Theater Dessau

Eine Art Ost-Botho-Strauß

von Hartmut Krug

Dessau, 2. Oktober 2009. Das Büro ist winzig: nur Tisch und Stuhl, davor eine Batterie von Lautsprechern. Von der Wand strahlen van Goghs Sonnenblumen und auf einem Wandbrett lässt eine revolutionäre Tischfigur die französische Fahne leuchten. Die Chefin der internationalen Jugendherberge in Kühlungsborn klemmt sich hinter ihren Schreibtisch, nutzt das jubelnd hochgereckte Gewehr der Figur als Brieföffner und resümiert über ihr Leben und ihre Arbeit. Dabei befreit sich Ursula Werner aus verdruckster Verlegenheit in scheinbar fröhliche Zufriedenheit.


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