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archiv » Theater Ingolstadt (12)
Theater Ingolstadt

Wunde Seelen mit hoher Sprache

von Christian Muggenthaler

Ingolstadt, 3. Dezember 2016. Zwischen Schwarz und Weiß passt jede Menge Grau. Grau sind diese Staatsleute, die sich zwischen die weißgewandete englische Königin Elisabeth und deren schottisches Pendant Maria in schwarzem Habitus schieben, gräulich verfärben sich ihre Seelen im Umgang mit der Macht, Grausamkeit heißt ihre Staatsraison. Das Bunteste an Hansgünther Heymes Inszenierung von Friedrich Schillers "Maria Stuart" am Stadttheater Ingolstadt sind noch die Fahnen, die von der Decke hängen, die britische, schottische, walisische, aber auch die sind längst ausgefranst und verdreckt. Heyme, der neben der Regie auch gleich die Ausstattung besorgt hat, hat dem Schillerschen Trauerspiel nichts Dekoratives angehängt, bleibt stattdessen klassisch-puristisch-streng. Es gibt Text. Nur Text. Nichts als Text. Eine Befreiung.


Theater Ingolstadt

Das beste Orchester der UdSSR kommt aus Bayern

von Willibald Spatz

Ingolstadt, 16. November 2016. Es gibt Dinge, von denen man nichts weiß, obwohl sie in der unmittelbaren Nähe existieren. Und plötzlich erfährt man von ihnen, und sie sind eine kurze Zeitlang unheimlich wichtig. In Ingolstadt gibt es seit über 25 Jahren ein georgisches Kammerorchester, das über die Stadt hinaus bekannt ist. Aber kaum einer weiß, warum es einen solchen Klangkörper in Bayern gibt.


Theater Ingolstadt

Ein Islam, der sich gewaschen hat

von Christian Muggenthaler

Ingolstadt, 13. Mai 2016. Nur weil manche Dinge möglicherweise banal klingen könnten, verlieren sie deshalb noch lange nicht an Wahrhaftigkeit. Weshalb also gern und nach dem Ingolstädter Theaterabend auch zwangsläufig als grundlegendes Notat gilt: "Den Islam" gibt es nicht. Für ihn gilt, was für jedes Konglomerat von Menschen gilt: Er setzt sich zusammen aus Individuen, mit ihren einzigartigen Schicksalen, mit ihrer Liebesfähigkeit, mit ihrer Grausamkeit, ihrem Leid, mit ihren je eigenen guten oder schlechten Gründen, etwas zu tun oder zu lassen. Genau darum geht es in Rayhanas Stück "In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich": um die Individualität und Unterschiedlichkeit einiger Frauen in einem Hamam in Algier, in einer Badeanstalt also.


Theater Ingolstadt

Bilder-Puzzle am Rande der Wahnwelt

von Christian Muggenthaler

Ingolstadt, 6. Dezember 2014. Zügig zeigt sich, wo die Reise hingeht in diesem "Hamlet": Hinein in ein dichtes Feld der Assoziationen, der Textcollage, der neu zusammengestellten Zusammenhänge und Sinnbezüge. An einer Art Regietisch, auf dem allerlei technisches Gerät versammelt ist, reißt Denise Matthey Wortfetzen aus Zeitungen und Zetteln und reiht sie neu aneinander. Eine Kamera überträgt die Ergebnisse ihres Tuns auf die groß dimensionierte Projektionsfläche im Bühnenzentrum, bis zuletzt, garniert mit einer ins Bild geschobenen Pistole, die den Abend prägende, zentrale Frage fett vor aller Augen stellt: Was können wir tun?


Theater Ingolstadt

Zeit der Füchse

von Willibald Spatz

Ingolstadt, 18. Oktober 2014. Mit "Foxfinder" hat die Autorin Dawn King einen Hit geschrieben. Das Stück spielt in keinem bestimmten Land zu keiner bestimmten Zeit und lässt gerade daduch Deutungsspielraum; es weist ebenso parabelhaft auf zeitgenössische Überwachungsstaatstendenzen wie auf Ängste, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Es zeigt, wie die Möglichkeit, nur ein wenig Macht über einen Mitmenschen zu gewinnen, ein faschistisches System stützen kann, wie Aberglaube in der Lage ist, eine technokratische Welt ins Chaos zu stürzen, und wie der Mensch seinem Mitmenschen ein Wolf oder besser: ein Fuchs sein kann.


Theater Ingolstadt

Rebellen des Glücks

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 8. Dezember 2013. Irgendwo zwischen der Occupy-Bewegung und einer Hippie-Kommune, in der Lieder zu Gitarre gesungen und plastiktütenweise gesunde Äpfel gegessen werden, liegt dieser Ardenner Wald, in dem sich Shakespeares höfische Aussteigergesellschaft zusammenfindet. Denn Regisseur Donald Berkenhoff hat in "Wie es euch gefällt" nicht nur die aberwitzigen Gefühlsverwirrungen durch Geschlechtertausch und die grassierende Liebesepidemie im Blick. Er fragt auch nach der Utopie einer "Republic of Happiness", in der jeder eine neue Chance hat, seine alte Rolle als Mann oder Frau, Herzog oder Schäfer abzustreifen, sich neu zu erfinden und das Glück abseits der wenig liberalen zivilisatorischen Vorgaben zu suchen.


Theater Ingolstadt

An der Literatur- und Männerfront

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 5. Oktober 2013. Mit Metzgermesser, Klytämnestra-Axt und Lebensgier lässt Johann Kresnik Marieluise Fleißer an der literarischen Männerfront kämpfen. Zum bayerischen Defiliermarsch schlagen die Fleißer und ihr tänzerisches Alter ego alptraumhaft aus dem Boden gewachsene Bertolt-Brecht-Büsten mit einem Beil kaputt. Pflastersteine knallen lautstark auf die Plattform, unter die sich die dem Tode nahe Fleißer geflüchtet hat. Als humpelnder Greis tritt Roelle aus ihrem Stück "Fegefeuer in Ingolstadt" auf, als leibhaftiges Vorbild der märtyrersüchtigen Außenseiterfigur. Ein  berührendes Bild, das eine Lebensliebe andeutet? Nicht bei Kresnik. Der alte Mann kastriert sich und wirft der Fleißer seinen blutigen Penis vor die Füße. "Alles nur Theater", sagt er dann.


Theater Ingolstadt

Familienleben im Flashback

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 8. Dezember 2012. Ein Kinderschuh, eine leere Urne, ein Hut, Postkarten eines Vaters an seinen Sohn, eine englische Ausgabe von Diderots Enzyklopädie – eine Kiste mit Erinnerungsstücken erbt der Urenkel, doch niemand weiß mehr, welche Geschichte sich in diesen Dingen verbirgt.


Theater Ingolstadt

altDie Empfindsamkeit der Mörder

von Steffen Becker

Ingolstadt, 4. April 2012. Die Kälte kriecht das Bein hoch und in die Seele hinein. Die Mauern des Ingolstädter Festungsbau Turm Triva wehren den Frühlingsabend ab, "Das Monster weint" von Regisseurin Kathrin Mädler drückt an diesem Spielort tonnenschwer aufs Gemüt. Mädler kombiniert die Aufzeichnungen des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß mit Ausschnitten aus Mary Shelleys "Frankenstein"-Roman. Dessen Labor könnte man sich in den Katakomben gut vorstellen, zumal sich die Romanfigur Victor von Frankenstein an der Ingolstädter Universität die Inspiration für sein Spiel mit dem Leben holte – der schmutzig-weiße Bombenbunker-Putz im Turm passt zur Assoziation heimlicher medizinischer Experimente.


Theater Ingolstadt

altKein Märchen: Hermiones Falten

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 24. März 2012. Es ist eine schaurige, abstruse Geschichte, aber kein Gruselmärchen. Nichts als eine sachliche, portalbreite Treppe, weit an die Rampe vorgezogen, braucht Regisseurin Johanna Schall, um durch die Katastrophenspirale einer Familien- und Staats-Tragödie über Schäferspiel-Komik zu einem Schreckens-Happy-End zu führen. Illusionslos, auch in den Theatermitteln.


Theater Ingolstadt
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Die beste Zeit fürs Rudelgesetz

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 15. Oktober 2011. Bei nasskaltem Wetter, in Regencapes, kommen sie zur Arbeit. Eine Fabriksirene quäkt. Dann ein Monolog Friedas über die Topographie und wirtschaftliche Situation Ingolstadts Ende der 1920er Jahre. Und Regisseur Donald Berkenhoff schärft diesen Prosa-Einstieg Nußbaumeders und lässt die kleinen Geschäftsleute und Handwerker, die wie Fleißers Vater, der Kupferschmied, ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, einstimmen in eine Anklage gegen die sozialen Missstände.


Theater Ingolstadt

Pralle Welt als Gerichtsverhandlung 

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 5. Dezember 2009. Das Urteil "unschuldig" trifft natürlich auf niemanden in Dea Lohers gleichnamigem Stück zu. Tröstlich ist wenig, was da erzählt wird über die "Unzuverlässigkeit der Welt". Und auch wie es erzählt wird, ist weder einfach noch eindeutig.


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