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archiv » Garage X Wien (12)
Garage X Wien

Ereignet euch!

von Martin Pesl

Wien, 15. Januar 2014. Er ist der jüngste Klassiker im Weltliteraturkanon. Beweis: Sogar die jahrhundertealte Vampirlady im Jarmusch-Film "Only Lovers Left Alive" packt "Unendlicher Spaß" in ihren erlesenen Lektürekoffer. Obwohl es den Mitte der Neunziger fertiggestellten Romanwälzer auf Deutsch erst seit vier Jahren zu lesen gibt, haben sich die Theater schon aufs unterschiedlichste an diesem Erbstück des postpostmodernen Genies David Foster Wallace, das sich 2008 das Leben nahm, abgearbeitet.


Garage X Wien

So räudig, wie ich es bin

von Martin Thomas Pesl

Wien, 30. Oktober 2013. Josef Winkler ist Büchner-Preisträger. Warum? Weil er mit Sprache umgehen kann. Gerhard Fresacher ist Regisseur und Bühnenbildner, und er verehrt Josef Winkler. Warum? Weil er mit Sprache umgehen kann. Und weil Winkler – wie Elfriede Jelinek – nicht eitel ist, wenn jemand wie Gerhard Fresacher seine Texte frei assoziativ bearbeiten und aus der orgiastischen Kraft seiner Worte schöpfen will. Fresacher tut das diesmal in der Wiener Garage X mit einer Collage aus zwei Romanen unterschiedlicher Schaffensperioden, "Der Leibeigene" (1987) und "Leichnam, seine Familie belauernd" (2003). Von ihm für interessant befundene Passagen wurden dem Autor gezeigt, er ergänzte sie dann noch durch neues Material. So kann die Garage X also ungelogen behaupten, ihre Spielzeit mit einer Josef-Winkler-Uraufführung zu eröffnen.


Garage X Wien

Die Revolution, ein Kinderspiel?

von Patrick Holzapfel

Wien, 24. April 2013. Da kommt einiges zusammen. In "Thriller! Jason und Medea kurz vor Mitternacht" kombiniert der Hamburger Autor Izy Kusche die antike Sage von Medea, Jason und seinen Argonauten mit der Betrachtung einer Revolution und ihrem Scheitern, mit der Gegenwart Griechenlands und Wiens sowie der Funktionsweise kapitalistischer Systeme. Antje Schupp unterlegt das Ganze in ihrer Inszenierung an der Wiener Garage X mit Michael Jackson, The Doors und Hardcore-West-Side-Hip-Hop. Und auch eine ordentliche Portion Trash darf dabei nicht fehlen. Wer den Überblick behält, der kann aus den vielfältigen Eindrücken am Ende des Abends eine ziemlich klare und ernüchternde Gesellschaftsanalyse filtern. Aber der Reihe nach.


Garage X Wien

Das Gespenst ist tot

von Kai Krösche

Wien, 15. Februar 2013. Einen langen Titel hat sich der US-amerikanische Autor Tony Kushner (dessen Drehbuch zu "Lincoln" man derzeit in der Verfilmung von Steven Spielberg im Kino sehen kann) da ausgedacht. Nichts Geringeres als einen "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur heiligen Schrift" verspricht der sperrige Titel; einen Ratgeber also für die ganz großen Ideologien (nicht nur) des 20. Jahrhunderts oder, anders formuliert: ein hoffnungsloses Unterfangen.


Garage X Wien

In der Matratzengruft

von Kai Krösche

Wien, 16. Januar 2013. Nicht mit dem Kopf durch, sondern gegen die Wand, immer wieder, wider besseres Wissen, auf Kriegsfuß mit der Vernunft, bis die Köpfe blutig sind, bis zum letzten Atemzug. Sibel und Cahit, zwei gescheiterte Selbstmörder (geteiltes Motiv: Lebenshunger), treffen aufeinander in der Klinik. Um ihrem strengen türkischen Elternhaus zu entfliehen, macht Sibel dem verblüfften Cahit einen spontanen Heiratsantrag: Sibel will leben, tanzen und ja, sie will auch ficken, und nein, nicht nur mit einem Mann. Dafür braucht sie Ruhe, und die kriegt sie nur, wenn sie einen Türken heiratet. Auch Cahit will eigentlich nur seine Ruhe, zunächst vor allem von Sibel. Da er jedoch nichts zu verlieren hat – und immerhin eine hübsche, junge Mitbewohnerin zu gewinnen – willigt er (widerwillig) der schon bald im großen Rahmen zelebrierten Hochzeit ein. Es wird nicht lange dauern, bis die beiden sich tatsächlich ineinander verlieben. Und mit den Gefühlen die Eifersucht kommt. Und schließlich ein Nebenbuhler stirbt.


Garage X Wien

Vom Tod des Autors

von Kai Krösche

Wien, 21. November 2012: Sich selbst sterben zu sehen, ist eine Erfahrung, die in Alpträumen und Nahtoderlebnissen begegnet – sich selbst sterben zu lassen, jedenfalls einmal fiktiv, ist hingegen der geniale Kniff, den sich der französische Schriftsteller Michel Houellebecq für seinem 2010 erschienen Roman, "Karte und Gebiet" einfallen ließ. Houellebecq erzählt darin beinahe die gesamte Lebensgeschichte des Künstlers Jed Martin, der mit fotografischen Aufnahmen von Michelin-Landkarten sowie später einer Serie von Gemälden "einfacher Berufe" zu internationalem Ruhm und Reichtum gelangt.


Garage X Wien

altFäulnis auf Raten

von Martin Pesl

Wien, 22. Februar 2012. Ein wenig hat man in der Garage X ja immer das Gefühl, auf einer WG-Party gelandet zu sein, wo nebenbei zufällig auch noch Theater stattfindet. Wenn Co-Hausherr Ali M. Abdullah selbst inszeniert, ist diese Anmutung noch stärker: Illusionen behaupten wir hier keine, sorry, die Wände haben wir jetzt auch nicht extra neu gestrichen, da drin läuft die Mucke, nehmt euch ein Bier, viel Spaß.


Garage X Wien

altSpiel mit Street Credibility

von Thomas Askan Vierich

Wien, 18. Januar 2012. Immer wieder fallen sie aus der Rolle. Und das ist nicht gerade einfach: als Schauspieler spielen, dass man ein Schauspieler ist. Noch dazu, wenn man eigentlich einen Schüler mit Migrationshintergrund und schlechtem Deutsch spielt. Doch das machen sie gut, die Schauspieler der Wiener new space company, von denen drei noch an Schauspielschulen studieren. Mit der österreichischen Erstaufführung des Berliner Erfolgsstücks "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje eröffnet die Garage X die zweite Runde ihrer Projektreihe zu "Postmigrantischen Positionen". Und das passt.


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Die Suppe war gut

von Thomas Askan Vierich

Wien, 6. Dezember 2011. Was erwartet man von einem Theaterabend zum Thema Arbeitslosigkeit? Zum Thema Arbeit? Was darf man erwarten? Zumindest mehr als eine Talkshow im Fernsehen bietet. Oder?


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Kopf im Eimer

von Thomas Askan Vierich

Wien, 10. Mai 2011. Für seinen endgültigen Abschied vom Wiener Ensembletheater hat sich Dieter Haspel einen Monolog ausgesucht. Mit Starbesetzung: Helmut Berger ist ein bekanntes Gesicht aus unzähligen Filmen und Fernsehauftritten. In Österreich kennt man ihn auch als markante Stimme aus dem Radio. Haspel leitete seit den 1970er-Jahren das Ensembletheater. 2009 war daraus im Zuge der Wiener Theaterreform das Garage X geworden – das nun von Harald Posch und Ali M. Abdulla geführt wird. Haspel durfte und sollte noch zwei Jahre als Regisseur und Mitglied der künstlerischen Leitung mitmachen. "Tagebuch eines Wahnsinnigen" ist nun seine letzte Inszenierung.


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In der Beratungsgewaltspirale

von Georg Petermichl

Wien, 19. Januar 2011. Die Frage "Wer bin ich?" ziert das Portal hausgemachter Identitätskrisen – das weiß jeder. Und auf der Bühne steht sie gerne am Anfang von hässlichen Szenen des Overactings. Bei Philipp Hauß – diesmal als Regisseur im Off-Theater, sonst Burgschauspieler – steht sie am Ende eines Identitätsfindungsprozesses. Das ist schlichtweg genial: Sein Abend "Überleben eines Handlungsreisenden" skizziert die Existenzkrisen von Biff Loman, der dank der Vorlage von Arthur Miller ("Tod eines Handlungsreisenden") seinen Vater und sein ideologisches Rollenmodell Willy Loman durch Freitod verloren hat. Als zeitgenössischer Vertreter proaktiver Ratlosigkeit zwingt sich Biff zu diversen Beratern, Heilern, Therapeuten und Coaches, um sein Leben in den Griff zu bekommen.


Garage X Wien

Kein Platz für Krisengrämerei!

von Georg Petermichl

Wien, 23. Januar 2010. Ein Theater-Relaunch in Wien – wie erfrischend! So eine Neupositionierung eröffnet die Möglichkeit, sich ein wenig in den Kontexten eines Theaters zu verlieren. Also: Das Ensembletheater am Petersplatz – jetzt in "Garage X" umbenannt – bot seit den 1980ern Platz für klassisches, solides Theater im Kellerlokal. Manchmal Strindberg, oder Brecht. Dann vielleicht auch Nicky Silver oder Albert Ostermaier. Gesamt genommen war ihm aber mit seinem dunkelhölzernen Mobiliar der Sprung in die 2000er Jahre kaum mehr gelungen.


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