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archiv » Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt (10)
Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt

Vor der Post-Apokalypse

von Esther Boldt

Frankfurt, 1. Dezember 2016. Wenn Kritiken schreiben hieße, sich selbst – und damit seinen Leser*innen – eine Geschichte über einen Theaterabend zu erzählen, dann handelte diese Geschichte von einem Zicklein und einer Ziege, die sich zu Tode fickten. Sie handelte von einem Geflüchteten, der auf einer Barke im offenen Meer dahintreibt. Von Wanderern zwischen den Welten. Von einem Posaunisten auf Rollschuhen. Von der Rede des Meerschweinchens. Und von der Vorzukunft der Post-Apokalypse.


Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt

Revolutionäre Pommes

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 8. Juli 2016. An der Bar erhält man den Anteilsschein am Unternehmen. Wer sich an "SAPONifikation“ beteiligt, der soll am Ende auch belohnt werden: mit "FOAM", einer Seife, die schon bald in Produktion gehen wird. Die Anteilsscheine werden kostenlos ausgegeben. Wer sie unterzeichnet, bekommt obendrauf sogar noch einen Wodka spendiert – mit Lavendelaroma. "SAPONifikation" will den Kapitalismus umdrehen, ist herzensgut zu seinen Anteilseignern. Alles, wozu man sich verpflichten muss, ist, dass man Ende September mithilft, eine Schaumparty steigen zu lassen.


Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt

Krieg ist die Parole dieser Gesellschaft

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 13. September 2014. "Suchen Sie eine Toilette?", fragt mich der Kioskbetreiber. Seine Schneidezähne sind abgebrochen, seine Eckzähne groß, seine Haare maisgelb. Auf der Karte, die ich ihm unter die Nase halte, wird mein Ziel von einem Notausgang-Symbol markiert. Nein, ich suche keine Toilette, sondern eine Evakuierungsstation – eine von fast vierzig, die der japanische Regisseur Akira Takayama im Rhein-Main-Gebiet eingerichtet hat.


Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt

Im Schatten der Europäischen Zentralbank

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 25. Januar 2014. Der große Börsencrash von 2008 stellte die Uhren um: Jene, die dachten, der Finanzmarkt und seine Gesetze hätten nichts mit ihrem Leben zu tun, wurden eines Besseren belehrt. Nicht nur die Feuilletons versuchen seither, den Fluss des Geldes zu verstehen, oder besser: seinen Flow und seine Performance, auch das Theater arbeitet sich in die Wirtschaftswelt herein wie in eine Fremdsprache, um sie in den künstlerischen Kontext zu übersetzen. Oft genug ist der Blick der des ungeliebten, aber moralisch putzsauberen Stiefkinds auf den skrupellosen, erbschleicherischen Bruder: Vom großen Geld kriegt es zwar nix ab, dafür aber trägt es eine saubere Weste zu Schau und weiß den kulturellen Kanon der westlichen Welt hinter sich.


Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt

Ratatta-tschnatta

von Grete Götze

Frankfurt, 19. Oktober 2013. Wie kann man den Begriff Arbeit definieren und einordnen, wenn die Sprechchortexte des Arbeiterdichters Bruno Schönlank sich bereits anhören wie aus einer längst vergangenen Zeit? Indem man diese Worte vom Frankfurter Jazzchor "O-Töne" sprechen lässt und vor diesen Chor vier Solisten setzt, die in fünf Episoden einen verbalen Ritt durch die Geschichte der Arbeit bis in die Gegenwart machen.


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Die Welt von unten

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 3. Oktober 2013. Es ist eine übermütige, trunkene Nacht, die die Grafentochter mit dem Hausangestellten verbringt, eine Nacht, in der die Sonne nicht untergehen möchte und die Fantasie zu wandern beginnt: Mittsommer. Doch ihre Liebelei stört, ja gefährdet die Ordnung, ein Riss geht durch die Welt. Um ihn zu kitten, muss Fräulein Julie sterben. Was will uns diese Geschichte heute, am Tag der deutschen Einheit im Jahr 2013? Kostet der Sündenfall über Klassengrenzen hinweg heute noch das Leben? Und wo verlaufen sie, die Grenzen gesellschaftlicher Schichten?


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Die Schatten der Geschichte

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 6. Februar 2013. Ein Licht fällt durchs Fenster und zeichnet Schattenrisse in den Raum: den eines Mannes beispielsweise, der seine Hühner füttert, den einer Frau, die ein Kind auf dem Arm trägt, oder die Schatten zweier Uniformierter, die sich hinsetzen, um sich einen Film anzusehen. Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" flackert kurz auf, eine Schrifttafel zeigt "Obersalzberg 1940" an, und der nachklappende Untertitel weist darauf hin, dass sich Adolf Hitler nach dem Ansehen dieses Filmes entschieden hätte, Russland über Land anzugreifen.


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Die Waschmaschine mags auch mal dreckig

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 20. Mai 2010. Defekte Neonröhren flackern, eine Wäschespinne kreiselt unter der Decke und weht weiße Hemden durch die Luft. Zwischen Waschmaschinen aus Schaumgummi tappst jemand im geringelten Häkelbärenkostüm umher. Mit köstlich schlappen Ohren und herrlich unbeholfenem Gang versucht er sich in der sauberen Alltagsbewältigung – im Waschmittelverteilen, Kleider bügeln und Maschinen beladen. Doch die bizarre Gerätelandschaft führt ein Eigenleben: Waschmaschinen schweben gen Decke oder eilen trippelnd davon, so sie plötzlich Beine bekommen. Ein Waschmittelkarton entzieht sich immer wieder den gestrickten Bärentatzen, Wäscheständer klappern bedrohlich und das Bügelbrett reißt seine Klappe auf. Kurz: Die Requisiten der Reinlichkeit verhalten sich wenig kooperativ.


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Das Leben im Dschungel

von Esther Boldt

Frankfurt, 25. April 2010. Russland ist ein kleiner Bär in der Hand der Dame Europa. Mit seinen Krallen kratzt er ihre Haut auf, dass Blut kommt, und scheißt in die Wunde. So vermischt sich der Kot des russischen Bären mit dem Blut Europas – eine eigenwillige Allegorie, die die junge dänische Regisseurin Cecilie Ullerup Schmidt für ihre Annäherung an das größte Land der Erde wählt. Ihre Inszenierung "Rusland" eröffnete das Nachwuchsfestival Plateaux am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm – ein jährlicher Showcase junger Theatermacher aus der ganzen Welt, der in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfindet und über zwei Wochen acht Uraufführungen und einige Gastspiele zeigt. Seit 2008 wird Plateaux von Martin Baasch kuratiert.


Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt

Die Liebe zu Bacon-Streifen

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 11. Februar 2010. Er wölbt sich rosarot und speckglänzend. An einem Ende sitzt noch ein Huf, der einmal über eine Wiese trabte. Nun ist dieser Schinken ein Ausstellungsstück. Und Teil der Performance "Monkey on the table" des Tänzers und Performers Antony Rizzi am Frankfurter Mousonturm. Da soll es eigentlich um den Maler Francis Bacon gehen. Weil aber der passionierte Geschichten- und Anekdotenerzähler Rizzi Scherzen zugeneigt ist, geht es auch um Schinken. Der wird ausgestellt, zum Instrument umfunktioniert, später werden Schinkenstreifen auf nackter Haut eine Fleischwunde markieren, und gegessen wird er natürlich auch.


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