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archiv » Theater Ulm (9)
Theater Ulm

Raus aus der tristen Existenz!

von Willibald Spatz

Ulm, 18. März 2016. Da haben sich zwei gefunden. Judith und Holofernes sind sich ja so ähnlich in ihrer Suche nach irgendetwas, das die große Leere in ihrem Inneren ausfüllen könnte. Doch für sie ist kein glückliches Ende möglich. Die Geschichte von Judith, die schutzlos in das Heerlager von Holofernes marschiert, diesen irgendwie um den Finger wickelt und am Ende mit seinem abgeschlagenen Kopf in ihre belagerte Heimatstadt zurückkehrt, hat über viele Jahrhunderte Künstler zur Bebilderung angeregt, vielleicht gerade weil der Bibeltext manches offenlässt, das die Fantasie ausfüllen kann. Auch Friedrich Hebbel malt in seinem ersten, 1840 uraufgeführtem Drama ein buntes Historiengemälde mit einem blutrünstigen Holofernes und einer mutigen Judith und etlichen weiteren Figuren.


Theater Ulm

Die Hochzeit ist nicht das Ende

von Willibald Spatz

Ulm, 25. Juni 2015. "Ihre Zeit ist abgelaufen. Ich möchte Sie bitten, sich auf dem Weg nach unten Gedanken zu machen." Dazu wird man aufgefordert, und man möchte laut begeistert antworten, dass man dafür ja ins Theater gekommen sei. Doch die nächste Anweisung ist: "Bitte unterhalten Sie sich nicht." Das ist eindeutig. Der Weg nach unten führt von der Terrasse des Stadttheaters Ulm hinab in die Kellerbühne "Podium". Hinauf kam man, weil man sich gleich zu Beginn dafür entschieden hatte, mit "Ja" zu antworten auf die Frage, ob man es denn wissen wolle, dass der Weltuntergang stattfinde, falls er heute noch stattfinde. Dann ist man einer Dame in Blau gefolgt. Und wurde mit einem Becher Saft begrüßt und gebeten auf Kissen Platz zu nehmen, woraufhin ein älterer Herr in Anzug und Fliege ein bisschen über den Untergang der Welt philosophiert hat.


Theater Ulm

Irre Dinge im Gebirge

von Willibald Spatz

Ulm, 17. April 2015. Einen Rausch inszeniert Andreas von Studnitz nicht, eher das langsame Nüchternwerden, das unweigerlich in einen schrecklichen Kater mündet. Der echte Rausch ist eh anderswo, und den Zurückgelassenen quält die Angst, etwas zu verpassen. Es ist Pentheus, der König von Theben, der nach der verhängnisvollen Feier schielt.


Theater Ulm

Unter rappenden Blutsaugern

von Steffen Becker

Ulm, 10. April 2014. "Wer kennt das Stück?" fragen die Schauspieler, bevor sich der Wellblechvorhang zur Aufführung von "Der gute Mensch von Sezuan" hebt. Viele Hände im Theater Ulm gehen hoch, klar, ist ja seit Generationen ein Klassiker des Deutsch-Unterrichts und so auch für diese Klasse 9 auf ihrem Theaterausflug. "Und wer mag das Stück?" Nicht mal die Hälfte der Hände bleibt oben. In Klasse 9 hat man vermutlich mehr Interesse am guten Leben – und keinen Bock auf die von Bertolt Brecht durchexerzierte Frage, was ein guter Mensch ist.


Theater Ulm

Krise in Ulm: Familienpferd verkauft

von Willibald Spatz

Ulm, 25. April 2013. Die Klassiker der Theaterliteratur sind nicht deshalb so groß geworden, weil sie besonders gewiefte Kommentare zum jeweiligen Zeitgeschehen sind – sie drücken eine zwischenmenschliche Wahrheit aus, die selbst nach Jahrhunderten oder Jahrzehnten noch genug Zuschauer berühren kann, dass es sich lohnt, sie wieder zu spielen. Wenn jemand nun die Lehmann Brothers-Pleite zum Anlass und Thema seines Stücks macht, kann es ihm eigentlich nicht nur darum gehen, einen besseren Leitartikel in Dialogform zu verfassen, zumal eh schon beinahe alles geschrieben wurde, was es dazu zu schreiben gibt. Eine riesige Wand im Theater Ulm, die tapeziert ist mit einer Menge von Zeitungsartikeln, die zum Stück passen, beweist das eindrucksvoll.


Theater Ulm

Freiheit ist auch keine Lösung

von Steffen Becker

Ulm, 16. November 2012. Mei, wie muss das früher schön gewesen sein. Mann erobert Frau, bittet beim Vater um ihre Hand und dafür darf ihm die seinige fortan ausrutschen, wenn ihm danach ist. Klare Verhältnisse! Die Protagonisten des Stücks "Die Elchjagd" des jungen polnischen Erfolgsautors Michael Walczak scheinen sich auf der Bühne des Theaters Ulm nach einer solchen Ordnung unbewusst zurückzusehnen. Zumindest sind sie mit der neuen Wahlfreiheit überfordert. Eliza möchte heiraten, "weil ich nicht warten will, bis du reif genug bist." Konrad, der angesprochene Verlobte, kriegt beim Gedanken ans formelle Beknien ihrer Eltern – General und Opernsängerin – die Krise und versucht eine als Verzweiflungs-Sex getarnte Rückkehr in den Mutterschoß. Aber auch die toughe Braut bekommt kalte Füße und lädt ihren alten Machotherapeuten ein, der sie als junges Mädchen verführte.


Theater Ulm

altProjektionsfläche Feldmarschall

von Steffen Becker

Ulm, 26. Januar 2012. Das Gas in Auschwitz weckte auf der Zunge den Geschmack von Bittermandel, "nein von Malz-Bonbons aus Großvaters Fabrik". Im Stück "Rommel – ein deutscher General" am Theater Ulm berichtet der Geist einer jüdischen Deutschen (Ulla Willick) mit dem Ausdruck milden Erstaunens vom Erlebnis der Gaskammer, den Momenten der eigenen Vernichtung und der effizienten Beseitigung ihres Körpers. Darin kristallisiert sich kalter Schrecken und vertreibt jede Lust, in Mythen zu schwelgen.


Theater Ulm

Zwischen Frack und Boygroup

von Christina Kirsch

Ulm, 18. November 2010. Die Zeit fliegt, der Sangeswettbewerb naht, und da stirbt dem bürgerlichen Männerquartett der Tenor weg. Fällt um, ist tot. Im Theater Ulm schwebt der Verblichene in der Komödie "Bürger Schippel" an einem Bühnenhaken gen Himmel. Zweifelsohne ist der Sänger in Schönheit hingegangen, doch für die drei übrigen Sänger ist der Siegerkranz mit diesem Ausfall nicht mehr zu erringen. Nun ist guter Rat für die gut betuchten Herren zwar nicht teuer, aber unstandesgemäß.


Theater Ulm

57 Stunden Angst und Schrecken

von Christina Kirsch

Ulm, 3. April 2010. Bühnennebel kriecht über den Boden. Das ist aber schon alles, was sich das Theater Ulm für Torsten Buchsteiners Stück "Nordost" als Kulisse genehmigt. 75 Minuten Nebel in einem dunklen Raum. Und sonst nichts. Nebel, der an den Zuschauern hochkriecht und an das Gas erinnert,  das der russische Geheimdienst am 26. Oktober 2002 durch Lüftungsschächte in das Moskauer Musicaltheater an der Dubrovka einleitete.


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