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archiv » Theater Trier (14)
Theater Trier

Träume, Räusche, Kopfgeburten

von Rainer Nolden

Trier, 3. Oktober 2016. Der Wind, der Karl Sibelius nach seiner ersten Trierer Amtszeit ins Gesicht weht, ist ein veritabler Sturm von der Sorte, der mächtige Bäume zum Kippen bringen kann. Und da der Intendant mit seinem ersten Spielplan viele Stadttheaterbesucher vor den Kopf gestoßen, provoziert, schockiert hat (auch mit manchen Inszenierungen, die künstlerisch ausgezeichnet waren), hat er sich vorgenommen, in seiner zweiten Runde vom Gas zu gehen und das Programm ein wenig "konventioneller" zu gestalten. Weniger revolutionär. Weniger gewagt. Mehr klassisch.


Theater Trier

Ein (Alb-)Traumspiel

von Rainer Nolden

Trier, 12. Februar 2016. Wer Shakespeare allzu wörtlich nimmt, kann leicht auf die Nase fallen. Wer nicht auf die Nase fallen will, darf Shakespeare nicht allzu wörtlich nehmen. Man nehme zum Beispiel sein "Wintermärchen". Wie man es dreht und wendet: den psychologischen und charakterlichen Schleifen etwa der Hauptfigur zu folgen, Leontes, diesem vermeintlich Gehörnten, der seiner Frau Hermione unterstellt, ihn mit seinem besten Freund Polixenes betrogen zu haben und sie deshalb vor Gericht stellt, ins Gefängnis kommt, wo sie ein Mädchen zur Welt bringt und wenig später stirbt, als sie erfährt, dass ihr Sohn Mamillius ums Leben gekommen ist ...aber halt. Selbst das Bisschen ist schon viel zu viel Handlung. Zu viel jedenfalls für die Version, die der Regisseur Marco Štorman für Trier entworfen hat.


Theater Trier

Molière im Farbenrausch

von Rainer Nolden

Trier, 12. September 2015. Am Trierer Theater beginnt eine neue Ära. Und damit das auch jeder mitbekommt, hat Intendant Karl Sibelius für die ersten 20 Tage ein Premieren- und Uraufführungspaket geschnürt, das von der Moderne bis zu den Klassikern alles enthält. Allerdings: Das mit den Klassikern sollte man nicht zu wörtlich nehmen.


Theater Trier

Die Krise der Herrscher

von Rainer Nolden

Trier, 21. Februar 2015. Der Orchestergraben vor der Bühne ist zu einem schmalen Gang geschrumpft. Unentwegt schieben sich Menschen hindurch, in beide Richtungen und dennoch ziel- und orientierungslos. Ein Fluchttunnel für Kriegsgeschädigte oder Terroristen, ein Schützengraben für welche Armee auch immer? Oder nur die Senke vor dem Palast des Agamemnon, dessen Bewohner sich das lästige Volk vom Hals halten wollen? Denn das Haus, bevölkert von einer Familie zum Fürchten, hat bekanntermaßen einiges zu verbergen – Mord und Totschlag, blutige Fehden, Hass, der Hass gebiert, Rache, auf die Rache folgt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die "Orestie" des Aischylos in unseren Tagen – als wär's ein Stück von den Brandherden im Nahen und nicht ganz so nahen Osten, die Tag für Tag einen Gutteil der weltweiten Nachrichtenzeit für sich beanspruchen.


Theater Trier

Sorry, falsch ausgesagt!

von Bernd Blaschke

Trier, 21. Juni 2013. "Aber sicher!" heißt der Theateressay, den Elfriede Jelinek jüngst auf ihrer Homepage für alle nachlesbar publizierte. Das Bremer Theater hat ihn im März 2013 uraufgeführt. Der Text entstand aus Abfall und Nachträgen ihres Finanzkrisen-Erfolgsstücks "Die Kontrakte des Kaufmanns".


Theater Trier

In der Hölle des Büros

von Rainer Nolden

Trier, 22. Dezember 2012. Jeder weiß ein Lied von ihnen zu singen, von den Kriechern, Katzbucklern und Stiefelleckern, von den Intriganten, Gutmenschen und Friedensstiftern am Schreibtisch gegenüber oder im Zimmer nebenan, mit denen man mehr Lebenszeit verbringt als mit der Familie. Das Büro als literarischer Topos ist nur wesentlich jünger als der Arbeitsplatz an sich; von seiner Ödnis berichteten Dichter und Dichterinnen wie Erich Kästner, Mascha Kaléko und Irmgard Keun, Marcel Aymé ("Ein Mann geht durch die Wand") oder, ganz frisch in den Buchläden, der schlicht "Das Büro" betitelte Roman des Niederländers J. J. Voskuil.


Theater Trier

altJunkies auf Entzug

von Rainer Nolden

Trier, 17. Juni 2012. Über die lyrischste und zaubermächtigste aller Shakespeare-Komödien schrieb der amerikanische Literaturwissenschaftler und -kritiker Harold Bloom, nur wenige Stücke seien "von der neueren Theaterkunst ähnlich häufig verhunzt worden wie der 'Sommernachtstraum'". Sämtliche Inszenierungen, die er gesehen habe, "waren scheußliche Katastrophen (...), und nichts spricht dafür, dass sich die Zustände bessern werden".


Theater Trier

alt

Frau ohne Gewissen

von Rainer Nolden

Trier, 28. April 2012. Weiß ist nicht die Farbe der Unschuld, sondern von Eis und Leichentüchern. Vom selben Weiß sind auch die Laken, die auf den Möbeln eines weitgehend in weiß gehaltenen Salons ausgebreitet sind und erst entfernt werden, als die Hausbesitzer von ihrer Hochzeitsreise zurückkehren. Dieses Wohnzimmer von luxuriöser Ungemütlichkeit erinnert an die eleganten "living rooms" aus Hollywoodfilmen der 1950er Jahre, in denen man etwa alles über Eva erfahren oder einer Frau ohne Gewissen begegnen konnte.

Theater Trier
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Das Wort hat der Angeklagte

von Rainer Nolden

Trier, 17. November 2011. Was für ein netter junger Mann. "Adrett" hätte man gesagt, damals in den fünfziger und sechziger Jahren: Pullunder, Krawatte, weißes Hemd, Anzug. So auffällig wie ein Versicherungsvertreter. Doch hinter der Maske des Biedermanns verbirgt sich die "Bestie", wie ihn die Medien seinerzeit nannten. Das war 1967, als der smarte, intelligente Twen vor Gericht stand, weil er vier Jungen zwischen acht und dreizehn Jahren gequält und getötet hatte. Es war einer der spektakulärsten Prozesse in der Bundesrepublik, die damals etwa so alt war wie der vierfache Mörder, der 1976, nach einem Eingriff zur Kastration, den er selbst gewünscht hatte, nicht mehr aus der Narkose erwachte.


Theater Trier
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Schönheit ist ein Spiel mit Masken

von Rainer Nolden

Trier, 23. Januar 2011. Nur wenige Männer verloren sich in der Menge der Frauen, die sich hinterm Theater, am Eingang zum Kellerstudio, versammelt hatten in Erwartung eines Kapitels aus ihrem Leben. Klar, "Orangenhaut" kennen die Herren der Schöpfung nur vom Hörensagensehen; am maskulinen Körper runzelt so schnell nichts.


Theater Trier

Indien Stück für Stück erobert

von Rainer Nolden

Trier, 9. Oktober 2010. Der Roman "Mitternachtskinder" von Salman Rushdie erzählt die Geschichte von Salim Sinai, der Punkt Mitternacht am 15. August 1947 zusammen mit weiteren tausend Kindern auf die Welt kommt. Diese 1001 Mädchen und Jungen sind alle mit einer besonderen Gabe ausgestattet. Einer kann sein Geschlecht verwandeln, wenn er ins Wasser steigt, eine wird zur Hexe und Salim ist in der Lage, die Gedanken seiner Mitmenschen zu erahnen und, da mit einem besonders großen Riechorgan ausgestattet, zu erschnüffeln.


Theater Trier

Wedeln mit Fassbinder

von Rainer Petto

Trier, 8. Juli 2010. Das Stück, ein Auftragswerk des Theaters Trier, sei "vor dem Hintergrund des 65. Geburtstages von Rainer Werner Fassbinder entstanden", es verarbeite "Fassbinders Leben und Werk", sei aber "ein Theaterabend nicht nur für Fassbinder-Kenner". Das behauptet der Programmzettel, den auch ein Fassbinder-Foto ziert.


Theater Trier

Widerspruch steckt in so manchem Tauschverhältnis

von Rainer Petto

Trier, 8. Juni 2010. Offenbar hat das Theater Trier Angst, das Publikum könnte dieses Stück nicht verstehen. Schon die Vorankündigungen enthalten die fertige Interpretation, im Programmheft wird sie weiter ausgebreitet und mündlich während der Shuttle-Fahrt vom Theater am Augustinerhof zum Spielort, der Industriehalle Eltzstraße in Trier-Pfalzel, noch einmal dargelegt. Die Sorge erweist sich schnell als unbegründet. Das Stück erklärt sich selbst, vom ersten Moment an, man muss nicht deuteln, braucht nicht zu warten, dass sich etwas langsam herausschält. Die These wird nicht entwickelt, sie ist von Anfang an da. Sie lautet, kurz gesagt: Der Mensch von heute ist dem Menschen ein bloßes Tauschobjekt.


Theater Trier

Der Zorn ist spürbar noch

von Rainer Nolden

Trier, 25. April 2010. In Wikipedia, diesem unkontrollierbaren Meer des Wissens, wird er gleich in der Titelzeile als "Fluchthelfer" bezeichnet, als ob dies ein Beruf wäre. Für Wolfgang Welsch, Jahrgang 1944, freilich war es mehr als ein Beruf, es war Berufung und Möglichkeit zur Rache an der DDR, die dem gelernten Schauspieler die Freiheit genommen hatte.


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