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archiv » Mecklenburgisches Staatstheater (22)
Mecklenburgisches Staatstheater

150 Prozent Emotion

von Michael Laages

Schwerin, 6. Januar 2017. Wo soll’s denn losgehen? Wie und womit? Die Fragen stellen sich für Debütanten immer; speziell aber dann, wenn die Jung-Talente gar nicht mehr so jung sind und schon die eine und die andere Karriere hinter sich haben. Nicht grundlos fand der erste Auftritt des Nachwuchs-Regisseurs Herbert Fritsch fernab vom Mainstream der Metropolen statt: in Luzern. Und die mittlerweile in Fernsehen und Film sehr präsente Schauspielerin Steffi Kühnert, einst eine der prägenden Persönlichkeiten auf den Bühnen deutscher Nachwende-Zeit im Theater von Leander Haußmann, hat die erste Aufgabe als Regisseurin eben nicht daheim in Berlin absolviert (wo sie ja auch unterrichtet), sondern in Schwerin. Gut so. Hier wird Talent nicht so schnell zum Hype, aber eben – je nachdem – auch nicht gleich zerrissen und verbrannt; hier wird es ernst genommen.


Mecklenburgisches Staatstheater

Fünf doppelte Lottchen

von Michael Laages

Schwerin, 30. Oktober 2016. Als Frank Castorf gerade Intendant geworden war an der Ostberliner Volksbühne, markierte dieses Theater mehr als jedes andere auch die Echos auf die unterschiedlichen Formen von Widerstand, die es im komplexen Unterdrückungssystem der DDR gegeben hatte; und die Erinnerung war ja noch ganz frisch. Gern sprach der Regisseur, Jahrgang 1951, über eine der zentralen Strategien der eigenen Generation – im Protest gegen die eigenen Väter, die sich eingerichtet hatten im Verrat all jener Ideen, die die junge DDR mitbegründet hatten; und mit diesen Vätern war auch "Vater Staat" persönlich im Visier. Der nachgetragene Widerstand trug auch innerfamiliäre Züge.


Mecklenburgisches Staatstheater

Schwerins kriminelle Struktur

von Christian Rakow

Schwerin, 25. September 2016. Das Schönste kommt nach etwa siebzig Minuten. Da tritt Robert Höller für ein kurzes Intermezzo aus seiner Rolle als Gerichtsrat Walter heraus und rein in eine nonchalante Publikumsbespielung: Wie es denn um die "kriminelle Struktur" im Saal bestellt sei, fragt er. Ob man schon einmal schwarzgefahren sei oder Steuern hinterzogen habe und dergleichen. Hier und da gibt's Handzeichen. "Ich bin ja neu hier", extemporiert Höller. "Ich dachte mir schon, in Schwerin geht alles mit rechten Dingen zu." Lachen schwillt an. Das "rechte Dinge" war seltsam zweideutig betont. Man weiß, knapp gegenüber dem Mecklenburgischen Staatstheater liegt der Schweriner Landtag, in dem neuerdings die AfD-Fraktion zweitstärkste Kraft ist.


Mecklenburgisches Staatstheater

Aus der Zeit gefallen

von Matthias Schümann

Schwerin, 18. März 2016. "Ich amüsiere mich gern, aber Ordnung muss sein, das kann ich euch sagen." Als Edek diesen Satz murmelt, ist Slawomir Mrożek Erfolgsstück "Tango" fast schon gelaufen. Edek kehrt den Diktator heraus, nachdem alle Lebensentwürfe um ihn herum gescheitert sind und er als vitalste, aber auch simpelste Figur das Rennen macht. Das Rennen worum? Das scheint der Inszenierung dieses Stücks aus dem Jahr 1964  auch nicht so recht klar zu sein. Dabei hebt alles erst einmal ganz hoffnungsvoll an.


Mecklenburgisches Staatstheater

Wir sind noch nicht mit ihm fertig. Wir mögen ihn.

von Frank Schlößer

Schwerin, 7. Mai 2015. Heiner Müller versenkt den Arm im Schlamm der Weltgeschichte. Wenn er ihn wieder rauszieht, hat er ein halbes Dutzend Diktatoren in der Hand, die er nebeneinander, gegeneinander und miteinander ins Rennen schickt. Deren parallele Laufbahnen schneiden sich vielleicht im Unendlichen, irgendwo in fernster Zukunft. In der Gegenwart jedoch sorgen erst einmal  NSA-Skandal und Lokführer-Streik, dass sich beim Publikum die Assoziationen einstellen. So gehört es sich für einen Klassiker. Schwere Hanteln für Regisseure, die mal einen richtig fetten intellektuellen Workout brauchen.


Mecklenburgisches Staatstheater

Einfach so durchlavieren?

von Frank Schlößer

Schwerin, 6. März 2015. Frage: Warum wurde die Bühnenfassung von John von Düffel genutzt und nicht die von Jens Groß und Armin Petras? Regisseur Peter Dehler habe sich beide Versionen angesehen, antwortet Dramaturgin Julia Korrek. Um sich für die klare Struktur zu entscheiden: Christian Hoffmann erzählt die Geschichte aus seiner Sicht, als Sohn des Arztes Richard und seiner Frau Anne. Er ist es auch, der sich samt Publikum im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin in der ersten Szene verzaubern lässt, es im blauen Verwandlungslicht, mit Textklängen und Musik mitnimmt auf die Zeitreise – zurück in die 80er Jahre des Dresdner Villenviertels und hinein in den großen DDR-Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp.


Mecklenburgisches Staatstheater

Die Wut der Ausgeschlossenen

von Juliane Voigt

Schwerin, 12. September 2014. Schwerin eröffnete am Abend die Spielzeit mit Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" im großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters. Ein Werk, das Shakespeare einen Ruf als Antisemit eingehandelt hat. Der jüdische Geldverleiher Shylock vergibt einen Kredit mit schauderhaften Bedingungen: Ein Pfund Fleisch will er von dem Kaufmann Antonio, falls der säumig, den Kredit nicht zur Zeit zurückzahlen kann. Und der Dolch blitzt bedrohlich schon beim Handschlag, mit dem der Vertrag besiegelt wird.


Mecklenburgisches Staatstheater

Schreiben und Schreddern

von Christian Rakow

Schwerin, 30. August 2013. Vorab für Freunde hoher Zuwachsraten: Fünfmal mehr Zuschauer als noch in der Vorgängerarbeit T.R.I.P. aus dem April gibt es heute zu vermelden. Macht: ganze fünf! Und die Auslastung liegt wieder bei 100 Prozent. Denn mehr als diese Handvoll Besucher sind pro Aufführung auch nicht vorgesehen bei "Paul Pode", der neuen Audio-Tour durch Schwerin, mit der die Ultraexklusivtheatermacher der "Kulturfiliale" und das Mecklenburgische Staatstheater ihre Doppelpass-geförderte Zusammenarbeit "Spielstätte Stadt" fortsetzen.


Mecklenburgisches Staatstheater

Quadratur des Stuhlkreises

von Christian Rakow

Schwerin, 30. August 2013. Nachdem der letztjährige Komödien-Spielzeitauftakt in Schwerin mit Christian Weises Oscar-Wilde-Umsetzung Der ideale Mann eine ziemlich glatte Rutschpartie vom gepflegten Boulevard in den ungepflegten Trash bot, haben sich die Macher des Mecklenburgischen Staatstheater anscheinend gesagt: Dieses Jahr mal ganz anders, mal etwas Filigrankomödie, so um ein paar Denkecken herumgewunden!


Mecklenburgisches Staatstheater

Was bist Du für ein Stalker, Mensch!

von Christian Rakow

Schwerin, 2. April 2013. Das muss er sein, der Gipfel der Verschwendung, der aberwitzige Ausstieg aus jeder auch nur annähernd rationalen marktwirtschaftlichen Verwertungslogik: "T.R.I.P. – Ein Open-World-Game für einen Zuschauer und über tausend Akteure". Soll heißen: Drei Mal am Tag lädt das Künstlerkollektiv Kulturfiliale in seiner vom Fonds Doppelpass geförderten Inszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater einen Zuschauer – in Worten: EINEN – auf eine gut zweistündige Reise durch die Schweriner Innenstadt. Macht drei Zuschauer pro Tag. Und auch wenn von den "tausend Akteuren" rundherum nur ein Bruchteil aktiv seine Rolle spielt bzw. zum Produktionsteam gehört, sind es immer noch eine Menge: "Kulturfiliale" mag nach Schlecker-Ruin klingen, aber es fühlt sich an wie purer Luxus.


Mecklenburgisches Staatstheater

Der Lack ist ab!

von Juliane Voigt

Schwerin, 31. August 2012. Ausnahmsweise muss man dieses Mal nicht nach ihm suchen. Es gibt ihn nämlich wirklich, den idealen Mann: Sir Robert Chiltern, Unterstaatssekretär im auswärtigen Amt London. Das findet nicht nur seine Frau. Nein, auch ganz objektiv gesehen ist dieser junge Politiker allem Anschein nach jemand, der es aus kleinen Verhältnissen nach hier oben geschafft hat und dabei anständig geblieben ist. Und das in der Politik!


Mecklenburgisches Staatstheater

Kein Verzeihen, kein Erbarmen

von Juliane Voigt

Schwerin, 11. Mai 2012. Welches abgehalfterte Provinzstädtchen würde sich nicht über so eine Tochter der Stadt freuen, die zurückkehrt aus der großen Welt, die Taschen voller Geld? Da werden Stiftungen gegründet, Kapital angesiedelt und Spenden ausgeteilt. Und deshalb stellt man sich auch gern geschlossen am Bahnhof auf. So auch gestern Abend auf der Schweriner Bühne. Bürgermeister, Ordnungsmacht, Lehrer, Arzt (in Personalspar-Union Klaus Bieligk), der Pfarrer und der Krämer Alfred nebst Gattin Mathilde (Lucie Teisnigerova). Wie der Name schon sagt: Güllen ist relativ glamourfrei und vor allem pleite, nichts ersehnt man mehr als eine rettende Finanzspritze. Eine Stadt aus dem Geiste Dürrenmatts, dem 1956 mit dieser von ihm so bezeichneten "tragischen Komödie" der Durchbruch als Autor gelang.


Mecklenburgisches Staatstheater

altHartsprachig mit kleinen Zeichen

von Michael Laages

Schwerin, 24. Januar 2012. Stimmt: Bad Sülze liegt nicht in Tirol. Aber auch um das Städtchen mit dem gut küchendeutschen Namen herum, zwischen den Flüsschen Recknitz und Trebel, wo seit dem Wiener Kongress 1815 das preußische Vorpommern durch eine Grenze vom Nachbarn Mecklenburg getrennt wurde, tummelten sich ehedem die Schmuggler; mit, zum Beispiel, Salz im Angebot. Das war damals dringend nötig, um Lebensmittel zu pökeln, das heißt: zu konservieren. Auch Zucker und Mehl, Eier, Butter und Tabak wechselten illegal hinüber und herüber.


Mecklenburgisches Staatstheater
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Sachen, die wir belachen, weil wir sie nicht sehn

von Georg Kasch

Schwerin, 20. Oktober 2011. Wie ist die Welt so stille? Eben noch war es ziemlich laut im Schweriner E-Werk, hatten die Pointen gezündet und das Publikum getobt, jetzt zieht Klaus Bieligk den Vorhang aus Maler-Abdeckfolie wieder vor die Bühne, während die anderen als zweite Zugabe "Seht ihr den Mond dort stehen" singen, "er ist nur halb zu sehen". John R. Carlson tröpfelt bittersüß die Klavierbegleitung des Matthias-Claudius-Liedes hin, jeder Schauspieler übernimmt einen Vers mit verhaltener Innigkeit, brüchig, wahr. Nur vage schimmern sie noch durch die Folie: "So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn."


Mecklenburgisches Staatstheater
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Wie es früher war

von Matthias Weigel

Schwerin, 14. Oktober 2011. Wie nennt man einen arabischen Kuhstall? Muh-Barack. Warum verwandeln die Türken beim Fußball nie einen Eckstoß? Immer wenn ein Türke eine Ecke bekommt, macht er dort eine Dönerbude auf. Und wie lange braucht eine Türkin, um den Müll raus zu bringen? Wie schon die vorherigen so ist auch diese Antwort am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin zu erfahren, im Stück "Angst essen Seele auf" von/nach Rainer Werner Fassbinder.


Mecklenburgisches Staatstheater
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Rocky-Horror-Faust-Show

von Wolfgang Behrens

Schwerin, 26. August 2011. "Musik wird so häufig eingesetzt, daß 'Faust' das deutschsprachige Stück ist, in dem am meisten gesungen, musiziert und getanzt wird." So hat es Einar Schleef einst in gewohnter Zuspitzung in seinem Mega-Essay "Droge Faust Parsifal" formuliert, und er stand nicht an, den "Faust" gar als "deutsches Musical" zu bezeichnen. Im neuen "Faust" am Staatstheater Schwerin sieht es anfangs ganz so aus, als würde aus diesem Diktum nun trashiger Ernst.


Mecklenburgisches Staatstheater

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That's amore

von Nikolaus Merck

Schwerin, 20. Mai 2011. "1951 wird in Augsburg Herbert Fritsch geboren. Erstmals steht er mit sieben Jahren als ein Zwerg in 'Schneewittchen' auf der Bühne und macht sich vor Angst in die Hosen." So steht es im Programmheft von "Der Diener zweier Herren". Mehr braucht es nicht, um zu verstehen. Was wir gesehen haben vom Schauspieler und derzeit sehen vom Regisseur Herbert Fritsch, ist die Rache an dieser Angst. Die Losung lautet: Heute macht ihr (wir) euch in die Hosen – aber vor Lachen. In Schwerin (und in Oberhausen und in Halle, und bald auch in Berlin, Köln und überall) hat der kleine Junge von dunnemals Gleichgesinnte gefunden. Auf uns mit Gebrüll.


Mecklenburgisches Staatstheater

Grimasse Mensch

von Michael Laages

Schwerin, 3. Juni 2010. Er will ja nicht bloß auf Deubel komm raus der im ernsten Land der Deutschen stets gering geschätzten (und meist unter Wert geschlagenen) Farce zu neuem Recht verhelfen. Er hat sogar etwas ganz neu erfunden: Die Applausordnungen sind beim spätberufenen Regie-Talent Herbert Fritsch stets etwas ganz Besonderes. Und in jedem Fall ein Fall für sich.


Mecklenburgisches Staatstheater

Geschichte vom Sockel gestiegen

von Hartmut Krug

Schwerin, 7. Oktober 2009. Er wirkt wie ein dunkler Fremdkörper, der riesige Gründerzeitbau zwischen all den Antiquitätenläden, Cafes und Restaurants in der touristisch aufgeputzten Schweriner Friedrichstraße. Einst für die Mecklenburgische Hypotheken- und Wechselbank gebaut, diente er später der Staatsbank der DDR als Bezirkszentrale und wurde nach 1990 von der Deutschen Bank übernommen, die ihn nach kurzzeitiger Nutzung leer stehen ließ.

Mecklenburgisches Staatstheater

Verkommene Elite

von Michael Laages

Schwerin, 21. Februar 2009. Jenseits des Städtchens ist der Fall wahrscheinlich längst wieder vergessen – wie da ein offenkundig ziemlich selbstvergessener Oberbürgermeister die dramatische Bedeutung eines lokalen Kriminalfalls völlig falsch eingeschätzt, und vor allem: die öffentliche Meinung gründlich unterschätzt hatte (es ging immerhin um ein totes Kind!). Und wie er dann in der Folge von den Bürgern schlicht und schön aus dem Amt gewählt wurde.


Mecklenburgisches Staatstheater

Auf dem Rücken der Frau

von Wolfgang Behrens 

Schwerin, 30. Mai 2008. Der zentrale Satz der Aufführung steht nicht bei Ibsen. "Männer sind so komisch – wie die Kinder", sagt Gina Ekdal kopfschüttelnd im dritten Akt der neuen Schweriner "Wildenten"-Inszenierung und verschwindet durch die Bodenluke. Und wirklich: In diesem nur mit hohen Malerleitern möblierten Dachbodenatelier, in dem lange, schmutzigblaue Stoffbahnen so etwas wie Himmel simulieren (Bühne Stephan Fernau), haust ein großes Kind: Hjalmar Ekdal, Ginas Mann.


Mecklenburgisches Staatstheater

Wasserzählen im kalten Licht

von Georg Kasch 

Schwerin, 29. Februar 2008. Die Welt ist eine Bühne und die Bühne die Welt, das wissen wir seit Calderón, Shakespeare und Co. Ganz besonders gilt das für den "Sturm", in dem Prospero gottgleich die Fäden zieht. Was also liegt näher, als ein Theater auf die Bühne zu bauen? Originell ist diese Idee nicht, aber im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin eindrucksvoll umgesetzt. Mit seinen Logen, zwischen denen die Sterne schimmern, nimmt Florian Parbs Neorenaissance-Elemente des stuckverzierten Zuschauerraums auf. Der Boden ist mit blauen Krepppapierschnipseln bedeckt.


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