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archiv » Theater Krefeld Mönchengladbach (6)
Theater Krefeld Mönchengladbach

"Denk ich an Deutschland"

von Sascha Westphal

Krefeld, 28. Mai 2016. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich Deutschland grundlegend verändert. Davon zeugen nicht nur die Ergebnisse der AfD bei den letzten Landtagswahlen. Angesichts der enormen Erschütterungen und Umwälzungen weiß gegenwärtig niemand, wo es mit dem Land hingeht. Aber nicht nur die Zukunft erscheint unsicher, auch die Gegenwart lässt sich in ihrer Widersprüchlichkeit kaum fassen. Wie kann man sich Deutschland in diesem Frühsommer 2016 vorstellen, wie soll man es beschreiben?


Theater Krefeld Mönchengladbach

Zack, schon ist er umgebracht

von Dorothea Marcus

Krefeld, 30. Januar 2016. Es regnet in Schottland, und immerzu wabert der Nebel aus den Eismaschinen. Bei "Macbeth" ist er rot angestrahlt. Auch das Wasser aus dem komplexen Röhrensystem, das auf den roten Untergrund tropft, erweckt den Eindruck, als wateten die Figuren in Shakespeares Königsmörderdrama immerzu in Blut. Gut, dass sie alle, inklusive Lady Macbeth, robuste Schlammboots tragen (Bühne/Kostüme: Sigi Colpe). Mit strubbeligen Stromschlag-Haaren hauchen, stöhnen und hecheln die Hexen (Lena Eikenbusch, Esther Keil, Helen Wendt) ihre düsteren Prophezeiungen ins Mikrofon. Im weißen, blutigen Unterhemd torkelt Macbeth im Kreise seiner Soldatenkollegen über die Bühne, als ihm die Idee kommt, den gütigen König Duncan (Joachim Henschke als Großvatergestalt in langem schwarzen Mantel) umzubringen.


Theater Krefeld Mönchengladbach

altUrwaldtrip mit Seelenstrip

von Guido Rademachers

Krefeld, 3. Juni 2012. Nora macht Yoga. David schraubt am Motorrad. "NORA: Haben Sie schon gefrühstückt? DAVID: Das übliche Porridge. Arbeiten Sie hier? NORA: Nein, ich besuche Onkel Paul." So hören sie sich an: scheinbar aus dem Leben gegriffenen Dialoge ohne weitere literarische Ambition. Gabriel Gbadamosis in der Krefelder Fabrik Heeder uraufgeführtes Auftragswerk "African Moon" steht spürbar in der Tradition neuerer britischer Dramatik. Und damit das ungebrochen Lebensechte nicht allzu belanglos gerät, wird es genretypisch mit Schockinformationen versorgt, die idealerweise den persönlichen mit dem politischen Eklat verzahnen.

Theater Krefeld Mönchengladbach

alt

Unverstehbare Wahrheiten, mit Übertitelung

von Klaus M. Schmidt

Mönchengladbach, 2. Juni 2012. Die ersten Pointen dieses nicht gerade pointenarmen Textes dürfen die Herren des Ensembles an der Rampe vom Stapel lassen. Da stehen sie im schwarzen Mantel und mit Melonen auf den Köpfen – und Gelächter vom Band entwertet den Wildeschen Wortwitz sogleich, der solche Markierung ja nun wirklich nicht nötig hätte. Dafür hat Regisseurin Thiza Bruncken dann aber fast drei Stunden lang jede Menge eigene, meist nonverbale Pointen zu bieten, die aus Wildes 1895 uraufgeführter Komödie eine bitterböse Farce machen.


Theater Krefeld Mönchengladbach
alt

Mann ohne Rückgrat im U-Boot versenkt

von Klaus M. Schmidt

Mönchengladbach, 25. März 2011. Selten tritt ein neuer Intendant so leise an wie der vom Landestheater Schleswig-Holstein ans Theater Krefeld Mönchengladbach gewechselte Michael Grosse. Sein erster Spielplan enthält viele Wiederaufnahmen aus der letzten Spielzeit des Vorgängers Jens Pesel, und im Ensemble sieht man viele bekannte Gesichter. Einen frischeren Akzent wollte man an Deutschlands ältestem Fusionstheater jetzt wohl setzen, indem man den Kölner Filmregisseur Ali Samadi Ahadi, der vor dem ersten Golfkrieg 1985 aus dem Iran nach Deutschland floh, mit seiner ersten Theaterregie betraute.


Theater Krefeld Mönchengladbach

Geld essen Seele auf

von Klaus M. Schmidt

Krefeld, 12. Juni 2010. Ein großes Regal mit vier schiefen Böden, an die acht Meter hoch. Hier hocken sie manchmal ganz verloren wie Püppchen, die berühmten Figuren aus Thomas Manns Roman "Die Buddenbrooks". Der Konsul und seine Frau, ihre Kinder Tony, Thomas und Christian. Regisseurin Bernarda Horres nimmt in ihrer Inszenierung von John von Düffels Dramatisierung des Romans die Püppchen aus dem Regal und jagt ihnen auf der Bühne davor den Staub aus den Kostümfalten. Hier wird nicht mehr das Bürgertum melancholisch verabschiedet, hier wird manchmal derb, manchmal komisch und am Ende tragisch die emotionale Verkrüpplung der Menschen durch die Diktatur der Ökonomie vorgeführt.


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