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archiv » Sophiensaele Berlin (28)
Sophiensaele Berlin

Das Schweben der Anderen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 20. Oktober 2016. "I will survive", monotönt die Computerstimme vom Navi des Raumschiffs, zu dem Simone Dede Ayivi die Bühne erklärt hat. Ayivi selbst hat sich im silbernen Raumanzug zu einem "Black Power Nap" auf den Boden unter den Sternenhimmel gelegt, den die Diskokugel wirft. Es mache müde, dieses zusätzliche Bewusstsein, in dem man als schwarze Frau ständig das Mitleid oder die Verachtung in der Perspektive der "Anderen" auf sich mitverarbeiten müsse.


Sophiensaele Berlin

Kann da die Kunst helfen?

von Michael Wolf

Berlin, 20. Mai 2016. Monster Truck provozieren gern. Zuletzt wurde die Gruppe vom Schauspiel Leipzig ausgeladen, weil das Schauspiel Leipzig nicht wollte, dass auf seiner Bühne ein Schwein filetiert wird.  Sie haben das Schwein dann an den Berliner Sophiensälen filetiert. Dort feiert jetzt auch ihre neueste Produktion "Sorry" Premiere, die sie mit Kindern der nigerianischen Company "The Footprints" erarbeitet haben. An diesem Abend gibt es aber keinen Skandal. Das ist ein bisschen enttäuschend. Der Programmtext ließ mehr erhoffen.


Sophiensaele Berlin

Mit allen Merkmalen eines Massenverbrechens

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 26. bis 29. Juni 2015. Zum Schluss spricht der "Vorsitzende des Tribunals" Jean-Louis Gilissen. Er hat die drei Tage der "Berlin Hearings" des "Kongo Tribunals" von Milo Rau in den Sophiensaelen bisher vor allem damit verbracht, würdevoll in den Saal zu schreiten und mit sonorer Stimme und dem Holzhämmerchen des Richters einen korrekten Ablauf des Prozesses zu organisieren. Es hat sich einiges in ihm aufgestaut. Nun ergreift er das Wort und hebt in einer (zumindest in der deutschen Übersetzung des französischen Originals) nicht besonders stringenten, doch sehr emotionalen Rede auf die Bedeutung dieser Veranstaltung ab, die am Beispiel der jüngeren Geschichte des Kongo offengelegt habe, dass der Modus operandi der Weltwirtschaft "alle Merkmale eines Massenverbrechens" habe. Wir alle seien mitverantwortlich und müssten uns dieser Verantwortung stellen.


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Glück: unterschiedlich teuer

von Eva Biringer

Berlin, 21. Mai 2015. "20 Euro! Vorher habt ihr doch alle gesagt, ihr würdet es kaufen!" Recht hat die Performerin mit dem T-Shirt-Stapel in der Hand. Aufgedruckt auf die angeblich zu fairen Bedingungen hergestellten Oberteile sind die Geschichten derjenigen, die sie genäht haben. "18 Euro? 15?" Einige Zuschauer, die den Anfangspreis gezahlt haben, zögern, fordern dann aber doch ihr Wechselgeld. Andere warten, bis es noch billiger wird. So also funktioniert Textilwirtschaft.


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Spezialitäten aus Deutschland

von Alexander Kohlmann

Berlin, 7. Mai 2015. Dass dieser Abend viel eher eine Kunst-Installation denn eine klassische Theater-Inszenierung ist, zeigt sich schon, als wir den Saal betreten. In der Mitte der Bühne dreht sich eine riesige Rotunde. Aus dem Inneren des hölzernen Karussells ist Blasmusik zu hören. Ein Eingang in die verborgene Welt ist nirgends zu sehen. Bis sich eine Tür öffnet, aus der ein Mensch in Lederhosen-Tracht steigt. Sein Gesicht ist mit einer immerfort grinsenden Maske bedeckt. Wenn er uns hereinwinkt, scheint das ein wenig so, als würde die Hexe mit knochigen Fingern das Lebkuchenhaus schmackhaft machen wollen. "Welcome to Germany" heißt das neue Projekt von Monster Truck: Hereinspaziert!


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Depri-Artist

von Esther Slevogt

Berlin, 10. April 2015. Am Ende fällt kein Schuss, der junge Werther bleibt offenbar am Leben und einer der berühmtesten Selbstmorde der Literaturgeschichte fällt im Berliner Ballhaus Ost erst mal aus. "... and I still continue to breathe... ", singen die vier Performer in einer Art Endlosschleife. Das ist zwar fast ein Originaltext aus Goethes "Werther": aus dem Schlussbild geschnitten, als Werther schon von sich selbst tödlich verletzt im Sterben liegt. Allerdings in englischer Übersetzung und aus der dritten in die erste Person Singular gebracht.


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Alte Seelen in Kinderkörpern

von Eva Biringer

Berlin, 4. Dezember 2014. Ein ungeschriebenes Gesetz auf deutschen Theaterbühnen lautet: keine Kinder, keine Tiere. In seiner Inszenierung von Dostojewskis "Karamasow" bricht Thorsten Lensing beide Regeln auf einmal. Aus dem tausendseitigen Familienepos mit dem Prädikat unaufführbar wird in den Sophiensaelen eine Suche nach der kreatürlichen Unschuld, der Vermutung nach in jenen Wesen zu finden, die nichts wissen vom Bösen: in Kindern und Tieren eben.


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Ich bin klein, das Leben ist groß

von Christian Baron

Berlin, 27. November 2014. Gerade noch wirbelten und tanzten sie unter donnernden Drums quer über die Bühne der Berliner Sophiensäle. Da verstummen sie plötzlich. Das Licht wird gedimmt. Auftritt Mascha: "Ich lieg in der Badewanne und singe. Hallihallohallo!" Ihr Blick verdüstert sich. Sichtlich berührt den Kopf gesenkt, kommt sie aus dem Konzept, verhaspelt sich im Text. "Es ist ernst", flüstert jemand aus den Zuschauerreihen. Ein kurzes, kaum wahrnehmbares Nicken, und weiter geht’s. "Es ist ernst! Ich hab einen Herzanfall. Mein Kopf ist schon unter Wasser, aber Mama zieht mich raus und bringt mich ins Krankenhaus."


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Ich ist ein Datensatz

von Wolfgang Behrens

Berlin, 9. Oktober 2014. Einmal an diesem Abend beantwortet Georg Werner, einer der Performer der Gruppe Turbo Pascal, die wirklich großen Fragen. Könnte es, lieber Georg, eine App geben, die mir sagt, wie mein Gegenüber begrüßt werden will, mit Küsschen, mit Umarmung, mit Handschlag oder nur mit einem körperkontaktlosen Hallo? Könnte mir eine App helfen, den Kontakt mit denjenigen Personen in meinem Umfeld zu minimieren, die mich irgendwie runterziehen? Könnte mir eine App sagen, wie der Gesichtsausdruck der gerade angesprochenen Person zu deuten ist? Und, Georg, wäre eine App denkbar, die die Bedürfnisse meines Babys am Schreien erkennt?


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Macht-Schabernack

von Simone Kaempf

Berlin, 17. April 2014. Einer der Regisseure dieses Abends sieht empfindlich nach einem Rainer-Werner-Fassbinder-Double aus: Lederjacke, schwarzer Schlapphut, dunkle Sonnenbrille und ein unverkennbar regressiv abgeklärter Gesichtsausdruck. Diesen verändert Oliver Rincke auch nicht, wenn er, auf einem Regiestuhl sitzend, auf die Bühne gerollt kommt. Schon das eine Parodie auf coole Regisseure hinter ihren Filmkameras, aber ebenso auf die schnurrende Mechanik beweglicher Kameraschienen und die ganze Theater- und Filmapparatur, in der mehr oder weniger despotische Regie-Meister das Sagen haben.  


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Noch einmal: mit Gefühl!

von André Mumot

Berlin, 21. März 2014. Gegen Ende packt die Freundin des Schriftstellers ihre Sachen und geht. Man kann ihr das wirklich nicht übelnehmen, schon weil dieser Stückeschreiber, mit dem sich Nis-Momme Stockmann hier selbst porträtiert, ständig so aufgeblasen wie selbstverliebt von Freiheit redet, von der Liebe als "der unausstehlichsten Daseinsform von allen", als dem großen "strukturellen Gefängnis". Was unter anderem daran liegt, dass er gerade an einem Stück arbeitet, das von diesem Gefängnis handeln und "Die kosmische Oktave" heißen soll. Seine Freundin aber sagt zum Abschied – in schlichter, schöner Großartigkeit: "Du weißt gar nichts über Liebe. Und du solltest auch wirklich nicht darüber schreiben. Du solltest einfach mal die Fresse halten."


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Entscheide dich!

von Dirk Pilz

Berlin, 7. November 2013. In den Berliner Sophiensaelen ist auf drei Etagen eine Ausstellung eingerichtet. Das klingt harmlos. Aber hier wird viel gewollt, sehr viel, nämlich das Ganze. Dazu später, zunächst sei die Chronistenpflicht erfüllt.


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Die Innenseite des Mantels

von Simone Kaempf

Berlin, 31. Oktober 2013. Auf dem Boden sind mit rotem und grünem Kreppband viele Bühnenbild-Markierungen aufgeklebt. Gleich die erste soll eine Veranda sein, dahinter ein Gästezimmer und eine Küche. In der steht dann aber ein echter großer Tisch. Und tatsächlich wird dort bald ein Koch mit einer scheppernden Blechkelle auch echte Suppe verteilen. Denn es ist zwar vieles Behauptung an diesem Abend, aber nicht alles.


Sophiensaele Berlin

Versuch über die Müdigkeit

von Eva Biringer

Berlin, 13. März 2013. Für gewöhnlich wirbt nachtkritik.de mit dem Slogan: "Sie schlafen. Wir schreiben." Heute ist es anders: Sie schlafen, ich schlafe. Oder: Sie schlafen, ich versuche es. Oder: Wir hier schlafen, Sie lesen. Das 2004 in Hildesheim gegründete Kollektiv Turbo Pascal installiert in den Sophiensaelen ein sogenanntes Schlaflabor. Bei "8 Stunden (Mindestens)" sollen etwa achtzig Zuschauer von 21 Uhr abends bis zum nächsten Morgen performativ die Müdigkeitsgesellschaft erfahren.

Protokoll einer beinahe schlaflosen Nacht.


Sophiensaele Berlin

Freischaffend oder frei von Schaffen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 18. September 2012. Man spricht ja gerne von der Durchlässigkeit der Grenze zwischen der Freien Szene und dem Stadttheater. Gemeint ist damit meist, dass die Künstler der Freien Szene heute leichter denn je an den Stadt- und Staatstheatern Fuß fassen, da sich die arrivierten Häuser auf diese Weise so schnell als möglich an die neusten Trends aus dem kreativen Pool des Off-Bereichs anschließen wollen.


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Wer bin ich denn noch?

von Nikolaus Merck

Berlin, 25. Januar 2012. Das wahre Selbst, es gibt es nicht. Das wusste schon Shakespeare, der Frauen und Männer nicht nur in "Twelfth Night" ("Was ihr wollt") gerne in tiefste Identitätsverwirrung schickte. Später fand die Wissenschaft den dazu passenden Beweis: das Capgras-Syndrom. Wer darunter leidet, erkennt zwar Freunde, Räume, sogar die Lieblingsbäume seiner Kindheit wieder, vermag auch die Stimmen der Nächsten am Telefon mit den entsprechenden Affekten zu verbinden, hält aber Eltern, Geliebte oder die eigenen Kinder, wenn er ihnen begegnet, für Betrüger. Die Ursachen des Syndroms, das nach Kopfverletzungen auftritt oder bei Demenz, sind unklar, Heilung kommt von alleine oder gar nicht.


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Ich bin eine Episodenfigur

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 9. Dezember 2011. "Ich liebe ihn, ich liebe ihn", sagt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja. Die Liebe zu ihm sei wie ein Mühlstein, den sie um den Hals trage und der sie irgendwann in den Abgrund reißen werde. Hat die sich selbst und allen anderen ständig kokett ausweichende Hauptfigur von Anton Tschechows "Der Kirschgarten" da etwa einen lichten Moment?


Sophiensaele Berlin

Klassische Exotik – politisiert und gesampelt

oder

Wie Ulrich Rasche einmal so lange in den Mozart hineinschaute, bis ihm die Aktualität ins Gesicht sprang

von Wolfgang Behrens

Berlin, 10. Februar 2010. Schon gleich zu Beginn, wenn die Zuschauer in den sogenannten Hochzeitssaal der Sophiensaele hineingeführt werden, ahnt man, um was für eine Art Veranstaltung es sich handelt: Fein säuberlich aufgereiht stehen da sechs Hocker mit ausreichendem Abstand nebeneinander auf der Bühnenfläche, auf denen hocken die sechs Mitwirkenden – eine Schauspielerin, drei Sänger, zwei Musiker – vor sechs Mikrofonständern mit sechs Mikrofonen.

Und sofort ist klar, dass hier artifizieller Minimalismus betrieben wird: Es werden keine Farbbeutel geworfen werden, kein Deus ex machina wird aus einer Falltür oder einer Deckenluke hervorspritzen, ja, die Mitwirkenden werden nicht einmal ihre Positionen vor den Mikrofonen aufgeben oder wechseln. Derart vor Überraschungen gefeit, könnte man sich getrost zurücklehnen und sich kontemplativ in die Kunstproduktion vertiefen – wenn denn die Sitze der Zuschauer Rückenlehnen hätten.

Es ist eigentlich gar nicht viel zu sagen gegen eine solche freiwillige Beschränkung der künstlerischen Mittel, die immerhin eine spezifische Form der Konzentration zu erzeugen vermag. Eben die Tatsache indes, dass man nicht viel dagegen sagen kann, reizt denn doch zur Widerrede: Ein formales Korsett dieser Art bürgt immer für ästhetische Geschlossenheit und somit für ein wohlfeiles Sicherungsnetz. Unter der Wahrung eines (zumindest scheinbar) radikalen Ansatzes wird so jedes Risiko vermieden: Scheitern kann ein solcher Abend nicht; er kann höchstens langweilen.

Entführung 2005

Genug der Vorrede – worum geht's? Der Regisseur Ulrich Rasche, dessen Projekte sich immer auf der Grenze von Musik- und Sprechtheater bewegen, hat sich einen alten Stoff – Mozarts "Entführung aus dem Serail" – hergenommen, um ihn mit einem Entführungsfall der jüngeren Geschichte zu kontern, mit der Verschleppung der deutschen Orientalistin Susanne Osthoff 2005 im Irak. Rasche pickt hierzu einzelne Momente aus der Oper heraus und stellt ihnen Interviewaussagen Susanne Osthoffs gegenüber.

Was einfach klingt, erweist sich in der ästhetischen Realität als ziemlich ausgetüftelt. Um die kurzen Augenblicke aus der "Entführung aus dem Serail", um die es Rasche geht, einzufangen und stillzustellen, hat der Komponist Hannes Strobl mit elektronischen Mitteln Mozart in den Geist der minimal music eines Steve Reich oder John Adams gehüllt. Und das geht so: Die Instrumentalisten (Cello und Klarinette) und Sänger spielen bzw. singen gewissermaßen in Zeitlupe kurze Phrasen aus Mozarts Partitur ins Mikrofon, gerne beginnend mit wenig prägnanten Bass- oder Mittelstimmenpatterns, und werden dann gesampelt und geloopt, sodass sich der zeitweise wie gefroren wirkende Gesamtklang erst langsam aufbaut. Würde die Tontechnik die Regler nicht mitunter etwas sehr weit aufziehen, könnte sich hier eine in der Tat berückende Sogwirkung einstellen.

Kontrapunktik mit Zittern und Beben

Die Texte von Susanne Osthoff (auch sie werden fallweise geloopt) spricht Kornelia Lüdorff, und sie macht das auf beeindruckende Weise. Die der Mündlichkeit entstammenden und hier in protokollarischer Genauigkeit wiedergegebenen Sätze Osthoffs verlaufen und verheddern sich schon einmal, ihr füllwortreicher Duktus wirkt nervös und zerstreut. Kornelia Lüdorff nimmt diesen Gestus jedoch nicht auf, und wenn doch, dann verfremdet sie ihn durch gespannte Konzentration. Es gelingt ihr so der seltsame Spagat, auf gesammelte Weise fahrig zu wirken – in aller Ruhe und Gefasstheit stochert sie nach Worten. Was einen schönen Kontrapunkt zu dem Mozart-Strobl'schen Soundenvironment ergibt.

70 Minuten lang lädt die so beschaffene ästhetische Oberfläche zur Versenkung ein, und wie erwartet ändert sich nichts. Ehe man sich aber zu langweilen beginnt, kann man der Frage nachhängen, wohin das Ganze denn führe. Und hier muss man einräumen, dass Rasche und sein Team in ihrer Parallelisierung tatsächlich einen verblüffenden Punkt aufzeigen: das offenbar durch die Jahrhunderte hindurch konstante Misstrauen dem Entführungsopfer gegenüber, ob es sich nicht doch selbst zu weit mit dem Entführer eingelassen habe. Minutenlang wird die "zitternde, bebende" Frage Belmontes an seine Konstanze in den Raum gestellt, "ob du den Bassa liebst". Die enervierende Wiederholung macht sinnfällig, wie viele Ängste in dieser Frage mitschwingen: Hat Konstanze sich der anderen Kultur etwa bereits anverwandelt? Hat sie sich verändert? Ist sie überhaupt würdig, befreit zu werden?

Über 200 Jahre später lauteten die Frage vor allem der Medien an Susanne Osthoff ganz ähnlich: War sie nicht selbst schuld an dem, was ihr widerfuhr, da sie sich der fremden Kultur zu weit genähert hatte? Durfte sie ihre westliche Identität aufs Spiel setzen, indem sie zum Islam konvertierte? Und war es nach der Befreiung nicht ihre verdammte Pflicht, dem Irak auf immer zu entsagen (was sie nicht tat)? Das immerhin also leistet Ulrich Rasches minimalistisches Verfahren: Wenn man lange genug in das oft belächelte Libretto der "Entführung aus dem Serail" hineinschaut, dann springen plötzlich unvermutete Aktualitäten heraus.


Die Entführung aus dem Serail
Ein Monolog nach Wolfgang Amadeus Mozart von Ulrich Rasche
Regie: Ulrich Rasche, Musikalisches Arrangement: Michael Emanuel Bauer, Ton: Norman Duncan Thörel, Technische Leitung: Stefan Neumann, Produktionsleitung: Carolin Kiel.
Mit: Kornelia Lüdorff, Norma Nahoun, Till Schulze, Guillaume Francois, Pablo Bercellini (Violoncello), Miguel Pérez Inesta (Klarinette/Bassklarinette), Hannes Strobl (elektronische Komposition).

www.sophiensaele.com


Mehr zu Ulrich Rasche: von Stuttgarts berühmten Chören und einer eisigen Salome kommend, nahm er Kurs auf Berlin, wo er an der Volksbühne nach einem Schiller-Fragment die Seestücke 1 inszenierte.


Kritikenrundschau

Konstanze als Susanne Osthoff, Belmonte als "Vertreter der irritierten deutschen Öffentlichkeit", ließe sich das nicht machen, hätten sich, laut Carsten Niemann im Berliner Tagesspiegel (12.2.2010), Regisseur Ulrich Rasche, Arrangeur Michael Emanuel Bauer und Elektrokomponist Hannes Strobl wohl gefragt. Um dann eine Stunde lang "Worte Susanne Osthoffs" sowie "musikalische Splitter aus Mozarts Oper" in einer Nachtmusik zu kombinieren. Sie animierten die Zuhörer, die "Erinnerungen an den Entführungsfall Osthoff differenzierter zu betrachten". Rasche sei eine "eindringliche Studie" gelungen, man vermisse lediglich "eine Auseinandersetzung mit Mozarts subversivem Humor".

In der Berliner Zeitung (12.2.2010) schreibt Dirk Pilz: Der ideale Zuschauer für das "rituelle Theater" Ulrich Rasches sei der "dank geduldig praktizierter Schweige- und Enthaltsamkeitsexerzitien in Versenkung" geübte "Mönch". Das Grundprinzip von Hannes Strobls Komposition, aus "Loops werden komplexe Klangformationen" und der "dichte Diskurs" aus "Gegen- und Miteinander der Tonlinien", entspreche in der Form dem inhaltlichen Anliegen – die Überblendung der "Entführung" von Mozart mit der Entführung Susanne Osthoffs 2005 im Irak. Rasche interessiere der Vorwurf, Osthoff "habe mit ihren Entführern mehr gemein als mit ihren (westlichen) Befreiern". "Hat sie, die Entführte, die Seiten gewechselt?" Was Belmonte einst ängstigte, sei, so Pilz, "unsere Angst geblieben: Es ist die Angst vor der Stärke und Attraktivität einer dem Westen zumeist fremden Kultur". Rasches "konzentrierte Ernsthaftigkeit" huldige keinem "selbstgefälligen Ästhetizismus". Er lasse die Zuschauer vielmehr "gesellschaftliche, moralische und ästhetische Dilemmata" erfahren.

 

 


Sophiensaele Berlin

Kontrolle ist gut, Sicherheit ist besser

von Elena Philipp

Berlin, 14. Mai 2009. Niemand in Deutschland will einen Überwachungsstaat, hat der derzeit amtierende Innenminister Schäuble 2007 in einem Deutschlandradio-Interview versichert. Das klingt verdächtig nach Ulbrichts Diktum "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", und daher ist Misstrauen angebracht. Innenminister kann zudem mit IM abgekürzt werden – eine Steilvorlage für jede Paranoikerin. Bernadette weist seit einem knappen Jahr Wahn-Symptome auf, sie hört Stimmen. Genauer gesagt eine einzige Stimme: Die des derzeit amtierenden Innenministers, der ihr seine politische Ansicht nahe bringen möchte – Sicherheit, Sicherheit über alles.


Sophiensaele Berlin

Gesucht: Hartz IV-Empfängerin. Gebucht: Gloria

von Elena Philipp

Berlin, 23. April 2009. "Ich muss mich einfach mal wieder künstlerisch regenerieren, was Kleines, Dreckiges machen." Die Filmregisseurin Charlotte Weiss (Nina Kronjäger) hat nach ihrem schicken RAF-Film "Die Terroristin" keine Lust mehr auf Glamour. Sie möchte ran ans wahre Leben und einen "sozialkritischen, dem Realismus verpflichteten Film über die Ärmsten dieser Gesellschaft" drehen. Etwas Authentisches, Einfaches – denn wenn ein Mensch wirklich etwas zu erzählen hat, muss man einfach nur die Kamera draufhalten und fertig ist der Dokumentarfilm.


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In Wirklichkeit ein Unglück

von Nikolaus Merck

Berlin, 21. November 2008. Fast genau auf den Tag vor 70 Jahren wurde sie geboren: Christa Päffgen. Die Synagogen im deutschen Nazi-Reich brannten bei ihrer Taufe, Bomben illuminierten die Geburtsstadt Köln zu ihrem fünften Geburtstag. Flucht in den Spreewald bei Berlin. Mit 16 entdeckt vom prominenten Modefotografen Herbert Tobias, wurde aus der vaterlos aufgewachsenen Christa Päffgen so etwas wie eine frühe Claudia Schiffer. Doch während Schiffer in bravem Glamour ihre Bestimmung findet, ging Päffgen den entgegengesetzten Weg.


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Die Quadratur des Ringofens

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 5. September 2008. Bevor es anfängt, fängt es gut an. Denn die Bühne ist großartig. Lenhart und Böhler lassen den "Lohndrücker" in einem quadratischen Ringofen spielen. Er ist aus Pappe gebaut, und die Zuschauer gucken von den vier Seiten hinein: Auf die malochenden Schauspieler hinunter. Im Laufe des Abends wird viel Alkohol verschüttet (weniger getrunken), die Pappe wird durchnässt, und der Wodka- und Bierdunst zieht hinauf ins Publikum.


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Icke aufm Kopp

von Anne Peter

Berlin, 3. April 2008. Vielleicht ist es ja wie Ankommen in China. Auf der anderen Seite. Dieses Ankommen, von dem am Anfang die Rede ist. Streckenweise jedenfalls versteht man nur Bahnhof – beziehungsweise: nur Chinesisch. Also: nichts bis gar nichts.


Sophiensaele Berlin

Giftige Ausdünstungen der Seele

von Simone Kaempf

Berlin, 21. März 2008. Wenn Astrow sich in Rage redet, dann kennt die Zerstörung keine Grenzen. Nicht nur, dass der Wald stirbt, nein, die Flüsse versiegen, das Vieh verendet, Schwäne, Enten und Gänse verschwinden. Astrow, der Landarzt, der nur noch unter Alkoholeinfluss operiert und nachts nicht schlafen kann vor Angst, zu einem Kranken gerufen zu werden, für diesen Astrow der eigentlich doch so baumstarken Statur des Devid Striesow, wird die Welt, so sagt er, jeden Tag ein Stück hässlicher.


Sophiensaele Berlin

Es wird Kunst gemacht

von Wolfgang Behrens

Berlin, 14. Dezember 2007. Am Anfang aber war die Spielfläche leer. Ein Hocker, ein Eimer, rückwärtig zwei Stühle, seitlich ein Schirmstrahler akzentuieren diese Leere mehr, als dass sie sie füllen. Wüst wird die Bühne dagegen am Ende aussehen: Drei Tänzer haben dann eindreiviertel Stunden lang faustische Kräfte – kosmogonische und zerstörerische – walten lassen; zurück bleiben Wasserpfützen, ein Haufen Blumenerde und jede Menge umgestürzte Stühle.


Sophiensaele Berlin

Biogemüse und andere Hilflosigkeiten

von Anne Peter

Berlin, 4. Oktober 2007. Quer geht sie mit dem vollen Nudelsieb über die Bühne, reißt das Fenster der Sophiensaele auf und – schwupps – schon ist die warm dampfende Pasta übers Sims geflogen. "Das ist das einzige, was mir zu Afrika einfällt", erklärt die an diesem Theaterabend fürs Kochen zuständige Schauspielerin trocken.


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Monologische Symphonie

von Irene Grüter

Berlin, 9. Juni 2007. Das derzeit beliebteste Requisit auf deutschsprachigen Bühnen versprüht, nebst beliebigen Flüssigkeiten, stets einen Hauch von modischem Trash-Charme: Die Pet-Flasche. Sie muss etwas Unwiderstehliches an sich haben, dass sie in jeder zweiten Inszenierung verwendet zu werden scheint, und zwar besonders gerne in solchen, die mit offenen Bühnensituationen arbeiten.


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Obduktionsstätte des beschriebenen Bildes

von Dirk Pilz

Berlin, 30. März 2007. In München kam es während einer Vorstellung der "Iphigenie auf Tauris" an den Kammerspielen vor, dass Zuschauer auf die Bühne gegangen sind und von den Schauspielern wissen wollten, was das solle. Dieses Drama zwischen Körper und Text, das der junge Regisseur Laurent Chétouane immer wieder inszeniert.


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