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archiv » HAU Berlin (86)
HAU Berlin

Wir müssen frei sein

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 12. Januar 2017. "Ja, war ganz nett" – "Ein seltsames Stück" – "Ich fand's interessant!" – "Hm". So kommen die fünf Schauspieler*innen in ein typisches "Nach dem Theater"-Gestammel, als sie ihre Marionetten von den "Zuschauersesseln" erhoben haben. Die Miniatur-Puppen-Sessel waren auf der Bühne des HAU 1 aufgebaut als nullte vor der ersten Zuschauerreihe.


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Identität ist die neue Heimat

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 10. Dezember 2016. Gerade als es langweilig wird, wird es interessant. Gerade als man begriffen zu haben meint, dass dieser Abend ein weiterer dieser ehrenwerten Kroesingers ist, die einen "nur" mit Argumentationsstoff versorgen; die man durchleiden muss, um anschließend das behandelte Thema in eigenen Diskussionen über die neue Karriere von "Volk" und "Heimat" (wieder) zu einem spannenden zu machen. Gerade als die zig-te Spielidee nur auflockernd anskizziert wird, das Theater schon wieder absäuft, passiert etwas Bemerkenswertes.


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Einmal kurz die Welt retten

von Michael Wolf

Berlin, 24. November 2016. Und nach einer Stunde dann der Witz mit den Künstlern und dem Neoliberalismus: "Ich hasse es, wenn Künstler über den Neoliberalismus reden und noch nicht mal ihre Steuererklärung verstehen." Wahrscheinlich kannten Sie den Witz schon. Er ist schon etwas älter und hat sich überlebt. Den meisten Zuschauern ist es wohl egal, ob Theaterschaffende ihre Steuererklärung hinkriegen. Hauptsache sie kriegen Theater hin. Das gelingt andcompany&Co. an diesem Abend im Berliner Hebbel am Ufer nicht. Denn es wird schnell langweilig. Steuererklärungs-langweilig.


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Es gähnt

von Frauke Adrians

Berlin, 11. November. Das klingt aber wirklich mal nach einem Tanztheater für unsere Zeit: "Gegenwart heißt heute Krise", konstatiert das Programmheft zu Laurent Chétouanes neuer Choreographie "Khaos". "Das Chaos scheint nicht mehr nur Ausnahmezustand zu sein, sondern ein gleichermaßen bedrohliches wie unvermeidliches 'Modell' für die Zukunft." Bravo! Da lässt ein Choreograph, wie es scheint, nicht nur den Brexit vertanzen, er hat auch gleich noch den Trump-Sieg antizipiert. Und in der Tat: Die drei Tänzer, die sich da Arm in Arm auf die Bühne des HAU 2 vorwagen, wirken wie gebrannte Kinder der Dauerkrise. Desillusioniert, abgekämpft. Wachsam beäugen sie den Saal und das Publikum, nichts Gutes erwartend. Lösen sich voneinander, durchschreiten den Bühnenraum. Drehen sich, wie von einer fremden Macht gezwungen, um ihre eigene Achse. Strecken die Arme hoch, als müssten sie einen unsichtbaren Wasserball auf der Schulter transportieren. Kreisen umeinander.


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Aufgewacht, ihr Toten: Es wird wieder gemüllert!

von Janis El-Bira

Berlin, 3. März 2016. Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind. So heißt es zu Beginn von Alexander Kluges Trauerrede auf Heiner Müller, gehalten am 16. Januar 1996 im Berliner Ensemble. Kluge liest Handgeschriebenes von einem Notizblock ab, redet meist frei. Mit Müller spricht er von der Spaltung der Arbeiterbewegung, der Schlachtbank Verdun, von Auschwitz und dem entgleisten Leben jener, deren Land aufhörte zu existieren. Und immer wieder ist da die geschichtliche Schicksalsgemeinschaft der Lebenden und der Toten. Die Gewesenen bestimmen den Platz der Heutigen. "Die Toten sind anwesend, wenn die Lebenden agieren", sagt Heiner Müller in einem späten Gespräch: "Und davon lebt das Drama."


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Das Klimpern der Cent-Stücke

von Simone Kaempf

Berlin, 30. Januar 2016. "Willkommen in Griechenland" – der Schriftzug erscheint auf der Leinwand im Bühnenhintergrund, unterlegt mit plätscherndem blauem Meer. Kannelierte Säulen sind zu sehen, mächtige Säulenträgerinnen und bröckelnder Stein. Die Filmbilder zoomen dicht an die Akropolis, so wie man sie aus dem Reiseführer kennt.


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Was wer sagt

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 20. Januar 2016. Er hat die Lösung! "Transnationale transkontinentale Polyamorie statt knallharter Diplomatie", schreit Franck Edmond Yao ins Mikrofon, und seine verzweifelte Überzeugungskraft muss sich nach den vielen grausligen Putsch- und Gewaltherrschaftsexempeln aus der jüngeren westafrikanischen Geschichte, die bis dahin am staunenden Publikum vorbeigejagt worden sind, aufs Zuschauerhirn übertragen. Aber nur für eine Sekunde. Denn sogleich wird Yaos Statement gebrochen, wird ihm ein Weiter-Dasein zwar gestattet, aber in der Weltfremdheit. Um die Utopie eines Einzelnen geht es hier nicht.


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Die Jungs schrammeln mal wieder, lass sie!

von Esther Slevogt

Berlin, 14. November 2015. "Simulatiooooon! Simulatioooon!", fiepst Schorsch Kamerun schmelzrockig, als wolle er die Hamburger Schule mit Berlin-Kreuzberg auf die Kuschelkissen schicken. Am Keyboard schüttelt PC Nackt (bekleidet) seine modisch-korrekt überdimensionierte Haartolle und wippt rhythmisch zu dem, was er da gerade spielt. Fabian Hinrichs streichelt dazu mit hintergründigem Smile seine E-Gitarre. "Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück" heißt die Veranstaltung etwas umständlich, die im alten Hebbel Theater gegenüber der Berliner SPD-Zentrale im Rahmen des Festivals "Marx' Gespenster" stattfindet. Wobei diese Gespenster gerade wahrscheinlich eher Sigmar Gabriel heimsuchen. Wenn überhaupt. Im Theater anzutreffen sind sie heute jedenfalls nicht.


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Am Rad der Geschichte

von Simone Kaempf

Berlin, 12. November 2015. Karls Marx‘ Mehrwerttheorie wird anhand einer geleerten französischen Rotweinflasche erklärt. Man ist schließlich in Paris, an einem Märztag im Jahr 1848. Republikanische Anhänger treffen sich nach einer Demonstration für die Einführung der Nationalversammlung. Nun schwappt der Rotwein in den Gläsern und die Suppe in den Tellern – bourgeoise Polit-Streitkultur trifft auf K-Gruppen-Diskussions-Stimmung. In dieses Ambiente verlegt der französische Regisseur Sylvain Creuzevault seine Inszenierung "Le Capital et son Singe" (Das Kapital und sein Affe) und lässt noch allerlei weitere gesellschaftliche Flaschengeister aufsteigen.


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Schuften in der Knobel-Zone

von Christian Rakow

Berlin, 7. Oktober 2015. Wenigstens geht es den Profis auch nicht wesentlich besser mit diesen Gaming-Rätseln! Ein tiefempfundenes "Ja-woll" besiegelte einen der ersten hart erkämpften Lösungsfortschritte in unserem Spielteam. Es kam von Laura Naumann, die selbst in den Gründungsjahren um 2011 als Performerin und Autorin bei machina eX aktiv war und inzwischen solo als Dramatikern und mit dem Kollektiv Henrike Iglesias reüssiert.


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Der innere Moonwalk

von Simone Kaempf

Berlin, 23. Juni 2015. Oh diese Ballettposen! Sie sehen bei einigen Tänzern federleicht aus, während andere der Bewegung kaum hinterherkommen. Plié, Pirouette, Sprung, aber auch: Langsamer Walzer, Jazzdance, Michael Jacksons Moonwalk. Ein mühsam gestrecktes Bein hier, rotierende Körper dort, bis der Schweiß läuft in Jérôme Bels komplett individual-körpersprachlich gedachtem neuem Tanzabend "Gala".


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Jubilate, Anti-Exaltate!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 21. Mai 2015. Mit der Langeweile ist es so eine Sache. Laurent Chétouane hat einmal von den Proben zu seinem Hamburger "Don Karlos" (der ist schon ein paar Jährchen her) erzählt, dass der Schauspieler August Diehl ihm, dem Regisseur, von der Bühne herab alle möglichen psychologischen Angebote gemacht habe, wie er die Titelfigur spielen könne. "August, Du bist so langweilig", soll Chétouane gesagt und sich demonstrativ weggedreht haben. "Sprich doch einfach nur den Text." Diehl tat zuletzt, wie ihm geheißen – und alle anderen Schauspieler*innen auch: Sie sprachen den Text. Und siehe, Chétouane langweilte sich nicht. Noch jetzt leben indes Leute, die Zeuge jener sonderbaren, fünf Stunden währenden Inszenierung waren und sie, Wort für Wort, sterbenslangweilig fanden.


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Die Performer sind wir selber

von Nikolaus Stenitzer

Berlin, 6. Mai 2015. Wer dieser Tage zu Rimini Protokoll will, muss klingeln. Das neue Projekt "Hausbesuch Europa / Home Visit Europe" wird in privaten Wohnungen gespielt, und zwar von deren Bewohner*innen und ihren Gästen: Ein Spieleabend über die Tücken der Europäischen Verständigung.


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Post an die Kolonialisten

von Elena Philipp

Berlin, 6. März 2015. Wie kuratiert man einen Außenblick? Indem man Künstler*innen Carte blanche erteilt. Sechs afrikanische Choreograph*innen hat das Hebbel am Ufer um eine performative Position zur Kolonialgeschichte gebeten und sie als Ko-Kuratoren beauftragt, beim Festival "Return to Sender" eine weitere Künstlerin oder einen Künstler aus ihrem Herkunftsland zu präsentieren. Eine Rahmensetzung, die eine Vielzahl von Perspektiven ermöglichen und asymmetrische Machtbeziehungen vermeiden soll, wie in der HAU-Publikation zum Festival zu lesen ist.


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Kunst oder Kunscht

von Matthias Weigel

Berlin, 19. Februar 2015. Lässt Sie diese Frage auch kaum mehr schlafen: in welcher Weise sich die Figur des Pioniers eigentlich für eine künstlerische Subjektivität nutzbar machen lässt? Ja, der gute alte Pionier, in der DDR, im Militär, in der Wut-Rede von Christian Lindner, der Erfinder, Wegbereiter. Und neuerdings eben auch Performance-Ermöglicher – wenn er sich denn nutzbar machen lässt!


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Marschrichtung "Terminator"

von Matthias Weigel

Berlin, 3. Dezember 2014. Das große Paradoxon ist aus dem Kriegswaffenkontrollgesetz direkt abzulesen. Demnach dürfen deutsche Unternehmen kein Kriegsgerät in Länder exportieren, in denen die Waffen "friedensgefährdend" eingesetzt werden könnten. Aber wie bitte sieht ein friedlicher Waffengebrauch aus? Und als wäre das moralische Dilemma, ob man überhaupt mit Gewalt Frieden schaffen kann, nicht schon kompliziert genug, spielen in Deutschland auch noch die mächtigen Interessen eines ganzen Industriezweiges in die Waffenexport-Frage hinein.


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Altes Pulverfass Balkan

von Simone Kaempf

Berlin, 11. Juni 2014. Zwei Schüsse in Sarajevo an einem schönen Sommertag. Nein, nicht jene tödlichen Schüsse vom 28. Juni 1914, als der serbische Nationalist Gavrilo Princip mit seinem Revolver auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin zielt. Sondern unbekanntere in einem Gefecht im August 1878, als Sarajevo nach jahrhundertelanger osmanischer Besatzung durch k.u.k.-Soldaten erobert wird. Wobei die Befreiung je nach Blickwinkel eine neue Besetzung war, die eine Reihe Attentate zur Folge hatte, bis dann über den Umweg vom Balkan aus der Erste Weltkrieg hereinbrach.


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Was hast du aufgegeben, Mutter?

von Matthias Weigel

Berlin, 10. April 2014. Nur die allein daheim wartenden Mütter seien nicht gerade begeistert, hieß es vor vier Jahren, dass die Väter nun mit den Töchtern um die Welt reisten. 2010 hatte das Performance-Kollektiv She She Pop mit Testament seinen bis dato größten Erfolg gefeiert: Ein an Shakespeares "King Lear" angelehnter Abend, an dem die Performer ihren alternden Vätern gegenüber traten. Einladungen zum Berliner Theatertreffen und zu Festivals in der ganzen Welt folgten. Nun also der späte Ausgleich: "Frühlingsopfer", nach Igor Strawinsky, zusammen mit den Müttern, wiederum am Berliner HAU herausgebracht. Auch wenn es kein wirkliches Gegenstück ist.


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Bitte gehen Sie in die Knie

von Dirk Pilz

Berlin, 9. Januar 2014. Auch ein schönes Ideal: Theaterzuschauer in eine Lesegemeinde verwandeln. Still sitzen alle beisammen, lesen, blättern und halten das gleiche Buch in Händen. Schwarz, in Leinen, golden ist der Titel aufgeprägt: "Idealisten. Idealists. Idealisti. Schauplatz International".


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Däumchendrehen im Café Europa

von Christian Rakow

Berlin, 18. Dezember 2013.Durch einen Tunnel geht es in den Saal des Hebbel-am-Ufer, vorbei an einer langen Riege afrikanischer, asiatischer und osteuropäischer Akteure. Es ist der "Gastarbeiterstrich", wird man sogleich erfahren, wo Tagelöhner und Schwarzarbeiter ihre Muskelkraft feilbieten, für durchschnittlich 2 bis 7 Euro die Stunde. Schuften dürfen sie drinnen im Saal, auf einer riesigen Baustelle, die das österreichische Künstlerkollektiv God’s Entertainment ins HAU2 gebaut hat.


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Zaun aus Sternen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 13. Dezember 2013. Eigentlich hat das EU-Logo – gelber Sternenkreis auf blau – an sich ja schon was Ausschließendes. Da müsste die EU-Grenzschutzorganisation Frontex in ihrem eigenen Logo gar nichts mehr dazu tun, um zu signalisieren: Wer von draußen hier rein will, muss über einen zackigen Zaun.


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Die Welt ist eine Scheibe

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 8. Oktober 2013. Die Welt ist eine Scheibe. Eine Scheibe von Meat Loaf. DIE Scheibe von Meat Loaf, die den Schmachtrocker Ende der 70er Jahre zum Weltstar machte: "Bat Out of Hell". Sie ist vergrößert und in der Mitte im 90 Grad Winkel hochgeklappt, so dass sich eine schwarze, halbrunde Bühne mit halbrunder Hinterwand ergibt für die vier She She Pop Performer Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou und Sebastian Bark.


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Kuchen-Mitmach-Sause

von Eva Biringer

Berlin, 5. Oktober 2013. Widersprüche, wohin man schaut. Technologiehunger und Nostalgie, das große Fressen und Schlankheitswahn, digitale Kommunikationswut und reale Vereinzelung. Vielleicht, dachte sich das deutsch-britische Performancekollektiv Gob Squad, steckt die Essenz unserer Gesellschaft in einem dreiminütigen Youtube-Video. Ausgangspunkt von "Western Society" ist ein Zufallsfund im Internet, das Video einer Karaokeparty im kalifornischen Santa Barbara, dem "westlichsten Punkt der westlichen Gesellschaft". Weil dies das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ist, in dem wir sampeln statt zu erschaffen, wollen Gob Squad ein Reenactment erstellen, das heißt, die Situation im Video reproduzieren.


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Eine Seefahrt, die ist lustig

von Eva Biringer

Berlin, 2. Oktober 2013. Wie schrecklich so eine Schifffahrt sein kann, wissen wir spätestens seit David Foster Wallace' Roman Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Er berichtet darin von seinen Erlebnissen auf einem Kreuzfahrtschiff zwischen Bingo, Gesellschaftsspielen und Alleinunterhalter, eine Bespaßungsmaschinerie, aus der es kein Entkommen gibt.


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Schreckensbilder im Kopf

von Eva Biringer

Berlin, 26. September 2013. Die Reise in den Kinderkopf beginnt mit einem Fiepen. Man denkt an jene Töne, deren Frequenz so hoch ist, dass sie unter der Wahrnehmungsschwelle eines Erwachsenen liegen. Willkommen in der Welt des Frank Cauldhame. Willkommen in der Wespenfabrik.


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In jeder Ampel steckt ein Diktator

von Christian Rakow

Berlin, 24. April 2013. Gerüchteweise sollen Autofahrer, die sich zu sklavisch ihrer GPS-Navigation unterworfen haben, schon mal in einem Baggersee gelandet sein. Daher die gute Nachricht vorab: Alle rund 50 Freiluft-Theatergänger, die bei der Premiere "Remote Berlin" von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) von einer ebensolchen GPS-Stimme vom HAU weg quer durch Berlin gelenkt wurden, haben den Trip unbeschadet überstanden. Es gab allerdings mit Ausnahme eines künstlichen Teichs im Europacenter auch keine vergleichbaren Gefahrenquellen.


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Zockerlust analog

von Matthias Weigel

Berlin, 22. März 2013. Ein lustiger Zeitvertreib ist, einen Satz bei Google Translate auf Mandarin übersetzen zu lassen, nur um ihn gleich danach wieder auf Deutsch zu übersetzen. Bei diesem ersten Satz kommt dann beispielsweise heraus: "Ein interessanter Zeitvertreib, auf Mandarin Übersetzung eines Satzes gezwungen, und Google Translate haben wieder in Deutschland." Hat schon nicht mehr so viel mit dem Ausgangssatz zu tun.


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Im Jenseits torkeln

von Sophie Diesselhorst

28. Februar 2013. "Wir sind dazwischen" rufen die Performer etwa auf der Hälfte des Abends. Immer wieder. Dazwischen, ja. Das trifft aber vielleicht eher aufs Publikum zu. Das befindet sich zwischen dem im Programmzettel mit großen Worten beschriebenen Konzept des Abends – "Don't hope" ist Gegenentwurf zur Gegenwart" – und dem, was da gerade auf der Bühne passiert: Vier erwachsene Männer benehmen sich wie Kleinkinder: prügeln, streicheln sich, brabbeln einander Sätze nach. Sätze wie "Wir sind dazwischen."


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Millimeter eines Kilometers

von Elena Philipp

Berlin, 13. Dezember 2012. Dokumentarisch beginnt das rumänische Festival "Many Years After ..." am Berliner Hebbel am Ufer, mit dem Doppelabend zweier junger Dramatikerinnen, deren kritische Stücke in ihren Heimatländern Rumänien und Moldau schon öfter für öffentliche Erregung sorgten: Nicoleta Esinencu und Gianina Cărbunariu. In "Clear History" montiert Nicoleta Esinencu Archivdokumente und Augenzeugenberichte zu einem Schreckenspanorama der Judenvernichtung unter Marschall Ion Antonescu, und Gianina Cărbunariu rekonstruiert in "X mm din Y km / X mm von Y km" ein Verhör, dem der dissidente Schriftsteller Dorin Tudoran 1985 in Bukarest unterzogen wurde.


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Das war erst der Anfang

von Esther Slevogt

Berlin, 1. November 2012. Staatstragender hätte man auch ein Staatstheater nicht wiedereröffnen können. Bevor alles anfing, sprach im HAU 2 am Halleschen Ufer erst einmal der Regierende Bürgermeister zum Premierenvolk, um hernach sogleich ins HAU 1 (das frühere Hebbel Theater gegenüber der SPD-Parteizentrale) um die Ecke zu eilen, wo er dieselben Worte wohl auch an das Publikum der anderen Eröffnungsvorstellung Disabled Theater zu richten gedachte. Zuvor hatte man ihn bereits beim jovialen Plausch im Kaffee ein Stockwerk tiefer erlebt. Außerdem überall die Grandinnen und Granden der Freien Szene, manche von kleinerem oder größerem Hofstaat begleitet. Auch die Gesichter wichtiger Fördertopfvorsitzender blitzten hie und da in der Menge auf. Schließlich wurde hier so etwas wie der Grüne Hügel der Freien Szene nach Leitungswechsel und gründlicher Renovierung wieder der Öffentlichkeit übergeben.


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altDas unendliche Utopien-Kombinat

von Nikolaus Merck

Berlin, 2. Juni 2012. Willkommen im Jahr 22 nach dem Mauerfall, dem Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche! Die Enfield Tennis Academy liegt am Hundekehlesee, zwischen S-Bahn und dem Villenviertel Grunewald. In David Foster Wallaces Roman "Unendlicher Spaß" ein Hügel, an dessen Fuß sich das Ennet House Drug and Alcohol Recovery House findet, ein privates Entziehungsheim für alle, die elend und beladen sind von ihrer knochenknirschenden Sucht. Aber für die 24-Stunden-Reise durch den utopischen Westen ward Ennet House kurzerhand verlegt, weg vom Hügel und dem Ufer des Sees in die aufgelassene Großküche des Klinikums Neukölln, 45 Busminuten und eine Halbstadtreise entfernt.


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Farewell Nachkriegssentimentalität

von Matthias Weigel

Berlin, 1. Juni 2012. Zum Ende der Intendanz tastet sich HAU-Chef Matthias Lilienthal ganz nah an das Objekt seiner Begierde heran. Eines seiner zwei Monumental-Abschiedsgeschenke präsentiert er auf dem Tempelhofer Feld, dem ehemaligen Flughafengelände. Ins Terminal-Gebäude wäre Lilienthal gerne langfristig eingezogen, träumte von einem riesigen variablen Kunstraum (mit fünf Millionen Euro Budget). Nun richtet er immerhin auf dem Flughafenfeld davor seine "Weltausstellung" aus. Darin preisen sich 15 größtenteils jüngere HAU-Performer und interdisziplinären Künstler in 15 Pavillons an, bevor sich bald in einem 24-Stunden-Marathon ("Unendlicher Spaß") die alten Hasen und internationalen Performance-Stars die Klinke in die Hand geben werden.


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altSpielzeugland ist abgebrannt

von Rudolf Mast

Berlin, 21. Mai 2012. Der Mai ist gekommen, die Festivalzeit beginnt. Dem Theatertreffen, folgt quer durch den deutschsprachigen Raum eine Fülle von Festivals, mit denen das sommerliche Theaterloch gestopft werden soll. Nicht jede dieser Veranstaltungen verfügt über so viel Geld wie Salzburg und kann Gastspiele exklusiv verpflichten oder gar selbst produzieren. Die Folge ist, dass von Mai bis September ein Tross von Inszenierungen durch Deutschland und Europa zieht, um hier und dort die Zelte aufzuschlagen.


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Wer Zeichen sucht, wird Zeichen empfangen

von Christian Rakow

Berlin, 12. April 2012. Mutig, selbstbewusst und vital, bis das Adrenalin sprudelt, so sollte das Jahr 2011 sein. Jedenfalls nach dem Wunsch der Marketingexperten. Ein entsprechendes Farbsymbol hatten sie dafür auch parat: das Pink der Heckenkirsche, auf jungmädchenhafte T-Shirts gebannt. Und irgendwie löste sich ihre Intuition ja auch ein: Der arabische Frühling brach aus und das Revival der Anti-AKW-Bewegung nach Fukushima. Lang scheints her; die Zeiten des politischen Erwachens sind schneller vergangen, als uns lieb sein kann, bedeutet uns Chris Kondek im Programmzettel zu seinem verspäteten Jahresrückblick "Please kill 2011" am HAU.


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If you can dream it...

von Christian Rakow

Berlin, 27. März 2012. "Wollt Ihr die Wahrheit hören?", feuert uns Frank Okoh, ein stämmiger Mann in Latzhose, an. "Aber klar doch." – "Wollt Ihr sie wirklich hören?" – Und der Zuschauerchor jubelt aus voller Brust: "Yessssss!" – Also: "Es gibt nur zwei Typen Autos: Mercedes und die anderen." – Hallelujah, möchte man ausrufen. Er lebt, der Glaube an die deutsche Wertarbeit. Er verströmt sich wie die frische Frühlingsabendluft in einem Auto-Container auf dem Hof des Berliner Hebbel-Theaters (HAU1).


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altZonenübergreifende Frauenbilder

von Esther Slevogt

Berlin, 8. März 2012. Bei Katharina Witt herrschte offenbar eine Art zonenübergreifender Konsens. Jedenfalls sind, als die Rede auf die einstige DDR-Olypmiasiegerin im Eiskunstlauf kommt, die kleinen soziokulturellen Differenzen zwischen den Ost- und den Westfrauen auf der Bühne wie ausgeräumt, die bisher den Abend bestimmten. Und die langbeinige Westfrau Nina Tecklenburg fängt auf ihrem Bürostuhl an, mit großer Geste Witts Carmen-Choreografie aus ihrem Körpergedächtnis zu schleudern. Im Sitzen. Damit hatte die Eiskunstläuferin 1988 in Calgary ihre Goldmedaille verteidigt.


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Völkermord-Propaganda am eigenen Leib erfahren

von Matthias Weigel

Berlin, 1. Dezember 2011. Zwei Männer und eine Frau sitzen an einem Tisch und reden. Nicht mehr, nicht weniger. Aber sie sprechen in Mikrofone. So erklingen ihre Stimmen tausendfach in den Radios. Sie werden zum Propagandamotor eines der größten Genozide: dem Massaker der Hutu an den Tutsi in Ruanda im Jahr 1994.


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In der Alchemistenstube

von Christian Rakow

Berlin, 30. November 2011. Wie gern, und doch wie selten, sagen wir von Künstlern: Diese hier definieren ihren eigenen Kosmos. Sie haben uns heran gewunken und die Tür hinter uns geschlossen und nicht eher wieder geöffnet, bis wir verzaubert waren. Showcase Beat Le Mot sind von diesem Schlage. Man könnte wohl grübelnd vor ihren so wunderlichen Experimentaltheaterfantasien verharren, vor der Heimwerkerromantik, den kryptischen Parabeln und dem fröhlichen Dilettantismus der Show, mal getanzter, mal eingesungener Art. Aber man durchreitet das alles eher, fast wie in Trance.


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Ausländer rein, Rheinländer raus

von Georg Kasch

Berlin, 27. Juni 2011. "Ick bin's nich jewesen", sagt der langhaarige Rocker. Breitbeinig steht er auf einem Flecken Fischgrätenparkett, über ihm hängt schief ein Kronleuchter durch, im Hintergrund räkelt sich eine ausgediente Couch. "Ick war et nich. Mein Kumpel war et." Recht hat er. Denn nicht er hat sich "ONKELZ" ausgedacht, jenen Abend, der für gute 100 Minuten das Berliner HAU2 in eine Stätte des Popdiskurses verwandelt. Sondern Tamer Yiğit und Branka Prlić, Träger des Berliner Brüder-Grimm-Preises.


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Jahrmarkt der Geschichte

von Elena Philipp

Berlin, 26. Mai 2011. Hinter dem verrosteten Zaun rottet ein Schwanenboot. Halb überwuchert steht ein Oldtimer-Wägelchen im Grün, die Dachplane eingerissen, der Verschlag geborsten. Überreste eines Vergnügungsparks. Keine Bühnendekoration, sondern der ehemalige Spreepark im Berliner Plänterwald. Ein geschichtsträchtiger Ort, und ein Politikum: 1969 als einziger Vergnügungspark der DDR eröffnet, mit aus dem Westen importierten Fahrgeschäften, wanderte das Grundstück 1990 in westlichen Besitz. Die Schaustellerfamilie Witte übernahm den Betrieb. 2001 waren die Wittes pleite. Ihrem Streit mit dem Bezirk Treptow-Köpenick über die Schulden im zweistelligen Millionenbereich wie über die Schuld an der Pleite verdankt der Spreepark seinen Dornröschenschlaf.


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Mit dem kleinen (Stasi-)Mann im Ohr

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Mai 2011. Möglich, dass die DDR auf Grund von Vorkommnissen wie diesem untergegangen ist: an einem Märztag in den frühen achtziger Jahren geht um 15.35 Uhr in der Telefonzentrale des Zentralen Operationsstabs des Staatssicherheitsdienstes der DDR der Bericht eines Abschnittsbevollmächtigten ein, der auf der Straße Unter den Linden, etwa in fünfzig Metern Höhe über dem Prinzenpalais, einen herzförmigen Luftballon schweben sah. Hernach sei der rote Herzballon am Palast der Republik vorbeigeschwebt, und schließlich vor dem Palasthotel niedergegangen. Nun sei der Ballon verschwunden. Wahrscheinlich habe ein Bürger ihn an sich genommen.


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Spieglein, Spieglein an der Wand

von Matthias Weigel 

Berlin, 28. April 2011. Jede Theaterproduktion mit jugendlichen Schauspielern wird sich ab jetzt an Maurice, Zoë, Ramses, Fons, Tasja, Robbe und Aiko messen lassen müssen. Aber nicht nur das. Auch als Stück über das Älterwerden, über das Altgewordensein und über das Noch-Nicht-Altgewordensein ist die neue Gemeinschaftsproduktion von Gob Squad und dem belgischen Kunstzentrum Campo ein Coup: "Before Your Very Eyes" heißt sie, und da passiert es, direkt vor deinen Augen, das gutgelaunte und nachdenkliche, kinderleichte und tieftraurige, spielerische und grausame Theaterglück.


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Spiel mir das Lied von der Ölsteppe

von Simone Kaempf

Berlin, 27. April 2011. Öl fließt in Schrittgeschwindigkeit. Mehr schafft eine  Pipeline nicht. Exakt in diesem Tempo bewegt sich der deutsche Bohringenieur, der vor zwanzig Jahren in Kasachstan nach Öl gebohrt hat, auf der Bühne in zähen Schritten auf einem Cardio-Laufband. Und legt gleich mal eine Pause ein, weil sich nicht nur Öl langsam bewegt, sondern Ölsuche, so erfährt man, immer auch Warten bedeutet.


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Zwiegespräch mit Gott

von Georg Kasch

Berlin, 10. März 2011. Drogen sind keine Lösung. Aber Drogen machen Spaß. Sagt der Abend "Berghain Boogie Woogie" im Hebbel am Ufer 3. Zunächst. In nur 75 Minuten erzählt er von (vermeintlichen) Experimenten und Erfahrungen. Und plötzlich steckt man mitten in einem ziemlich üblen Trip.


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Bilder vom fundamentalen Unrecht

von Michael Laages

Berlin, 15. Januar 2010. Die gute Nachricht zuerst: Nur ein Mal ist die Vuvuzela zu hören, die elefantöse Fußballfankampftrompete, in "The Offside Rules", der Tanz- und Theater-Produktion, mit der die in Berlin lebende und arbeitende Choreographin Constanza Macras im Auftrag des Goethe-Institut das Kulturprogramm zur letzten Fußballweltmeisterschaft in Südafrika bereichern durfte. "The Offside Rules", entstand in kollektiver Improvisation mit sieben lokalen Künstlern sowie drei Mitstreitern aus der Berliner Macras-Truppe "Dorky Park" und wurde zunächst im "Market Theatre" in Johannesburg vorgestellt.


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Familie unterm Rettungsschirm

von Elena Philipp

Berlin, 07. Januar 2011. Aufgereiht auf einem langen Sofa sitzt die Familie Häusermann, unter einem riesenhaften Lampenschirm aus Flokati. Trainingshosen, Sportjacken, aufgeräumt adrett. Leicht skeptisch die Gesichter. Sechs Menschen unter der Schutzglocke staatlicher Fürsorge. Bine, ihr Mann Micha und die vier fast erwachsenen Kinder sind mit dem Jugendamt konfrontiert: Mike (Akhtarjan Saidi), der jüngste Sohn, ist schwul, und er ist von zuhause abgehauen, weil er mit niemandem reden konnte. Die Eltern haben genug eigene Probleme. Mike setzt einen Cut und zieht in ein Wohnheim. Die Geschwister Philipp (Knut Berger), Rachel (Svenja Wasser) und Vanessa (Katjana Gerz) ärgern sich, dass Mike macht, was er will, und die Mutter fühlt panisch die Familie auseinanderdriften. Übernormal dysfunktional? Weil Mike die Behörden verständigt hat, ist staatliches Handeln angesagt, und es wölbt sich der soziale Rettungsschirm über den Häusermanns (Bühne: Ramallah Aubrecht). Ein Familienrat wird einberufen.


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Fette Braten! Keine Bonbons!

von Matthias Weigel

Berlin, 6. Januar 2011. Ich will im Theater nicht zur Zitat-Hatz genötigt werden. Vielleicht hätte sich hier und da noch was erschlossen, wenn ich dies oder das noch erkannt hätte. Aber es ist mir egal. Referenzüberschuss darf nicht unangreifbar machen. Ich will auch nicht dabei zusehen, wie sich die Postmoderne selbst abfeiert. Trash allein ist nun mal Müll und nicht der erlösende Ausweg aus der Theater-Behauptung. Wenn sich ein Mensch auf der Bühne mit Haut und Haaren selbst entäußert, kann es sinnlich, fantastisch, intellektuell, körperlich oder emotional überfordernd sein. Wer es wagt, etwas von sich zu geben, kann möglicherweise gewinnen.


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Nichtstuerinnen von Welt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 10. Dezember 2010. "Die Väter sind weg", sagt Lisa Lucassen einmal, noch ziemlich zu Beginn des Abends. Ja, in der Tat, sie sind weg (bzw. sitzen im Publikum), jene realen Väter, die das Performancekollektiv She She Pop für ihre preisgekrönte Produktion Testament auf die Bühne geholt hatte, um mit ihnen gemeinsam anhand von Shakespeares "König Lear" ihre in die Jahre gekommene Eltern-Kind-Beziehung zu besprechen.


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Totes Geld, so lebendig wie ein Alien

von Hartmut Krug

Berlin, 13. November 2010. Eine offene Bühne, voll gestellt mit Pulten. Zwischen all den Mikrophonen, Computern, der Leinwand und einem kleinen Tisch-Gewächshaus ist nicht viel Spiel-Raum. Und so wird nicht ein Verwandlungsspiel gegeben, sondern es werden mit vielerlei Material Erklärungsmuster vorgespielt. Zwei Mediatoren, daher kommend wie weißblonde Klone aus einem Alien-Film mit geklonten Kindern, hantieren zwischen einigen Pappfiguren (wie einer Killerbiene und einem Mars-Attack-Alien als Zettelwand), und zwei Referenten präsentieren uns mit Ausschnitten aus Filmen, mit Video-Statements und Zitaten von Wissenschaftlern und Politikern das Genre des vor allem amerikanischen Science-Fiction-Films als Metapher für das Geld, das wie ein Alien vom Menschen Besitz ergriffen hat.


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Grimmelshausens Einsatzgebiet

von Esther Slevogt

Berlin, 4. November 2010. Schon durchs Foyer wummert ein Ton, der Böses verheißt. Auf der Bühne, wo kaum mehr steht als ein Spind aus grauem Blech und ein Pult mit drehbarer Tischfläche (auf die ab und zu mit abwischbarem Edding Verdeutlichendes skizziert wird), tauchen bald fünf Damen auf. Alle mit dem gleichen kalten Servicelächeln ins Gesicht gefroren. "If you have a real problem leave it to real professionals" sagen sie immer wieder und lächeln dann noch einmal besonders zuvorkommend.


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Des Gutmenschen Nachtlied

von Esther Slevogt

Berlin, 23. Oktober 2010. Am Anfang tritt ein Mann im Frack auf. Das schulterlange Haar adrett gescheitelt. Irgendwie sieht er dem französischen Satiriker Honoré Daumier ähnlich. Allerdings muss er lange Zeit unter deutschen Biertrinkern gelebt haben. Betont unpathetisch und lapidar liest er dann auf seiner rot bevorhangten Kasperletribüne Karl Kraus' berühmte Einleitungssätze zu seinem Monumentaldrama über den Ersten Weltkrieg "Die letzten Tage der Menschheit" vor. Dass nämlich eine Aufführung dieses Dramas nach irdischer Zeitrechnung zehn Abende umfassen müsste und daher einem Marstheater zugedacht sei. Ohnehin könnten Theatergänger dieser Welt nicht standhalten.


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Der Klang der Öffentlichkeit

von Elena Philipp

Berlin, 17. September 2010. "Interventionen" für öffentliche Orte sollten die acht Künstler entwickeln, die Stefan Kaegi von Rimini Protokoll und die argentinische Autorin, Regisseurin und Performerin Lola Arias zur Beteiligung am Projekt "Ciudades Paralelas / Parallele Städte" einluden. Drei unterschiedliche Touren führen die Besucher bei der Berliner Premiere nun an idealtypische funktionale Orte einer modernen Stadt: Bibliothek, Hotel, Fabrik, Shopping Center, Gericht und Wohnhaus. Und wie bei solchen "Interventionen" im öffentlichen Raum üblich, zielen die unterschiedlichen Versuchsanordnung darauf, Wahrnehmungen zu verschieben, vertraute Abläufe zu stören, aber auch marginalisierte Existenzen sichtbar zu machen.


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Wer frisst wen?

von Michael Laages

Sao Paulo, 5. August 2010. Das ist ja immer noch ein Abenteuer für sich – wenn ein deutsches Theater-Ensemble, eines zumal aus der freien Szene, die neue, aktuelle Produktion weit weg von zu Hause zur Premiere bringt; und auch nicht etwa bei einem der bekannteren europäischen Festivals, sondern gleich in Brasilien. andcompany&Co, mit halbwegs festem Arbeitswohnsitz am Berliner Theater Hebbel am Ufer zu Hause, zeigt in Sao Paulo "FatzerBraz", eine durch und durch brasilianisierte Fassung von Bertolt Brechts Bühnenfragment über den "Untergang des Egoisten Johann Fatzer", entstanden zwischen 1926 und 1930.


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Ein Baum, ein Auto, ein Bang!

von Anne Peter

Berlin, 2. Juli 2010. Während draußen die Hitze wallt, ist drinnen eine kleine Eiszeit ausgebrochen. Der Zuschauerraum des HAU2 ist um diese Zeit der mutmaßlich wohltemperierteste Raum Kreuzbergs. Drei Wände weiß, rechts ein kleiner Eisberg, fahles Neonlicht. Isabelle Angotti steigt durch die linke Eckritze auf die Bühne, wünscht dem Publikum einen guten Abend und fängt seelenruhig an, den Eisberg zu skizzieren. 


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Leer kreisendes Denken

von Elena Philipp

Berlin, 24. Juni 2010 "Der Tod setzt alles in Gang" – mit Jean Baudrillards Stimme vom Band beginnt "Ars Moriendi", das zweistündige Dokumentar-Philosophie-Musik-Theater der freien Basler Gruppe CapriConnection. Ausgehend von der "Funeral Music for Queen Mary" (1693) von Henry Purcell suchten die Regisseurin Anna-Sophie Mahler und ihre Kollegen nach einer zeitgemäßen Kunst des Sterbens. Für ihr Projekt, das seine Deutschlandpremiere jetzt im Berliner HAU 1 erlebte, werteten CapriConnection Baudrillards Der symbolische Tausch und der Tod von 1976 und den Band "Der Tod der Moderne" von 1983 aus. Aus der darin dokumentierten Diskussion deutscher Geistesmenschen mit dem französischen Star-Theoretiker bastelten sie die Textgrundlage für "Ars Moriendi".


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Dein Traum ist uns Befehl

von Mounia Meiborg

10. Juni 2010. Die Instrumente im Labor stehen bereit. Die Mitarbeiter haben die sterilen blauen Plastikhauben über den Kopf gezogen. Nur das Wichtigste fehlt: die Testpersonen. Ein interaktives Stück, bei dem Kinder ihre Träume erzählen und Performer diese spontan auf die Bühne bringen, ist angekündigt - allein, es ist weit und breit kein Kind zu sehen. Sind die bei der vormittäglichen Hitze lieber im Schwimmbad als in der stickigen Black Box des HAU3? Nein, nein, versichert hinterher die Produktionsleiterin, ein Planungsfehler ist schuld, an allen anderen Terminen sind Kinder dabei. Na schön. Dann sehe ich mir eben an, was erwachsene Zuschauer so träumen. Und wie ein paar Performer, die auf Märchen und Monster eingestellt waren, mit Lottogewinn- und Lampenfieberträumen improvisieren.


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Das Leben, ein Computerspiel

von Elena Philipp

Berlin, 14. Mai 2010. Rimini Protokoll, die Meister des Spin-Off, führen mit ihrer neuen Show in die Welt der Computerspiele. "Best Before", entwickelt in Kanada und nun erstmals in Europa zu sehen, ist ein Multi-Player-Game: Jeder Zuschauer steuert mit einem Gamepad seinen eigenen Avatar. Knapp zweihundert kleine bunte Bälle mit Augen-Nase-Mund hüpfen auf einer Leinwand im Hintergrund der Bühne auf und ab. Mit dem Controller kann man sie in der virtuellen 3D-Box bewegen, die "Bestland" darstellen soll, unser Land der begrenzten spielerischen Möglichkeiten.


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Kleine Kämpfchen im Generationenkonflikt

von Rudolf Mast

Berlin, 25. Februar 2010. Zu den befremdlichen Erscheinungen des zeitgenössischen Theaters gehört die Tendenz, private Befindlichkeiten auf die Bühne zu zerren und sie dort als gesellschaftliche und/oder künstlerische Fragestellungen auszugeben. Zu den offensiven Vertretern dieser "Schule" gehört She She Pop, das siebenköpfige, in der Hauptsache weibliche "Performance"-Kollektiv, das sich 1998 beim Studium der angewandten Theaterwissenschaft in Gießen bildete.


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Kleinanleger des eigenen Schicksals

von Esther Slevogt

Berlin, 22. Januar 2010. Rechts ein runder Swimmingpool zum Selbstaufstellen, wie man ihn in Gärten von Eigenheimen finden kann, wo das Geld nicht zu aufwändigeren, ins Grün betonierten Modellen gereicht hat. Links ein überdimensionierter Tresor, wie man ihn in den letzten Jahren im Untergrund eben jener unauffälligen Eigenheime immer wieder gern auch zum Wegsperren und Vergewaltigen von jungen Frauen oder Töchtern verwendet hat, weshalb auch einmal zu Beginn Bilder aus dem Inneren auf die Außenwand des Gehäuses projiziert werden, die diesen Missbrauch-Zusammenhang andeuten.


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Koffer, Kohle und die Bundesrepublik

von Rudolf Mast

Berlin, 7. Januar 2010. Fotografie und Film wird bis heute die Fähigkeit zugeschrieben, die äußere Wirklichkeit so exakt aufnehmen zu können, dass sie sich für die Dokumentation eben jener Wirklichkeit nicht nur eignen, sondern darin ihren eigentlichen Daseinszweck finden. Doch schon den Erfindern und ersten Anwendern der noch nicht gar so alten Technik war klar, dass sich bei dem Resultat der Belichtung lichtempfindlichen Materials nicht um die Reproduktion der Wirklichkeit handelt, sondern um eine Konstruktion.


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Ironisch entschärfte Testosteronbomben

von Elena Philipp

Berlin, 6. Januar 2010. Vinz, Saïd und Hubert haben keine Beschäftigung, aber jede Menge Zeit. Ihr Handlungsdrang äußert sich vorwiegend destruktiv, sie hängen herum, bereit, beim kleinsten Anlass auszurasten. Mit den drei Jugendlichen portraitierte der Filmregisseur Mathieu Kassovitz in "La Haine" (Der Hass) 1995 das Milieu der Banlieusards, der Immigranten aus den großstädtischen Sozialwohnsiedlungen, von Politik und Eliten bequem verdrängt und von der Polizei in Schach gehalten, bis es ab 1991 immer wieder zu Unruhen kam.


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Tod eines Tyrannen

 von Nikolaus Merck

Berlin, 18. Dezember 2009. Am Ende sind es ein paar verstreute Momente. Das Innehalten von Nicolae Ceaușescu bei seiner letzten öffentlichen Rede vom Balkon des Präsidentenpalastes in Bukarest, als sich im Volk zu seinen Füßen ein Rufen und Pfeifen erhebt, kurz bevor der grob gerasterte Videofilm abreißt. Das Bild, in dem der Hubschrauber mit den fliehenden Ceaușescus vom Dach des Palastes abhebt und die Kamera über die wogende Menschenmenge auf dem Vorplatz schwenkt und man Bruchteile von Sekunden lang die alle Widerstände hinwegspülende Macht von Volksmassen in Bewegung erahnt.


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Der mit dem Warenfetisch tanzt

von Christian Rakow

Berlin, 17. Dezember 2009. Nicht gerade der ideale Ort für Dauercamping: an einem kleinen Teich, im Schatten des Atomkraftwerks, irgendwo nahe der polnischen Grenze. Aber die Camper, die wir hier aus ihren Zelten krabbeln sehen, sind auch alles andere als idealtypische ostdeutsche Wildnisfreunde. Sie heißen Crazy Horst oder Little Rat. Und sie wollen mit uns ihre vornehmste Leidenschaft teilen: ihre Lieblingsbücher von Karl May oder Karl Marx.


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Raus aus dem akademischen Elfenbeinturm

von Wolfgang Behrens

Berlin, 3. Dezember 2009. Ein Berliner Professor der Philosophie stellte vor einigen Jahren eine düstere Diagnose. Wenn die geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität von einem Tag auf den andern ihre Arbeit einstellten und einen Generalstreik ausriefen, dann – so vermutete er – würde es Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, bis das überhaupt jemand bemerkte. "Niederschmetternd! Entsetzlich!" könnte man angesichts einer solchen (vermeintlichen) Relevanzlücke ausrufen – oder aber: "Schlechte Öffentlichkeitsarbeit!"


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Fremd sind sie eingezogen

von Anne Peter

Berlin, 7. November 2009. Selten geschieht es, dass die öffentliche Diskussion dem Theater derartige Steilvorlagen liefert. In diese Sarrazin-bewegten Zeiten passt das Berliner "Beyond Belonging"-Festival, das Shermin Langhoff vor drei Jahren am Hebbel am Ufer als Plattform für postmigrantische Kultur entworfen hat, wie die Faust aufs Auge jener Neuköllner Boxclub-Kids, die Matthias Lilienthal zur Eröffnung seiner Intendanz auf die HAU-Plakate drucken ließ.


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Inszenierung der Macht

von Elena Philipp

Berlin, 8. April 2009. 8:30 Uhr. Hauptversammlung. Mehr als 6.000 Aktionäre, 20 Aufsichtsräte, 6 Vorstände. Die Menschen, die auf der heute stattfindenden Hauptversammlung das Unternehmen Daimler verkörpern. Darunter auch 200 Theaterbesucher: Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll ermöglicht ihnen den Zugang zu einer Inszenierung, die nur Miteignern des Unternehmens möglich ist. Erleben, nicht nachspielen, das ist das Motto von Rimini Protokoll. Ein Stück inszenierter Wirklichkeit mit dem Blick eines Theatergängers betrachten. Alltags-Theatralität.


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Urlaub vom unterdrückerischen Selbst

von Elena Philipp

Berlin, 23. März 2009. Ich bin Mieke. Du bist Mieke. Alle, alle sind wir Mieke. Zumindest eine Spielfilmlänge üben wir Zuschauer uns in das Innenleben der Kunstfigur Mieke Matzke ein, die von der realen Mieke Matzke und vier weiteren Performern im HAU 3 vor- und hergestellt wird. Wie stets beim Performancekollektiv She She Pop – diskursgestählten Absolventinnen und Absolventen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft – sind die Zuschauer Versuchsteilnehmer und Mitspieler.


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Stille Inbrunst lauter Rufe

von Anne Peter

Berlin, 3. März 2009. Was zuletzt im Licht bleibt, ist ein Lautsprecher – und eine Stimme. Der, dem sie gehört, verschwindet langsam im Dunkeln. Der Apparat überdauert den Menschen. Dieser Schluss fasst das, was den Anstoß für "Radio Muezzin", den neuesten Recherchentheaterabend von Stefan Kaegi, gab, in einer Szene zusammen: In Kairo, Stadt mit 30.000 Moscheen, sollen nach dem Willen des Ministers für religiöse Angelegenheiten im nächsten Jahr nicht mehr die Stimmen ebenso vieler Muezzine gleichzeitig von den Minaretten aus zum Gebet rufen, sondern nur noch die eines einzigen, die über einen Radiosender von den Moscheen empfangen werden kann: Ein- statt Vielstimmigkeit, Zentralisierung statt Kakophonie.


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Himmelfahrt nach unten

von Simone Kaempf

Berlin, 7. Januar 2009. Das große Pappstück wird ineinander gefaltet, zwei Arbeiter ziehen Schrauben an, und schon wird die Karosserie nach vorne geschoben: mit einem großen Blumenbouquet als Kühlerfigur. "Wagen Nummer eins feiert Hochzeit", moderiert der Fertigungsleiter auf der Hinterbühne des Hebbel am Ufer. Hochzeit heißt hier, dass sich Fahrgestell und Karosse vereinen.


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Planet Rainald

von Wolfgang Behrens

Berlin, 18. Dezember 2008. Rainald Goetz ist ein Sound-Seismograph. Hellwach, hochempfänglich, hypersensibel spricht er auf Tonfall und Klang öffentlich geäußerter Sprache an, wittert ihnen nach, verwandelt sie sich an und spürt untergründige Schwingungen darin auf. Er kann wie kaum ein anderer auch seine eigenen Gedanken zu Sound werden lassen, und vermag im Sound einen Gedanken freizulegen.


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Die Erfüllungsgehilfen

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Dezember 2008. Einmal an diesem Abend wirkt die Bühne tatsächlich fast wie von Geisterhand belebt. Zunächst hatte Falco Ewald, Ton-Techniker am HAU, eine antike Windmaschine auf die Bühne geschoben, wo man den Sturm noch von Hand (also per Kurbel) erzeugt. Seine Kollegen Frieder Bars, Ralf Krause, Ruprecht Lademann und Wolfgang Lehmann sind an anderen vorzeitlichen Illusionsmaschinen zu Gange, um die entsprechende Sturm- und Gewittergeräuschkulisse herzustellen.


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Schattenflug nach Seoul

von Elena Philipp

Berlin, 11. Dezember 2008. Miriam Stein und Park Yung Min stehen auf der Bühne des Berliner HAU 3. Sie sind ein und dieselbe Person: Als Park Yung Min in Korea geboren und wenige Monate nach dem – vermuteten – Geburtsdatum 5.4.1977 ausgesetzt, wird sie mit acht Monaten von einer deutschen Familie in Osnabrück adoptiert und heißt fortan Miriam Dorothee Stein.


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Spielzeuggewehre im Bühnennebel

von Anne Peter

Berlin, 15. Oktober 2008. Ziemlich plakativ, dieser Anfang. Ein oranges Transparent fällt knapp vor der ersten Zuschauerreihe von der Decke herab und verdeckt erstmal die komplette Sicht auf die Bühne. Auf ihm steht in blauen Lettern geschrieben: "Fremde, lasst uns nicht allein mit den Europäern". Buh huh!


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Omis, Säufer, Pommes-Esser

von Jan Oberländer

Berlin, 9. Oktober 2008. Im Hebbel-Theater sind sieben Leinwände zum Halbkreis angeordnet, von der Decke hängt ein Kranz aus sieben Beamern. Das Publikum nimmt auf der Tribüne davor Platz, Licht aus, Film ab. Eine Zylinderzauberin tritt ins Bild, Sarah Thom schaltet, pling, mit ihrem Zauberstab die restlichen Leinwände ein, bis die Zuschauer ein zehn Bühnenmeter breites Panoramabild vor sich haben.


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Nichts ist unmöglich

von Jan Oberländer

Berlin, 17. April 2008. Nach ziemlich viel Aktion ist plötzlich die Bühne leer, da steht nur noch ein Performer mit zerschlissenen Lederschuhen und kariertem Pullunder, blinzelt ins Publikum und sagt einfach mal privat, was er denkt. "Wenn ich hier auf der Bühne stehe", erregt sich Silvester von Hösslin, "und sage, dass ich nicht mehr atmen kann, dass es mich ankotzt, dass der Mainstream alles aufsaugt, dann werde ich nicht ernst genommen. Und wenn ich am Hauptbahnhof stehe und das gleiche sage, dann gehen die Leute vorbei."


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Die Ambivalenzshow

von Lena Schneider

Berlin, 8. März 2008. Kaum betritt die Sippe den Saal, soll sie schon vom Abschied singen. Die fünf Gastgeber von She She Pop umarmen und herzen die noch fremdelnden Ankömmlinge, schenken Sekt und Saft ein und verteilen Noten. Die vom Klavier angestimmte Volksweise klingt, als müsste man sie kennen. Einige fallen lautstark ein, andere brummeln oder fiepsen mit, wieder andere lauschen einfach. Einen Moment lang kommt ganz zu Anfang von "Familienalbum" so etwas wie Gemeinschaft auf.


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Volk oder nicht Volk

von Esther Slevogt

Berlin, 1. Februar 2008. Zuerst also Thomas. Thomas ist einundfünfzig und Erhebungsbeauftragter. Er tritt vor das Publikum und macht kurz mit dem Prinzip des Abends bekannt, der sich vorgenommen hat, ein statistisches Abbild Berlins auf die Bühne zu bringen. Deshalb steht Thomas hier stellvertretend für genau 34.000 Berliner. Mal hundert macht dreimillionenvierhunderttausend.


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Tanz die Aufmerksamkeits-Misere!

von Anne Peter

Berlin, 5. Januar 2008. Dieser Theaterabend beginnt genau genommen eine halbe Stunde zu früh. Um halb acht, und damit dreißig Minuten bevor der Gong zur monochrom-blauen Weltkarte ertönt und das Abendritual so vieler Bundesbürger einläutet: Die Tagesschau.


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Wer nicht leidet, bleibt Tourist

von Anne Peter

Berlin, 15. November 2007. Von einem, der auszog, "einen Kriegsschauplatz zu besuchen wie eine Sehenswürdigkeit". Er reist als Kriegsreporter nach Nahost. Nicht das Fürchten lernt er da, sondern die Abstumpfung. Das Immer-Öfter-Wegschauen. Und den Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns.


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Pendler zwischen Welten

von Simone Kaempf

Berlin, 2. November 2007. Sie sind Polizeikommissarin, Abgeordneter der Grünen, Musikproduzent oder haben wie Emel Abidin-Alga durch die Forderung nach einer mündigen Religiosität in den Medien Aufmerksamkeit erlangt. Ihre Eltern kamen vor vierzig Jahren nach Deutschland, meist als Gastarbeiter, die ein besseres Leben wollten. Sein Vater träumte davon, einige Jahre lang Geld zu verdienen, wird einer an diesem Abend erzählen. Die Jahre vergingen, das Geld war nie genug, und "niemand ahnte, dass er hier sterben würde". Sie aber, die Nachgeborenen der türkischen Einwanderer, die zweite Generation, scheinen zu erreichen, wovon die Eltern nur träumen konnten.


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Wallfahrt zur Vulva

von Irene Grüter

Berlin, 27. September 2007. Eine Blinde im weißen Hochzeitskleid wird hereingeführt, tastet mit dem Stock über den schmalen Laufsteg, der quer ins Parkett des alten Hebbeltheaters ragt. Von drei Seiten schaut das Publikum zu, wie sie langsam zur Hammondorgel neben der Bühne findet. Die blinde Organistin setzt sich, begrüßt das Publikum in gebrochenem Deutsch und hält lächelnd einen alten Lederband hoch: "Das ist das beste Buch der Welt", verkündet sie freundlich, lässt den Kopf auf die Tasten sinken, um dann die Geschichte von "Tirant lo Blanc" zu träumen.


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Wo bist du? Ich bin hier!

von Petra Kohse

Berlin, 22. Juni 2007. Die schönste Nummer der Show ist der Song über die Blattlaus: "Blatt-, Blatt-, Blattlaus/ zeig mir dein Gesicht/ bitte zeig mir dein Gesicht./ Du bist hässlich und machst/ die Blätter kaputt." Dazu hat sich das Relevanz-Team von She She Pop über die ganze Bühnenbreite postiert, schrummelt auf der E-Gitarre oder beklopft die Trommel (hier wird die New Wave-Band Bow Wow Wow gecovert), die Go-Go-Federbüsche wippen auf den verschwitzten Köpfen und eine, die sich zwei BH-Polster über die Augen und einen Gummipopo auf den Rücken geschnallt hat, kauert schmatzend als Insekt am Boden.


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Toter Fisch, direkt in die Fresse geklatscht

von Irene Grüter

Berlin, 17. Juni 2007. Wenn das Programmheft einem Bestattungsunternehmen für die freundliche Unterstützung dankt, wenn der Titel des Abends "Schock" lautet und Zettel am Eingang vor extremer Lautstärke warnen, betritt man den Zuschauerraum in einer Haltung angespannter Wachsamkeit.


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Wieviel Inszenierung verträgt die Wirklichkeit?

von Irene Grüter

Berlin, 22. März 2007. Mit dokumentarischem Theater ist es wie mit Kriegsfotografien: Meist geht es um Inhalte, die nur ein Minimum an Inszenierung vertragen. In "Landschaften - Synchronisation der Fluchtwege" erzählen eine Frau und zwei Männer aus Bosnien und Herzegowina über ihre Flucht nach Deutschland, als vor 15 Jahren überraschend der Krieg begann.


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Einbruch ins Leben

von Simone Kaempf

Berlin, 8. Januar 2007. Zwei bullige Typen mit Nylonstrümpfen über dem Gesicht haben sich Einlass verschafft. Sie tragen karierte Plastiktaschen über den Schultern und beginnen routiniert die Wohnung zu durchsuchen, öffnen Schubladen, durchwühlen den Wäscheschrank. Doch dann ist es um sie geschehen.


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Operation am offenen Herzen eines Tabus

von Dirk Pilz

Wroclaw, 3. Januar 2007. "Es geht alles vorbei, nach jedem Dezember kommt ein Mai", singt Angela Hubrich. Mit dünnhäutiger Stimme. Denn nichts geht ohne Schrammen an Geist und Seele vorbei. Sie hat erlebt, wie Breslau, das heutige Wroclaw, 1945 in Flammen stand. Von den Nationalsozialisten zur "Festung" erklärt und von der Sowjetarmee eingekesselt, wurde die niederschlesische Hauptstadt zum Schauplatz schwerer Kämpfe. Dreiviertel der Bevölkerung sind im strengen Winter 1944/45 geflohen. Angela Hubrich auch, nachdem sie während der Bombardements noch nächtelang im Bunker gesessen hatte. 61 Jahre später hält sie sich auf der Bühne des Wroclawer Teatr Wspólczesny die Arme über den Kopf.


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