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Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Gott hat keine Brüste

von Stefan Schmidt

Hamburg, 14. Januar 2017. Der weißhaarige Mann kennt sich für sein Alter ziemlich gut im Netz aus: Auf muslimlove.com gibt er sich als seine älteste Tochter aus, um die manchmal etwas verhärmt wirkende Zarina endlich an den passenden (gläubigen) Mann zu bringen. Arrangierte Ehe 2.0. Also: Rückschritt im Fortschritt? Eine der Ungeheuerlichkeiten in dem Theatertext "The Who and the What" von Ayad Akhtar besteht darin, dass diese Anmaßung des Vaters tatsächlich zum erhofften Erfolg führt. Allerdings nicht so, wie sich der alte Mann das vorstellt.


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Abendlandspanik

von Falk Schreiber

Hamburg, 2. Dezember 2016. Schon das erste Bild ist ein typischer Marthaler-Moment. Bendix Dethleffsen schlurft zum Klavier und klimpert eine beschwingte Melodie. Und das Ensemble bevölkert dazu die Bühne, eine typische Anna-Viebrock-Bühne, die eine ziemlich runtergekommene Turnhalle detailverliebt zitiert, mit zerborstenen Fensterscheiben und zerschlissenen Sportgeräten. Ehrlich empfundene Musikalität auf einem nicht ganz perfekt gestimmten Instrument in ausgesucht tristem Ambiente: Man kuschelt sich in seinen Sitz und freut sich auf einen dieser klugen, melancholischen Abende, auf die sich Christoph Marthaler zumindest am Hamburger Schauspielhaus spezialisiert zu haben schien, mit Schauspielern, die unter diesem Regisseur traditionell über sich herauswachsen, Jean-Pierre Cornu, Irm Hermann, Bettina Stucky, der Marthaler-Familie. Die Familie mag manchmal ein wenig langweilig sein, aber es ist doch schön, sie hin und wieder zu sehen.


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Innenansichten einer schwulen Adoleszenz

von Christian Rakow

Hamburg, 19. November 2016. Respekt für Regisseur Sebastian Kreyer. Wie er aus einem derart textförmigen, icherzählerischen, assoziativen, fragmentarischen, zwischen den Zeitebenen springenden, Erlebnisse berichtenden, aber kaum Erlebnisse szenisch ausmalenden, kurzum: wie er aus einem so komplett narrativen Werk wie Hubert Fichtes "Versuch über die Pubertät" einen so charmanten theatralen Spielabend gewinnt, das zeugt von Bühnenfantasie! Man muss das mal so ausrufen, weil die Stunden, die man landauf, landab in hölzernen Textaufsage-Exerzitien verbringt, sobald genuine Erzähltexte auf den Spielplan rücken, wahrlich ungezählt sind.


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Im Hotel Horror

von Falk Schreiber

Hamburg, 15. Oktober 2016. Die Pension "Zur Wandernden Nase" ist eine ziemliche Absteige. Der schmuddelige Kaffeeautomat, der Haartrockner aus der Hölle, die Aufzüge, die knirschend abwärts fahren – Juli Balázs hat eine Bühne in den Malersaal des Hamburger Schauspielhauses gebaut, die wirkt, als ob Anna Viebrock sehr, sehr schlecht geträumt hätte. Einen winzigen Guckkasten, in dem alles beengt ist, verstaubt und vollgerümpelt, in dem jeder Stuhl und jeder Türknauf aussehen, als ob sie mit einer klebrigen Flüssigkeit überzogen seien und in der die Menschen einen unangenehmen Geruch auszuströmen scheinen. Und, ja, Balázs' Bühne ist ein Ereignis, das schon einen gewissen Teil der zweiten Hamburger Arbeit der ungarischen Theaterlegende Victor Bodo zu tragen im Stande ist.


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Nebelhörner im Sommerhaus

von Katrin Ullmann

Hamburg, 14. Oktober 2016. Es gibt diese Premieren, auf die freut man sich. Eine Tragödie über eine Familie, die sich kaputtmacht, "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O'Neill. Ein großartiger Text über menschliche Abgründe, Süchte, Rausch und Selbstbetrug. Inszeniert von Karin Henkel. An ihren John Gabriel Borkman denkt man, der eingeladen war zum Theatertreffen 2015. Düster. Morbide war diese Inszenierung und auf eine ganz eigene Art und Weise auch voller Komik.


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Scully und Mulder im Malersaal

von Alexander Kohlmann

Hamburg, 18. September 2016. Das nackte Gehirn liegt in einer Schale mit Flüssigkeit und lebt. Solange es mit einer Nährstofflösung und mit Kochsalz versorgt wird, stirbt es nicht, erklärt die Neurobiologin Irini Skaliora nüchtern. Wenn der Körper längst gestorben ist und man dann mit einem unendlich feinen elektronischen Messer das Gewebe in verschiedene Schichten zerschneide, seien sogar Aktivitäten messbar. Wie kommunizieren die Zellen miteinander? Was für komplexe Strukturen und Verbindungen entstehen im Gehirn ohne Körper? Ob sie schon einmal probiert habe, LSD in die Schale mit dem Solo-Hirn zu kippen, will an dieser Stelle der Zweifler Felix Hasler wissen. Nein. Schade. Schon Gehirne mit Körper melden unter Drogeneinfluss ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Da wäre es doch spannend gewesen zu erfahren, wie das bei einem Gehirn ohne Körper aussieht – Bewusstsein pur im Drogenrausch?


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Im Haus des Grauens

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. September 2016. Ein Blumenstrauß von der Tankstelle und eine Buddhafigur aus Plastik: Es ist Houswarming-Party bei Linda und Robert. Nach Jahren in Thailand sind die beiden nach Deutschland zurückgekehrt. Und haben ein Haus gebaut. Ein sehr schickes, mit bodentiefen Fenstern. Ein Bungalow, ein Glaskasten. Johannes Schütz hat es für die große Bühne des Hamburger Schauspielhauses entworfen. Darin inszeniert Karin Beier zur Spielzeiteröffnung "Hysteria – Gespenster der Freiheit". Nach Motiven von Luis Buñuel.


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Sinnsuche in Endlosschleife

von Katrin Ullmann

Hamburg, 23. März 2016. 47 Jahre lang war sie weg. Zurückgelassen hatte sie Mann und Kind und ein Gefrierfach voll abgepumpter Muttermilch. Als sie heimkehrt an jenen "Ort, an den die Leute nur wegen der Outlet-Center herkommen", ist sie eine Fremde. Sie ist eine, die "außenrum gegangen ist". Eine, die die Welt gesehen, Geschäfte gemacht, Erfolge gefeiert und Liebhaber gesammelt hat. Aber herausgefunden, wer sie wirklich ist, hat sie nicht. Den Sinn des Lebens hat sie nicht gefunden. Sie, das ist Peer Gynt.


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Das Kreuz fällt

von Falk Schreiber

Hamburg, 6. Februar 2016. Vielleicht sollte man Michel Houellebecqs "Unterwerfung" noch einmal neu lesen. Man sollte alle Feuilletondiskussionen vergessen, ob wir es bei der Vision eines islamistisch regierten Frankreichs mit einer hellsichtigen politischen Analyse zu tun haben oder mit einem islamophoben Machwerk, man sollte das Attentat auf die Charlie Hebdo-Redaktion vergessen, die Anschläge in Paris vergangenen Herbst, die Kölner Silvesternacht, vielleicht vergisst man den 11. September 2001 auch noch. Und dann kann man "Unterwerfung" lesen als das, was der vor etwas mehr als einem Jahr erschienene Roman eigentlich ist: als dystopischen Science-Fiction-Reißer, mit dem Hang ins Verschwörungstheoretische, der diesem Genre innewohnt, aber auch mit der sozialkritischen Kraft und erzählerischen Wucht, die eine gelungene Dystopie ausmachen. Man sollte "Unterwerfung" noch einmal so lesen, nackt und naiv, und dann könnte man den Roman vielleicht auf eine Theaterbühne bringen.


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Schrecken der Gegenwart

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. Januar 2016. "Ich wollte nicht mit hineingezogen werden", beteuert der Magistrat. Er ist nur ein Beamter, der sich auf seine Rente freut, der nichts will, außer einem "ruhigen Leben in ruhigen Zeiten." Er ist aber auch der Erzähler in J.M. Coetzees Roman "Warten auf die Barbaren" aus dem Jahre 2001. Für ein ruhiges Leben hat er sich den falschen Ort gewählt.


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Nur noch Klassiker!

von Falk Schreiber

Hamburg, 5. Dezember 2015. Was für ein Stoff: Eine Trauergesellschaft aus exzentrischen Künstlern schifft sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs auf einem Luxusliner ein, zur Seebestattung einer Operndiva. Auf der Adria nehmen sie Schiffbrüchige auf, serbische Anarchisten, ängstlich werden die Neuankömmlinge beäugt, um nach einigen moralinsauren Diskussionen der österreichisch-ungarischen Marine ausgeliefert zu werden. Am Ende explodiert eine Bombe, und das Künstlerschiff versinkt in schönster Décadence, tief in den Schlund des Krieges.


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Die große Kunstbrust liebt auch Dich!

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. November 2015. Am Ende des Abends ist einem schlecht. Schlecht vor Hunger, vor Erschöpfung, vor innerem Aufruhr. Schlecht von der Hirnwäsche, von Hierarchie, Therapie und Psychoterror. Am Ende des Abends hat man sechs Stunden lang eine Performance-Installation von Signa durchlaufen, hat – je nach "Terminvereinbarungs-Agenda" circa zehn höchst realistisch ausgestaltete Räume besucht. Da hat man in der Kantine seine Essensmarke gegen einen Schwarztee eingetauscht, hat etliche Treppenstufen geschafft und mit Angestellten des Unternehmens "Söhne & Söhne" gesprochen. Allerdings ist keine dieser Situationen dabei als "normale" Begegnung zu verstehen, jede Begegnung ist selbstverständlich inszeniert.


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Mit blutigem Heiligenschein

von Katrin Ullmann

Hamburg, 31. Oktober 2015. "Steh auf Johanna, lass die Herde, Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft. Nimm diese Fahne! Dieses Schwert umgürte dir! Damit vertilge meines Volkes Feinde." So habe die Heilige zu ihr gesprochen, erzählt Johanna. So habe sie ihre Berufung gefunden. Johanna, die Schafhirtin, Johanna, die Traumseherin, Johanna von Orléans. Mit der Kraft dieser Erscheinung wird sie Frankreich aus dem Hundertjährigen Krieg führen. Wird England besiegen und König Karl VII. zu dessen Krönung nach Reims führen.


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Spiel mit dem Feuer

von Katrin Ullmann

Hamburg, 3. Oktober 2015. "Wir wollen erben." Ist das nicht Grund genug für Heuchelei und Windigkeit? Immerhin stehen 140.000 zur Disposition. In Form von Wertpapieren in bayerische Forstbestände. "Potztausend!" denkt sich da der verarmte Oberlehrer Heinrich Krull. Sein Kontostand ist im Minus, sein Lebensstandard nicht gerade bescheiden und seine junge, zweite Frau noch weniger.


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Das Herz verwanzt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. September 2015. Eine Frau lebt in Angst und Überwachung. Sie lebt "in dem anderen Land". Als ihr Ausreiseantrag endlich bewilligt wird, reist sie nach Deutschland. Doch dort, "im neuen Land" findet sie keine Ruhe, keine Heimat. Dort wird sie immer wieder eingeholt von den Blicken des Diktators. "Er schaute Irene an."


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Der Typ ist irre!

von Falk Schreiber

Hamburg, 30. Mai 2015. Previously on Deutsches Schauspielhaus: Der Petersburger Jurastudent Raskolnikow entwickelt eine krude Theorie, nach der es "außergewöhnlichen Menschen" gestattet sei, sich über ethische Grenzen hinwegzusetzen und, zum Beispiel, ihre "gewöhnlichen" Mitmenschen zu meucheln. Lange überlegt Raskolnikow hin und her: Soll er die Theorie in die Tat umsetzen oder nicht? Am Ende bringt er eine alte Pfandleiherin um, die nun tatsächlich ein wahres Ekel ist, sowie nebenbei auch deren Schwester, die den Tod wirklich nicht verdient hat. Soweit, so ungut.


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Mysterien der Lust und Qual

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. März 2015. "Es muss ein Ende nehmen, Johanna!" Der alte Pastor liegt im Sterben und ruft seine drei Kinder zu sich. Aber, ach, ein gutes Leben hatte der Pastor nicht, er verfiel dem Geschlechtlichen, verfaulte innerlich. Und wo Ephraim, Johanna und der uneheliche Sohn Jakob Abschied nehmen wollen, bekommen sie vor allem delirierenden Welthass zu hören. Als sich der Vater endlich erschießt, hat er eine schwarze Theologie in seine Nachfahren gepflanzt. Und die Saat geht auf: Erst manipulieren sich die drei in verquerer Gottsuche, dann quälen sie einander. Jakob bringt eine junge Frau um und wird daraufhin zum Tode verurteilt. Eine Erlösung ist das aber auch nicht. Puh.


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Glaskugelei im Smarthouse

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. Februar 2015. "Eine Komödie als Endspiel" sei Alan Ayckbourns "Henceforward", schrieb Matthias Matussek 1989 im Spiegel, anlässlich der deutschsprachigen Erstaufführung der Science-Fiction-Boulevardkomödie unter dem Titel "Ab jetzt". Passt ja: Endspiele sind das übergreifende Spielzeitthema am Hamburger Schauspielhaus, man blickt in die Zukunft unserer Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft. Es gab diese Saison schon ein melancholisches Endspiel mit Tschechow, ein bitteres mit Beckett, ein kapitalismuskritisches mit Ibsen. Mit Ayckbourns selten gespieltem Stück bringt die Schauspielhaus-Intendantin jedenfallls keinen übertriebenen Optimismus in die Glaskugelei – eher Galgenhumor.


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Krimi um den Rechner eines Toten

von Andreas Schnell

Hamburg, 20. Februar 2015. Nachdem Wajdi Mouawads "Verbrennungen" landauf, landab auf deutschen Bühnen reüssiert, präsentiert das Junge Schauspielhaus in Hamburg nun als deutschsprachige Erstaufführung "Himmel", den letzten Teil aus Mouawads Zyklus "Das Blut der Versprechen", zu dem auch "Verbrennungen" gehört. Wie schon dort arbeitet der im Libanon geborene kanadische Autor in "Himmel" mit einem komplexen Krimi-Plot, um etwas über unsere Welt, unsere Zeit zu erzählen.


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Das Gyros-Konto voll überzogen

von Wolfgang Behrens

Hamburg, 14. Februar 2015. Das Abgesunkene ist von jeher das Spezialgebiet Christoph Marthalers: seien es abgesunkene Milieus, abgesunkenes Kulturgut, abgesunkene Örtlichkeiten – oder gar die abgesunkene Menschheit überhaupt, die an der verlorenen Sinnhaftigkeit ihres Tuns laboriert, während sie sich mittels zäh verteidigter Rituale am Leben hält. Und die große Kunst Marthalers ist es von jeher, in diesem Abgesunkenen nicht nur das Jämmerliche zu sehen – das allerdings auch! –, sondern zudem den Kern der Schönheit zu bergen, der sich darin in widerständiger Erinnerung an einstigen Glanz hält.


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Trotz allem

von Dirk Pilz

Hamburg, 12. Februar 2015. "Weite versengte Grasebene, in der Mitte ein kleiner Hügel. Größte Einfachheit und Symmetrie. Grelles Licht." So steht es in Samuel Becketts Regieanweisung für "Glückliche Tage". Das grelle, heiße Licht gibt es in Hamburg, sonst will diese Bühne nichts von den Setzungen der Vorlage wissen. Kein Hügel, keine Einfachheit, sondern eine Wohnung, betont gewöhnlich. Eine Küchenzeile, ein Sofa, Bücher im Regal, ein Schirm auf dem Tisch. Rückseitig eine Tür, ein großes Fenster, dahinter drei blattlose Bäume, weiter Himmel, frisches Gras. Aber alles in einer blickdichten, braunen Brühe.


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Wer besser tanzen kann

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. Januar 2015. "Ich möchte Sie küssen, zum Abschied" – fordert Astrow (Paul Herwig) gegen Ende. Bevor Elena Andrejwna (Anja Laïs) geht. Zuvor hatte er mit ihr geplaudert, ihr seine Hingabe offenbart und seine totale Verzücktheit. Elena, geschmeichelt, tänzelt, weicht zurück, küsst ihn und umarmt ihn dann. Lang. Viel zu lang. Eine schreckliche Ewigkeit lang. Vor allem, wenn man diesen Abschied durch die Augen von Sonja (Lina Beckmann) sieht. Ungelenk und möglichst unauffällig hatte sie zwischenzeitlich den Arzt umarmt. Zart und doch mit Nachdruck, hinterrücks, heimlich und das Herz auf der Stirn. Dabei rutscht ihr Körper immer weiter an ihm ab, bis ihr Gesicht schließlich in seiner Kniekehle landet und da verweilt. Verzweifelt ob der nicht erwiderten Liebe und doch voll glühenden Glücks, dem Doktor so nahe zu sein.


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"Hallo, mein Käferchen!"

von Falk Schreiber

Hamburg, 10. Januar 2015. "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren (sic) Ungeziefer verwandelt", so lautet der berühmte erste Satz in Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung". Aber wo lebt solch ein Ungeziefer?


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Es wird warm

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. Dezember 2014. Für morgen Mittag werden für die Hamburger Innenstadt bis zu elf Grad vorhergesagt. Wenige Tage vor Heiligabend. Überhaupt wird 2014 als ein Jahr in die Geschichte eingehen, in dem es deutlich zu warm war, was den Inhalt von "2071" ein Stück weit bestätigt: Der britische Klimaforscher Chris Rapley erzählt in der Koproduktion zwischen Londoner Royal Court Theatre und Deutschem Schauspielhaus Hamburg, wie er zur Klimawissenschaft kam, er referiert, wie sich das Klima im Laufe der Zeiten veränderte, und er wagt einen Ausblick, wie die Welt im Jahre 2071 aussehen mag. Dann nämlich wird die älteste Enkelin Rapleys so alt sein wie er heute, 67 Jahre, und sie wird in einer Welt leben, die wahrscheinlich nicht allzu lebenswert sein dürfte. In einer Welt, deren Infrastruktur auf heutige Temperaturen eingestellt ist, während die Durchschnittstemperatur des Planeten um mindestens zwei Grad gestiegen sein wird, mit den dazugehörigen sozialen Verwerfungen, Dürren, Überschwemmungen. (Zumindest, wenn alles gut geht: Eine 40-prozentige Chance besteht auch auf eine Temperaturerhöhung von über vier Grad. Als Klimaforscher sollte man nicht allzu sentimental auf die Menschheit blicken.)


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Jenseits der Tortenschräge

von Dirk Pilz

Hamburg, 12. Dezember 2014. Das hatten wir noch nicht: Martin Wuttke als Dirigent. Macht er schön. Baut sich im feinen Schwarzen plus hübscher Fliege auf, fingert in der Luft herum, wedelt mit den Armen und schaut gebührend ernst.


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Sorry, ich bin Kanada

von Tim Schomacker

Hamburg, 21. November 2014. Die Veränderung des Klimas in einen Theaterabend zu gießen; kein eben leichtes Unterfangen. Doch eigentlich geht es darum nicht. Die neue Produktion von Rimini Protokoll rückt weniger die Klimaveränderungen selbst ins Zentrum als die Konferenzen, die davon handeln, wie diesen Veränderungen zu begegnen ist. Namentlich jene, die als 20. UN-Klimakonferenz demnächst in Perus Hauptstadt Lima beginnt. Zwölf Konferenztage Anfang Dezember werden gewissermaßen im Schnelldurchlauf vorweggenommen. Absichtserklärungen zur geplanten Reduktion von Treibhausgas-Emissionen inbegriffen.


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Die Sklavin des Materiellen

von Jens Fischer

Hamburg, 17. Oktober 2014. Oh wie fein, willkommen bei den Reichen daheim. Damit wir gleich wissen, was dort los ist, erstrahlt eine eisig grell ausgeleuchtete, bedrohlich gemütlichkeitsfreie Metall-Glas-Beton-Designerhölle. Schräg zum Publikum hin gebaut, kippt sie die Geschichte der Gier geradezu ins Parkett. Wie immer bei Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbauten gibt es auch einen Ausblick: Zwei Lichtbänder weisen den Weg zu einem glitzerndem Meeresprospekt. Aber Fluchtfantasien oder Sehnsüchte hegt das Stückpersonal nicht – trödelt lieber missmutig durch den Thronsaal der Patriarchin.


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Die Blauäugigen

von Falk Schreiber

Hamburg, 10. Oktober 2014. Von Anfang an stand Johan Simons' Inszenierung von Jean Genets "Die Neger" unter einem schlechten Stern. Die Koproduktion von Wiener Festwochen, Hamburger Schauspielhaus und Münchner Kammerspielen provozierte schon vor der Premiere in Wien Proteste von Antirassismus-Aktivisten, die sich vor allem vom Titel und vom auf den Festivalplakaten angedeuteten Einsatz von Blackfacing angegriffen fühlten. Die Kritiken nach der Festwochen-Premiere fielen dann weitgehend desaströs aus (Reinhard Kriechbaums Nachtkritik war noch eine der freundlicheren Stimmen). Und schließlich verletzte sich Schauspieler Benny Claessens kurz vor der für Juni geplanten Hamburger Premiere, so dass die Aufführungen in der Hansestadt und in München in die nächste Spielzeit verschoben werden mussten.


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Geschlossene höhere Gesellschaft

von Tim Schomacker

Hamburg, 21. September 2014. Betontreppen laufen auf ein kleines hohes Hinten zu. An den grauen Wänden hängen vergebliche Vorhänge. Unwahrscheinlich, dahinter Fenster zu finden. Geschweige denn Luft. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Plüschbär. Kandelaber, die kaum das Nötigste erhellen. Vage Figurenzeichnungen. Wer in diesem Bunker lebt, ist längst tot. Wie die Zombies nach Gehirn gieren, so verzehren sich die Alten in Karin Henkels Lesart des letzten Ibsen-Stücks nach der Jugend. Erwarten von den Jungen mancherlei Erlösung. Und pflanzen ihnen doch jene Zweifel, jene Missgunst, jenes Unglück ein, von dem sie selbst auf den letzten Drücker so gern noch erlöst werden würden. Oder, wenn das nicht geht: Alle mit in den Abgrund, die man für irgendwas verantwortlich machen kann. Die Fallhöhe ist nicht mehr groß. Tot und gescheitert ist man ja schon.


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Sieben zu eins

von Falk Schreiber

Hamburg, 20. September 2014. Ausstellungsstücke: Johannes Schütz hat 13 Vitrinen in den Malersaal des Hamburger Schauspielhauses gebaut, 13 Vitrinen, in denen zehn Schauspieler Biografien darstellen. Michael Weber in Vitrine 10: Raùl Hansen, Germanistikdozent in Florianópolis, verbindlich, ein wenig übereifrig. Oder Sasha Rau in Vitrine 6: die animistische Priesterin Olayinka, ehedem Anna von Hülsten, eine Auswandererin, die alle Brücken zu ihrer protestantischen, deutschen Vergangenheit abgebrochen hat. Großartige Bilder sieht man, während man zwischen den Vitrinen herumläuft: Ute Hannig vor einem dampfenden Kessel, der ihr gläsernes Gefängnis langsam einnebelt, Yorck Dippe, der fliegenumschwirrt auf eine altertümliche Schreibmaschine hämmert. Es schüttelt einen ein wenig, dann zieht man weiter, zur nächsten Lebensgeschichte.


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Das Drama an unserem Ohr

von Michael Laages

Hamburg, 23. Mai 2014. Tief und tiefer scheint sich der Dramatiker Roland Schimmelpfennig hinein graben zu wollen ins Herz der kolonial-kapitalistischen Finsternis. In seinen Stücken aus jüngerer Zeit, etwa Die vier Himmelsrichtungen oder Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes, spiegelt der ebenso fleißige wie viel gespielte Dramatiker Elend und Verzweiflungen der ehemals "Dritten Welt" in den Geschichten derer, die an eben diesen Dramen verdrängter und vergessener Welten heute und im alleralltäglichsten Sinne teilhaben und von ihnen profitieren; auch bei den jüngsten Schritten der industriellen Revolution.


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Ich wollt' ich wär' kein Huhn

von Katrin Ullmann

Hamburg, 25. April 2014. Gut, es ist naheliegend. Aber dennoch: Googelt man die beiden Begriffe "Dokumentarfilm" und "Fleisch" erhält man ungefähr 140.000 Treffer und gleich oben eine ganze Reihe Filmtitel: "Dürfen wir Tiere essen?", "Nie wieder Fleisch", "Unser täglich Gift", "Hunger", "Gabel statt Skalpell – Gesünder leben ohne Fleisch", "Akte Fleisch". Wie wirkt sich der Fleischkonsum der Industrieländer auf die Welt, auf das Klima, den Welthunger, auf unseren Körper aus? Das sind die immer wiederkehrenden Fragen in dem intensiv behandelten Feld. Das Thema ist komplex.


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Sinistres Menschenexperiment

von Falk Schreiber

Hamburg, 5. April 2014. Und jetzt einen Gang hochschalten. Darauf baut das Theater von Herbert Fritsch – auf ein konsequentes Anziehen des Tempos. Sowohl in Bezug auf die Inszenierungen als auch auf die Karriere des Regisseurs: Eben war Fritsch noch Volksbühnenschauspieler, schon galt er als Nachwuchsregisseur, der mit Arbeiten in der sogenannten Provinz auf sich aufmerksam machte, schon ist er der Provinz entwachsen. Andere benötigen für so etwas ein ganzes Theaterleben, Fritsch reichen wenige Jahre.


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Welt hinter Monitoren

von Tim Schomacker

Hamburg, 21. März 2014. Wie applaudiert man einem Monitor? Selbst wenn darauf einer zu sehen ist, der sich verbeugt? Ganz am Ende – nachdem dreißig Figuren (auf dreißig Monitoren) gemeinsam ein Abschiedslied angestimmt haben, unisono zum ersten Mal an diesem Abend (und kurz vor besagter Verbeugung) – zieht die Kamera ein wenig zurück. Und gibt das jeweilige Interieur als Filmset zu erkennen. Interieurs mit Tapeten und Nippes und Flipcharts und edlem Mobiliar, in denen eine gute Stunde lang Menschen gesessen haben. Und erzählten.


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Im Ästhetikzirkus

von Katrin Ullmann

Hamburg, 15. März 2014. Carmen, Don José, Micaela und Escamillo: "Ich sehe sie ständig. Diese vier Personen, mit denen ich am Flughafen im Aufzug war. Ich sehe sie überall." So sagt es "Die Sängerin" (Rinat Shaham) im letzten Drittel dieses Abends und verknüpft damit spät die vorangegangenen Monologe, aus denen sich Simon Stephens' neues Stück zusammensetzt. Endlos lange schon reist "Die Sängerin" von Stadt zu Stadt. Immer wieder gibt sie hier und da die "Carmen", betritt Bühnen und Hinterbühnen, trifft Intendanten und Dirigenten, checkt ein in Hotelzimmer und Airbnb-Unterkünfte, kauft Schlaftabletten und Energy Drinks.


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Die Stacheln des Heimkaktus

von Falk Schreiber

Hamburg, 22. Februar 2014. "Nun." Clemens Sienknecht tritt an die Rampe, bebrillt, streng gescheitelt, Oberlippenbart – ein Klemmi. Sienknecht trägt vor: den "Haussegen für den Heimkaktus". Zumindest soweit man ihn verstehen kann, weil vieles untergeht im Gekicher, das das Hamburger Schauspielhaus erfüllt, angesichts des Ausmaßes an Skurrilität, das sich da an den Bühnenrand drängt. Was ein wenig ein Missverständnis ist: So besonders zum Kichern ist "Heimweh & Verbrechen" nicht, das Stück, mit dem Christoph Marthaler ans Hamburger Schauspielhaus zurückkehrt, 15 Jahre nach seiner letzten großen Hamburger Inszenierung "Die Spezialisten".


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Die totale Entfesselung zum Kitsch-Ulk

von Jens Fischer

Hamburg, 8. Februar 2014. Er ermöglicht das, wofür er erfunden wurde: fasziniertes Gruseln. Gerußter Kopf, den Körper in Latex gegossen, mit Nosferatu-Blick einem Sarg entsteigend, krümmt er sich zum Spiderman und wütet im Deutschen Schauspielhaus durch apokalyptische Sprachbilder. Oder ist am Theater Bremen gleich gespenstischer Kapitän eines Geisterschiffes, an dessen Deck sich grotesk-debile Lemuren tummeln, aufgequollen wie Wasserleichen, fies wie Splatterfilm-Zombies. Er, das ist der Holländer, fliegen soll ihm möglich sein.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Es ist die Hölle

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. Februar 2014. "Es ist doch bloß die Probe!" Noch darf Raskolnikow einen Fehler machen, noch ist nichts endgültig, noch wird nicht wirklich geblutet und getötet: Es ist "bloß die Probe", ein letzter Durchlauf vor dem Verbrechen. Noch einmal überlegt Raskolnikow, was schief gehen könnte, wo die Fallstricke bei seinem Plan liegen? Und merkt nicht, dass die fiesesten Fallstricke die Überlegungen selbst sind.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Ticktack macht die Kaffeekanne

Katrin Ullmann

Hamburg, 1. Februar 2014. Es sind Einblicke in die Arbeit, in den Schaffensprozess und in das eigene Scheitern. Es sind Gedanken über Kunst und Geschichte, über Wahrnehmung und Darstellung, über künstlerische Arbeit und über die Definition von Zeit. Mit seiner fünfteiligen Lecture Performance "Drawing Lessons", die mit der Kammeroper "Refuse the Hour" abschließt, ist William Kentridge am Hamburger Schauspielhaus zu Gast. Darin zeigt der derzeit wichtigste südafrikanische Künstler und Dauergast der documenta Material aus mehr als 20 Jahren seines Schaffens.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Ich bin eine Shakespeare-Figur – holt mich hier raus!

von Tim Schomacker

Hamburg, 23. Januar 2014. Der alte Zauberer ist müde. "Nicht einmal mehr der Hass berauscht mich", raunt Prospero seinem dienstbaren Ariel zu. Was immer Edles einige hundert Jahre Shakespearerezeption schon in den magisch befähigten, buchbewehrten Inselherrscher hineingelesen haben mögen, an diesem Abend ist das alles weggeschlossen in Josef Ostendorfs voluminösen, die Lebensmüdigkeit seiner Figur nuanciert auskostenden Körper. Beim Ankleiden schafft er es gerade mal so bis zum Bademantel. Die meiste Zeit ersetzt ein elektrischer Rollstuhl die schweren Beine. Allein wenn er – aus dem Rollstuhl – Caliban mit einem harten Wasserstrahl piesackt, Elektroschocks gleich, die den vormals "Wilden" erinnern sollen, wer ihn gründlich durchzivilisiert hat, oder wenn er Ariel feldherrngleich die nächste magische Inszenierung auseinandersetzt, leuchtet in seinen Blicken und Gesten etwas auf vom früheren Glanz.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Das ganz Große

von Matthias Weigel

Hamburg, 18. Januar 2014. Hätte der Abend die Dramaturgie seines Vorlaufes halten können – es wäre ein großer geworden. Nicht nur dass das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg nach langem Dornröschenschlaf endlich frisch renoviert wiedererweckt werden sollte, für den Prinzenkuss hat man ja auch Ihre Hoheit Karin Beier aus Köln einbestellt, für ihre dortige Intendanz zweimal mit "Theater des Jahres" dekoriert (und unzählige Male "Theatermutter des Jahres"). Bereits zur Eröffnung im November wollte sie ihre "Rasenden" zeigen, aber ein herabstürzender Eiserner Vorhang sorgte auch noch für das perfekt retardierende Moment und steigerte die Neugier ins Unermessliche.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Spielt mir das Lied der Labdakiden

von Jens Fischer

Hamburg, 24. November 2013. Ein Mädchenchor auf Pilgertour gen Delphi macht Zwischenstopp in Theben. Wenn man schon mal dort ist, sollte der Ödipusmythos ins Besuchsprogramm aufgenommen werden. Ist doch auch spannend, wie Menschenwürmer die Idee eines freien Willens bockig behaupten gegen die Schicksal genannten Richtersprüche der olympischen Götter. Und kräftig gewürzt ist die Geschichte auch mit Generationskonflikten, Inzest und Mord. Die Mädchen staunen so schön, dass Euripides sie gleich als Chor vereinnahmt und ihm ein Stück widmet: "Die Phönizierinnen".


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

An den Festungsgittern Europas

von Tim Schomacker

Hamburg, 17. November 2013. Irgendwann wird Bettina Stucky die Bank aus vier verschraubten grauen Plastikschalensitzen lautstark über die Bühne zerren. Sie wird sich in eine Ecke kauern, die Bank über sich kippen. Dann ist sie in einem Zelt in einer namenlosen Wüstenstadt. Dann ist sie Khady Demba, die vollkommen entkräftet das Zelt lange Zeit nicht verlassen kann. Dann ist Bettina Stucky mittendrin in einem Abend, der – die dritte Episode aus dem Roman "Drei starke Frauen" der französischen Bestsellerautorin Marie NDiaye adaptierend – der leidvollen Lebensbeschreibung von Flüchtlingen auf bemerkenswerte Weise Poetisches abringt. Bemerkenswert vor allem, weil "Nach Europa" (im Titel wohl nicht zufällig an die müde Metropolensehnsucht der drei Tschechow-Schwestern angelehnt) es schafft, jegliche Tränenzieherei (vulgo: Kitsch) zu vermeiden.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Betreutes Theaterwohnen

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. November 2013. "Mein Name ist Schreiber", stelle ich mich vor, "es müsste eine Karte für mich reserviert sein." "Falk!" ruft die junge Frau hinter der Theke (Carolin Seidl), "das ist Falk!"; sie strahlt, aber etwas in ihr strahlt zu grell, sie scheint sich von Herzen zu freuen, doch als ich mein Ticket in Empfang nehme, fürchte ich mich. Wenn ich schon am Eingang mit Emotion überschüttet werde, mit Emotion, die zu viel ist, übertrieben, dann bekomme ich es mit der Angst zu tun. Und ich kenne diese Frau ja auch gar nicht. Kenne ich sie nicht?


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Ein einziger Ödipuskomplex

von Falk Schreiber

Hamburg, 20. April 2013. Es war nicht alles schlecht. Zuletzt hatte man den Eindruck, dass man vom Hamburger Schauspielhaus grundsätzlich nichts mehr erwarten dürfe, weswegen die bei aller berechtigten Kritik durchaus vorhandenen Qualitäten des Hauses völlig unter den Tisch fielen. Aber, wie gesagt, nicht alles war schlecht. Zum Beispiel, dass sich hier immer wieder interessante Schauspielerpersönlichkeiten in den Vordergrund spielen konnten: Jana Schulz, die eine todernste Körperlichkeit auf die Bühne brachte. Marion Breckwoldt, die fluchend und schwitzend Weiblichkeitsklischees den Mittelfinger zeigte. Oder Samuel Weiss, ein Ironiker vor dem Herrn, der im Zweifel alleine eine misslungene Inszenierung über die Ziellinie retten konnte.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Von Mösen und Erpeln

von Katrin Ullmann

Hamburg, 7. Dezember 2012. Wenn es jetzt zu Ende ist, dann ist es auch o.k. Dann ist eine Stunde rum. Dann sind schon einige (viele!) Takte gesagt worden: zu Vater-Sohn-Mutter-Frau-Beziehungen, zu Nuttenarbeit und angemessener Entlohnung, zur Lebenssituation im Allgemeinen und Besonderen, zu krankenden Systemen und ihren Zusammenbrüchen, zu Hierarchien, der eigenen Fremdheit und zu Jeffreys Taufvorhaben.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Anästhesie des Widerstands

von Tim Schomacker

Hamburg, 6. Dezember 2012. Am heutigen Tag hat das neue Datenspeicherzentrum des Medienkonzerns Facebook, das derzeit in mehreren Stufen im nordschwedischen Luleå gebaut wird, 8872 "Freunde" – auf Facebook. Ein Kurzschluss, der einige Möglichkeiten bietet. Unter der Regie Konradin Kunzes hat sich das Ensemble des Jungen Schauspielhauses Hamburg der Nordlandfahrt des Internetriesen angenommen. "Hacking Luleå" heißt die gemeinsame Stückentwicklung, bei der man sich gute anderthalb Spielstunden lang fragt, wie aus einem vielschichtigen Stoff ein derart zahnloses, bisweilen blödes Stück hat werden können.


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Das Neandertaler-Gen der Linksliberalen

von Jens Fischer

Hamburg, 4. November 2012. Abende wie diese! Endlich ist der Bourgeois nur unter seinesgleichen. Die Kinder längst ins Bett entsorgt, warm ausgeleuchtet soll das Wohnzimmer Heimeligkeit vermitteln, zum Hineinfläzen zurechtgezupft die Sitzmöbellandschaft, aus der Küche schweben Gewürznoten auf Duftwolken herüber, die Dame des Hauses hat sich extra ihre Haare in akkurat-lässig wippende Form bringen lassen, würde gern noch schnell ihrem Mann das blaue Hemd entknittern, der schon mal einen 85er Cheval Blanc entkorkt, während die Gäste schnell noch eine Extraportion gute Laune auflegen. Ach, ein gemütliches Abendessen mit guten Freunden – so beginnen Horrorfilme.


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Wer will schon in Theben leben? Eben!

von Mounia Meiborg

Hamburg, 19. Oktober 2012. Als alles verloren ist, die Schande erkannt, die Ehefrau und Mutter tot, die Augen ausgestochen – da tut Ödipus für einen Moment lang so, als stünde ihm die Welt offen. "Qué sera, sera?", singt er, "was wird sein?", und wiegt sich in den Hüften wie man ein Baby wiegt. "Will I be happy, will I be rich?", fragt er, ein Greis, der sich den Zustand kindlicher Unwissenheit herbeisehnt. Sein Gesicht leuchtet. Das, was kommen musste, weil die Götter es so prophezeit haben, ist aber längst geschehen.


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Alles nur Phantasiegeschäfte

Von Falk Schreiber

Hamburg, 14. September 2012. Mehrfach flackern Bilder von Unruhen über die Leinwand, unscharf, im harten Schwarzweiß. Einmal erkennt man einen arabischen Schriftzug, aber der ist egal: Ob in Athen, New York oder Kairo, überall haben Vermummte einen Grund, sich zu erheben, solange es eine abgehobene Elite gibt, die immer mehr zu haben scheint, während man selbst immer weniger hat. Zu den Bildern wummern dumpf die Beats des Hamburger Independent-Musikers Jimi Siebels.


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Play it again, Sophie

von Nikolaus Stenitzer

Hamburg, 6. September 2012. "Gone with the Wind", raunt die Bühne, die Bert Neumann über das halbe Parkett des Hamburger Schauspielhauses gebaut hat. Eine bedrohliche Südstaatenszene tut sich da auf, ein halbrundes Panorama mit windschiefem Baum vor blutrotem Himmel. Und dann noch die Streicher im Hintergrund. In der Melodie, die da gespielt wird, deutet sich aber schon an, was in der ersten Szene geklärt wird: Hier wird etwas anderes gespielt. Aber nichts ganz anderes, sondern auch ein Film. "Johnny Guitar" heißt das Lied zu der Melodie, das Lied, das Sophie Rois später auch singen wird, und Johnny Guitar heißt der Western von Nicholas Ray, der die erste Grundlage für "Neues vom Dauerzustand" bildet.


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Kabinett der Scheintoten

von Eva Biringer

Hamburg, 13. Januar 2012. Einmal, beim Katerfrühstück, sitzen Gatsby und Nick mit dem Rücken zu den Zuschauern auf weißem Strandmobiliar. Sie starren hoch auf den fröhlichen Schriftzug mit dem Namen des Protagonisten. Es ist, als säßen sie im Kino, vor sich den Film ihres Lebens, mit ihnen selbst in der Hauptrolle: Eine glamouröse Selbstbespiegelung.


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Im Zombiewunderland

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. Januar 2012. Auf keinen Fall solle man "Leben und Erben" als Hamburg-Stück verstehen, lässt Autor Oliver Kluck im Vorfeld der Premiere via Hamburger Abendblatt wissen. Überhaupt: Inhaltliche Verortung gehe gar nicht. Was insofern schwierig ist, weil "Leben und Erben" ein Auftragswerk des Hamburger Schauspielhauses ist und weil das Schauspielhaus zuletzt immer dann ein paar Krümel vom Relevanzkuchen abbekam, wenn es sich ganz eindeutig inhaltlich in seiner Stadt verortete: mit Volker Löschs Hänsel und Gretel gehen Mümmelmannsberg, mit Studio Brauns Rust. Mist.


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Wenn Gott die Seelen zerreißt

von Matthias Weigel

Hamburg, 19. November 2011. Mit einiger Anstrengung könnte man Josef Roths "Hiob" heute als die Suche nach einem zeitgemäßen Wertesystem lesen, als Zweifelstudie über das Verhältnis von Eigenverantwortung und Schicksalsergebenheit: "Hiob" erzählt weitgehend parallel zur biblischen Geschichte von einem gläubigen und rechtschaffenden Mann, der nach und nach durch Unglücksfälle fast seine gesamte Familie verliert. Und darüber nicht an seinem Gottesglauben zu zweifeln beginnt.


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Die Drastik im Kopf

von Rudolf Mast

Hamburg, 22. September 2011. "Stephan Kimmig ist zurück in Hamburg!" Mit einem Ausrufungszeichen kündigt das Schauspielhaus seine aktuelle Premiere an. Das Satzzeichen verdankt sich dem Umstand, dass der Regisseur, dem der freudige Aufschrei gilt, nach seiner Zeit am Hamburger Thalia Theater mit dessen Intendanten vor gut zwei Jahren nach Berlin wechselte und nun erstmals an der Kirchenallee inszenierte. Die Wahl des Stückes verdient ebenfalls ein Ausrufungszeichen, denn es handelt sich um "Der Fall der Götter" nach Luchino Viscontis Film von 1969, der im deutschen Verleih "Die Verdammten" hieß und in Klammern "Götterdämmerung" – nicht von ungefähr eine Anspielung zugleich auf den Abschluss von Wagners "Ring" und die "Buddenbrooks" von Thomas Mann.


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Weicher Fall auf harten Marmorboden

von Katrin Ullmann

Hamburg, 5. Mai 2011. Es ist irgendwie rührend: Der in den USA lebende Anwalt und Autor Seth Yorra, Jahrgang 1945, schreibt ein Stück über Sigmund Freuds letzte Stunde. Gemeinsam mit Mathieu Carrière adaptiert er es ins Deutsche und dieser spielt darin den Freud. Wer den Anstoß zu dieser Zusammenarbeit gab, die das Schauspielhaus wiederum in Koproduktion mit Mathieu Carrière auf die Bühne brachte, bleibt unklar. Klar ist, dass es an diesem Abend verdammt rührselig zugeht.


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Die Botschaft der Alupackung

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. Februar 2011. Das Essen ist noch warm. Als die Folie weggerissen wird, quillt heißer Dampf aus der Alupackung. Der Geruch von warmen Reis, von Hühnchen in Kokosmilch mit Zitronengras und Thai-Basilikum scheint durch den Raum zu wandern. Doch statt einschlägiger Asiaküche befinden sich fünf Asiaköche in der überdimensionalen Aluschachtel, die Kathrin Plötzy auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gestellt hat. Es ist ein so eingängiges wie geniales Bühnenbild für "Der goldene Drache" von Roland Schimmelpfennig. 2009 wurde das Stück von ihm selbst in Wien uraufgeführt, die Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen, im darauffolgenden Jahr zum Stück des Jahres gewählt und mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet.


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Als sei's ein bürgerliches Trauerspiel

von Rudolf Mast

Hamburg, 15. Januar 2011. Am Sonnabend hatte im Hamburger Schauspielhaus William Shakespeares "König Lear" Premiere. Nun hat das Theater an der Kirchenallee derzeit bekanntlich erhebliche Probleme, darunter als wichtigste keinen Intendanten und zu wenig Geld. Aber auch diese Handicaps können keine hinreichende Erklärung dafür sein, dass dieser "Lear" derart desaströs geraten ist.


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Im Schatten der starken Frau

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. November 2010. Er ist ein Vertreter längst vergang'ner Zeiten, ein Behäbiger, dem Wort vertrauender, ein Zigarre rauchender und in der Vergangenheit schwelgender Politiker. Bei Goethe im Jahre 1774 ist er, Götz von Berlichingen, ein Freigeist, ein Idealist, ein Held. Einer, der sich selbst und seinem Volke treu ist.


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Flug auf dem Flokati-Teppich

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Oktober 2010. Am 28. Mai 1987 landet Mathias Rust - nachdem er unbeschadet den sowjetischen Luftraum durchflogen hatte - mit einer Cessna mitten in Moskau, in der Nähe des Roten Platzes. Rust war in Hamburg gestartet und hatte nach einem Stopp in Helsinki Kurs auf Moskau genommen. Er ist 18 Jahre alt und will mit Gorbatschow über den Weltfrieden sprechen. Gorbatschow zeigt sich nicht gesprächsbereit. Er schickt seinen Verteidigungsminister in den Ruhestand und Rust ins Gefängnis. Als Kreml-Flieger landet Mathias Rust weltweit in den Schlagzeilen. Nach 432 Tagen wird er aus der Haft entlassen und gibt einige Interviews, doch eine Medienberühmtheit wird er nie. Später wird der junge Pilot wieder auffällig - wegen Totschlags, Diebstahls, Pokerspiels - mittlerweile scheint er unauffindbar. Seine Spur verwischt sich zwischen Berlin, Estland und der Südsee.


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Es ist so finster und auch so kalt

von Katrin Ullmann

Hamburg, 25. September 2010. "Hier gibt es Grünanlagen, Blumenwiesen und gute Luft", sagt eines der Kinder im Laufe des Theaterabends. Freundliche Naherholung wird mit Mümmelmannsberg üblicherweise nicht assoziiert. Viel lieber stigmatisiert man die Siedlung an Hamburgs östlichem Rand zur Problemzone mit hohem Ausländeranteil und überdurchschnittlich vielen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern. In den siebziger Jahren errichtet, wirken die anonymen Wohnblocks nicht gerade einladend, die Kinder, die dort aufwachsen nicht gerade beneidenswert. Doch "Ich lebe gerne in Mümmel!" rufen sie jetzt laut von der Bühne des Hamburger Schauspielhauses.


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Kleist kotzt: Ach!

von Daniela Barth

Hamburg, 3. September 2010. Thomas Edison, Erfinder der Glühbirne, brachte auch in Sachen "Genie" Licht ins Dunkle, als er so treffend feststellte: "Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration." Ob er mit diesem Ausspruch auf manisch-kreative Ausbrüche eines depressiven Talentierten hindeuten wollte, sei dahin gestellt. Aber für die Inszenierung eines solchen modernen Dichtergenies im Hamburger Schauspielhaus trifft die Aussage jedenfalls auf den Punkt.


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Die Seilschaften des Herrn Brecht

von Rudolf Mast

Hamburg, 24. April 2010. "Himmel auf Zeit", so lautet der Titel eines Festivals, das seit März und bis in den Sommer die Kunst- und Kulturszene Hamburgs der 1920er Jahre vorstellt, würdigt und feiert. Im Rahmen dieses "Kulturfrühlings" fand nun die Premiere der "Dreigroschenoper" statt. Die stammt zwar nicht aus Hamburg, aber immerhin aus jener Zeit: Das Werk von Bertolt Brecht mit der Musik von Kurt Weill wurde 1928 am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt, dort, wo heute das von Brecht gegründete Berliner Ensemble seine Heimstatt hat. Die Erstinszenierung war ein derart durchschlagender Erfolg, dass sich das Stück bis in unsere Tage nicht so recht davon erholt hat, weil der Erfolg die erhoffte Wirkung unter sich erstickte (ein Vorgang übrigens, den man auch am Berliner Ensemble von heute studieren kann).


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Boulevard der Abziehbilder

von Michael Laages

Hamburg, 18. März 2010. So also sieht eine Spekulation aus im Theater. Da dräuen die Vorabmeldungen aus der Presseabteilung mit Reizworten wie "Winnenden" und "Emsdetten", "Erfurt" und auch "Columbine", den Namen von Orten also, an denen Schüler auf extreme Art und Weise die Unfähigkeit zum Überleben in dieser Gesellschaft dokumentierten und eine große Zahl von unschuldigen Opfern mit in den Tod rissen. Ganz besonders schwer zu fassen an diesen mörderischen Katastrophen war oft die Beredsamkeit, mit der die jugendlichen Amokläufer die Ausweglosigkeit des eigenen Lebens beschreiben konnten.


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Das Ich steht nur auf Chöre

von André Mumot

Hamburg, 25. Februar 2010. Vielleicht irrt er sich gewaltig, aber immerhin bezieht er Stellung. Dieser Chor setzt sich aus jungen Damen in rosa Kleidchen zusammen, die im Haar niedliche Schleifen und über den Schultern nicht ganz so niedliche Holzgewehre tragen. "Die Lust am Ich ist eine lausige Leidenschaft", verkünden sie. "Ich - das kann doch jeder!"


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Alles in Ordnung, amüsieren Sie sich!

von Katrin Ullmannn

Hamburg, 3. Februar 2010. Gedämpftes Licht und dicke Teppiche. Absurde Buntglaslampen, grünlederne Sessel und holzverschalte Wände: die M&M-Bar im Hamburger Hotel Reichshof ist mittlerweile Kult. Mit ihrem gewöhnungsbedürftigen Ausstattungscharme, der irgendwann zwischen den fünfziger und sechziger Jahren entstand, und Kellnern, die so formvollendet und ungerührt jedes noch so exotische Wunschgetränk servieren, machte diese Hotelbar bei mancher Premierenfeier der Kantine des benachbarten Schauspielhauses Konkurrenz. Jetzt macht das Schauspielhaus dort Theater.


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Es soll ja noch schlechter kommen

Von Dirk Pilz

Hamburg, 22. November 2009. Das war deutlich. Jana Schulz kommt vom Bühnenpodest herunter, rammt ihren Blick ins Publikum und sucht die Reihen ab: "Ich möchte hier jemand Zuständigen sprechen." Beklemmende Stille, ratloses Schweigen. "Ist hier denn niemand zuständig für mich?" Wut ist in ihren Augen. Verzweiflung. Angst, auch Tränen. "Ich lasse den Kopf nicht ...", sagt sie, bevor sie in eine ungeahnte Tiefe springt – und aus ist dieses knapp zweistündige Spiel vom "gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft", als das Ödön von Horváth sein 1936 uraufgeführtes Stück "Glaube Liebe Hoffnung" verstanden wissen wollte.


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Die Revolution liegt im Sterben

von Katrin Ullmann

Hamburg, 15. Oktober 2009. Vom Vordach des Schauspielhauses skandieren sie noch gemeinsam: Danton und Robespierre. "Die Freiheit ist kein Kinderspiel!" und "Die Regierung muss aktiv sein!" rufen sie in Richtung Kirchenallee und Premierenpublikum. Sie stacheln sich gegenseitig an. Mal von Lautsprecherakustik umjubelt, mal ausgebuht. Da sind die beiden Revolutionäre noch im Kampf, sind Brüder im Geiste und auf der Straße.


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Kopftheater gegen Korruption

von Klaus Witzeling

Hamburg, 26. September 2009. "Hamlet – ist tot." Der erste Satz in Klaus Schumachers "Hamlet" für das Junge Schauspielhaus in Hamburg gibt die Richtung seiner Inszenierung vor. Shakespeares bekannteste Tragödie ist tot interpretiert, tot gespielt, tot rezensiert. Der Regisseur wagt einen neuen Anfang. Im Malersaal des Schauspielhauses erzählt er das Stück als Geschichte der zerstörten Liebe von Ophelia und Hamlet, den die Familie mit ihren verbrecherischen Machenschaften nicht aus ihren Klauen lässt, bis sie durch ihn ausgelöscht wird. Erst im Tod findet Hamlet zur Freiheit, weil er seinen Überzeugungen und der Suche nach der Wahrheit gefolgt ist.

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Im freien Fall aus dem Leben

 von Joachim Lange

Hamburg, 17. September 2009. Man könnte fast meinen, in Hamburg gäbe es Ibsen-Tage. Erst am Thalia den "Peer Gynt" und dann, tags drauf im Deutschen Schauspielhaus, seinen späten, 1893 das erste Mal aufgeführten, "Baumeister Solness". Nach dem phantasievoll übersprudelnden Ich-Sucher, der Lebensabschlussmonolog eines heillos in seine Schuldvorstellungen Verstrickten.


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Herbe Käthe, tolle Jana

von Katrin Ullmann

Hamburg, 28. Mai 2009. Der Vater ist in Sorge. Er irrt umher, fragt, sucht und bangt. Das "Käthchen von Heilbronn" ist ihm abhanden gekommen. Ist unerreichbar fern, weit weg von Vaterherz und Vaterhaus. Wie vom Blitz getroffen sei es, flammend – und einem gewissen Friedrich Wetter, Graf von Strahl, hörig wie ein Hund.


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Erst im Kittchen, dann am Kreuz

von Daniela Barth

Hamburg, 18. April 2009. Der Zuschauersaal des Hamburger Schauspielhauses liegt in diffuses kalt-bläuliches Licht getaucht, das dem hereinströmenden Publikum seltsam starre, ja fast maskenhafte Gesichtszüge verleiht. Ein beeindruckender, weil derart vereinnahmender Lichteffekt (Licht: Kevin Sock), der sich in vergleichbaren Variationen – noch verstärkt durch die durchweg in Schwarzweiß kostümierten Protagonisten (Kostüme: Viva Schudt) – durch die gesamte Inszenierung von "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" zieht.


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Fleischmarkt der Gefühle

von Daniela Barth

Hamburg, 19. Februar 2009. Endlos-Schleife Vivaldi: Der Frühling, die Ankunft, das Neue... Audiomedialer Aufbruchsterror im Hamburger Schauspielhaus. Schon vor den Türen. Bohrt sich ins Hirn und verursacht dumpf hämmernde Schmerzen. Aber es ist nicht nur dieser ausgebuffte musikalische Anfall des Inszenators Sebastian Nübling, der Kopfschmerzen verursacht.


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Die faltigen Masken der Revolution

von Daniela Barth

Hamburg, 11. Januar 2009. Paris: eine studentische Probebühne, ein winziger Theatersaal, der sich in einer der verwinkelten Gassen in der Nähe des Montmartre an eine enge Häuserzeile schmiegt. Der großstädtische Lärm, der von draußen zu uns dringt, wird allmählich vom anschwellenden Raunen und Murmeln des französischen Publikums eingelullt.


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Starker Mann ganz allein im Buffet

von Daniela Barth

Hamburg, 22. November 2008. Die globale Finanzkrise hat nun auch das Hamburger Schauspielhaus in Beschlag genommen. Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" – vor über hundert Jahren geschrieben – strotzt geradezu vor Aktualität: Profitgier auf Kosten der Umwelt, Manipulierbarkeit der Medien, Opportunismus der stumpfen Masse, Wendehals-Mentalität. Nota bene: Grundlegende gesellschaftliche Entscheidungen werden immer nur unter Berücksichtigung der Finanzlage getroffen. Das ist Politik, die mit Moral nun mal nichts am Hut hat.


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Im Lande des WICH

von Dagmar Ellen Fischer

Hamburg, 9. November 2008. Wenn chinesische Opern in fünf Minuten erzählt werden könnten, bräuchte man sie nicht in einer 19-stündigen Originalfassung über die Bühne zu bringen. Oder gerade deshalb? Kevin Rittberger, Autor und Regisseur, tritt den Gegenbeweis beider Standpunkte an: Sein Schauspiel "Fast Tracking oder der Tod der Kunqu-Oper" lässt keinen Zweifel an der Daseinsberechtigung dieser 600 Jahre alten Tradition der chinesischen Kultur und hat doch ein offenes, westliches Ohr für heutiges Zeitempfinden.


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Zwischen Lidl und Lenin

von Dirk Pilz

Hamburg, 24. Oktober 2008. Na so was, Volker Lösch kann ja auch ironisch. Oder ist das gar keine Ironie und dieser Abend also schlicht und plump eine derbe Revolutionsshow, folglich doofes Kasperletheater fürs Parkettvolk? So viel Szenenapplaus und verzücktes Gejohle gab es bei Lösch jedenfalls noch nie.


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Gutes tun und drüber reden

von Michael Laages

Hamburg, 5. Oktober 2008. Eins vorneweg: der Theaterkritiker im engeren, vielleicht auch ein bisschen beschränkten Sinne hat an diesem Abend im Theater eigentlich nichts zu suchen. Es gibt ja kein Stück zu besichtigen, keinen Text, ob neu oder alt, dessen Umsetzung nun Sache einer guten Inszenierung wäre – stattdessen gibt es Geschichten, ach was, Fragmente von Geschichten, Momente aus der Erinnerung ganz normaler Menschen; keine Poesie, kein Gleichnis, nichts. Nur Alltag in Splittern.


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Wärmendes, totes Tier

von Katrin Ullmann

Hamburg 17. September 2008. "Er wird es gut haben bei dir." Hartl ist sich sicher. Sie kennt ihre Freundin und kennt auch ihr besonderes Verhältnis zu Pelzmänteln. Warm und kuschelig müssen sie sein, das Gefühl von Nähe und Geborgenheit vermitteln. Und darum kauft die "Mantelabholerin" sich regelmäßig ein neues "wärmendes totes Tier". Es ist ihr dickes Fell, ihr ganz persönliches Mittel gegen die Langeweile und vor allem gegen die Einsamkeit.


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Müßiggänger ohne Mehrwert

von Susann Oberacker

Hamburg, 5. Juni 2008. Man amüsiert sich prächtig bei der jüngsten Premiere im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg: Shakespeares "Was ihr wollt", in der Inszenierung von Klaus Schumacher. Der Leiter der erfolgreichen und preisgekrönten Jugendsparte "Junges Schauspielhaus" gab mit der Komödie sein Debüt als Regisseur auf der großen Bühne. Wie gesagt: Man amüsiert sich prächtig – nicht weniger, aber auch nicht mehr.


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Imagination des Schreckens

von Katrin Ullmann

Hamburg, 4. Juni 2008. Der Aufführungsort ist eine szenige Bar in einem szenigen Viertel, der Stoff eine Debatte für sich. Der Film "Paradise Now" kam im Herbst 2005 in die Kinos, wurde preisgekrönt, für den Oscar nominiert – und höchst kontrovers diskutiert. Die einen empfanden Hany Abu-Assads und Bero Beyers Geschichte über zwei jugendliche palästinensische Selbstmordattentäter als eindringlich, psychologisch und nicht zwischen Gut und Böse wertend, die anderen hielten das Werk für höchst antisemitisch und lasen es als palästinensische Propaganda.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Alles kann im Leben passieren, vor allem nichts

von Daniela Barth

Hamburg, 30. April 2008. Geplättet ob der seltsam bedeutungslosen Schwere jener live kongenial gespielten Szenen der Verfilmung eines Romans, nein, des Romans an sich, nämlich Rocko Schamonis Autobiographie "Dorfpunks", im altehrwürdigen Hamburger Schauspielhaus (zur Wiederholung: im Schauspielhaus!); betört vom Gestank jener seltsam treibenden Blüten der Studio-Braun-Gewalt; gefangen, eingewickelt und gewürgt von jenem seltsam wuchernden Schlinggewächs psychedelischen Humors; angepiekst von jenem seltsam giftigen Stachel der ästhetischen Anarchie stellt sich nunmehr die Frage: darf man, kann man darüber schreiben? Besser nicht. Schlechterdings doch. Als Versuch, in Worte zu fassen, was der Geist (gemeint ist hier der Verstand, der – äh – vernünftige Verstand) noch nicht verarbeitet hat.


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Paradise Cinema Lost

von Daniela Barth

Hamburg, 12. April 2008. So wunderbar kann Theater sein: Großes Kino – als intimes Kammerspiel. Gesehen gestern im Malersaal des Jungen Schauspielhauses in Hamburg. Eingangs überwältigt eine schwarz-weiße Bilderflut im Zusammenspiel mit einer Kakophonie aus Zitaten und Musik: "Hair", "2001- A space odyssey", "Bande à part", Jim Morrison, Martin Luther King ... Diese cineastische Sinfonie umspielt eine geradezu konterkarierende Wohnlandschaft: Chaotisch und einfach, im Zentrum ein abgewetztes Sofa, das mit der Rückseite zum Publikum steht.


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Das Schaukeln der Dinge

von Daniela Barth

Hamburg, 20. März 2008. "Die Welt ist nichts als ein ewiges Schaukeln. Alle Dinge schaukeln ohne Unterlass. (...) Sogar die Beständigkeit ist nichts als ein schwächer geschwungenes Schaukeln", schrieb der Philosoph Michel de Montaigne. Eigentümlich, verwunderlich, dass einem diese Behauptung in den Sinn kommt, während man in einer Fassbinder-Inszenierung – pardon! – in einer Inszenierung nach einem Fassbinder-Film sitzt. Und auf dieses "Ding" schaut: Elvira, nein Erwin. Diese Erwinsche Elvira, die im wiegenden Gang einer alten, müden Katze gleich über die Bühne schleicht. Gleichsam abhebt, um über den "Dingen" zu schweben.


Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Seht her: der Homo sapiens!

von Susann Oberacker

Hamburg 28. Februar 2008. "Ooar, was für eine Scheiße!" Dies ist einer der ersten Sätze in Roland Schimmelpfennigs Stück "Calypso", einer Auftragsarbeit für das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Es wurde ebenda uraufgeführt – in der Inszenierung von Jürgen Gosch. Marion Breckwoldt hat die Ehre, so tief in den deutschen Sprachschatz greifen zu dürfen. Sie tut dies mit Hingabe. Und hat im Grunde auch Recht: Das Leben des Menschen hienieden kann manchmal ganz schön beschissen sein.


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Helden, Menschen, Avatare

von Katrin Ullmann

Hamburg, 6. Januar 2008. Das Kaminfeuer ist echt. Es brennt in der hinteren Ecke des Raumes, und im ersten Augenblick meint man, das Feuer verantworte die erhöhte Raumtemperatur im Malersaal, der kleinen Spielstätte des Hamburger Schauspielhauses. Doch wahrscheinlich wärmt nicht das Feuer den kleinen Betonraum (Bühne: Claudia Rohner), sondern die Abwärme von einem halben Dutzend Rechnern.


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Das Patenkind aus Dingsda

von Simone Kaempf

Hamburg, 16. Dezember 2007. Werkzeugkästen, Gartenharken, Tiefkühltruhe stehen im Hobbykeller des Vaters. Und zwei große Fernsehbildschirme. Nicht zum Pornoschauen, wie die Tochter Louisa vermutet, sondern zum Kontrollieren der Überwachungskameras, die Vater frisch im Haus installiert hat.


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Tausende von Blüten im Kopf

von Susann Oberacker

Hamburg, 9. Dezember 2007. Das "Zehntagewerk" des Giovanni Boccaccio ist hundert Geschichten lang und zwei Bände dick. Insofern ist es Zuschauers Glück, dass Stefan Otteni seine Theaterfassung des "Decamerone" auf zwei Stunden eingedampft hat. Das Ergebnis ist im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu sehen – und zwar im kleinen, intimen, aber leider bisweilen arg stickigen Foyer im zweiten Rang.


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Halt, wir müssen weiterspielen

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 26. Oktober 2007. "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne." So ergeht es uns nicht nur in der Liebe, sondern auch in Karin Henkels Inszenierung "Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück" am Deutschen Schauspielhaus. Lessings zentrales Thema in der "Minna" – die Beziehung von Mann und Frau – greift die Regisseurin Karin Henkel in ihrer Inszenierung zu Beginn offensiv und konsequent auf. Liebevoll und präzise inszeniert sie Tellheim (Jana Schulz) und Minna (Marie Leuenberg) als Karikaturen ihrer Geschlechtsgenossen.


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Intimität mager

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 6. September 2007. "A play for two" ist eine Produktion des DOT aus Istanbul. Das DOT wurde 2005 gegründet und ist gegenwärtig die wichtigste Anlaufstelle für zeitgenössisches Theater in der Türkei. Neue Stücke, internationale und türkische Dramatik, und eine offene Zusammenarbeit mit Künstlern aller Sparten sind seine Markenzeichen.


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Und im Herzen Europas das Öl

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 31. August 2007. Die EU, also die Europäische Union, das ist ... . Ja, was ist das eigentlich? Laut Wikipedia "ein aus 27 europäischen Staaten bestehender Staatenbund eigener Prägung." Soweit die Primärinformation. Gut. Eigene Prägung ist doch immer gut, oder? Klingt kreativ. Was jedoch verbindet Rumänen und Esten, Iren und Griechen, Deutsche und Finnen, Bulgaren und Niederländer – mal abgesehen von dem Wunsch nach wirtschaftlichem Wohlstand?


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