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archiv » Staatsoper Berlin (8)
Staatsoper Berlin

Das Raunen in der Isolation

von Georg Kasch

Berlin, 23. Juni 2016. Am Ende singt sie doch. Lange, hohe Töne lässt Olivia Stahn gegen die Wand prallen, als wolle sie Glas zerspringen lassen. Wie das gellt und vibriert in den Ohren! Endlich hat man das Gefühl, ein Bild zu bekommen für den Schmerz und die Verzweiflung, die diese "Gefangene" umtreibt.


Staatsoper Berlin

Hochamt des Minimalismus

von Wolfgang Behrens

Berlin, 22. Juni 2014. Gerhard Stadelmaier, seines Zeichens FAZ-Redakteur mit der Zuständigkeit hohe und höchste Schauspielkunst, wird bekanntlich nicht müde, Beweise für einen Indizienprozess gegen das von ihm so getaufte Regisseurstheater zu sammeln. Kürzlich nun ist ihm eine Archivalie in die Hände gefallen (oder von restaurativen Kräften zugespielt worden?), die ihm aufs Glänzendste bestätigte, was man ohnehin schon wusste: dass auch der große Samuel Beckett – zumindest seine eigenen Texte betreffend – ein Verfechter rigider Werktreue war. Vor 40 Jahren schrieb Beckett nämlich an einen deutschen Dramaturgen, der "Endspiel" in ein Altersheim verlegen wollte: "This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. The director's job is to ensure this, not to invent improvements."


Staatsoper Berlin

Kuscheln mit Goldkante

von André Mumot

Berlin, 13. April 2014. Es gibt ihn schon früh, den Moment, an dem die zwei Welten aufeinander prallen, an dem man kurz die Luft anhält, auch hören kann, wie ein unterdrücktes Raunen durch die Reihen des Schillertheaters geht. Noch schwelgt und zuckt und glänzt die Staatskapelle im Bacchanal der Pariser Tannhäuser-Fassung, in der Sex- und Rauschmusik, die Wagner eigens fürs französische Publikum komponierte – und von jetzt auf gleich rutscht das gesetzte Opern-Establishment mitten hinein ins zeitgenössische Tanztheater. Es ist Peter Seiffert persönlich, altgedienter, stets zuverlässiger Heldentenor, Jahrgang 1954, der den Tannhäuser nach eigener Aussage schon 150 mal gesungen hat. Heute aber lässt er sich in die große Röhrenöffnung hineingleiten, die Sasha Waltz für den ersten Aufzug auf die Bühne gebaut hat und in der sich ihre Tänzer so aalen wie man sich eben aalt, wenn eine Orgie dargestellt werden soll.


Staatsoper Berlin

Held und Geld

von Georg Kasch

Berlin, 9. März 2014. Bedeutung ist zuweilen nur die Frage eines Buchstabens. Einmal kommen die drei Rheintöchter, wilde Mischungen aus Gothic- und Partygirls, mit einer rollbaren Schultafel herein, klappen sie auf und singen gewohnt jubilierend: "Rheingold! Rheingold! Leuchtende Lust, wie lachst du so hold und hehr!", während sie auf die Kreidelettern des Wortes weisen. Nicht minder triumphierend nimmt Wellgunde dann den Schwamm und löscht das H aus. Woraufhin Woglinde und Floßhilde farbig das Rest-Wort überkritzeln.


Staatsoper Berlin

Kreisverkehr elementarer Kräfte

von Elena Philipp

Berlin, 26. Oktober 2013. Karges Dunkel, von wenigen Scheinwerfern schlaglichtartig erhellter Nebel, ein staubender Aschehaufen – das ist die Szene von "Sacre": Sasha Waltz' Tribut an die Tradition, ihre Version des Frühlingsopfers, des vor genau hundert Jahren in Paris uraufgeführten, skandalumwitterten Schlüsselwerks der Moderne. Igor Strawinskys komplex rhythmisierte, ungewöhnlich orchestrierte Komposition, die schrecklich schöne Feier eines heidnischen Menschenopfers, erregte bei der Uraufführung Unmut, ebenso wie Vaslav Nijinskys Choreographie, die mit eingedrehten Füßen, gewinkelten Armen und zurückgeworfenen Köpfen 1913 gegen alle Regeln der akademischen Tanztechnik verstieß.


Staatsoper Berlin

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Im Höllenkreis

von Wolfgang Behrens

Berlin, 31. März 2012. Spät, sehr spät erscheint auch das Inszenierungsteam auf der Bühne, und sofort mischen sich heftige Buhrufe in den bisher einhelligen Jubel. Da nimmt Daniel Barenboim die Regisseurin Andrea Breth an die Hand und geht alleine mit ihr ganz nach vorne an die Rampe. Lange, sehr lange stehen sie dort wie in einer Brandung: Der Sturm, den die Entrüsteten im Publikum entfachen, will sich auch nach gefühlten Minuten nicht legen, ein paar versprengte Bravos geben ihm stetig neue Kraft. Erst als Barenboim und Breth wieder nach hinten treten, verebbt das Tosen des Widerspruchs. Andrea Breth im Berliner Buhgewitter – was ist da los?


Staatsoper Berlin
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Du, Pluto, kamst nur bis Nord-Lappalien

von Georg Kasch

Berlin, 16. Dezember 2011. Aufklapp- beziehungsweise Popup-Bücher sind eine feine Erfindung: Auf jeder Seite entfalten sich neue papierne Wunderwelten, die Mehrdimensionalität vorgaukeln, wo eigentlich alles ganz platt ist.


Staatsoper Berlin

Zerfressene Seele, zerfressene Welt

von Jürgen Otten

Berlin, 3. Oktober 2010. Ein flüchtiger, beidseitig beschriebener Zettel nur ist es, eingelegt in das üppige Programmbuch, der die enorme Bedeutungsschwere dieses Abends bekundet. Formal handelt es sich um einen Brief. Gerichtet ist er an das "sehr verehrte Publikum", unterschrieben haben ihn all jene, die als künstlerisches Produktionsteam figurieren: Dirigent Daniel Barenboim, die Gesangssolisten Graham Clark, Annette Dasch, Anna Prohaska, Daniel Schmutzhard, Alfred Reiter, der Schauspieler Martin Wuttke sowie Voxi Bärenklau, Reinhold Braig, Meika Dresenkamp, Thomas Goerge, Joachim Haas, Anna-Sophia Mahler, Heta Multanen, Olaf Freese, Reinhold Braig, Eberhard Friedrich, Katharina Winkler, Carl Hegemann und Aino Laberenz. Ihr gemeinsam verfasstes Schreiben gleicht einer Vorabbitte um Verständnis für ein eventuelles Scheitern: Niemand sei imstande, die Uraufführung der Oper "METANOIA – über das denken hinaus" von Jens Joneleit so existenziell zu inszenieren wie Christoph Schlingensief.


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