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archiv » Forum Freies Theater Düsseldorf (10)
Forum Freies Theater Düsseldorf

Spiel mir das Lied von der Macht

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 2. Juli 2016. Der leere Barhocker fällt sofort ins Auge. Nur drei Menschen, eine Frau und zwei Männer, haben sich auf der Bühne versammelt. Aber der bildende Künstler und Autor Stephan Kaluza hat in seiner Eigenschaft als Regisseur und Bühnenbildner dieser Uraufführung vier schwarze Hocker jeweils in einigem Abstand voneinander aufgereiht. Einer von ihnen bleibt die ganze Zeit über frei und erzählt so auf ganz unspektakuläre Weise von einem zerstörerischen Machtgefälle. Die, die mit ihren Taten das Schicksal der Yanomami ohnehin bereits bestimmt haben, bleiben ein weiteres Mal unter sich.


Forum Freies Theater Düsseldorf

Der Witz der Melancholie

von Stefan Keim

Düsseldorf, 23. April 2016. Eine Stimme quäkt aus dem Lautsprecher. Wie ein Mantra wiederholt sie, dass Gott das "Ende von der Welt" kenne und man sich deshalb mit ihm gut stellen sollte. Kornelius Heidebrecht sitzt am Klavier und schlägt zunächst stimmlose Tasten an. Die speichert er als Loop im Computer, spielt den Rhythmus ab und improvisiert dazu Akkorde und Melodiefetzen. Die anderen kommen dazu, nehmen sich Instrumente, steigen ein. So entsteht die Ouvertüre des Theaterkonzerts "Wenn ich was hören will, muss ich aufs Dach".


Forum Freies Theater Düsseldorf

Wir vom Stamme Kains

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 12. April 1015. Am Ende von Charles Baudelaires "Abel et Caïn", das Teil dieses wild wuchernden Abends ist, liegt alle Hoffnung auf dem Stamme Kains. Der gezeichnete Brudermörder und seine Nachkommen sind die, die vielleicht noch etwas verändern könnten, von denen einmal der ersehnte Aufruhr ausgehen könnte: "Kains Stamm, zum Himmel steige und auf die Erde schleudre Gott!"


Forum Freies Theater Düsseldorf

Kannibalistischer Akt

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 25. September 2014. Wer diesen ungewöhnlichen, anspruchsvollen und gegen Ende sich suggestiv steigernden Abend beobachtet und zu beschreiben versucht, dem stellt sich die Frage, ob er tatsächlich – der übliche Vorgang beim Schreiben einer Kritik – eine Art Hierarchie konstruieren soll in der Konfrontation mit einer Arbeit, die gerade das nicht tut und deren Thema letztlich die Entgrenzung ist, also die Vermeidung jeder Festlegung auf einen geographischen oder weltanschaulichen Ort.


Forum Freies Theater Düsseldorf

In der perfekten Welt

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 13. September 2014. Einerlei. Schade, dass es dieses Wort nicht mehr gibt, das so viel schöner klingt als "egal" oder "gleichgültig". Dostojewskis "Lächerlicher Mensch" benutzt es oft, ihm ist vieles einerlei, obwohl ihm gar nichts gleichgültig ist. Einerlei ist ihm, dass die anderen ihn lächerlich oder gar verrückt finden, was ja einer Beförderung gleichkäme. Mehr noch, ihm ist selbst am besten bewusst, dass er lächerlich ist. In Wahrheit ist er natürlich – wie sein Autor – ein Moralist. Er verzweifelt am Zustand der Welt und möchte sich erschießen. Den Revolver hat er bereits gekauft und auch schon geladen. Bevor er zur Tat schreitet, träumt er einen Traum, in dem die Frage untersucht wird, ob die Menschen schön und glücklich sein können, ohne die Fähigkeit einzubüßen, in dieser Welt zu existieren.


Forum Freies Theater Düsseldorf

Auf der Flucht

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 12. März 2014. Er wird einfach nicht grün. Ich sitze vor einem Knopf und drücke ihn, sobald er rot leuchtet, damit ein anderer Knopf Grün anzeigt und meine Arbeitsschicht beendet. Kurz drücken? Schnell? Lang, verzögert, abgehackt? Gefühlte zwanzig Minuten vermüllt diese Fragestellung meinen Kopf, während ich nur von fern die Endlos-Loops, Passwort-Geschreie, das gehetzte Brüllen der Mitspieler, die angezählten Stunden bis zur Grenzschließung höre. Ich kann mich aber nicht darauf konzentrieren, sonst verpasse ich das rote Licht und mithin die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen und weiterzukommen. Ich muss auch noch drüber schreiben! Stress. Und dann schließt die gouvernantenhaft grausame Fabrikaufseherin in grauem Anzug, die allein mir Geld auszahlen kann, einfach so die Fabrik – und meine stupide Geschäftigkeit zerplatzt in einem Nichts aus Sinnlosigkeit.


Forum Freies Theater Düsseldorf

Von der Kunst im Angesicht der Katastrophe

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 12. September 2013. Es riecht nach Erde und Pflanzen. Die Natur hat sich zurückgeholt, was ihr eigentlich schon immer gehörte, und die Zivilisation einfach überwuchert. So war es in den ukrainischen und weißrussischen Gebieten, die nach dem katastrophalen Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 evakuiert werden mussten; und so ist es nun auch auf der Bühne des FFT Juta.


Forum Freies Theater Düsseldorf

Spiel's nochmal, Jonny

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 20. September 2012. Als der englische Neurologe John Langdon-Down im 19. Jahrhundert Menschen mit der angeborenen Gehirnkrankheit, die man heute das "Down-Syndrom" nennt, "mongoloid" taufte, also "mongolenähnlich", wollte er, wer weiß, vielleicht einen Scherz machen. Mediziner haben manchmal einen grimmigen Humor. Jedenfalls hat jene Bezeichnung sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erhalten, bevor sie durch den offiziellen Begriff "Down-Syndrom" ersetzt wurde.


Forum Freies Theater Düsseldorf

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Jonah im Bauch der Schaltzentrale

von Dina Netz

Düsseldorf, 23. Februar 2012. Das Trio Marlin de Haan, Axel von Ernst und Julia Klomfaß hatte die Latte hoch gehängt: Die Thermodynamik hat es in den Titel ihrer neuen Arbeit am Forum Freies Theater Düsseldorf geschafft, deren vier Sätze wohl keiner der Zuschauer parat hat. Macht aber nichts, es reicht zu wissen, dass es dabei irgendwie um Wärme, Energie und Unordnung geht.


Forum Freies Theater Düsseldorf

Es dröhnt die Tonspur, es zucken die Silben

Von Regine Müller

Düsseldorf, 24. November 2010. Himmelblaue Samtvorhänge rahmen die Bühne und den Zuschauerraum ein. Neonlampen werfen kaltes Licht in eine Ödnis, die an realsozialistische Multifunktionsräume erinnert. Die Bühne ist leer bis auf ein paar sehr kleine Lautsprecher, im Zuschauerraum sind die Sitzreihen abgebaut, auf den übrig gebliebenen Stufen liegen dünne Sitzkissen, auf denen man mehr hockt als sitzt. An der rechten Seite der Tribüne fehlen die kargen Polster, um eine Gasse für die Darsteller zu bilden.


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