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archiv » Theater Regensburg (8)
Theater Regensburg

Shakespeares Figuren den Frieden beibringen

von Andreas Thamm

Regensburg, 18. November 2016. Ein schillernder Mantel, eine silberne Hose, Plateauschuhe, langes Haar: Nein, der hier vor den Lamettavorhang stakst, ist nicht David Bowies Wiedergänger, Ziggy Stardust. Das ist, trotz 80s-Glam-Erscheinung, eine Figur, die 1611 zum ersten Mal eine Bühne betreten hat: Prospero. Aber Shakespeares "Sturm" ist das hier trotzdem nicht. "Metamorphosen von Metamorphosen. Metamorphosen der Metamorphosen Ovids in Shakespeares Schädel", kündigt Prospero an. Er ist der Meister dieser seltsamen Zeremonie.


Theater Regensburg

Verfranzt im Irrealis

Von Christian Muggenthaler

Regensburg, 28. Mai 2016. Schief, schräg, schlingernd: Wer mit Franz Kafka in Bühnensee sticht, wird geraden Kurs kaum halten. In Regensburg hat man's just zu Beginn der 34. bayerischen Theatertage mit einer von Stephan Teuwissen neu durchdramatisierten Version des Romans "Der Prozess" zu tun. Herausgekommen ist vor einem Premierenpublikum mit ungewöhnlich hoher Intendantendichte ein nahezu opulent zu nennender Versuch, Kafka mit seinen eigenen Mitteln beizukommen. Regisseurin Mélanie Huber zitiert sich durch die Bilderwelt von Expressionismus und Surrealismus, um sich an der absurden Welt des Prager Autors zu laben, in der der Mensch des 20. Jahrhunderts den Schlüssel zu irgendeiner Sinnstiftung an der Eingangstür zur basisverrückten Moderne längst abgegeben hat.


Theater Regensburg

Abgelegte Abgelebte

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 20. November 2015. Zerwirkmaschinerien, Paralleluniversen, kakofonische Konglomerate zeitgenössischen Dauerirrsinns: Dramatiker wie Christoph Nußbaumeder, Wolfram Lotz und Konstantin Küspert bauen derzeit mit Stücken wie "Das Fleischwerk", "Die lächerliche Finsternis" und "pest" am modernen Absurdistan. Stellen einer fragwürdigen, rätselhaften, brüchigen Welt Texte entgegen, die ihr den Vogel zeigen, mit mal schrillen, mal schrägen, mal wutschnaubenden Tönen, mit grotesken, zersplitterten, aus Realitätsbruchstücken puzzleartig zusammengesetzen Inhalten. Küsperts "pest", das jetzt am Theater Regensburg uraufgeführt wurde, ist so eine Schussfahrt durchs Minenfeld des Aberwitzes. "alles, was sein kann, ist. alles, was existieren kann, existiert." So die Kernthese des Textes.


Theater Regensburg

Biografie über Bande

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 6. Juni 2015. Bernhard Setzwein und Bohumil Hrabal sind zwei Autoren, die in gewissem schreiberischen Gleichklang zueinander funktionieren: Beide entdecken gerne die große Welt im Kleinen, das Wesentliche im Nebenbei, und sei es als hartes Schicksal der Weichgetrunkenen am bayerisch-böhmischen Wirtshaustisch. Insofern ist es nicht unbedingt ein großes Wunder, dass der eine, 1960 in München geboren und in Waldmünchen in direkter Nachbarschaft zu Tschechien lebend, über den anderen, 1914 in Brünn geboren und 1997 in Prag gestorben, unter dem Titel "Hrabal und der Mann am Fenster" ein feinnerviges Stück geschrieben hat, das jetzt am Theater Regensburg eine ebenso feinnervige Uraufführung genoss.


Theater Regensburg

Zukunft auf Sand gebaut

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 9. November 2014. Die innerdeutsche Mauer, deren Fall jetzt 25 Jahre zurück liegt, hatte auch durch Ereignisse in Ungarn Risse bekommen: Ungarn hatte im Frühjahr 1989 seine Grenzanlagen zum Westen abgebaut. Über die Grenze gingen DDR-Bürger, es kam das Ende des Kommunismus. Man begrüßte und umarmte Demokratie und Kapitalismus und wurde von letzterem bis zur Lungenquetschung zurückumarmt. Was also ist da genau passiert, in diesem Land, in diesem vergangenen Vierteljahrhundert?


Theater Regensburg

Digitaler Frankenstein

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 22. September 2013. In seinem Buch "Dialoge" sinnierte der polnische Philosoph und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem über die Möglichkeit, das Steuern menschlicher Gehirne dereinst Computern zu überlassen. Ein alter Traum im Kampf gegen das Damoklesschwert Tod: die "cybernetic organisms", Wesen, halb Mensch, halb Maschine. Cyborgs also, oder noch kürzer und mit Star-Trek-Gütesiegel: die Borg. Lems Fazit nach vielem Hin und Her: Da wird nix draus. Widerstand ist zwecklos.


Theater Regensburg

Karl rast und Franz macht sich zum Affen

von Harald Raab

Regensburg, 17. November 2012. Es geht anfangs biedermeierlich herausgeputzt und steif zu – auf der Bühne des Theaters Regensburg. Im prunkvollen Schlosssaal und im hohen Tann spielen Bürgersleute in Stiefeln, engen Beinkleidern, Frack und Zylinder das Drama ihrer Klasse. Und das hat auch immer etwas von einer Komödie, einer Farce im Beiprogramm. In den Kulissen des schönen Scheins von Behaglichkeit und Biedersinn sind die Räuber unter und auch schon in uns: Von wegen Raubtierkapitalismus, räuberische Banker-Horden. Jeder raubt sich seinen Teil so gut (oder so schlecht) er kann. Der Räuber ist dem Räuber ein Räuber: Tautologischer Nonsens beschreibt treffend das Chaos auf der Bühne.


Theater Regensburg

Der Tod ist einfach nicht zu fassen

von Steffen Becker

Regensburg, 4. Dezember 2010. Am Ende ist auch der Tod nur ein Bürokrat. Robert, der Arzt und Freund, hakt einen Fragenkatalog ab – "bist du dir sicher?", "hast du noch Fragen?". Ein Ja, ein Nein, und Bernhard, Krebs im Endstadium, stirbt an einer Injektion. Seine Familie schaut zu. Dann schreibt Robert sein Protokoll. Niemand spricht, da ist nur das Kratzen des Kugelschreibers auf Formular. Zuletzt haben alle begriffen: Sie können nicht über den Tod sprechen, also gibt es auch nichts zu sagen.


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