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archiv » Theater Vorpommern (8)
Theater Vorpommern

Es hat "Boom" gemacht

von Hartmut Krug

Greifswald, 30. April 2016. Wenn das Publikum in Greifswald seine Plätze einnimmt, wird im vorderen Teil der Bühne schon gearbeitet. Hier breitet sich eine Art Werkstatt aus, in der zwei Personen ihr Handwerkszeug für Live-Filme arrangieren. Dann erklingt die Ouvertüre, und dazu wird, anders als bei Gaetano Donizetti, auf der schmalen, tiefenlosen Bühne, die etwas über der Video-Werkstatt liegt, eine Vorgeschichte des Geschehens gespielt. Norina, eine schöne junge, aber arme Frau träumt in den Bergen von Aserbaidschan von einer besseren Zukunft. Als sie eine Postkarte von New York findet, macht sie sich auf die Reise. Auf der Projektionswand hinter ihr können wir ihre Fluchtroute über den Balkan verfolgen, bis es in New York vor einem Wolkenkratzer in Großbuchstaben "Boom" macht: Denn sie trifft auf Ernesto. Die beiden verlieben sich, und der Kampf um Liebe und Geld beginnt.


Theater Vorpommern

Panoptikum der Männlichkeitsrituale

von Hartmut Krug

Stralsund, 3. April 2014. Ein Erfolgsstück. Erbarmungslos in seinen Klischees und seiner Sucht nach Pointen. Wer hier nicht lacht, der denkt zu viel nach. Aufgeführt auf bereits mehr als 60 Bühnen, und die Verfilmung kommt im Herbst heraus. Mit Elyas M'Barek, Christoph Maria Herbst, Detlev Buck und Cosma Shiva Hagen.


Theater Vorpommern

Das Goldwyn-Mayer-Gebrüll

von Juliane Voigt

Greifswald, 29. September 2013. "Surrogates – Mein zweites Ich", das ist bekanntermaßen Hollywood-Action par excellence. In dem Film von Jonathan Mostow setzt Bruce Willis auf der Suche nach einer Superwaffe einmal mehr sein kleines Cop-Leben aufs Spiel, um das der ganzen Welt zu retten. Verfolgungsjagden, jede Menge Tote, Verwüstungen, geschrottete Autos, abgestürzte Helikopter, dramatischer Nervenkitzel. Der auf eine Graphic Novel von Robert Venditti (Text) und Brett Weldele (Zeichnungen) zurückgehende Blockbuster von 2009 lässt nichts aus, was ein Film braucht, um von dem Löwengebrüll von Goldwyn Mayer angekündigt zu werden. Das Stück zum Film hatte gestern auf der Hinterbühne im Greifswalder Haus Premiere.


Theater Vorpommern

Kampf der Kulturen

von Hartmut Krug

Greifswald, 30. September 2012. Das Stück ist vergessen. Selbst in meiner großen Hauptmann-Ausgabe ist es nicht enthalten. Uraufgeführt 1920 in Berlin, erlebte es seit 1944 nur vier Inszenierungen, die letzte vor fünfzig Jahren im Landestheater Dessau. Das hat Gründe. Denn das Stück geriet Hauptmann, nach dem schockhaften Erleben des 1. Weltkrieges, zum tief gedachten Passionsspiel in Form eines redseligen Denkspiels. Sein gleichnishaftes Thema, der Eroberungskrieg von Cortez gegen Montezuma in Mexiko um 1500, wird von Hauptmann zur Befragung der Legitimation von Macht und Gewalt genutzt.


Theater Vorpommern

altA-U-S!

von Juliane Voigt

Greifswald, 9. Mai 2012. Becketts "Endspiel" bekommt am Theater Vorpommern gerade noch eine Extra-Endspiel-Note: Das war's! Das Theater ist aus. "A-U-S", so deklamiert es der Diener Clov wie einen herzzerreißenden Abgesang. Ein paar Schauspieler des Ensembles bleiben. Den meisten in der Sparte aber wurden die Verträge trotz anhaltenden Protests nicht verlängert. Auch Matthias Nagatis verlässt das Haus, an dem er seit 1998 das Schauspiel leitete. Das "Endspiel" war seine letzte Arbeit. Soviel zum Hintergrund. Noch Fragen zur Stückauswahl? Wohl kaum. Die Zeiten sind ernst. Allgemein und im Theater.


Theater Vorpommern

altBeim letzten Abendmahl

von Juliane Voigt

Greifswald, 3. März 2012. Ja, das war ein Fest! Eine Party bis zum Morgengrauen! Das gesamte gekündigte und nicht gekündigte Ensemble des Theaters Vorpommern war geladen. Noch ein letztes Mal zusammen auf der Bühne, spielten sie wie um ihr Leben, küssten und schlugen sich, bis im Ballsaal das Licht ausging, als gäbe es kein Morgen. Stets findet, so sagte es Wilhelm Busch, Überraschung statt, wo mans nicht erwartet hat. "Das Fest", inszeniert von Uta Koschel, ist ein finaler Gipfelsturm des durch den designierten Intendanten gekündigten Personals an diesem Haus.


Theater Vorpommern
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Im Sumpf der Interessen

von Uwe Roßner

Greifswald, 24. September 2011. Eine Uhr tickt. Eine zweite setzt ein. Das Ticken nimmt zu. Licht fällt auf die Bühne. Die Geräusche verstummen sofort. Eine Moorlandschaft und ein Kerker tun sich auf. Eine mit einem schwarzen Schleier auf dem Kopf bedeckte und ein Kreuz an der Halskette tragende Maria Stuart und ihre Amme Hanna Kennedy betreten die Szene.


Theater Vorpommern

altSchreit!

von Michael Laages

Greifswald, 26. Februar 2011. Aufführungen gibt's, deren Konventionen kommen derart offensiv und selbstbewusst daher, dass gelegentlich, oft nur für einzelne Szenen, fast in Vergessenheit gerät, wie sehr von gestern sie sind. Maxim Gorkis "Nachtasyl" ist öfter schon in dieser Verfassung zu sehen gewesen – immer dann, wenn sich eine neue Produktion nicht recht durchringen konnte zu einer konsistenten Haltung dem in hundert Jahren spürbar gealterten Material gegenüber. Bei Tschechow wird dieser Abstand von damals auf heute fast nie zum Problem; bei Gorki immer. Denn viel existenzieller haben Gorkis Texte mit der sozialen Welt zu tun, in der sie entstanden sind. Wo in ihnen die Gegenwart steckt – das muss gemeinhin die "Haltung" zum Text kenntlich machen; manchmal die politische, immer die ästhetische.


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