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archiv » Stadttheater Bremerhaven (9)
Stadttheater Bremerhaven

Was Sarrazins Propheten künden

von Jens Fischer

Bremerhaven, 17. Juni 2016. Am Anfang sind zwei Männer auf der Bühne. Ein Clowns-Duo: Harald und Andreas im Business-Design. Sie beschreiben ihre Welt als eine saubere. Aber es muss eine kranke sein, darauf verweisen die karrieregeil glühenden Augen der beiden Managertypen. Getriebene sind sie, wollen immer das Letzte an Arbeitsleistung aus ihren wohl mit Energydrinks betankten, bestens ausgebildeten, sinnentleerten Körpern holen – immer schneller, immer mehr vom Kuchen der Macht.


Stadttheater Bremerhaven

Erdbeeren für Mohammed Atta

von Tim Schomacker

Bremerhaven, 7. Mai 2016. Das ist doch mal eine veritable Liebesszene in Zeiten des Live-Kamera-Theaters. Vor zwei Meter auseinander stehenden, nach unten gewinkelten Objektiven bewegen sich äußerst sachte zwei Hände. Die Bilder dieser Hände werden ganz oben auf eine Wand inmitten der Drehbühne projiziert. Übereinander gelagert, entsteht so ein neues, drittes Bild. Das einer Früh- und Erstbegegnung von Haut. Erst ein übersanftes Klaviermelodiechen lässt die Szene Richtung Kitsch kippen.


Stadttheater Bremerhaven

Die Streber sind Mittelmaß

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 26. Dezember 2014. In Peer Gynt steckt viel vom modernen Menschen. Durchaus auch ein Kapitalist, der die Welt erobern will, ein Größenwahnsinniger, der es unter Kaiser gar nicht macht. Aber eben auch ein radikaler Selbstverwirklicher, was alles mehr miteinander zu tun hat, als es zunächst scheinen mag – aber ganz dasselbe dann doch nicht ist.


Stadttheater Bremerhaven

Gesucht ist Zukunft mit Vergangenheit

von Jens Fischer

Bremerhaven, 24. Mai 2014."78 % haben lange schon keine Furcht und kein Mitleid mehr gehabt." "99 % der Mütter würden ihre Töchter nicht Klytaimnestra nennen." "67 Prozent denken bei Chrysothemis an Blumen." "Über 60 Prozent finden, Demokratie ist langweilig." In solchen Statistiken spricht der Chor Mykenes, das Kollektiv der Stimmen, denen Regisseur Thomas Oliver Niehaus diese karikierend kommentierenden Texte unterschiebt, die vom Zugedröhntsein mit Informationen handeln, vom Desinteresse am öffentlichen Diskurs. Aber auch vom Glauben an normierte Meinungen und scheinbar objektivierende Zahlen künden. Gegeben wird Sophokles' "Elektra".


Stadttheater Bremerhaven

altAlles Palette

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 14. Juni 2012. Im Mai 1911 startete eine Expedition unter der Leitung von Wilhelm Filchner auf dem Motorsegler "Deutschland" in Richtung Antarktis, um eine Passage durchs Eis zu finden — dass es keine gab, war damals noch unbekannt. Auch sonst verlief nicht alles nach Plan: Die Überwinterungsstation überlebte die Flut nicht, dann wurde das Schiff vom Packeis eingeschlossen und kam erst neun Monate später wieder frei, der Kapitän starb während der Reise, Unstimmigkeiten zwischen Besatzung und Forschern führten zu Mobbing und Meuterei.


Stadttheater Bremerhaven

Walverwandtschaften

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 24. März 2012. Reichlich frisch noch ist Ilija Trojanows jüngster Roman "Eistau", die Geschichte des Gletscherforschers Zeno, der sich als Lektor auf einer Antarktiskreuzfahrt verdingt, um seinen Gletschern nahe zu sein, aber damit zugleich Teil dessen wird, was er bekämpft. An diesem Widerspruch wird er irre und verfällt auf einen radikalen Plan: Die Passagiere, die an einer spektakulären Kunstaktion teilnehmen, bei der sie ein riesiges SOS auf dem Eis bilden, lässt er in der unwirtschaftlichen Landschaft allein, er kapert das Schiff und fährt davon.


Stadttheater Bremerhaven
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Dr. Papiertiger

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 5. November 2011. Wir müssen uns Faust als lächerlichen Menschen vorstellen. Aber lassen Sie mich anders beginnen. Der "Faust", den Thomas Oliver Niehaus in Bremerhaven am Stadttheater inszeniert hat, ist so gar kein mittelalterlicher Gelehrter. Mit seinem Pullunder, der eleganten Brille und der sorgfältig gebügelten Hose ist er ganz der moderne, aufgeklärte Studienrat von heute. Und das ist schlüssig, weil sich das Problem des alten Faust, das sich auf den Begriff der Sinnsuche bringen lässt, bekanntlich ein Dauerbrenner in der Gesellschaft ist, in der wir leben. Und schließlich, auch das hat sich seit Goethe im Kern erhalten, muss in der Regel die Liebe dafür herhalten, die doch kaum dafür taugt, weil sie sich unterm Druck, den ganzen Rest zu kompensieren, einschließlich der "narzisstischen Kränkung", einmal sterben zu müssen, erst recht verflüchtigt.


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Immer diese Widersprüche

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 4. Juni 2011. Sie ist ja wahrlich manchmal zum Verrücktwerden, die Welt, in der wir leben. Da sind den einen die Austern nicht zart genug, während sich andere mit einer Handvoll Reis bescheiden müssen. Da sind die einen Helden, weil sie, um ihr bescheidenes Leben zu verbessern, in fremde Länder aufbrechen, während andere als Wirtschaftsflüchtlinge geschmäht und als illegale Ausländer verhaftet und abgeschoben werden.


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Es war einmal das erste Haus am Platz

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 19. März 2011. Sie werden an eine Hotelzimmertür gebracht. Sie werden erwartet. Ein Mädchen, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, öffnet die Tür, bittet Sie, Platz zu nehmen, und beginnt zu erzählen. Sie war einst die Disco-Queen, sogar in der Zeitung sei sie gewesen, man habe das doch sicherlich auch gelesen. Dann die Jahre in London, wie sie dann ihren Mann kennen gelernt habe... Ob sie wohl noch in ihre alten Ballerina-Outfits passen würde? Und jetzt wollen wir ein bisschen tanzen. Sie schaltet den archaischen Cassettenrecorder an und tanzt. Sie bittet ihren Gast, mitzutanzen. Dann aber verliert sie die Lust daran. Geht ans Fenster und versucht, den Vollmond zu sehen. Aber da ist nur die Fassade eines Elektronikkaufhauses. Bremerhaven sei aber schon eine tolle Stadt. Warum? "Die Aussicht – manchmal." Es klopft an der Tür, Zeit zu gehen, eine Karte müssen Sie noch ziehen, dann müssen Sie gehen. Die Karte weist den Weg zu einem weiteren Hotelzimmer, einer anderen Geschichte.


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