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archiv » Festival Theaterformen (22)
Festival Theaterformen

Flüchten oder bleiben?

von Michael Laages

Braunschweig, 17. Juni 2016. Weit mehr Facetten hat die syrische Tragödie als sich das die Bürgerkriegsbeobachter im friedlichen Europa vorstellen mögen – der Damaszener Autor Mohammad Al Attar fokussiert das in seinem Stück, beim Kunstenfestival in Brüssel vor gut drei Wochen uraufgeführt, auf eine Familie, in deren Lebensläufen sich viele Wege kreuzen. Die aber sämtlich münden in jenes Chaos, dessen Auswirkungen die Welt erschüttern. Wobei gerade die einfachsten Fragen überhaupt nicht zu beantworten sind – warum zum Beispiel liegt Taim, ein junger Mann Ende 20, im Koma? "Während ich wartete" erzählt von dem, was geschieht in seiner An- und Abwesenheit.


Festival Theaterformen

Europas Spukhaus

von Jan Fischer

Braunschweig, 16. Juni 2016. Wollte man jemanden, der nicht in der Vorstellung war, beschreiben, wie "Haus der Hunde" ist, das Wort wäre: Spukhaus. Nicht die Geisterbahnen auf den Jahrmärkten mit ihren lächerlichen animatronischen Figuren, diese Spukhäuser, die es jetzt immer häufiger gibt, in denen Darsteller einem aus dem Dunkel mit einem blutigen Messer in der Hand anspringen, in denen untot geschminkte Schauspieler zu drückender Musik kreischen. Sondern echte Beklemmung. Echte Furcht.


Festival Theaterformen

Mythen ohne Grenzen

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 14. Juni 2016. Am Ende weint der riesige Baseball, der über der leeren Bühne des Kleinen Hauses im Staatstheater Braunschweig wie ein gigantischer Mond hängt. Unmengen von Wasser plätschern auf den Bühnenboden. Die Beschichtung löst sich auf, bildet kleine Klümpchen, die platschend und schleimig zu Boden tropfen, während ein junger Mann mit seinem Vater spricht. Alles sei ein Missverständnis gewesen, sagt er Richtung Riesen-Baseball. Als Junge habe er gedacht, er müsse Baseball toll finden, weil auch er, der Vater, Baseball geliebt habe. Nur deshalb habe er all die Regeln des amerikanischen Spiels auswendig gelernt, das auch die beiden jungen Frauen neben ihm auf der Bühne nicht verstehen. Es geht um ein kompliziertes Regelwerk und das Verschmelzen des eigenen Körpers mit dem Schläger.


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Das Unkunstvolle, hier wird's Ereignis

von Tim Schomacker

Hannover, 9. Juli 2015. Am Anfang ist der Plattenteller. Erstaunliches wird akustisch aus der Auslaufrille gekratzt, klangelektronisch geschichtet und getürmt. Dass man aus Staub und Kratzern so viel herausholen kann. Es ist nicht die letzte Überraschung auf der Wenig/Viel-Achse an diesem Abend.


Festival Theaterformen

Kaltführung zur Liebe und ein explodierender Dampfkochtopf

von Jan Fischer

Hannover, 3. Juli 2015. Sie schlurfen über das braune Herbstlaub, sechs Darsteller des "Teater NO99" aus Estland, es knistert, es riecht auch ein wenig, die ganze Bühne ist damit ausgelegt, weiter ist da nichts, außer sechs Stühlen. Zuerst wirkt alles noch harmlos.


Festival Theaterformen

Herzscheiße

von Jan Fischer

Braunschweig, 12. Juni 2014. Draußen leuchtet ein Sommerabend, drinnen sagt eine der Figuren "Was gibt es schöneres als die Liebe?" Das passiert in der Mitte des Stückes, und selbst da schon müsste man sagen: eigentlich alles. Von irgendwo her weht ein sibirischer Windhauch in den Zuschauerraum und wahrscheinlich lässt sich währenddessen gerade wieder jemand auf der Bühne trockenvögeln. Aber dazu später.


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Das Raunen der Geschichte

von Michael Laages

Hannover, 29. Juni 2013. Der Alte, und das Alte, überlebt. Bei der Siegesparade am 9. Mai 1945 jedenfalls, am Tag nach dem Sieg der alliierten Mächte über das nationalsozialistische Deutschland, steht der herrschende Potentat wieder vor der Kreml-Mauer und grüßt huldvoll Volk und Publikum. Das Reich wurde doch noch nicht geteilt, und auch all die Toten, die üblicherweise am Ende der theatralischen Aneignung von William Shakespeares finstrer Fabel vom fatal verwirrten König Lear das finale Tableau bevölkern, sind wieder wohlauf, haben das inner- und außerfamiliäre Gemetzel um die Nachfolge des Potentaten überlebt.


Festival Theaterformen

Arabischer Frühling als Greenscreen

von Jan Fischer

Hannover, 28. Juni 2013. Ein alter Film, schwarzweiß, sagen wir, Humphrey Bogart und irgendeine femme fatale sitzen im Auto – ist aber egal, wer genau. Sie fahren durch die Stadt, und, klar, man sieht ganz genau, dass sie nicht wirklich Auto fahren, dass sie in in einem stehenden Auto sitzen, hinter dem ein Film eingespielt wird. Behalten wir dieses Bild kurz im Kopf. Es wird noch wichtig.


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Auf der Straße nach Nirgendwo

von Jan Fischer

Hannover, 22. Juni 2013. Am Anfang laufen sie, die Schauspieler, auf der Stelle, vor unsichtbaren Wände, schwitzen sich ein, für das, was da noch kommen soll. Lange. So lange, bis der Schweiß so richtig schön läuft, im Scheinwerferlicht glänzt, noch riecht man ihn nicht, noch ist er frisch. Nein, das ist nicht der Anfang.


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Die Farbe der Revolution

von Stephanie Drees

Hannover, 19. Juni 2013. In der Aufführungspraxis von Tschechows "Iwanow" gibt es die Tradition der gepflegten Tee-Melancholie. Gemeinschaftlich um den Samowar sitzend lässt es sich gut depressiv sein – so wurde das Selbstmitleid des verarmten Landadels schon von manchem Regisseur illustriert.


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altShow mit gekaperter Kuh

von Michael Laages

Braunschweig, 10. Juni 2012. Schlicht zu bedauern war das Festival-Team, das sich da gerade elf Tage lang – und diesmal wieder in Braunschweig – um "Theaterformen" bemüht hatte; das kleine und sehr besondere Treffen internationaler Theatermacher kommt ja so konzentriert wie zielstrebig (und mal mit mehr, mal mit weniger Glück) der recht klar definierten Aufgabe nach, extrem unterschiedliche Spielarten des theatralischen Ausdrucks zu präsentieren.


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Von Handys und anderen Waffen

von Michael Laages

Hannover, 1. Juli 2011. Seit mobile Telefone die Macht übernommen haben in der Kommunikationsgesellschaft, ist dies eine eherne Theaterregel: Handys ausschalten, wenn das Stück beginnt! In der jüngsten Produktion des iranischen Regisseur Amir Reza Koohestani, der lange Zeit im Londoner Exil lebte und mit diesem Stück nach Teheran zurück kehrte, ist es genau umgekehrt: Handys einschalten! Und zwar alle – jedenfalls auf der Bühne. Sechs Personen, vier Frauen, zwei Männer, sind abendfüllend damit beschäftigt, mobil zu telefonieren. Nur in einigen wenigen, ganz kurzen Gesprächspassagen existiert die Vertrautheit eines "richtigen" Kontaktes.


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Schönen Dank auch für den Krieg

von André Mumot

Hannover, 25. Juni 2011. Es gibt eine Wirklichkeit, die diesen Abend inspiriert hat, und die kann es nicht auf die Bühne schaffen. Es wäre auch nicht auszuhalten. "Sometimes reality is too much", sagt Sarah Eisa in die aufgestellten Mikrofone und lächelt. Im Abendkleid steht sie auf einem roten Teppich und vergibt mit ihrer Kollegin Julia Clever, die ebenso breit lächelt, kleine Oscar-Statuetten. Den "award für best victim" an Ahmed Khaled. Und den "award for best fear" an Duraid Abbas.


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Gemeinschaft der Verlotterten

von Esther Boldt

Hannover, 24. Juni 2011. Verzweiflung ist ein denkbar schlechter Ratgeber: Sie frisst sich tief ins Gemüt und untergräbt das Urteilsvermögen. Oder wie sonst lässt es sich erklären, dass Attila und Irén in kopfloser Hast zwei 15jährige Mädchen adoptieren, weil sie gerade erfahren haben, dass Irén nach zahlreichen Versuchen, ein Kind zu bekommen, die Gebärmutter entfernt werden musste? Sie könnten auch ein Baby adoptieren, aber die Wartelisten sind so lang, dass dies gut und gern zwei Jahre dauern könnte.


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Man sieht nur die im Dunkeln

von André Mumot

Hannover, 24. Juni 2011. Es ist ein Akt der Gerechtigkeit, aber ganz leise nimmt er seinen Lauf. Fast stumm. Immer mal wieder hört man das Knacken der Walkie Talkies, das undeutliche Aufforderungs-Flüstern, das aus den Geräten dringt. Auch ein Murmeln zwischen den Akteuren. Und dann ruft einer von ihnen plötzlich etwas, das sich anhört wie: "Maschine! Eins und zwei – 75 auf!" Woraufhin sich die Bühne ein stückweit hebt.


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Lichtjahre von zu Hause entfernt

von Esther Boldt

Hannover, 22. Juni 2011. Die Theaterformen eröffnen mit einer Reise in die Nacht. Mit einem Schweigegebot. Und mit der Aufforderung: "Don't look back." Doch der Blick in die Vergangenheit ist ein verlockender, die Wiederholung in der Rückschau, die notwendig scheitert und tödlich enden kann. Wie etwa bei Lots Frau, die zurückblickt auf ihre verdammte Heimat Sodom und zur Salzsäule erstarrt. Und wie bei Orfeus, dem Sänger und großen Liebenden, der seine Frau Eurydike von den Toten zurückholt und doch der Versuchung nicht widerstehen kann, sich nach ihr umzuwenden – um sie für immer zu verlieren.


Festival Theaterformen

Eine Ehrenrunde für die Menschenzeiger

von André Mumot

Braunschweig, 10. Juni 2010. Dieses Land, so wird geunkt, hat uns etwas voraus. "Schaut mal lieber besonders gut hinl!", sagen die Theaterformen, denn Argentinien hat ihn bereits 2001 erlebt, den Staatsbankrott, den totalen Zusammenbruch der Wirtschaft. "Mit mehreren Stücken aus der überaus lebendigen Theaterszene aus Buenos Aires werfen wir einen Blick in eine mögliche zukünftige Gesellschaft nach der Krise", stellt das Festival in seiner Ankündigung fest.


Festival Theaterformen

Miss Soweto und der Gott des David Beckham

von André Mumot

Braunschweig, 9. Juni 2010. Man könnte jetzt ins höfliche mitteleuropäische Drucksen kommen und so was sagen wie: Die Dame, um die sich hier alles dreht, sei etwas vollschlank. Aber das ist schon mal absoluter Blödsinn, denn Pinkie Mtshali ist einfach dick. Eine gewaltige schwarze Braut aus Südafrika, die knallrote Chucks trägt, einen Schleier und ein weißes Kleid, das sich straff um ihre Körperkurven legt. Sie sei hier hergekommen, erklärt ihr Begleiter, Boyzie Cekwana, um einen Bräutigam zu finden. Einen, der nicht unter "Frauenphobie oder Fettphobie oder Fickphobie" leidet. Einen, der Manns genug ist für sie.


Festival Theaterformen

Eine Probe ist eine Probe ist eine Probe

von Michael Laages

Hannover, 14. Juni 2009. "Jetzt geht's los!" ... Moment, geht's nicht auch knapper, kürzer, prägnanter? "Los geht's!" vielleicht? Oder einfach: "Los!" ... Aber ist das nicht alles ohnehin viel zu platt und banal – und muss denn hier überhaupt zu lesen sein, dass es jetzt los geht, wenn's ja ohnehin los geht?


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Faul sind wir und guter Hoffnung 

von André Mumot

Hannover, 12. Juni 2009. "Also ich bin Marleny, und das ist meine Minute in diesem Stück." Das Mädchen im Harlekinkostüm kommt lächelnd nach vorn, echauffiert sich dann ganz unvermittelt über "die momentane Lage" und drischt dabei mit einem Jonglierkegel wie wild auf eine der zahlreichen Holzkisten des Bühnenbilds ein.


Festival Theaterformen

Menschen im Sarg

von Michael Laages

Braunschweig, 11. Juni 2008. Auch in Argentinien, und in spanischer Übersetzung, dürfte Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Roman "Der Idiot" das Format eines Wälzers erreichen. Doch Alejandro Tantanian, Autor und Regisseur jener Dostojewski-Aneignung, die jetzt erstmals in Europa beim Braunschweiger Festival "Theaterformen" gezeigt wird, kommt mit gut einer Stunde Spielzeit aus und stellt damit mehr als jede irgendwie um Vollständigkeit bemühte Dramatisierung den fragmentarischen Charakter aus, dem im Umgang mit literarischen Welt- und Lebens- und Geistespanoramen dieses Kalibers vermutlich niemand wirklich entgehen kann.


Festival Theaterformen

Masse und Wucht

von Wolfgang Behrens

Braunschweig, 6. Juni 2008. Bei der Uraufführung der "Perser" des Aischylos, 472 v. Chr. in Athen, sollen es 12 Mann gewesen sein. Heute, zweieinhalb Jahrtausende später, sind es über 300, die den Chor bilden: Das darf doch einmal Fortschritt heißen, zumal hier in Braunschweig nicht nur Männer dabei sind, sondern auch Frauen: Bürgerinnen und Bürger aus der Region, die willig Claudia Bosses Aufruf – "Sei Perser! Demokratie erproben im Chor der 500!" – folgten.


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