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archiv » Bayreuther Festspiele (8)
Bayreuther Festspiele

Auf der Schlachteplatte

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2016. Wer sich am diesjährigen Eröffnungstag der Festspiele dem Grünen Hügel nähert, der muss den Eindruck gewinnen, dass der Gralsbezirk der Wagnerianer massivster Bedrohung ausgesetzt ist. Eine Hundertschaft der Polizei ist im Einsatz, und während man Taschen öffnet und Sakkos lüftet, hat man Muße, ehrfürchtig die Gewehre der Einsatzkräfte zu studieren. Die Amokläufe und Terrortaten der vergangenen Tage tun ihr Übriges, um ein latentes Gefühl der Verunsicherung zu erzeugen: Die meisten Politiker sind vorsorglich erst gar nicht gekommen, der traditionelle Staatsempfang ist abgesagt. Natürlich sind das alles nur Sicherheitsvorkehrungen; von dem Bild aber, das sich bietet, geht eine seltsame Wirkung aus: Es ist, als rüste sich die freie Welt zu einem Rückzugsgefecht um einen der letzten vorgeschobenen Posten der Hochkultur.


Bayreuther Festspiele

Projektionen im Tunnel

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2015. Eine "Handlung" hat Richard Wagner "Tristan und Isolde" im Untertitel genannt. Wüsste man nicht, dass Wagner mit Selbstironie nicht allzuviel am Hut hatte, könnte man das für eine solche halten, so auffällig ist der Mangel an äußerer Intrige im "Tristan" – nicht die geringste Schwierigkeit übrigens für die Regisseur*innen dieses Werks.


Bayreuther Festspiele

Die Erlösung des Bösen

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 31. Juli 2013. Das hat es wohl so noch nicht gegeben, nicht in Bayreuth, und auch kaum irgendwo anders: einen Regisseur, der beim Schlussapplaus – der in seinem Fall eigentlich keiner ist, sondern eher eine kapitale Missfallenskundgebung – dem Volkszorn schlicht nicht weichen will. Als Frank Castorf nach der "Götterdämmerung" zuerst für einen Moment allein und dann mit seinem gesamten Regieteam vor den Vorhang tritt, prasseln, so wie es zu erwarten stand, heftigste Buhs und sogar Pfiffe aus Trillerpfeifen auf ihn ein. Castorf beginnt zu gestikulieren, zunächst scheint er beschwichtigen zu wollen, dann deutet er ins Publikum und darauf mit beiden Zeigefingern an seine Stirn. Zeigt er dem Publikum den Vogel? Oder will er nur auf etwas in seinem Kopf hinweisen? Kurz könnte man meinen, er wolle sogar etwas sagen. Die Zuschauer schäumen vor Wut.


Bayreuther Festspiele

Siegfried ist gekommen

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 29. Juli 2013. "Es liegt mir daran, nicht nur anzuregen, sondern mich auch vollkommen verständlich zu machen", schrieb Richard Wagner im Vorwort zu "Oper und Drama". Es ist dies ein Satz, den Frank Castorf für sich wohl schwerlich so unterschreiben würde. Der Volksbühnen-Intendant hat bei der Pressekonferenz am Eröffnungstag der Bayreuther Festspiele sein Misstrauen gegenüber geschlossenen Konzeptionen mit "ein-eindeutigen Zuordnungen" der Bedeutung (warum eigentlich ein-eindeutig? reicht eindeutig nicht aus?) zum Ausdruck gebracht und von seiner neuen "Ring"-Inszenierung als einem "Assoziationstheater" mit "Sternschnuppen-Zitaten" gesprochen.


Bayreuther Festspiele

Wo die Ölfelder blühen

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 27. Juli 2013. And now for something completely different. Ob Frank Castorf bei den Planungen für seine "Ring"-Inszenierung wohl dieser Satz aus der legendären Fernsehserie "Monty Python's Flying Circus" in den Sinn gekommen ist? Der Bruch jedenfalls, mit dem er beim Übergang der Tetralogie vom komödiantischen Mafia-Thriller des "Rheingolds" zur "Walküre" aufwartet, könnte größer kaum sein.


Bayreuther Festspiele

Mythischer Urgrund des Kapitalismus

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 26. Juli 2013. Das Theater Ingolstadt hat – vermutlich völlig ohne eigenes Verschulden – in der vergangenen Woche ordentlich eins auf die Mütze bekommen. Frank Castorf nämlich teilte dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" mit, dass er auf einer Probe zu seiner Bayreuther Neuinszenierung des "Ring" eine "Postbeamtenmentalität" gespürt habe: "Was da auf der Bühne ablief, war Stadttheater Ingolstadt." Natürlich wusste jeder, was mit diesem despektierlichen Vergleich gemeint war – und wenn man dann noch von den notorisch knappen Probenzeiten hörte (die Castorf wiederum laut der Festspielleitung nicht voll ausgeschöpft habe), dann mussten die Alarmglocken schrillen.


Bayreuther Festspiele

Einer Matrix entstiegen

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2012. Es ist immer dasselbe Spiel: Jahr für Jahr harren Wagner-Fans in aller Welt gespannt darauf, welche Regie-Gesamtkunstwerker die Bayreuther Festspiele nun wieder aus dem Hut zaubern, um inszenierend auf Richard Wagners Musikdramen losgelassen zu werden. Und Jahr für Jahr schreiben diese Entscheidungen einem Gutteil der Wagnerianer das helle Entsetzen ins Gesicht: Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Frank Castorf oder – der neuste Coup – Jonathan Meese? Das darf doch nicht wahr sein. Von abenteuerlicheren Varianten wie Lars von Trier und Wim Wenders, die dann auch prompt absagten, ganz zu schweigen.


Bayreuther Festspiele

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Gefangen in der Biogasanlage

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2011. Unter den Festivalgästen in Bayreuth geht die Verständigung schnell: Einer lässt im Verlaufe des Gesprächs einen Werktitel mit vorgesetztem Regisseursnamen fallen, und sofort weiß der andere Bescheid. Man sagt etwa "Chéreau-Ring", "Heiner-Müller-Tristan" oder "Schlingensief-Parsifal" und erntet dann ein "Ja, genau!", ein "Ha!" oder ein "Oje, oje!". Ob man auf die diesjährige Neuproduktion der Bayreuther Festspiele in gleicher Weise auch als "Baumgarten-Tannhäuser" referieren wird, erscheint nach deren selbst nach Wagnerianer-Maßstäben grandios durchgefallener Premiere ungewiss.


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