zurück zur Übersicht

archiv » Zürcher Theater Spektakel (16)
Zürcher Theater Spektakel

Sprengstoff für Rubens

von Christoph Fellmann

Zürich, 18. August 2016. Vor Jesus am Kreuz hängt eine Hose. Wir befinden uns im Rubens-Saal des königlichen Museums der Schönen Künste im belgischen Antwerpen, dessen schweres Parkett und mehr als 120 Jahre altes Gemäuer für diese Performance in originaler Größe nachgebildet wurden. Als letztes Bild, bevor auch dieses abtransportiert wird, hängt hier die "Kreuzigung" von Peter Paul Rubens. Doch leider passt sie nicht durch die Tür des Saals, der renoviert werden soll (das originale Museum ist derzeit tatsächlich geschlossen).


Zürcher Theater Spektakel

Bürgerkriege auf dem Sofa

von Christoph Fellmann

Zürich, 27. August 2014. Er hat minutiös den Schauprozess gegen das rumänische Diktatorenpaar rekonstruiert (Die letzten Tage der Ceausescus). Er hat den coolen Sound des Genzoids in Ruanda abgehorcht (Hate Radio), die Rede eines Attentäters auf die Bühne gebracht (Breiviks Erklärung) und das Gerichtsverfahren gegen Pussy Riot neu inszeniert (Moskauer Prozesse). Und jetzt also "The Civil Wars". Es wäre leicht, das neue Stück von Milo Rau und seines International Institute of Political Murder (IIPM) vor dem Hintergrund dieser letzten Arbeiten als einen Relaunch zu beschreiben: Der dokumentaristische Zugriff aufs Thema, die titelgebenden Bürgerkriege, er ist gebrochen.


Zürcher Theater Spektakel

"Mein Fest war fürchterlich"

von Charles Linsmayer

Zürich, 25. August 2014. Mit ihrem schonungslosen und freien Umgang mit Dramenklassikern ist die Brasilianerin Christiane Jatahy beim Zürcher Theaterspektakel keine Unbekannte. 2013 zeigte sie mit ihrer Companhia Vértice de Teatro aus Rio de Janeiro hier eine eigenwillig exzessive Adaption von Strindbergs "Fräulein Julie" und löste am Ende stürmischen Beifall aus, als ihre blutjunge Julie, die sich in einer gefilmten Swimmingpool-Szene das Leben nimmt, aus dem nahen Zürichsee noch einmal klitschnass auf die Bühne rannte.


Zürcher Theater Spektakel

Schachbrett mit zehn Damen

von Kaa Linder

Zürich, 16. August 2014. Es ist ein seltenes Glück, Theater aus dem Iran zu sehen. Noch dazu als Uraufführung an einem der bestdotierten Theaterfestivals der Schweiz – am Zürcher Theater Spektakel. "Sâl Sâniye" ist überdies ein Stück, das sich mit Frauenthemen auseinandersetzt und von jungen Frauen gespielt wird. Umso erstaunlicher und umso enttäuschender, dass es für eine deutsche Übersetzung des in Farsi gesprochenen Theaterabends nicht gereicht hat. Denn die jüngste Arbeit des iranischen Regisseurs Hamid Pourazari und seiner Papatiha Theatre Group lebt von den Dialogen und Erzählungen.


Zürcher Theater Spektakel

Sei klug, sei alt, sei du selbst

von Charles Linsmayer

Zürich, 16. August 2012. Seit Marta Górnickas "Tu mówi chór" ("Hier spricht der Chor") 2010 am Warschauer Zbigniew-Raszewski-Theater uraufgeführt wurde, geht der Produktion mit 25 polnischen Laienschauspielerinnen der Ruf voraus, es sei da eine ganz neue Form von chorischer Darstellung entwickelt worden. Zum Auftakt des 33. Zürcher Theaterspektakels gab es nun Gelegenheit zu überprüfen, ob das Stück, das im übrigen bereits für den ZKB Förderpreis 2012 nominiert ist, wirklich hält, was die Fama verspricht.


Zürcher Theater Spektakel
alt

"Die Revolution hat erst begonnen"

von Charles Linsmayer

Zürich, 29. August 2011. Vom Inhalt her sind die "Lessons in Revolting", die der Belgier Ruud Gielens und die Ägypterin Laila Soliman zusammen mit einer Reihe von Repräsentanten der Kairoer Theater- und Filmszene erarbeitet haben, der aktuellste Beitrag zum diesjährigen Zürcher Theaterspektakel. Die Performance ist nicht etwa nur eine Dokumentation jener Protestbewegung auf dem Kairoer Tahir-Platz, die am 11. Februar 2011 zum Rücktritt von Präsident Mubarak geführt hat. Sie versteht sich als Work in Progress und will auch nach der Kairoer Premiere vom 18. August während den Gastspielen in Zürich, Rotterdam, Düsseldorf und Amsterdam kontinuierlich protokollieren, welche Wege die ägyptische Revolution unter der Herrschaft des Militärrats weiter geht.


Zürcher Theater Spektakel
alt

Explosion der Gehirne

von Charles Linsmayer

Zürich, 27. August 2011. Drei Jahre hat der Darsteller des Polyneikes – jenes Ödipus-Sohnes, der nach dem Bruderstreit nicht beerdigt werden durfte und für dessen Bestattung sich Antigone unter Todesgefahr einsetzt – nach einem Modell für seine Rolle gesucht. Bis ihm am 6. Dezember 2008 der Zufall zu Hilfe kommt und ihm ein Vorbild von brennender Aktualität zuspielt. An jenem Tag hat die Athener Polizei am Rande einer Demonstration den 15jährigen Alexis Grigoropoulos erschossen und tot liegen lassen.


Zürcher Theater Spektakel

Press play oder das China in deinem Kopf

von Kaa Linder

Zürich, 1. September 2010. Jeden Sommer wird die Landiwiese am Zürichsee zum Festivalgelände: mit Zelten, Theaterbauten, Bars und Kinderkarussell. Während zwei Wochen trifft Hochkultur auf Strassenkunst, was den einen ein Volksfest, ist den anderen ein Fenster, das den Blick auf zeitgenössische Tanz- und Theaterproduktionen aus aller Welt (inklusive Inland) freigibt.

400asa_2_zts_christian-altorferDas seit 31 Jahren etablierte Festivalgelände eignet sich nun die freie Schweizer Theatergruppe 400asa in ihrer neuen Produktion als Bühne an. "La cérémonie" ist der dritte und letzte Teil eines Austauschprojekts von 400asa mit dem Peng Hao Theater aus Peking und bezieht sich auf den gleichnamigen Film von Claude Chabrol, dessen dramatischer Höhepunkt der Amoklauf eines Dienstmädchens in einem bürgerlichen Haushalt ist. 


Zürcher Theater Spektakel

Superhelden zwischen Dante und Commedia dell' Arte

von Charles Linsmayer

Zürich, 19. August 2010. Was tut man, wenn das Geld verrückt spielt und man vor lauter Kriminalität und finsteren Machenschaften den Überblick verliert? Man entführt einen Superreichen aus seiner Jacht und macht sich in wild wehenden Batman-Kostümen fröhlich singend durch die Lüfte davon. "Mass & Fieber", der um den Regisseur Niklaus Helbling und den Musiker Martin Gantenbein gruppierte "Verein zur Förderung von anonymen Fiktionen, Kunstspielereien und Vernetzungen aller Art" hat, seit er 1999 Felix Saltens "Bambi" in die Plastifikation trieb, den Kolonialismus, den Krieg, den Bürgerkrieg und den Terrorismus thematisiert, und es ist nur folgerichtig, dass er nun auch die Finanzkrise in eine seiner wilden, assoziativ verspielten Traumlandschaften hineingepackt hat.


Zürcher Theater Spektakel

Eines jeden Suche nach der Goldküste 

von Charles Linsmayer

Zürich, 26. August 2009. Vor zwei Jahren erhielt die aus Korea stammende Amerikanerin Young Jean Lee für "Songs of the Dragons Flying to Heaven" den Förderpreis des Theater Spektakels. Eine Tanz- und Kabarett-Produktion, die einem deshalb in Erinnerung geblieben ist, weil sich die Theatermacherin in einer einleitenden Videosequenz die längste Zeit brutal ins Gesicht schlagen lässt, und weil das vorgegebene Thema, der alltägliche Rassismus im modernen Amerika, hauptsächlich anhand von ihrerseits wieder rassistischen Behauptungen wie "die meisten Asien-Amerikaner sind ziemlich hirngeschädigt, weil sie von asiatischen Eltern wie Affen aufgezogen werden", abgehandelt wurde und weil die koreanische Agitprop-Folklore nach und nach den Beziehungsproblemen eines heftig diskutierenden weißen Paars weichen musste.


Zürcher Theater Spektakel

Bis zur nächsten Folge 

von Charles Linsmayer

Zürich, 25. August 2009. Das von Claudio Tolcachir geleitete Theater Timbre 4 ist im Boedo, einem Arbeiterquartier von Buenos Aires, angesiedelt, es hat sich darauf spezialisiert, die populären Telenovelas vom Fernsehen auf die Bühne zu bringen. Was denn auch im Stück "Tercer cuerpo - La historia de un intento absurdo" geschieht, mit dem die Truppe am Zürcher Theater Spektakel gastiert.

 


Zürcher Theater Spektakel

Beethoven und Bomben 

von Charles Linsmayer

Zürich, 23. August 2009. "Niemand wollte der Deutsche sein, weil der Deutsche immer verlor." Kinderspiele in Tito-Jugoslawien, wo der Kult um die Partisanen und ihren Triumph über die deutschen Besetzer auch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch zu den ideologischen Kernprinzipien gehörte.


Zürcher Theater Spektakel

Überwindung der Erdanziehung 

von Charles Linsmayer

Zürich, 21. August 2009. Ein Betrunkener sitzt an der Bar und sieht allmählich nicht nur alles doppelt, sondern fünffach: fünf genau gleiche Bardamen, die aus fünf gleichen Flaschen mit der haargenau gleichen Bewegung fünf Gläser Schnaps einschenken. Und schon nach zwei Gläsern gerät das Ganze vollends aus den Fugen, umschlingen die fünf Grazien den Ahnungslosen wie die Schlangen weiland den Laokoon und bringen ihn auf diese Weise zum Verschwinden, so dass die eine übrig bleibende wirklich reale Barmaid nur noch seine Hose und sein Hemd in Händen hält.

 


Zürcher Theater Spektakel

Die internationale Schule der Lebensart

von Felizitas Ammann

Zürich, 21. August 2008. "Es gibt Ereignisse, die so bedeutend sind, dass man noch Jahre später weiß, was man zu dem Zeitpunkt gemacht hat", sagt Arjun Raina und erntet zustimmendes Nicken aus dem voll besetzten Zuschauerraum. Auch Beispiele hat er zur Hand: Die Ermordung Kennedys, die Mondlandung oder den 11. September. Von letzterem erzählt das Solostück "A Terrible Beauty Is Born" des indischen Theatermachers. Davon, was an einem solchen Tag alles zusammenkommt. Schicksalhaft. Zufällig.

Zwei Schicksale kreuzen sich in einem Anruf am 11. September. Ashok Matur alias John Small sitzt wie jede Nacht in einem Callcenter im indischen Gurgaon und treibt für den amerikanischen Montmery Kreditkartenservice Schulden ein. Doch der Anruf bei Elizabeth führt bald über das übliche Spiel aus Höflichkeit und Drohgebärden hinaus. Denn bald merkt Elizabeth, dass John Small helfen könnte, ihre Tochter zu finden, die einst im Zorn das Haus verlassen hatte. Dass sie in New York lebe und im World Trade Center arbeite, ließ sie ihre Eltern wissen. Dass sie deren Kreditkarte benutzt, ist nun der einzige Anhaltspunkt. John Small soll die Spur aufnehmen – ein Funken Hoffnung an diesem traumatischen Tag.

Shifting Identities

Arjun Raina erzählt nicht nur einen west-östlichen (Telefon-)Dialog, vielmehr geht er den verschobenen, globalisierten Identitäten nach. Ashok Matur hält sich bald selbst für John Small, so gut war seine Schulung in amerikanischer Lebensart und so selbstverständlich gibt er jede Nacht den Amerikaner.

Raina weiß, wovon er erzählt. Der indische Theatermann hat selbst einen internationalen Lebenslauf: Aufgewachsen in Neu-Delhi, Schauspielausbildung in England, danach Ausbildung im traditionellen Kathakalitanz in Indien. Heute bereist er mit seinen sehr unterschiedlichen Theaterarbeiten Festivals in der halben Welt. In Indien arbeitet er als Schauspieler, Fernsehmoderator – und Stimmtrainer für das Personal von Callcenters.

All diese Erfahrungen fließen in das reduzierte, kurze Stück ein. Im weißen Anzug sitzt Raina auf der Bühne, schlüpft abwechselnd in die zwei Rollen von Elisabeth und Ashok und erzählt deren Sicht der Dinge. Dazwischen präsentiert er auf einer Leinwand Stadtansichten von der indischen Stadt Gurgaon und von New York. Der einfache Aufbau gibt dem Abend manchmal fast etwas Monotones, vor allem wenn Raina mit einförmig klagender Stimme Elizabeth gibt.

Akzent auf Abruf

Die Identitätsproblematik dagegen ist komplex und vieldeutig: Da werden Ashok und seine indischen Kollegen mittels Indianerfilmen für ihren Job geschult. Da werden Akzente auf Abruf gelernt. Schön auch der Dialog, den die Protagonisten am Telefon führen, während im Fernsehen immer wieder die Türme einstürzen: In Zeiten solch existentieller Bedrohung geht Elizabeth das Herz über, und sie verbrüdert sich mit dem vermeintlichen amerikanischen Mitbürger – der sich seinerseits natürlich nichts anmerken lassen darf.

Dazwischen ist die Rede vom harten Business der Callcenter-Agenten und von Belohnungen für das beste Geldeintreiben. Von der Mitarbeiterin mit dem falschen Namen Magdalena Falco, welche sich ausgerechnet am 11. September das Leben nahm und die eine rätselhafte Vorliebe fürs Blutspenden hatte. Und schließlich taucht noch eine afroamerikanische Aussprachetrainerin auf, die ihren indischen Schülern den amerikanischen Akzent mittels Gedichten aus der Sklavenzeit ihrer Ahnen beibringt. Das ist dann etwas viel des Guten, und man mag den vielen Geschichten und Fährten nicht immer ganz folgen. Trotzdem ist "A Terrible Beauty Is Born" ein schöner, feiner Abend, einer, der die großen Themen mit den einfachen Mitteln des Erzählens angeht.

 

A Terrible Beauty Is Born
von und mit Arjun Raina

www.theaterspektakel.ch


Zürcher Theater Spektakel

Was Dienstag uns mit der Grillzange lehrt  

von Kaa Linder

Zürich, 16. August 2008. Die Hände in den Hosensäcken vergraben steht ein knappes Dutzend Mittdreißiger um ein Mikrofon, die Minen ernst, die Hemden ungebügelt. Auf Kommando des Chorleiters gibt die Truppe tiefstes, befremdliches Brummen von sich. Doch entpuppen sich diese Pseudowilden schon bald als einheimisches Urgestein, Berner Oberländer nämlich, die sich zum Ziel gesetzt haben, in knapp fünfundsiebzig Minuten die Heldenstory "Robinson", welche jeder kennt und kaum einer gelesen hat, neu zu erzählen.

 


Zürcher Theater Spektakel

Wieviel Spektakel darf's denn sein?

von Felizitas Ammann

Zürich, August 2007. Eine laue Sommernacht, man hat Freunde getroffen, über die Tricks der Gaukler gelacht, ist erwartungsvoll Schlange gestanden und sitzt nun an seinem Platz: Vor sich die paar Bretter, welche die Seebühne bedeuten und dahinter das Wasser, die Lichter am anderen Ufer, darüber der Sternenhimmel. Wenn dann noch der Vollmond scheint und die chilenische Compañia de Paso durch die Luft fliegt – dann fragt sich keiner mehr, ob es das Theaterspektakel noch braucht, klagt keiner, er habe schon alles gesehen, ist nichts zu avantgardistisch und nichts zu populär.


zurück zur Übersicht