zurück zur Übersicht

archiv » Shorties (9)
Shorties

alt

Unterm Brennglas

von Georg Kasch

Berlin, 19. Mai 2012. Irgendwie hat es der aktuelle Theatertreffen-Jahrgang mit dem Glaskasten-Blick. Eben noch Hate Radio und Before Your Very Eyes, jetzt "Platonov" aus Wien: Keine Scheibe, sondern die vierte Wand trennt das Publikum vom Landhaus der Generalswitwe Anna Petrovna, ein hyperrealistisches Jahrhundertwende-Wunderwerk Monika Pormales. Selbst die Scheuerleisten im Haus wirken abgewetzt, an den Türen blättert die Farbe, die Tapete wellt sich dezent und trägt Wasserflecke. Ein Interieur, abgewirtschaftet wie die Gesellschaft in Anton Tschechows frühem Dramenfragment.


Shorties

alt

Auf Never Ending Tour

von Wolfgang Behrens

Berlin, 17. Mai 2012. Nun sind sie wieder ein Jahr älter geworden seit der Premiere im April 2011. Auch wenn man noch keine der bisherigen Vorstellungen von Gob Squads "Before Your Very Eyes" gesehen hat, meint man das zu merken: Faustijn, Zoë, Ineke, Martha, Jeanne, Spencer und Gust sind nun keine 8- bis 14-jährigen Kinder mehr, sondern 9- bis 15-jährige. Der Abstand zu den 2009 aufgenommenen ersten Videoaufnahmen, mit denen die Kinder in der Aufführung konfrontiert werden, ist größer geworden, und es ist nicht mehr lange hin, dann wird man einige von ihnen nicht mehr Kinder nennen.

Shorties

Der hippe Sound der Vernichtung

von Simone Kaempf

Berlin, 16. Mai 2012. Es geht doch noch auf der kurzen Länge! Für ein echtes Aha-Erlebnis sorgt die bei diesem Theatertreffen mit zwei Stunden im Vergleich knapp bemessene Rekonstruktion einer Radioshow, die 1994 in Ruanda stattfand. Fernab jeder falschen Theaterhaftigkeit schaut man in ein glaskastenartiges Sendestudio, in dem zwei Männer, eine Frau und ein DJ miteinander sprechen, Zuhörer zuschalten, die Nachrichten vom Tage nicht nur verlesen, sondern kommentieren. Und wie hier einer das Wort vom anderen übernimmt, immer wieder die Lücke findet, um Häme, Hass und schließlich auch Morddrohungen zu verkünden, ist ein Lehrstück darüber, wie Propaganda funktioniert.


Shorties

Euphorions langer Flug

von Christian Rakow

Berlin, 12. Mai 2012. "Oh Gott, achteinhalb Stunden Theater?", schüttelt die Angestellte im Café um die Ecke den Kopf. Sie sagt es mit leicht slawischem Akzent. Und der ältere Herr greift nach seinem Becher Kaffee und erklärt: "Das ist 'Faust', das urdeutsche Drama!" Man möchte meinen, einen solchen Satz kann man nur mit urdeutscher Inbrunst sagen. Aber er sagt es eher urgebildet und mild. Nun ist Nicolas Stemann natürlich kein Regisseur für Urdeutsches oder sonstiges Uriges. Bei ihm kommen Schauspieler eher mit Reclam-Heftchen in der Hand auf die Bühne. Woll'n doch mal schauen, ob dieser Urklassiker noch etwas in unserer Zeit verloren hat. So geht das bei ihm.


Shorties
alt

Suhlen im Wort- und Aberwitz

von Rudolf Mast

Berlin, 10. Mai 2012. Halbzeit beim Theatertreffen und für das Publikum am ersten und wohl auch letzten Sommertag die erste und fast schon letzte Gelegenheit, sich nach und vor dem Besuch von eingeladenen Inszenierungen, die in ihrer auf unterschiedliche Wiese bemühten Ernsthaftigkeit allenfalls unfreiwillig komisch sind, nach Herzenslust zu amüsieren. Möglich macht das "Die (s)panische Fliege", eine Inszenierung der Berliner Volksbühne in der Regie von Herbert Fritsch.


Shorties
alt

Zu schön

von Eva Biringer

Berlin, 9. Mai 2012. Lieber Theatertreffen-Besucher, ich habe Dich in den vergangenen Tagen schon öfters gesehen. Du bist doch ein Kollektiv! Ich hab mir Dich immer als liberalen, aber doch kritisch-ernsten Theatergänger vorgestellt. Heute, bei "Kill your darlings! Streets of Berladelphia", wirktest Du ausgesprochen entspannt. Nicht ganz unschuldig daran wird das Wetter gewesen sein: Nach Regenschleiern und Tristesse zeigte sich heute zum ersten Mal seit Beginn des Theatertreffens wieder die Sonne. Entsprechend mutete die Stimmung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz wie eine frühsommerliche Picknickgesellschaft an. Es wurde Weißwein getrunken und Flaschenbier, zur stimmigen Parkatmosphäre fehlte nur noch der Einweggrill! Es war, als müsste die Klingel zu Beginn der Vorstellung energischer läuten als sonst, um Dich, liebes Kollektiv, aus der milden Abendsonne ins Innere des Theaters zu bewegen. Im Zuschauerraum flirrte die Luft von Stimmengewirr und stadion-tauglicher Warm-up-Musik und selbst als der Hauptdarsteller schon hinter dem Vorhang vorlugte, sank der Lärmpegel erst allmählich ab.


Shorties

alt

So schöne Gefühle

von Dirk Pilz

7. Mai 2012. Die dritte Premiere des 49. Berliner Theatertreffens, das Gastspiel des "Macbeth" von den Münchner Kammerspielen, wurde vom Publikum mit einigem Beifall für die fünf Schauspieler Katja Bürkle, Benny Claessens, Stefan Merki, Jana Schulz, Kate Strong und mehreren deutlichen Buhs für die Regisseurin Karin Henkel aufgenommen. Ob den Zuschauern die Bühne (ein schlichtes Häuschen auf einem schlichten Podium) und die Musik (vornehmlich saftiger Sound, zuweilen auch leises Dräuen) gefiel, ließ sich nicht ermitteln. Vermutlich werden sie weder größeren Ärger noch heftige Zustimmung ausgelöst haben. Auch die teilweise schrill bunten, vor allem aber kunstblutverschmierten Kostüme hinterließen keine erkennbaren Reaktionen.


Shorties

altTo be continued

von Christian Rakow

Berlin, 5. Mai 2012. Um 4:10 Uhr, nach etwas mehr als 12 Stunden Spieldauer (wie angekündigt), durfte ich mir also das imaginäre Finisher-Shirt überziehen. Als einer von rund fünfzig verbliebenen Stellungskriegern auf den Rängen des kleinen Prater-Saals der Volksbühne. Im Schweiße unseres Angesichts können wir bezeugen, dass dieser "John Gabriel Borkman" von Vegard Vinge und Ida Müller ein Ende hat. Auch wenn da auf dem Videoschirm "to be continued" steht.


Shorties

altJenseits der Hilfeschrei-Einfühlung

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. Mai 2012. Es ist auch unter neuer Leitung vieles beim Alten geblieben bei der Eröffnung des nunmehr 49. Theatertreffens. Der Kickerkasten in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele ist noch da (wenn auch vom Büffet vorerst an die Seite gedrängt), und wie seit einigen Jahren üblich verkaufen junge Damen mit Bauchläden nutzenfreie tt-Fanartikel, die – vermutlich gegen die Marketing-Intention – eher vereinsmeiernde Provinzialität als Weltläufigkeit ausstrahlen.


zurück zur Übersicht