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archiv » Berichte (5)
Berichte

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"Der Volksfeind, der hat was!"

von Esther Slevogt

Berlin, 20. Mai 2012. Zum Schluss natürlich die Frage: wozu das Ganze? Da trat die Rentnerin ans Mikro, um der Jury zu danken, dass sie nur noch so schlechte Stücke auswählen würde. Früher, ja, da habe man für den Mai schon gar keine Opernkarten mehr bestellt, um das Geld voll in Karten für das Theatertreffen zu investieren. Jetzt sei das Geld in der Haushaltskasse knapp. Aber das Treffen lohne eh nicht mehr.


Berichte

Veraltete Tonträger

von Georg Kasch

Berlin, 14. Mai 2012. Die Welt ist schlecht, wir wissen es, die Dramatiker wissen's auch, und weil die Fakten ohnehin klar sind, kommt es vor allem darauf an, wie sie gesagt werden. Magdalena Fertacz etwa jagt in "Kalibans Tod" die moralische Verkommenheit des Westens zusammen mit ein bisschen Kunstschelte durch den Fleischwolf: Da wird "Der Schwarze, der seinen Sohn verschlang" vom "Guten" aus Haiti geholt und zusammen mit dem "Gewöhnlichen Menschen" in eine Galerie gesperrt. Menschen rufen an und zwingen den "Schwarzen", Dinge zu tun, während der "Gewöhnliche Mensch" halb bewusst, halb unbewusst (schließlich versucht er, durch symbolische Gaben das Lebend es anderen zu retten) auf dessen Herz wartet für eine Transplantation.


Berichte

Warum politisches Theater eine idiotische Zeitverschwendung ist

von Dennis Kelly

Berlin, 10. Mai 2012. Ich habe 2004 ein Stück mit dem Titel "Osama der Held" geschrieben. Ich war böse, nicht nur über die Rolle die mein Land im Irakkrieg spielte, sondern auch darüber, wie dieses Land im Ganzen so genannten "war on terror" agierte. Aber vielleicht widerte mich vor allem der beschämende Mangel an Weitsicht in den britischen Medien an. Es wurde damals als fast schon ketzerisch angesehen, wenn man andeutete, dass diese erschreckende Form des Terrorismus irgendetwas wie einen Grund oder eine Begründung hätte, dass dieser Terrorismus eine gemeinsame DNS mit jeder Form von Terrorismus dieses Planeten teilen könnte – von der IRA zum ANC, von der Boston Tea Party bis zur Französischen Revolution – und dass es möglicherweise eine verständliche Wurzel, einen nachvollziehbaren Auslöser geben könnte.

Berichte

alt"Im Krieg und in Berlin ist alles erlaubt"

von Eva Biringer

Berlin, 11. Mai 2012. Niedergerissen, überfallen, geplündert, verwüstet, zerstört werden muss die Stadt. Als Waffe dient das ewige Zitat vom Zitat, das kulturelle Sampling und Sekundärquellen-Hopping, mal gesungen, mal gebeatboxt. Wortlawinen, die umherkullern wie die kleinen bunten Pillen im fiktiven Technoclub "Der Maulwurf". Aufploppende Referenzsysteme und Metaebenen wie Kapitalismuskritik und Theodizeeproblem inbegriffen, allerdings mehr als Fußnote denn als Fließtext. Jonas Jagow, Protagonist des gleichnamigen Stückes von Michel Decar, das beim Stückemarkt des Theatertreffens als einer von sechs ausgewählten Beiträgen läuft, hastet kurzatmig durch ein eklektizistisches Abziehbild von Berlin. Mal erinnert das an Thomas Melles Sickster, mal an Elfriede Jelineks Sprachungetüme.

Berichte

Rückschau mit Kinderaugenalt

von Simone Kaempf

Berlin, 10. Mai 2012. Die Idee ist noch jung, und doch wirkt es schon wie Tradition, dass der Stückemarkt des Theatertreffens mit einem Impulsreferat eröffnet wird. Im letzten Jahr sprach der britische Dramatiker Simon Stephens darüber, was er für gutes und starkes Schreiben hält. Dieses Mal hält die Rede wieder ein Brite, Dennis Kelly. Man erinnert sich angesichts dieser Dramatiker sofort daran, dass in Großbritannien zeitgenössische Texte entstehen, die radikaler als anderswo verdeutlichen, wie sich die gesellschaftliche Veränderungen auf das private Zusammenleben auswirken. Und Kelly legte in seiner Rede auch einen Schlenker auf einen weiteren Briten ein, Edward Bond, wie ihn dessen Blick auf Gerechtigkeit nachhaltig beeindruckt habe, eine Gerichtssaal-Gerechtigkeit jenseits einer juristischen Gerechtigkeit wie sie auch das Theater kennt.


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