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archiv » Theater Münster (16)
Theater Münster

Trotz Rumba

von Kai Bremer

Münster, 29. Dezember 2016. Theaterkritik funktioniert oft wie die das Drama nach Gustav Freytag. Erst ist alles gut, dann folgt der Wendepunkt und schließlich – tata! – die Katastrophe, vulgo der Verriss. Die Alternative: erst Meckern, dann Wendepunkt und – tata! – Happyend, vulgo Lob und Begeisterung. Undramatisch ist die Theaterkritik eigentlich nur im Ausnahmefall, nämlich wenn alles gut oder alles schlecht ist. Nur ist sie dann langweilig und sieht (Variante "alles gut") so aus:


Theater Münster

Noch nicht ganz und schon nicht mehr

von Michael Laages

Münster, 25. September 2016. Im großen Summen und Brummen des Erinnerns an die Reformation in Deutschland vor 500 Jahren will und wird das Theater mit diesem Stück wohl nicht so recht mitklingen – schon weil der vielseitige Dramatiker John von Düffel, dessen "Martinus Luther" jetzt mit der Uraufführung am Theater in Münster noch vor dem eigentlichen Start den Beginn vom sogenannten "Luther-Jahr" markiert, den Anlass eher ausspart: den religiösen Um- und Aufbruch, der auch und vielleicht vor allem ein politischer war im Kernland des alten Europa. Geschickt hat von Düffel einen minder populären Ansatz gewählt und erzählt von Luther auf der Bühne einerseits vor und andererseits nach dem historischen Fortschritt der Reformation.


Theater Münster

Die Nacht der reitenden Raptoren

von Gerhard Preußer

Münster 23. April 2016. Seit der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers 2008 reißt der Nachschub von Stücken über die Finanzkrise für die deutschen Theater nicht ab. In Münster setzt man aber auf einen der älteren Texte: Lucy Prebbles "Enron" behandelt nicht nur eine Insolvenz von 2001, sondern wurde auch schon vor fünf Jahren zum ersten Mal auf Deutsch gezeigt. Der Vorteil von "Enron" ist seine Verständlichkeit. Dass Belehrung und Unterhaltung keine Gegensätze sind, hat schon Brecht postuliert und der war Prebbles Vorbild. Wer nicht weiß, was "special purpose entities" einer Aktiengesellschaft sind, dem wird es hier lustig erklärt.


Theater Münster

Das perlt aber heute wieder

von Tim Schomacker

Münster, 18. Dezember 2015. Als hübsch beziehungsreiches Damoklesschwerter-Quartett baumeln vier blankpolierte Blecheimer über der Bühne. Drinnen ist Blut. Theaterblut. Eben haben sich die besonders tatkräftigen unter den republikanischen Genueser Verschwörern großzügig eingerieben damit. So sind sie hinausgezogen in die Gassen des Fürstentums, um dem designierten neuen Herrscher Gianettino Doria, Neffe des altgewordenen alten, den Garaus zu machen. Bühnenblut fungiert hier als Kriegsbemalung und Schlachtspur zugleich. Geschickt schließt die rot triefende Maskerade die diversen Inszenierungen, also die Intrigen und Initiationen innerhalb des Stücks, und damit auch die Inszenierung des Stücks.


Theater Münster

Das Schweigen nach den Schüssen

von Kai Bremer

Münster, 4. September 2015. "An eye for an eye / And a tooth for a tooth / And anyway I told the truth / And I'm not afraid to die." Immer und immer wieder, sanft und gleichwohl entschieden singt der Chor, der inzwischen nicht mehr auf der Bühne steht, sondern in den ersten beiden Zuschauerreihen sitzt, Nick Caves The Mercy Seat. Auge um Auge, Zahn um Zahn – dieses in seinem Ursprung rechtliche Prinzip wird gerne als grausame Rachsucht diffamiert, ohne zu bedenken, wie sehr die alttestamentliche Forderung dem zuerst Versehrten Genugtuung verheißen kann. Caves Song weiß von diesem archaisch anmutenden Gefühl und er weiß um die Ambivalenz dieser Forderung angesichts deren Überbietung durch das christliche Gebot der Feindesliebe.


Theater Münster

Weichzielverlustzirkus

von Kai Bremer

Münster, 22. Mai 2015. Intermediate Bulk Container sind – zumal in der Variante mit Stahlkäfig – eine feine Sache. Üblicherweise werden in ihnen sehr effizient Flüssigkeiten transportiert. Aber wenn man rund 60 von ihnen im Theater versetzt auftürmt, ergeben sie nicht nur eine tolle Kletterwand für akrobatisch talentierte Schauspieler, sondern zugleich auch einen gewissen proletarischen Flair. Da glaubt man Beckmann gleich, dass er im Hafen von Hamburg ist. Und die IBCs haben noch einen Vorteil: Wenn man sie anständig befüllt, stehen sie nicht nur stabil übereinander. Man kann zumindest aus einigen von ihnen Wassermassen auf die Bühne strömen lassen, die Beckmanns trauriges Heimkehrerdrama zu einer regelrechten Untergangsgeschichte verdichten.


Theater Münster

Die amourösen Grundrechenarten

von Tim Schomacker

Münster, 27. Februar 2015. Es ist erstaunlich wenig von Ständischem die Rede oder von Standesgemäßem in diesen neunzig Minuten. Kaum einmal kommt die Familie ins Spiel oder das Geld, wenn es um die Partnerwahl (oder auch -abwahl) geht. Für einen Text von 1634 sind die Figuren überraschend bei sich in Liebesdingen. Beziehungsweise Unliebesdingen: So greint und jault Lilly Groppers Angelique krabbelnd über den Boden – "er war mein ganzes Leben!" – um dann in überspanntem Lachen sich selbst zu richten für den Moment: "Ist das peinlich!" Und spätestens ab hier weiß man nicht mehr, was Angelique schwerer wiegt: der Herzschmerz – oder das Bild, dass sie unter Herzschmerz abgibt.


Theater Münster

Grubenlampe am roten Stern

von Tim Schomacker

Münster, 16. Januar 2015. Um Namen war er selten verlegen, der Herr Williams. In Frühlingsstürme, das vor knapp zwei Jahren in Münster seine deutschsprachige Premiere feierte, hieß die lieblich-höhere Tochter Heavenly. Diesmal schickt Tennessee Williams dem Bergarbeiter und Arbeiterrechte-Agitator Birmingham Red die Bergarbeiter-Tochter Star in die Arme. Red und Star. Diesen roten Stern zu entziffern, dürfte nicht schwer gefallen sein im amerikanischen Süden der mittleren 1930er Jahre, der Zeit der Großen Depression.


Theater Münster

Ein Vorstadt-Endspiel

von Sascha Westphal

Münster, 14. November 2014. Mit einmal gibt es kein Halten mehr. Die Worte sprudeln nur so aus Sharon heraus. So etwas hatte sie bisher noch nie erlebt. Ihre neuen Nachbarn, das ein paar Jahre ältere Ehepaar Mary und Ben, haben sie und ihren Freund Kenny zu sich in den Garten eingeladen. Eine Grillparty, wie sie doch einst so charakteristisch für das Leben der US-amerikanischen Mittelschicht war.


Theater Münster

Wo sich der chinesische Drache wölbt

von Tim Schomacker

Münster, 11. April 2014. Ob sie die Plätze der toten Seelen markieren sollen? Ein Parteitagsauditorium andeuten? Oder gleich beides? Hochgradig symbolisch jedenfalls stehen sie da, die Reihen baugleicher knochenweißer Plastikstühle, die sich im ebenerdigen schwarzen Bühnenraum bis in angedeutete Unendlichkeit fortzusetzen scheinen.


Theater Münster

Blaue Flecken auf unserer Haut

von Kai Bremer

Münster, 16. Februar 2014. Es gibt ja nicht wenige Stadttheater, die zu punkten versuchen, indem sie auf neue Dramatik setzen. Die Folgen dieser Politik sind hinlänglich bekannt und kritisiert. In Münster setzt man seit dem Intendantenwechsel vor anderthalb Jahren auf eine etwas andere Strategie: Zwar haben auch Uraufführungen den Weg auf die Bühne gefunden, vor allem aber sind es deutsche Erstaufführungen englischsprachiger Dramatik, die neben den klassischen Verdächtigen den Spielplan bereichern. So eröffnete die Intendanz von Ulrich Peters Alexi Campbells boulevardeske "Apologia", kurz darauf folgte eine Szenensammlung von Caryl Churchill und vor knapp einem Jahr inszenierte Schauspiel-Chef Frank Behnke Tennessee Williams Frühwerk "Frühlingsstürme". Diese Ausrichtung ist nicht dumm. Schließlich kommen so weit prominentere Namen auf die Bühne als bei den meisten Uraufführungen.


Theater Münster

Es ist egal, aber

von Sascha Westphal

Münster, 20. Dezember 2013.Die Welt da draußen mag kaputt und korrupt sein, die Krise allgegenwärtig und ihre Folgen greifbar nah. Aber drinnen, in der Wohnung der Familie Stockmann, innerhalb ihrer weißen Wände, ist alles in bester Ordnung. Noch haben sie große Hoffnungen und Zuversicht. Noch trifft man sich unbeschwert mit den Freunden zur Bandprobe. Noch fällt es leicht von Veränderungen zu träumen und von der nahenden Zukunft zu reden.


Theater Münster

Die DNA des Ungewissen

von Tim Schomacker

Münster, 20. September 2013. Nein, Aufsehen wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms (oder zumindest der Erstabdruck des Codes auf einem Zeitungstitel) erregt dieser Abend nicht. Ein Biochemiker kommt zwar vor, später. Irgendwann stellt auch wer die Frage nach dem freien Willen in den Raum. Aber einen Satz mit einem dicken Fragezeichen zu sagen, stellt noch keine analytische Haltung dar.


Theater Münster

Im Ayşengrund

von Kai Bremer

Münster, 8. März 2013. Wenn Ältere von den 60ern erzählen, erscheinen die oft stereotyp – grau-lethargisch oder aber pastell-idyllisch. Doch ganz egal, wie sie wirklich waren: Klar ist, dass die Verhältnisse weit festgefügter waren als heute. Lebensneugierige Frauen etwa, die es aus einem abwechslungsreichen Leben, aus einer Großstadt gar, in die Provinz verschlug, hatten es nicht leicht. Besonders, wenn sie es gewohnt waren, sich zu schminken, sich modisch zu kleiden und laut zu feiern. Oder wenn sie vor dem Umzug davon geträumt hatten zu studieren. In den Marken ihrer neuen Heimat konnte es ihnen passieren, dass schon ihr Wunsch zu arbeiten zum Affront wurde.


Theater Münster

Heavenly's Creatures

von Tim Schomacker

Münster, 22. Februar 2013. Wenn das kein Bild für Stillstand ist: Ein großer Ventilator steht mitten auf der Bühne und dreht sich vor sich hin. Er sieht dabei aus wie ein Propeller, der von einem Flugzeug träumt. Darüber hängen Hollywoodschaukeln wie Damoklesschwerter. Sie gehe jetzt auf die Veranda, wird die höhere, wenn auch verarmungsbedrohte Südstaatentochter Heavenly – was für ein Name! – am Ende sagen, und werde warten, bis einer von beiden Männern wiederkommt.


Theater Münster

Occupy the sky

von Kai Bremer

Münster, 22. September 2012. Wie wir schon berichtet haben (hier und hier), hat in Münster nicht das Theater, sondern die Stadtleitung den Spielzeitauftakt bestimmt. Nämlich mit einer Groteske, mit der schon andere Kommunen über die Stadtgrenzen hinweg Schlagzeilen gemacht haben, indem eine fette Kürzungsdebatte losgetreten wurde. Besonders perfide an diesem Akt ist, dass er mitten in die Vorbereitungen fiel. Die Frage zum Auftakt war nun, ob sich die Theaterarbeit von diesem Handstreich beeindruckt zeigt. Gegeben wurden im Schauspiel am Freitag Alexi Kaye Campbells in England und Australien erfolgreiches Stück "Apologia" als deutschsprachige Erstaufführung und gestern Schillers "Räuber". Zweimal der Blick in die Abgründe der Familie – nicht gerade das, was zumindest andere Theater unter "Gegenwart" verstehen.


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